Missio 2024: «Die Bereitschaft zum Teilen sinkt»
Mission ist immer synodal, sagt Papst Franziskus in seiner diesjährigen Botschaft zum 98. Weltmissionssonntag, den die katholische Kirche am heutigen 20. Oktober 2024 begeht. Was das für die Schweiz heisst, sagt Erwin Tanner, Leiter von Missio in der Schweiz, im Interview mit kath.ch.
Christian Maurer
Wie wichtig ist der Sonntag der Weltmission für Missio in der Schweiz?
Erwin Tanner: Der Sonntag der Weltmission ist für Missio in der Schweiz sozusagen das Herzstück ihres Engagements. An diesem Tag stehen die Gemeinschaft und Solidarität mit allen Glaubensgeschwistern weltweit im Vordergrund. Es geht darum, die Gläubigen in der Schweiz und in anderen Teilen der Welt durch Gebet und konkrete Nächstenliebe miteinander zu verbinden. Wir wollen alle miteinander auf dem Weg zu Gott sein und füreinander da sein und jenen helfen, denen es nicht so gut geht, jenen, die unsere Hilfe brauchen. Die jährliche Spendensammlung am Sonntag der Weltmission ist ein sichtbarer und spürbarer Ausdruck davon. Sie ist die weltweit grösste Solidaritätsaktion der katholischen Kirche.
Wie viel Geld steht Missio Schweiz zur Verfügung und woher kommt es?
Tanner: Missio Schweiz wird ausschliesslich durch Spenden finanziert, welche von Einzelpersonen, Pfarreien, Kirchgemeinden und privaten Institutionen wie etwa Stiftungen stammen. Zusätzlich gewinnen Testamente, Vermächtnisse und Schenkungen an Bedeutung.
Die finanzielle Situation von Missio Schweiz hängt stark von der öffentlichen Wahrnehmung der Kirche und ihrer Entwicklungen ab. Missbrauchsskandale, innerkirchliche Konflikte und mediale Schlammschlachten beeinflussen das Spendenaufkommen negativ, da sie das Vertrauen der Spenderinnen und Spender schmälern. Trotz dieser Herausforderungen hat sich das jährliche Spendenvolumen in den letzten Jahren bei etwa 4 Millionen Franken stabilisiert, wofür ich allen Spenderinnen und Spendern hier einen grossen Dank aussprechen möchte.
Wie hat sich das in den letzten 20 Jahren entwickelt?
Tanner: Die sich stetig leerenden Kirchenbänke und die sich immer mehr lichtenden Reihen der Gläubigen wirken sich auch auf Missio aus. Angesichts der grossen kirchlichen Herausforderungen, vor denen wir auch hier in der Schweiz stehen, sinkt die Solidarität mit unseren Glaubensgeschwistern im Globalen Süden. Wir merken, dass die Bereitschaft zum Teilen mit diesen tendenziell nachlässt.
Wie schwierig ist es, angesichts grosser Konkurrenz von Hilfswerken, Spenden zu generieren?
Tanner: Der Spendenmarkt in der Schweiz ist hart umkämpft. Auch im kirchlichen Biotop sind sehr viele Spendensammler unterwegs. Allerdings ist nicht immer klar, ob diese auch im Sinne der Kirche arbeiten. Missio Schweiz hat ein klares Profil; sie ist Teil des weltweiten Netzwerkes der Päpstlichen Missionswerke mit einem fest umrissenen Auftrag. Wir stehen im Dienst der Verkündigung der Frohen Botschaft Jesu Christi in Wort und Tat bis in die entlegensten Orte der Welt. Dabei arbeiten wir mit den örtlichen Projektverantwortlichen stets auf Augenhöhe und unter Achtung ihrer Eigenständigkeit zusammen. Das schätzen unsere Spenderinnen und Spender.
Was ist heute die Funktion von Missio?
Tanner: Wir möchten darauf hinweisen, dass die Kirche in der Schweiz Teil einer weltweiten Glaubensgemeinschaft ist, in der die Freuden und Leiden von Weltregion zu Weltregion ganz unterschiedlich sein können und auf Augenhöhe geteilt werden. So richten wir in diesem Jahr im Monat und am Sonntag der Weltmission unser besonderes Augenmerk auf die Kirche in der Demokratischen Republik Kongo. Hier können wir einerseits beispielsweise viel über die zentrale und sehr aktive Rolle der Laien, insbesondere der Frauen, in den Pfarreien lernen. Andererseits sind wir mit der grossen Not der Kriegswaisen in den Vertriebenenlagern im Osten des Landes und der Frage der Hilfe konfrontiert. Davor können und dürfen wir unsere Augen nicht verschliessen. Deshalb bitten wir auch hier in der Schweiz um Spenden zur Linderung dieser Not.
Wie stark hat Missio heute mit Missionieren zu tun – haben Sie Missionare im Einsatz? Wenn ja wo?
Tanner: Missio ist keine Personalagentur, wir entsenden also keine Missionare. Wir pflegen den Kontakt mit der Kirche vor Ort im Sinne einer gleichwertigen und partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Wir wollen diese nicht bevormunden und ihr nicht unsere Vorstellungen aufzwingen, denn wir gehen davon aus, dass sie ihre Situation selbst am besten kennt und weiss, was für sie an Projekten wichtig ist. Missio bemüht sich hier in der Schweiz um Spenden, um die finanziell noch nicht selbsttragenden Ortskirchen im Globalen Süden in deren seelsorgerlichen, karitativen, erzieherischen und sozialen Projekten für Kinder, Jugendliche und Erwachsenen zu unterstützen. Solche Projekte betreffen etwa den Bau eines Seminars für zukünftige Priester oder die Einrichtung einer Entbindungsstation oder der Betrieb einer Kindertagesschule.
Wo ist Missio Schweiz sonst aktiv und wie?
Tanner: Missio organisiert seit über dreissig Jahren in der Schweiz gemeinsam mit den Pfarreien die Aktion Sternsingen. Hier können Kinder die Solidarität mit anderen Kindern, denen es nicht so gut geht, einüben und für diese anhand eines konkreten Projektes Geld sammeln zur Linderung von deren Not. Daneben wird uns immer mehr bewusst, dass die Schweiz selbst schon Missionsland ist. In unserer Pfingstaktion wollen wir diesen Aspekt stärker in den Blick nehmen und aufzeigen, dass Mission zunächst einmal uns selbst betrifft und wir wieder zu den Kernanliegen der Kirche zurückkehren müssen.
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