Den Mantel mit dem Bettler teilen: Rafael Tavares ist der St. Martin von Arlesheim
«St. Martin ritt durch Schnee und Wind…»: Der St. Martins-Ritt in Arlesheim BL gehört zu den schönsten der Schweiz. Der Brasilianer Rafael Tavares (34) schlüpft heute Abend in die Rolle des römischen Soldaten. Der Legende nach schenkte er einem frierenden Bettler die Hälfte seines Mantels.
Wolfgang Holz
«Auf einem Schimmel werde ich heute Abend auf dem Domplatz einreiten, wo sich viele Kinder und Familien einfinden. Oft sind es rund 200 Zuschauerinnen und Zuschauer.» Rafael Bäumler Tavares de Oliveira ist gut gelaunt. Er freut sich auf das alljährliche Ritual am Vorabend des St. Martinstag. Seit sechs Jahren spielt er den römischen Soldaten Martin.
Im Nebenberuf Reittherapeut
Als «St. Martin» wurde er aufgrund seines Nebenberufs entdeckt. Als Reittherapeut für Menschen mit Behinderungen in Arlesheim kennt der 34-Jährige sich nämlich nicht nur mit Pferden gut aus. Er schätzt auch sehr den Umgang mit Menschen.
Vor allem viele Kinder betreut er. Irgendwann habe man ihn angefragt, ob er die Rolle des St. Martin am Umzug übernehmen wolle. Es geht also darum, einen römischen Offizier zu spielen, der der Legende nach seinen Mantel mit einem frierenden Bettler teilte,
St. Martin: Der «Soldat Christi»
Der spätere Heilige wurde um 316 in Ungarn als Sohn eines heidnischen Militärtribuns geboren. Im Alter von 18 Jahren wurde Martin getauft. Während eines Alemannen-Feldzugs festigte sich sein christlicher Glaube. Er wollte nur noch Soldat Christi sein und aus dem Militär austreten.
Unmittelbar vor der Schlacht gegen die Germanen verweigerte er den Dienst an der Waffe. Nach seiner Entlassung aus dem Militär im Alter von 40 Jahren wurde er zunächst Mönch, dann Priester und schliesslich Bischof von Tours. 397 starb er.
«Ich finde die Geste des Teilens und die Solidarität des Heiligen Martins gerade in unserer heutigen Zeit sehr wichtig.»
Rafael Bäumler Tavares de Oliveira
«Den Mantel, den ich als St. Martin beim Umzug teile, ist schon entsprechend präpariert – selbst wenn ich für das Mantel-Teilen symbolisch ein richtiges Schwert zücke», sagt Rafael Bäumler Tavares de Oliveira. Mal werde der Bettler in Arlesheim von einem Kind gespielt. Mal vom katholischen Priester.
«Ich finde die Geste des Teilens und die Solidarität des Heiligen Martins gerade in unserer heutigen Zeit sehr wichtig», ist der Brasilianer überzeugt. Man werde heutzutage von Informationen aus der ganzen Welt geradezu überflutet. Man empfinde dabei das Gefühl, dass viele Menschen ums Überleben kämpften und kein Mitleid mehr erfahren würden.
Gegenseitige Anteilnahme spüren
«Deshalb ist es sehr wichtig, dass die Menschen beim St. Martinsumzug sehen, wie Menschen anderen Mitmenschen helfen.» In Arlesheim würde er sehr viel gegenseitige Anteilnahme unter den Menschen spüren.
Anfangs habe er erst viel über die Martins-Legende lesen müssen, sagt Rafael Tavares. «Bei uns in Brasilien sind St. Georg und St. Michael als Heilige bekannter.»
Eurythmie-Tänzer im Goetheaneum
Seit acht Jahren lebt Rafael Tavares de Oliveira in der Schweiz. Er arbeitet als Eurhythmie-Tänzer in einer Tanzgruppe im Goetheaneum in Dornach. Dort tanzt er auf der einzigen Eurythmie-Bühne der Welt. Der aus Sao Paolo stammende Brasilianer ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder: Mathilde (5) und Runa (2).
«Ich fühle mich sehr wohl hier», sagt er. Das kühIere und nassere Wetter im Vergleich zu Südamerika mache ihm nichts aus.
Hätte weder Lula noch Bolsonaro gewählt
Wen hätte er in Brasilien gewählt, wäre er vor Ort gewesen? «Weder Lula noch Bolsonaro – es bräuchte eine grosse Reform, um das völlig gespaltene Land wieder zu einen. Die jetzige Situation ist tragisch», sagt Tavares. Wobei es aufgrund des gesellschaftlichen Systems für alle Politikerinnen und Politiker in Brasilien schwer sei, «dem Teufel der Korruption nicht die Hand geben zu müssen».
Es ziehe ihn im Grunde nichts mehr zurück nach Brasilien. «Wenn es möglich ist, möchte ich hier auch meine Pension verbringen», verrät der Familienvater. Er fühlt sich sehr integriert im Basler Land und hat auch vor einigen Jahren im FC Arlesheim Fussball gespielt.
«Es ist offen, wer gewinnt, weil es dieses Mal keinen WM-Favoriten gibt. Aber Brasilien hat eine sehr gute, junge Mannschaft.»
Rafael Tavares
«Das hat sehr viel Spass gemacht.» Als Brasilianer freut er sich natürlich auf die bevorstehende Weltmeisterschaft in Katar – auch wenn er kein fanatischer Anhänger der «Seleçao» sei. «Es ist offen, wer gewinnt, weil es dieses Mal keinen WM-Favoriten gibt. Aber Brasilien hat eine sehr gute, junge Mannschaft.»
Sich auch für Buddhismus interessiert
Doch zurück zu seiner Rolle als St. Martin. Als Heiligenfigur. Wie wichtig ist ihm Religion persönlich für sein Leben? «Ich bin katholisch getauft, und als Kind war mir meine Beziehung zur Religion nicht so bewusst», erzählt er.
Als Jugendlicher habe er danach die Wichtigkeit und den Drang zu einer spirituellen Beziehung gespürt. «Ich habe mich auch für den Buddhismus interessiert.» Gleichzeitig habe er den Eindruck gehabt, dass die katholische Kirche als Institution den Glauben missbrauche.
«Religion ist etwas sehr Schönes.»
Rafael Tavares
«Dabei ist Religion etwas sehr Schönes, und ich glaube an eine höhere Kraft, an etwas Höheres, weil ich den Glauben wichtig für mein Leben empfinde», ist Rafael Bäumler Tavares de Oliveira überzeugt. «Gott ist dafür ein Wort.»
Am Donnerstag, 10. November, beginnt um 18.30 Uhr das Sankt-Martins-Spiel auf dem Domplatz von Arlesheim BL.
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