Schweiz

Die Basler Münsterplattform ist tückisch für Suizidgefährdete

In Basel wird die Suizidgefahr am Münster nach einer Interpellation im Grossen Rat politisch diskutiert. Der fragliche Ort, die Terrasse hinter dem Kirchenbau über dem Rhein, liegt in der Zuständigkeit der staatlichen Behörden. Doch die Münstergemeinde ist mit ihren Türmen auch direkt betroffen.

Boris Burkhardt

Valeria Hengartner wünscht sich eine öffentliche Diskussion. Dabei gehe es nicht um die Berichterstattung über erfolgte Suizidversuche, sagt die katholische Seelsorgerin im Universitätsspital Basel: «Das ist eher Voyeurismus und schadet.»

Das Thema, das von Behörden und Medien in der Regel mit Samthandschuhen angefasst wird, müsse im Sinne der Prävention aus seinem Tabu befreit werden, fordert Hengartner: «Wir müssen in Familien, Schulen und im öffentlichen Raum besprechen, dass es Alternativen gibt. Ein Suizidversuch ist meist ein Hilfeschrei.

Felix W. Eymann

Das sieht auch Felix W. Eymann so: Der Basler LDP-Grossrat, Chirurg, Hausarzt und aktive reformierte Christ hat Suizid in der Stadt zu einem Thema gemacht und damit das Basler Münster ins Blickfeld gerückt, ausgerechnet während dessen 1000-Jahr-Feierlichkeiten.

Tückische «Pfalz»

In einer Interpellation an die Regierung will Eymann wissen, welche baulichen Massnahmen zeitnah an der denkmalgeschützten Pfalz angebracht werden können. «Pfalz» wird in Basel die Terrasse hinter dem Münster genannt, die eine niedrige Brüstung von der 18 Meter hohen Steilwand über der Rheinpromenade trennt.

«Da heisst es schnell ‘die böse Kirche’.»

Die Mehrzahl der Menschen, die hier springt, überlebt den Fall schwer verletzt. So auch ein junger Mann, der nun querschnittsgelähmt ist: Eymann kennt ihn persönlich. Und er weiss: «Er bedauert die Tat heute enorm.»

Leid verhindern

Undine Lang, Direktorin der Klinik für Erwachsene und der Privatklinik der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK), die einige der überlebenden Opfer in Behandlung hat, habe ihm den entscheidenden Anstoss gegeben, sich des Themas anzunehmen, berichtet Eymann: «Dieser Ort ist einer, bei dem man mit wenigen baulichen Massnahmen Leid verhindern kann.»

In der Interpellation macht Eymann keine Vorschläge; im Gespräch mit kath.ch könnte er sich aber Netze, eine Abschrägung des Terrains und mehr und höhere Bäume unterhalb der Pfalz vorstellen.

Staatsanwaltschaft möchte Lösungen

Lang selbst war nicht bereit, mit kath.ch zu sprechen; laut Eymann berichtete die Klinikdirektorin von maximal fünf Vorfällen in einem Jahr, die ihr bekannt sind, in den restlichen Jahren aber weniger.

«Ich schliesse die Tür, um Gaffer abzuhalten.»

Die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt will sich wegen der hängigen Interpellation nicht zu Fallzahlen an der Pfalz äussern; im gesamten Stadtkanton würden aber bei entsprechender Dunkelziffer 25 bis 40 Suizidversuche jährlich polizeilich verzeichnet.

Die Staatsanwaltschaft setze sich «seit Jahren dafür ein, dass speziell im Bereich der Suizidversuche durch Sprung der Schutz von Dritten erhöht und an entsprechend gefährdeten Gebäuden Sicherheitsvorkehrungen vorgenommen werden», schreibt Pressesprecher Peter Gill.

Sigristin ist herausgefordert

Aufgrund des Ortes gerät die Kirche unweigerlich in den Blick der Diskussion. Sandra Schmied, die Sigristin des Münsters, war in einige Fälle indirekt involviert, wie sie gegenüber kath.ch sagte. Sie sei von Dritten, die verdächtige Beobachtungen auf der Pfalz gemacht hätten, angesprochen und gewarnt worden und habe die Rettungskräfte verständigt, erzählt sie: «Ich schaue im Ernstfall, wo ich Hilfestellung geben kann. Zum Beispiel schliesse ich die Tür vom Kreuzgang des Münsters auf die Pfalz hinaus, um Gaffer abzuhalten.»

«Gefährdete Menschen sehen: Wir sind präsent.»

Dabei stellt Matthias Zehnder, Pressesprecher der Reformierten Kirche Basel-Stadt, klar, dass die Pfalz trotz der direkten Nachbarschaft zum Münster Allmend sei und damit in die alleinige Zuständigkeit der kantonalen Behörden falle: Die Landeskirche sei von Vorfällen dort genauso betroffen, wie wenn sie irgendwo anders in Basel passierten.

Keine Einzelbesteigung

Doch das Münster selbst ist durchaus betroffen. Laut eigener Auskunft war Münsterpfarrerin Caroline Schröder Field in den acht Jahren ihrer Tätigkeit noch nie in einen Vorfall auf der Pfalz verwickelt. Zweimal in dieser Zeit sei jedoch einer der Münstertürme für einen Suizidversuch missbraucht worden, das jüngste Mal erst Anfang des Jahres.

Die Pfalz als Terrasse des Münsters 18 Meter über dem Rhein ist eines der Wahrzeichen Basels

Bereits vor ihrer Zeit, berichtet Schröder Field, sei die Regel eingeführt worden, dass Gäste nur zu zweit oder in Gruppen auf den Turm steigen dürften. Alleinreisenden werde der Zutritt verwehrt, sodass jeder auf dem Turm jemanden bei sich haben sollte, den er kenne und der ihn kenne. «Dafür nehmen wir auch immer wieder böses Blut in Kauf, wenn sich Alleinreisende diskriminiert fühlen», sagt die Pfarrerin: «Da heisst es schnell ‘die böse Kirche’.»

Freiwillige sollen Sprung verhindern

Schröder Field war erst kürzlich vom Kanton zu einer Veranstaltung zu Suizidprävention eingeladen. Der jüngste Vorfall, bei dem die Sicherheitsmassnahme mit der Zulassung zum Turm offensichtlich nicht ausreichte, sei ausschlaggebend für ein Versuchsprojekt niederschwelliger Prävention gewesen: Der damalige Vikar Andre Stephany brachte aus England das Konzept der «Listener» (»Zuhörer») mit.

Dabei handelt es sich um Freiwillige mit einer «kleinen Zusatzausbildung», die sich durch festgelegte Kleidungsstücke als Ansprechpartner vor Ort zu erkennen geben. «Gefährdete Menschen im Münster sehen: Wir sind präsent», ist Schröder Field wichtig. Die Versuchsphase während der vergangenen Passionszeit sei zufriedenstellend verlaufen; in diesem Zeitraum seien zwischen 15 und 20 Personen als «Listener» im Einsatz gewesen.

«Die Verantwortung des Einzelnen wird heute höher bewertet als vor hundert Jahren.»

Die Münsterpfarrerin rechnet mit einem Bedarf an doppelt so vielen Freiwilligen, soll der Dienst wie geplant permanent angeboten werden. Die Münstergemeinde arbeitet hierbei mit der Dargebotenen Hand zusammen. Bisher wurden keine baulichen Massnahmen am Münster umgesetzt. Schröder Field steht diesen nicht abgeneigt gegenüber: «Ich finde es aber wichtig, dass wir als Kirche nicht nur am Gebäude etwas tun, sondern auch als Seelsorger präsent sind.»

Auf Hilfsangebote hinweisen

Der katholischen Seelsorgerin Valeria Hengartner war das Konzept der «Listener» bis zum Gespräch mit kath.ch nicht bekannt. Sie unterstützt bauliche Massnahmen: Die Netze unter der Münsterplattform in Bern hätten zum Beispiel Wirkung gezeigt. Dennoch sei die direkte Ansprache Gefährdeter unerlässlich; Hengartner fände es deshalb sinnvoll, Plakate der Dargebotenen Hand auf der Pfalz anzubringen.

Notrufsäule für Lebensmüde an einer Brücke

Die Gefahr, dass die Plakate Gefährdete erst recht motivierten, ist ihrer Meinung nach ungleich geringer als die Chance, die Menschen zu erreichen: «Sie fühlen sich in die Enge getrieben und sehen oft keinen anderen Ausweg mehr.» Unabdingbar ist für Hengartner, sowohl aus psychologischer als auch aus seelsorgerischer Sicht, die Betroffenen nicht moralisch zu bewerten.

Mitmenschen sind in der Verantwortung

In diesem Sinne betrachtet sie Suizidversuche auch als Theologin: «Dass das Leben ein Geschenk Gottes ist und es uns nicht zusteht, es zu verweigern, gilt noch immer. Vielleicht hat die Angst vor der Strafe im Fegefeuer früher eher abgeschreckt; aber sicher bin ich mir da nicht, wenn jemand keinen mehr Ausweg mehr sieht.»

Was früher als Schuld im Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen bewertet worden sei, müsse man heute mit dem erweiterten Verständnis für Tiefenpsychologie und Krankheiten differenziert betrachten: «Die Verantwortung eines einzelnen Menschen wird heute viel höher bewertet als noch vor hundert Jahren.» Deshalb seien auch immer die Mitmenschen in der Mitverantwortung.

Das Wort «Sünde» bedeute seinem Sinn nach «Trennung», Trennung von Gott, von den Mitmenschen und sich selbst: «Sollte Suizid als Sünde bewertet werden, dann sicher nicht im moralischen Sinne sondern als eine existenzielle, tragische und unausweichliche Situation.» Barmherzigkeit und Empathie seien wichtige Haltungen im Umgang mit Betroffenen und ihren Angehörigen. Denn Hengartner ist überzeugt: «Letztendlich ist Gott immer grösser.»

Der Blick von der Pfalz nach unten. | © Boris Burkhardt
27. September 2019 | 16:14
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Hilfe für Menschen in Bedrängnis

Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und ihr Umfeld da sind und vertraulich und gratis helfen, gibt es mehrere: Die Dargebotene Hand: Gespräch und Beratung per Telefon, Mail und Chat auf www.143.ch und Kurzwahlnummer 143 –  Beratung + Hilfe 147: Beratung für Kinder und Jugendliche von Pro Juventute über Telefon, SMS, Chat und Mail auf www.147.ch und Kurzwahlnummer 147.

Weitere Adressen: www.reden-kann-retten.ch für Beratungsangebote in allen Kantonen und www.trauernetz.ch für Hinterbliebene nach einem Suizid. (bb)