Der Kommentar zu Bürglen: Es geht um mehr als um einen Einzelfall, es geht um Glaubwürdigkeit

Der Kommentar zum Fall Bürglen von Martin Spilker, leitender Redaktor kath.ch

Wenn sie gewusst hätten, welche Kreise die Sache zieht, dann… Dieser Gedanke dürfte im Nachgang der Ereignisse in Bürglen so mancher beteiligten Person durch den Kopf gegangen sein. Pfarrer Wendelin Bucheli hat in seiner Stellungnahme am Sonntag sogar eingeräumt, er hätte die Segnung des lesbischen Paares diskreter vornehmen sollen. Dann wäre wohl gar nichts geschehen. Keine Aufforderung zum Rücktritt, kein durchsickern lassen von Informationen, keine Verweigerung des Rücktritts, keine Petition und – keine Dauerpräsenz in den Medien.

Diskretion. Die ist in Fragen der Seelsorge tatsächlich angebracht. Aber es ist für Menschen in und ausserhalb der Kirche nicht nachvollziehbar, dass wenn der eine etwas tut, ein Donnerwetter losgetreten wird, während andere – und das sind auch in der katholischen Kirche nicht wenige Seelsorgerinnen und Seelsorger – genau die gleichen Handlungen diskret vornehmen können und das toleriert wird.

Was mit der öffentlich gemachten Disziplinierung des Bürgler Pfarrers erreicht wurde, hat mit richtigem oder falschem seelsorgerlichem Handeln gar nichts mehr zu tun. Vielmehr macht sich die Leitung der katholischen Kirche hier leider unglaubwürdig. Bischöfe, die im Gespräch mit ihren Seelsorgern sind, die wissen um die Herausforderungen, denen sich ein Priester, eine Theologin, ein Religionspädagoge heute zu stellen hat. Und sie wissen, dass ihre Mitarbeiter bei der Ausübung ihres Berufes immer wieder in einen Konflikt zwischen kirchlichen Vorschriften und seelsorgerlicher Verantwortung geraten können.

Die Aufgabe eines Vorgesetzten ist es dann, nach Lösungen zu suchen, die über den Einzelfall hinaus Bestand haben. Mit einer Aufforderung zur Demission und öffentlichen Rüge eines Priesters aber ist kein Schritt zur Klärung der sich heute stellenden Fragen in Bezug auf die Handhabung von Segnung homosexueller Paare und deren Partnerschaften getan. Es ist richtig, dass sich die Schweizer Bischofskonferenz bereits im Jahr 2002 zu Fragen der Segnung von homosexuellen Partnerschaften geäussert hat und diese darin abgelehnt werden. Gleichzeitig heisst es im selben Schreiben aber auch, dass sich die Bischöfe bemühen wollen, homosexuellen Menschen noch mehr als früher seelsorgerliche Hilfe anzubieten und sie auf ihrem christlichen Lebensweg respektvoll zu unterstützen. Die aktuelle Auseinandersetzung wäre ein guter Anlass, das Thema gesamthaft neu zu behandeln. Ein Zeichen in diese Richtung ist seit dem Fall Bürglen bis heute aber nicht erfolgt.

Und ausserdem: Es war nicht Pfarrer Bucheli, der die umstrittene Segnung an die grosse Glocke gehängt hat. Auf seinem Rücken aber wird diese ganze Debatte nun aber ausgetragen. Auch ihm gegenüber wäre Diskretion angebracht gewesen. Stattdessen wurde mit dem Vorgehen der Bischöfe von Chur sowie Lausanne, Genf und Freiburg viel Geschirr zerschlagen. Das wird, wie Reaktionen auch aus Kreisen der Kirche selber zeigen, wahrgenommen, breit diskutiert und in den Medien ausgeschlachtet. Das wiederum macht deutlich, dass die Kirche und ihre öffentliches Auftreten sehr wohl beachtet werden. Gerade deshalb wäre es angebracht, über den Einzelfall hinauszuschauen. Denn es geht in solchen Konflikten, und das ist nicht nur in der Kirche so, letztlich um Glaubwürdigkeit. Und wer die aufs Spiel setzt, kann viel verlieren. (Zürich, 17.2.15)

Pastoralschreiben der Bischofskonferenz zu Fragen von Homosexualität und Kirche vom 3. Oktober 2002.

 

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