Schweiz

Der Klosterziegler von St. Urban gibt altem Handwerk neues Leben

Pfaffnau LU, 28.4.18 (kath.ch) Richard Bucher ist der letzte Klosterziegler. In aufwendiger Handarbeit stellt er im ehemaligen Kloster St. Urban im Kanton Luzern nach alter klösterlicher Handwerkstradition Zierbacksteine, Dachziegel und Bodenplatten her. Damit hält er eine sieben Jahrhunderte alte Tradition am Leben.

Vera Rüttimann

Aus dem Klostergewölbe ist ein dumpfer Knall zu hören. Richard Bucher schmettert mit Schwung einen Klumpen Ton auf einen Tisch, schlägt ihn in einen hölzernen Rahmen und trimmt ihn mit den Fäusten zurecht. Ein Ziegel entsteht. Am oberen Ende lässt er die «Nase» stehen, jenen Dorn, an dem der Ziegel später an die Dachlatte gehängt wird.

Mit vier nassen Fingern markiert Bucher in der Mitte einen Abstrich und am Ende drei Kopfstriche, damit das Regenwasser gut ablaufen kann. Am Schluss erhält der Ziegel Richard Buchers persönliche Signatur: Ein Buchenblatt.

Die Wunderkammer

Die beiden weissen Kirchtürme mit ihren ziegelroten Dachkappen sind schon weitum sichtbar. Hier im ehemaligen Zisterzienserkloster St. Urban in der Luzerner Gemeinde Pfaffnau hat Richard Bucher seit 1991 seine Klosterziegelei eingerichtet. Seit gut zehn Jahren befindet sich diese im alten Gewölbekeller der einstigen Abtei.

Der Gast wird eine steile Treppe hinabgeführt, wobei einem der Geruch von nassem Lehm in die Nase steigt. Schliesslich steht man im weitläufigen Gewölbekeller, wo die Mönche früher Wein lagerten. Sechzehn Grad kühl ist es hier, ideal für das Arbeiten mit Ton.

«Jeder Ziegel erzählt eine Geschichte.»

Das Ziegelatelier des 68-Jährigen ist eine wahre Wunderkammer. Überall sind Werkzeuge, Bürsten und handgeschriebene Zettel zu sehen. Auf den vielen Holzregalen sind unzählige alte Dachziegel, Bodenplatten und Zierziegel ausgestellt. Sie leuchten in allen Rottönen. Manche der Ziegel sind über 760 Jahre alt. «Jeder Ziegel erzählt eine Geschichte», sagt Bucher.

Sofort ins Augen fallen jene Stücke, in denen Menschen und Tiere vor Jahrhunderten ihre Spuren im Ton hinterlassen haben: In einem Stein ist der Fussabdruck eines Kindes zu sehen, gleich daneben steht ein Ziegelstein von 1750 mit dem Abdruck einer Kinderhand. Um 1400 stapfte eine Kuh über die zum Trocknen ausgelegten Tonziegel und hinterliess ihre Klauenborsten der Nachwelt.

Geschichtsträchtiger Boden

Richard Bucher arbeitet auf geschichtsträchtigem Boden. Das Zisterzienser-Kloster St. Urban wurde 1194 von Mönchen der Abtei Lützel mit Unterstützung oberaargauischer Freiherrengeschlechter gegründet. Hier fertigten die Mönche von 1255 bis 1300 die begehrten Ziegel und Zierbacksteine her, für die sie weitherum einen hervorragenden Ruf genossen.  Der erste Brennofen stand wohl auf dem Boden des heutigen Vorplatzes zum Haupteingang.

Im 18. Jahrhundert wurde das Kloster St. Urban abgebrochen und am gleichen Ort wieder aufgebaut. Das Abbruchmaterial wurde für den Neubau wiederverwendet, was auf einem Rundgang durch die Klosteranlage gut zu sehen ist. «Dort, wo eine Mauer unverputzt ist, leuchtet es rötlich hervor», sagt Bucher, der in seinen jungen Jahren der Super-8-Filmszene angehörte.

«Ich konnte wertvolle Steine gerade noch aus der Mulde retten.»

Der Klosterziegler ärgert sich allerdings, dass Bauarbeiter im Vorfeld des 800-Jahr-Jubiläums des Klosters 1994 bei  Renovationsarbeiten trotz Instruktionen «die angemessene Sorgfalt vermissen liessen». Er fügt an: «Gott sei dank war das die Ausnahmen und ich konnte wertvolle Steine gerade noch aus der Mulde retten».

Schon als Kind war Richard Bucher fasziniert von Ziegeln. «In meinem einstigen Wohnort im bernischen Burgdorf fand ich im Schlossgraben einen 800-jährigen Backstein, der aus der St. Urbaner Produktion stammte», erzählt er vergnügt und zwirbelt an seinem Schnauz. Nach seiner Ausbildung als Primarlehrer und einer Weiterbildung zum Zeichen- und Werklehrer, dann zum Heilpädagogen, widmete sich Richard Bucher ab 1991 ganz dem Klosterziegel-Handwerk.

Wie ein offenes Buch

Richard Bucher musste sich Wissen und Technik eines Klosterzieglers selber erarbeiten, denn er fand keine handschriftlichen Quellen über die Herstellung und die Verwendung von Werkzeugen vor. Er machte sich auf und ging diesem Handwerk mit Verve auf den Grund. Der gebürtige Berner begann im Ton zu lesen wie in einem offenen Buch und studierte ihre Form, Grösse und Struktur. Klopft er mit den Fingern auf den Ziegel, spürt Bucher der Herkunft des Tons sowie dem Ursprung von Brenn- und Frostschäden nach.

Einige der alten Ziegel stechen in den Regalen besonders ins Auge. Sie weisen Schutz- und Abwehrzeichen gegen böse Mächte auf. Zu sehen sind Sonnen, Kreuze und Pentagramme. Solche kostbaren Spuren, so Bucher, geben einen tiefen Einblick in die Entstehungszeit eines Ziegels und die damalige Alltagskultur mit ihren Volksbräuchen.

Glücksfund auf der Schutthalde

Ein fast 70 Kilo schwerer Brocken, der schon auf der Schutthalde lag, erwies sich für Richard Bucher, an dem ein passionierter Forscher verloren gegangen ist, als wahrer Glücksfall. In den Händen hielt er ein sogenanntes Doppelkapitel aus dem 14. Jahrhundert.

Unter einem Mörtelfladen, den er aufbrach, fand er die abgeschlagenen Stücke eines Engelkopfes, der einst an der Front der Säulenbekrönung angebracht war. «Ich staunte, als mir Augen, Nasen und Locken entgegen kamen», sagt er und strahlt. Bemerkenswert an diesem Fall sei, dass der Steinmetz damals die Reste des Engels nicht einfach entsorgt haben, sondern sie aus Pietätsgründen unter einer Art Sarkophag bewahrte.

Fabelwesen in Ton

In einer Holzschachtel liegen kleine Klötze aus Hartholz, sogenannte Model. In unzähligen Stunden kerbt Richard Bucher am Werktisch seine Muster. Die Holzmodel schnitzt er nach der Vorlage von Original-Backsteinen aus der klostereigenen Sammlung und Museen.

Einige zeigen geometrische Muster, die einem Teppichklopfer oder einem verdrehten Seil ähneln. Andere Fabelwesen wie Einhörner, Drachen und Löwen. Häufig sind auch Sonnenräder, Blumen und Sterne zu sehen. Mit den Model-Stempeln stellt Bucher Zierbacksteine her, die bei Führungen und Ziegel-Workshops  wegen ihren phantasievollen Musterungen besonders bewundert werden. «Die Besucher staunen, wie perfekt der Abdruck eines Model-Stempel ist», betont der Ziegel-Profi.

«Bei Kindern ist die ‹Elesau› besonders beliebt»

Auf etlichen Zierziegeln kehrt ein Motiv wieder, das einer grossen Orangenscheibe ähnelt. «Das ist ein Sonnenrad. Das Motiv aus dem 13. Jahrhundert entdeckte ich im alten Pfarrhaus und schlug es dort aus dem Stein», schildert Bucher. Ein weiteres Motiv, das der agile Mann oft in Ton verewigt, ist die Elesau, ein Fabelwesen, das aus einem Elefanten und einem Eber besteht. «Bei Kindern ist es besonders beliebt», weiss er.

Für die Nachwelt erhalten

Zum Brennen bringt Richard Bucher seine Ware in die nahe gelegenen Ziegelwerke AG im bernischen Roggwil. Wenn alles verladen ist, kehrt er gerne ins nahe Klostergasthaus Löwen ein.

Eine Frage, die den 68-Jährigen in Gesprächen oft beschäftigt, ist diejenige nach einem Nachfolger. Richard Bucher hofft, dass das Handwerk des Klosterzieglers nicht mit ihm ausstirbt, sondern späteren Generationen erhalten bleibt. Er sagt: «Das, was ich hier aufgebaut habe, ist nicht einfach nur ein persönlicher Spleen. Diese Klosterziegelei ist Kulturgut und ist europaweit von Bedeutung.»

Richard Bucher auf dem Klostergelände von St. Urban| © Vera Rüttimann
28. April 2018 | 12:15
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