Der heilige Martin begleitet noch heute die Schwyzer Regierung
Schwyz, 11.11.16 (kath.ch) Martin von Tours (316-397) ist Landespatron des Kantons Schwyz. Als solcher spielte der Heilige während Jahrhunderten eine wichtige Rolle im Zentralschweizer Kanton. In Alltag und Politik. Im Laufe der Zeit habe Martin viel von seiner einstigen Bedeutung eingebüsst, sagt Annina Michel. «Aber man findet ihn noch im öffentlichen Leben», so die Präsidentin der Schwyzer Museumsgesellschaft und Kuratorin einer Ausstellung über den Heiligen, die ab Samstag im Bundesbriefmuseum in Schwyz zu sehen ist.
Barbara Ludwig
Warum die Schwyzer gerade den heiligen Martin zum Landespatron auserkoren, sei eine «gute Frage», die sich aber nicht einfach beantworten lasse, sagt Michel auf Anfrage gegenüber kath.ch. «Es gibt relativ wenig Quellen, die darauf eine Antwort geben könnten.» Erwiesen sei jedoch, dass Martin bereits seit dem 8. Jahrhundert Patron der Pfarrkirche des heutigen Kantonshauptortes Schwyz ist, also lange bevor er zum Landespatron aufstieg. «Dass sich gerade der Kirchenpatron des Ortes Schwyz als Landespatron durchsetzte, hat wohl mit der Vormachtstellung von Schwyz über die umliegenden Landschaften und Untertanengebiete im Mittelalter zu tun», erklärt die Historikerin. Schwyz war im Mittelalter das kirchliche Zentrum des Talkessels am Fusse der Mythen.
Repräsentant und Symbol von Schwyz
Ab dem 13. Jahrhundert sei langsam eine politische Einheit um Schwyz herum entstanden. Damit schlug die Stunde von Martin als Landespatron. «Mit Martin gaben sich die führenden Politiker ein Symbol, das sie nach aussen vertritt», sagt Michel. Ebenfalls ab dem 13. Jahrhundert wurde der Heilige auch auf staatlichen Siegeln abgebildet, mit denen damals Urkunden beglaubigt wurden. Martin von Tours war zum Repräsentanten und Symbol von Schwyz geworden. Möglich war das, weil «im Mittelalter Glaube und Politik untrennbar miteinander verbunden waren», so Michel. Später zierte der Heilige Münzen, Fahnen und Wappenscheiben.
Der 11. November, der Gedenktag des heiligen Martin, hatte als Zins- und Rechtstag eine grosse Bedeutung im Leben der Bauern, heisst es in der Medienmitteilung zur Sonderausstellung, die am 12. November im Bundesbriefmuseum in Schwyz eröffnet wird. Am 11. November waren Pachtzinsen und Zinsen für Darlehen fällig. Der 11. November sei auch der Tag gewesen, an dem man damals Verträge abschloss, erklärt Michel. Dies galt auch für Arbeitsverträge mit Knechten und Mägden. Am 11. November wurde auch mit Vieh gehandelt. Und noch vor diesem Termin mussten Tiere geschlachtet werden.
Nach dem 11. November wurde gefastet
«All das hat mit dem Heiligen Martin nichts zu tun», stellt die Historikerin klar. Der Grund für diese Bedeutung des 11. November sei vielmehr, dass am darauffolgenden Tag die 40-tägige Fastenzeit vor Weihnachten begann. Lebensmittelvorräte mussten aufgebraucht werden. Festessen mussten vor dem 12. November stattfinden. Auch den Wein habe man noch vor Beginn der Fastenzeit trinken müssen. Der 11. November hatte demnach eine ähnliche Bedeutung wie der Fasnachtsdienstag vor dem Aschermittwoch, bestätigt Michel.
Als Zins- und Rechtstag hat der 11. November ausgedient – fast; denn noch gibt es einige gesetzliche Bestimmungen, in der dieses Datum eine Rolle spielt, verrät Michel. Etwa Paragraph 65 des Einführungsgesetzes zum schweizerischen Zivilgesetzbuch des Kantons Schwyz aus dem Jahr 1978, der ein «Winterwegrecht» begründet. Dieses erlaubt, über das «dienende Grundstück von Martini bis 15. März zu gehen, Vieh zu treiben und mit Schlitten zu fahren».
Weiterhin wichtig im kirchlichen Alltag
An der Sonderausstellung werden rund 20 ausgesuchte Objekte präsentiert. Sie sollen zeigen, welche Bedeutung Martin von Tours für das kirchliche, politische und kulturelle Leben in Schwyz hatte und in vielen Bereichen bis heute habe, kündigt die Mitteilung an. Unter den Objekten findet sich eine silberne Prozessionsfigur, die der Pfarrkirche St. Martin in Schwyz gehört. Sie stellt den Heiligen als Soldaten dar, hoch zu Ross. Mit dem Schwert zerteilt er seinen Mantel, am Boden sitzt ein Bettler, den Arm ausgestreckt, um das abgetrennte Stoffstück zu empfangen.
Es ist das bekannte Motiv der Mantelteilung. Diese Silberfigur werde noch heute am Martinstag in der Pfarrkirche von Schwyz aufgestellt, sagt Michel. Heute sei der Heilige vor allem im kirchlichen Alltag wichtig.
Heiliger noch heute an Auftritten der Regierung präsent
In Politik und Gesellschaft habe Martin allerdings viel von seiner einstigen Bedeutung verloren, stellt Michel fest. Zwar ist er noch Schutzpatron des Kantons. Aber er sei längst nicht mehr so präsent im Alltag. Seinen Platz auf dem Kantonswappen hat er verloren. «Seit dem 18. Jahrhundert verschwindet er mehr und mehr von Wappen, Fahnen und Siegeln. Aber man findet ihn noch im öffentlichen Leben», sagt Michel. Und zwar auf dem Stab des Standesweibels, der die Schwyzer Regierungsräte an bestimmten Anlässen begleitet. Damit wird der Heilige ab und an Zeuge von offiziellen Auftritten der Regierung.
Der Stab kann an der Ausstellung besichtigt werden. «Allerdings wird er jedes Mal abgeholt, wenn er einen Einsatz hat», sagt Michel. Ein solcher steht bereits nächste Woche auf dem Programm: Am 15. November findet die jährliche Morgarten-Feier statt. Dabei wird der Gefallenen der Schlacht am Morgarten vom 15. November 1315 gedacht. An dem Anlass nimmt die Schwyzer Regierung teil und wird dabei vom Standesweibel Bruno Gwerder begleitet.
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




