Covid-Pfarrer spielt Pest-Priester: Andreas Schönenberger sucht Grenzerfahrungen
Das historische Freilichttheater «Der schwarze Tod» erzählt von Mosnang SG in Pestzeiten. Die zentrale Pfarrer-Figur spielt Andreas Schönenberger. Er ist römisch-katholischer Pfarrer und überlegte schon als junger Mann Schauspieler zu werden. Der Tod prägte ihn auch als Seelsorger stark.
Regula Pfeifer
«Schwester Irmgard, flirten Sie bitte nicht mit dem Pfarrer», ruft René Schnoz von unten in die Zuschauertribüne hinauf – und erntet Lachen. Rund 60 Personen sitzen dort. Sie alle spielen am Freilichttheater «Der Schwarze Tod» in Mosnang SG mit.
Der Regisseur feilt an diesem Abend an ein paar Schwachstellen im Stück, rund zwei Wochen vor der Premiere. Er steht dabei vor der aufgebauten Bühnenkulisse – mit Dorfplatz, Kapelle, Bauernhof und Zugangsweg. Dahinter erstreckt sich ein echter Hügel.
In der Zuschauertribüne sitzen auch die angerufene «Nonne» und der «Pfarrer». Letzterer ist eine zentrale Figur in diesem Theaterstück über die Pest im Dorf des 16. Jahrhunderts und deren verheerende Auswirkungen. Er soll die Menschen vom Unheil befreien – mit Gottes Hilfe.
«Fürs Theater verzichte ich sogar auf die Sommerferien.»
Andreas Schönenberger, Pfarrer
Die Pfarrer-Figur spielt ein echter katholischer Pfarrer: Andreas Schönenberger (53). Er arbeitet in der Pfarrei Rapperswil-Jona und spielt ehrenamtlich im Toggenburger Theaterstück mit. «Das macht mir Freude», sagt er. «Dafür verzichte ich sogar auf die Sommerferien.»
Der lernende Mensch
Das will etwas heissen für einen Menschen, der über einen internationalen Freundschaftskreis verfügt, weil er zwischenzeitlich in Deutschland, Österreich, Italien und in den USA gelebt hat. Und der gern verreist – und Neues kennen lernt. «Wir Menschen sind Lernende, ein Leben lang», sagt er. Und das wolle er ausleben.
Andreas Schönenberger ist von Regisseur René Schnoz angefragt worden, ob er mitwirken möchte. Die beiden kennen sich, seit der Pfarrer 2018 bis 2020 die Schauspiel- und Theaterschule Samts in Adliswil ZH besucht hat, wo Schnoz unterrichtete.
Authentizität sei dem Regisseur wichtig, weiss Schönenberger. Deshalb sei es wohl ein Vorteil, dass er als Pfarrer einen Pfarrer darstelle. Hinzu kommt: Andreas Schönenberger spricht den Toggenburger Dialekt – ein wichtiges Kriterium in einem lokalen Dialekt-Freilichttheater. Er ist in Bütschwil neben Mosnang aufgewachsen. Und er hat später zehn Jahre lang als Pfarrer in Wattwil SG gewirkt.
Dadurch kennt er auch einige Mitspielende von früher. Insbesondere seine Hebamme, sagt er strahlend. Luzia Brand sitzt ebenfalls auf der Zuschauertribüne. «Wer hätte gedacht, dass wir 53 Jahre später gemeinsam auf der Bühne stehen», sagt die 80-Jährige später. Sie spielt eine Trauernde bei den Begräbnissen, die der Pfarrer für die Pestopfer leitet.
Hebamme spricht vom «anständigen» Jungen
Luzia Brand bezeichnet das Toggenburg als ihre Grossfamilie. Sie hat Andreas Schönenbergers Werdegang mitverfolgt, eines «anständigen» Jungen, wie sie sagt. Auf einer Romreise habe sie der damalige Schweizergardist hinter die Kulissen des Vatikans blicken lassen.
«Der Schwarze Tod» spielt in einer Zeit, als der Pfarrer im Dorf eine wichtige Rolle hatte, so Andreas Schönenberger. Das sei auch an der Kleidung abzulesen: Der Pfarrer im Stück trete in der Soutane auf. Ein priesterliches Kleidungstück, das Schönenberger nur auf der Bühne trägt. Als Seelsorger abseits des Rampenlichts ist er in T-Shirt und Jeans unterwegs.
Parallelen von Pest und Covid
Andreas Schönenberger hat als Pfarrer die Covid-Pandemie miterlebt. Nun spielt er einen Pfarrer in der Pestzeit. «Wahrscheinlich waren die Menschen durch die Seuche ähnlich verunsichert», sagt der Schauspieler-Pfarrer. Bei Corona sei anfänglich unklar gewesen, wie genau die Übertragung geschehe und wie man sich am besten davor schütze.
Auch bei der Pest ging es um Leben und Tod, so Schönenberger. Doch: Die wenigsten Menschen haben eine Ansteckung überlebt. Und sie hofften, dass der Pfarrer ihnen helfe. «Heute ist das nicht mehr so», sagt Schönenberger. Obwohl: «Die Menschen heute sind nicht weniger religiös.»
Als 20-Jähriger hatte sich Schönberger eine Schauspiel-Ausbildung überlegt. Doch er entschied sich für die Theologie. Das Schauspielern holt er seit fünf Jahren nach.
Raus aus der Komfortzone
Er schätzt die Herausforderung, mit einer Theaterrolle aus seiner Komfortzone rausgehen zu können. In einem Stück über die Französische Revolution spielte er einmal den Robespierre. «Das war spannend», sagt er. In jenem Kämpfer für die Gleichheit habe er sich wiedergefunden: Als jemand, «der sich einsetzt für das, was ihm wichtig ist».
Bei ihm ist das etwa die Bewahrung der Schöpfung – oder die Religion. «Wir haben nicht alles in unserer Hand», sagt Schönenberger. Das zeige sich immer wieder. Als Seelsorger versuche er das den Menschen aufzuzeigen – und ihnen gleichzeitig Hoffnung zu vermitteln.
Konfrontation mit dem Tod
Insbesondere der Tod von nahestehenden Menschen sei einschneidend. «Die Menschen sind nie so offen für das Religiöse, wie wenn sie mit dem Tod konfrontiert werden», sagt Andreas Schönenberger. Auch er selbst hat dabei «unglaublich dichte Momente» erlebt. Etwa als er zu Beginn seiner Seelsorgetätigkeit die erste Frau in den Tod begleitete. «Ich hatte den Eindruck, der Himmel über dem Spitalzimmer öffne sich und das ganze Leben der Frau gehe aus ihr heraus.» Das habe ihn als Seelsorger stark geprägt.
Der Tod ist im Stück «Der schwarze Tod» stark präsent. Denn die Pest hatte 1565 bis 1569 in Mosnang viele Todesopfer verursacht, wie laut Webseite des Theaters historisch verbürgt ist. Und was auch im Stück zu sehen ist. An diesem Juni-Abend tragen vier Frauen und Männer zwei in Tücher eingewickelte «Leichen» den Hügel hinauf.
«Von der Hoffnung zu erzählen, ist eine Kernaufgabe von uns Seelsorgern.»
Trotz aller Tragik und im Anblick des Todes möchte Schönenberger hoffnungsvoll bleiben. «Von der Hoffnung zu erzählen, ist eine Kernaufgabe von uns Seelsorgern.» Eine Hoffnung, die in der Bibel an verschiedensten Stellen erwähnt werde. Und dies vermittelt er auch als Pfarrer im Theaterstück. So sagt er in der Schlussszene: «Ich werde weiterhin hier als Seelsorger wirken. Unsere lieben Verstorbenen wollen wir nicht vergessen. Aber das Leben geht weiter.»
Das Freilichttheater «Der schwarze Tod» wird in Mosnang SG an 15 Abenden aufgeführt. Vom 7. Juli (Premiere) bis 11. August (Derniere) – mit Verschiebe-Optionen. Spieldaten und Tickets hier.
Kurzbiografie
Andreas Schönenberger ist in Bütschwil SG aufgewachsen. Er lernte Bäcker, später absolvierte er eine kaufmännische Ausbildung bei der Post in Zürich. Von 1992 bis 1994 leistete er Dienst in der Schweizergarde in Rom. Nach seiner Rückkehr aus Rom holte er die Matura nach und studierte von 2000 bis 2005 Philosophie und Theologe in München und Innsbruck.
2006 wurde er zum Priester geweiht. Danach arbeitet er fünf Jahre als Kaplan in der Seelsorgeeinheit Widnau, Balgach, Diepoldsau/Schmitter. Von 2010 bis 2012 war er im Salesianum in Freiburg FR für die geistliche Ausbildung der deutschsprachigen Theologiestudierenden zuständig. In dieser Zeit wurden die örtlichen drei Priesterseminare zusammengeführt. Danach kehrte Andreas Schönenberger ins Bistum St. Gallen zurück und war bis Ende 2020 als Pfarrer in Wattwil SG tätig. 2021 legte er ein Sabbatical ein und bildete sich in Deutschland und Spanien schauspielerisch weiter. Seit September 2022 ist er Pfarrer in Rapperswil-Jona. (rp)
«Der Schwarze Tod»
Das Theaterstück beruht auf einem historischen Schauspiel des Lehrers Emil Stieger und den Gesängen des Pfarrers Carl Jakob Eisenring – beide lebten um 1900 in der heutigen Gemeinde Mosnang. «Der schwarze Tod» handelt von der Pest in Mosnang im 16. Jahrhundert. Es wurde 1903 erstmals aufgeführt – und seither alle 20 bis 30 Jahre wieder, zuletzt 1995. Das Stück handelt von Krankheit und Tod, vom Leben und Lieben, von Wahn, Verhexung und einem Sündenbock – alles im Dorf Mosnang. Es endet mit einer Hochzeit und einer Danksagung an Gott.
«Der schwarze Tod» in Mosnang erstmals als Freilichtspiel aufgeführt. Die Inszenierung steht unter der Verantwortung des Vereins Bühne Thurtal. Leitend beteiligt sind der Intendanten Willy Hollenstein, der Autor Paul Steinmann (Drehbuch) und Regisseur René Schnoz. Es spielen vornehmlich örtliche Laienschauspielerinnen und -schauspieler und der Männerchor Mosnang. (rp)
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