Schweiz

Platz für Liebe auch unter der Bundeshauskuppel

Lisa Mazzone sprach über die Bedeutung von Liebe im Schweizer Parlament, während Alex Kuprecht zur Sorge um Errungenschaften der Schweiz aufrief. Die beiden Politiker äusserten sich an einem ökumenischen Gottesdienst, der am Montag im Berner Münster zur Eröffnung der eidgenössischen Legislatur gefeiert wurde.

Raphaël Zbinden

Unter dem Dach von Kirchen wird das Wort «Liebe» oft ausgesprochen, zu selten aber unter der Bundeshauskuppel. Dies findet zumindest die neue Genfer Ständerätin Lisa Mazzone. Aus Sicht der grünen Politikerin steht die Liebe am Anfang zahlreicher Karrieren von Parlamentariern. Liebe ermögliche, sich in andere hineinzuversetzen, Beziehungen wertzuschätzen und ein Bewusstsein für die Gemeinschaft zu entwickeln, sagte Mazzone in ihrer originellen und ehrlichen Ansprache vor National- und Ständeräten in dem zur Hälfte besetzten Münster von Bern.

«Lieben heisst nicht, alle Differenzen zum Verschwinden zu bringen.»

Lisa Mazzone

Ihre Kollegen und Kolleginnen hörten ihr und den anderen Mitwirkenden des von der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz (AGCK.CH) organisierten Gottesdienstes andächtig zu. Musikalisch begleitet wurde die Feier vom Münsterorganisten Daniel Glaus und dem Chor der Serbisch-orthodoxen Kirche Bern. Harmonie, Gemeinschaft, mit diesen Begriffen liesse sich die Stimmung im Berner Münster umschreiben; Vielfalt offenbarte sich in den liturgischen Gewändern der Vertreter unterschiedlicher Kirchen.

Rund 100 Personen, Parlamentarier und ihre Angehörigen, haben am Gottesdienst zur Eröffnung der Legislatur teilgenommen.

Eine Vielfalt, auf die auch Lisa Mazzone zu sprechen kam, allerdings in Bezug auf die Politik. Dort bedeute «sich lieben nicht, alle Differenzen zum Verschwinden zu bringen, sondern dem anderen und seiner Meinung Raum zu geben und so die Kooperation aller zu ermöglichen», sagte Mazzone.

Die Botschaft der Genfer Politikerin fand einen Nachhall in der Lesung aus dem Evangelium, wo es im zweiten Petrusbrief (3,13) heisst: «Dann erwarten wir, seiner Verheissung gemäss, einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt.»

Dankbarkeit gegenüber Politikern von früher

Der Schwyzer SVP-Nationalrat Alex Kuprecht wies in seiner Ansprache darauf hin, wichtig sei zuallererst, die Errungenschaften der Schweiz wie Wohlstand und Sicherheit zu bewahren. Ebenfalls wichtig sei, den Generationen früherer Politiker dankbar zu sein. Denn diese hätten die Schweiz zu einem Land gemacht, in dem es sich gut leben lasse, so Kuprecht.

Der Schwyzer SVP-Nationalrat Alex Kuprecht wirbt für Dankbarkeit gegenüber früheren Generationen von Politikern.

Barbara Hallensleben war von katholischer Seite für die Predigt zuständig. Die Freiburger Dogmatikprofessorin erinnerte daran, dass Gerechtigkeit und Frieden nur vollständig sein könnten, wenn sie für alle gälten. Eine Sichtweise, die von allen christlichen Konfessionen geteilt würde.

Gebet stiftet menschliche Weltordnung

Christen hätten die Weltordnung durch ihr Gebet und ihr Handeln verändert, erklärte die Theologin und zitierte den jüdischen Religionsphilosophen Franz Rosenzweig: «Das Gebet stiftet die menschliche Weltordnung».

Die Freiburger Dogmatikprofessorin Barbara Hallensleben erinnert an die Erste Europäische Ökumenische Versammlung in Basel.

Als Beispiel nannte Hallensleben die Erste Europäische Ökumenische Versammlung «Frieden in Gerechtigkeit» von 1989 in Basel, an der 700 Delegierte aus Ost- und Westeuropa teilnahmen. Mehrere Mitglieder der Delegation aus der Deutschen Demokratischen Republik hätten sich an den friedlichen Kundgebungen gegen das Regime beteiligt, die schliesslich den Fall der Berliner Mauer herbeiführten, so Hallensleben. Im Schlussdokument der Versammlung heisse es, es gebe keine Gerechtigkeit, es sei denn für alle, und keinen Frieden unter den Völkern ohne Frieden mit der Natur.

«Es gibt weder CVP noch SVP.»

Barbara Hallensleben

Schliesslich ermunterte die Theologin die Parlamentarier, sich angesichts von Schwierigkeiten auf die Gemeinschaft zu besinnen. Dazu berief sie sich auf den Apostel Paulus, dessen Worte sie freilich etwas ausweitete: «Es gibt weder Juden noch Griechen, weder Sklaven noch Freie, weder Mann noch Frau, weder Christen noch Muslime, weder CVP noch SVP, weder Sozialisten noch Liberale oder Grüne. Denn ihr alle seid vereinigt in der Hoffnung und der gemeinsamen Aufgabe.» (cath.ch/Übersetzung: bal)

Die Genfer Ständerätin Lisa Mazzone spricht am ökumenischen Gottesdienst im Berner Münster. | © Bernard Hallet
3. Dezember 2019 | 16:42
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Eindrücke von Mitwirkenden aus Politik und Kirche

Am Rande des Gottesdienstes zur Eröffnung der eidgenössischen Legislatur hat cath.ch einige Stimmen von Mitwirkenden eingefangen.

Lisa Mazzone, Ständerätin (GE/Grüne): «Es berührt mich, dass man mich ins Berner Münster, einen solch bedeutsamen Ort, eingeladen hat. Aus meiner Sicht braucht es Spiritualität, in welcher Form auch immer, um den Übergang zu schaffen, den unser Planet jetzt braucht. Denn dies geschieht auch durch einen Wandel in den Köpfen. Obschon eine Annäherung in der Form zwischen den ökologischen Parteien und den Kirchen unwahrscheinlich ist, gibt es zweifelsohne eine Nähe auf der Ebene der Werte.»

Denis Theurillat, Weihbischof von Basel: «Ich bin überzeugt, dass diese Art von Feiern (zum Beispiel der ökumenische Gottesdienst im Berner Münster, Anm. d. R.) der Politik dienen kann. Der Heilige Geist ist überall gegenwärtig und er hat die Fähigkeit, die Herzen zu öffnen. Ich hoffe, der Wunsch nach Einheit, den wir soeben zum Ausdruck gebracht haben, möge die Parlamentarier dazu inspirieren, noch stärker den Dialog und das gegenseitige Einvernehmen zu suchen – zugunsten des Gemeinwohls.»

Denis Theurillat, Weihbischof von Basel, am ökumenischen Gottesdienst zur Eröffnung der Legislatur

Daniel de Roche, reformierter Pfarrer und Präsident der AGCK.CH: «Wir konnten der Welt der Politik die vielseitigen Facetten des Christentums in der Schweiz aufzeigen. Ich bin zudem glücklich darüber, dass wir heute in der Feier den Frauen viel Raum gegeben haben. Obwohl die Einladungen bereits vor den Wahlen im Oktober an die Mitwirkenden ging, widerspiegeln sie dennoch die ‘Feminisierung’ des Parlaments.» (cath.ch/Übersetzung: bal)