Schweiz

Die allerwenigsten Muslime sind Dschihadisten

Luzern, 21.3.2015 (kath.ch) Er ist Professor für Islamisches Recht am Zentrum für Islamische Theologie – in Tübingen. Dort bildet er unter anderem angehende Imame aus, die in Deutschland tätig sein werden. Wenn Mouez Khalfaoui vor einem westlichen, christlich geprägten Publikum spricht, muss er aber zuerst erklären, dass islamisches Recht nicht aufs Hände-Abhacken reduziert werden kann.

Martin Spilker

«Ja, es gibt rechtlichtliche Normen im Koran, aber das ist nur ein sehr kleiner Teil», sagte Mouez Khalfaoui in Luzern. Und die Scharia, die immer wieder zitiert werde, sei auch nicht unumstössliches Recht, sondern weise viel mehr den Weg zur Rechtsauslegung. Doch im frühen Islam, so der Tübinger Professor, hätten sich unterschiedliche Rechtsschulen entwickelt, die bis heute bestehen. «Von allen Muslimen, die ich kenne, spricht sich überhaupt gar niemand fürs Hände-Abhacken aus», so Khalfaoui. Doch ausgerechnet solche extremen Haltungen würden immer wieder als Bild für den Islam, für das islamische Recht herangezogen.

Vermitteln und übersetzen

«Gerechtigkeit» heisst eine Vorlesungsreihe des Ökumenischen Instituts an der Universität Luzern. Der Referent des Vortrags am Donnerstag, 19. März, musste nicht viele Worte verlieren, um die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit islamischem Recht hier bei uns zu begründen: Berichte von Kriegen im arabischen Raum, die Integration von Muslimen in Europa oder – wie jüngst in Tunesien – Terroranschläge gegen Touristen. Mouez Khalfaoui, Professor für Islamisches Recht an der Universität Tübingen, weiss sehr genau, wovon er spricht. Vor einigen Jahren hatte er selber im Nationalmuseum in Tunis gearbeitet, das diese Woche Schauplatz eines Blutbades wurde.

Mouez Khalfaoui studierte in Tunesien unter anderem Islamwissenschaft, war in seiner Heimat sowie in Europa, Indien und den USA in der Foschung und zwei Jahre auch im diplomatischen Dienst tätig. Stets war er Vermittler, Übersetzer in Fragen des Islams. Und das nicht nur gegenüber Nicht-Muslimen. Wenn er aber in Europa über islamisches Recht spricht, so muss er davon ausgehen, dass die Menschen nur sehr geringe Kenntnis von Koran und Islam haben, einzelne Aspekte daraus aber immer wieder zitiert werden: Körperstrafen, Polygamie, Blutrache.

Aufklären und integrieren

Aufklärung tue deshalb Not, so der Professor. Doch selbst dabei stosse die Islamwissenschaft auf Widerstand, wie auch die politsiche Debatte um das Zentrum für Islam und Gesellschaft an der Universität Freiburg i.Ü. zeige. Für Khalfaoui steht dennoch fest, dass die Vermittlung von islamischem Recht in Europa unbedingt notwendig und ein bedeutender Schritt auf dem Weg der Integration von Muslimen in die westliche Gesellschaft ist. (ms)

Mouez Khalfaoui, Professor für Islamisches Recht an der Universität Tübingen | © 2015 Martin Spilker
21. März 2015 | 07:44
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