Claudia Buhlmann: Weihnachtsfreude liegt in der Luft
Lieder, Geschichten, der erste Schnee und Adventskalender. Das sind die Dinge, die bei Radiopredigerin Claudia Buhlmann die Vorfreude auf Weihnachten wecken. Dieses Jahr ist es ein ungeöffneter Adventskalender, der es ihr angetan hat.
Claudia Buhlmann*
Einen schönen, guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, ich bin in Weihnachtsstimmung – ich singe vor mich hin, wie ich es schon in meiner Kindheit getan habe. «Fröhliche Weihnacht überall, tönet durch die Lüfte froher Schall, Weihnachtston, Weihnachtsbaum, Weihnachtsduft in jedem Raum, Fröhliche Weihnacht überall, tönet durch die Lüfte froher Schall.» Dieses Lied geht mir schon tagelang durch den Kopf. Kennen Sie es?
Es heisst: «Fröhliche Weihnacht»und ich liebe es, weil es von der Weihnachtsfreude singt, die quasi «in der Luft liegt». Heute ist der 14. Dezember und es sind nur noch 10 Tage bis Heiligabend. Ich mag die Weihnachtszeit. Für mich ist das, wie man so sagt, tatsächlich «die schönste Zeit im Jahr».
Stress, Rummel, Vermarktung
Ich weiss, dass es nicht allen Menschen so geht, wie mir. Einige von uns haben in dieser Zeit besonders viel Stress und stehen mächtig unter Druck. Anderen löscht der Weihnachtsrummel, der zum Teil schon im September beginnt, einfach ab. Manche fühlen sich einsam, jetzt, wo sich so viel um Familie und Gemeinschaft dreht.
Bisher habe ich mir weder von der Arbeit noch von der Vermarktung des Weihnachtsfestes meine Weihnachtsfreude verderben lassen. Selbst einsame oder Weihnachtstage mit Streit, haben meine Liebe zu Weihnachten nicht kleingekriegt. Vermutlich liegt es daran, dass ich nicht aufhören kann, über das Besondere dieser Winter- und Weihnachtszeit zu staunen.
Ein «Weltwunder»
Jedes Jahr begrüsse ich den ersten Schnee wie ein Weltwunder. Jedes Jahr nehme ich beim Binden eines Adventskranzes die Tannenzweige in die Finger, befühle die Nadeln, rieche daran und freue mich über ihr immergrünes Kleid und ihren Duft.
Ich könnte weiterschwärmen: vom Kerzenschein am Abend, von Räucherstäbchen, von gebratenen Äpfeln und Lebkuchen, vom Geräusch, dass das Knacken von Nüssen macht und von den Meisen im Fliederbaum. Adventskalender, die mich durch diese Zeit genauso begleiten, wie die alten Lieder, habe ich besonders gern.
Adventskalender
Vielleicht haben Sie auch einen Adventskalender daheim oder Sie haben einen an einen lieben Menschen verschenkt? Es gibt diese Kalender mittlerweile in allen möglichen Varianten. Da sind die «Selbstgebastelten» mit 24 Säckchen, die mit Süssigkeiten oder hübschen, kleinen Dingen gefüllt werden. Da sind die «Literarischen» mit Geschichten und Gedichten für die Tage vom 1. bis zum 24. Dezember. Es gibt die mit Tee oder Schokolade gefüllten Kalender und man kann Sie sogar mit 24 verschiedenen Bieren darin oder mit Kosmetikartikeln befüllt kaufen.
Meine liebsten Adventskalender sind die aus Papier. Besonders die kleinen, die in einen Briefumschlag passen. Ich versende sie an Freundinnen und Familienangehörige und bekomme selbst jedes Jahr einige von ihnen zugeschickt. Bis ich morgens alle Türchen geöffnet habe, kann das schon eine Weile dauern.
Der ungeöffnete Kalender
In diesem Jahr erlebe ich etwas Neues: Einer der Kalender bleibt ungeöffnet. Seit dem 1. Dezember nehme ich ihn jeden Tag in die Hand und überlege, ob ich seine Türchen öffnen soll. Ich entscheide mich immer wieder dagegen und stelle den Kalender an seinen Platz zurück.
Das gab es noch nie und es liegt daran, dass er ein Bild zeigt, dass mich so fasziniert, dass ich es nicht durch das Öffnen der Türen «zerstören» möchte. Es handelt sich dabei nicht um ein Bild von der heiligen Familie oder um mit Glitzer überpuderte, mit Geschenken behangene Weihnachtsbäume. Es ist kein Bild vom Weihnachtsmarkt und auch keine Abbildung aus einem beliebten Kinderbuch.
Die Tiere von Weihnachten
Der Kalender zeigt einen mit wenigen Weihnachtskugeln geschmückten Baum im Winterwald. Hinter dem Baum strahlt Licht hervor und vor ihm stehen Tiere, die mich direkt anschauen. Tiere gehören zur Weihnachtsgeschichte aus der Bibel und zu den vielen drumherum erzählten Legenden. Es gibt kaum ein Bild vom Stall in Bethlehem ohne Ochs und Esel, kaum eine aufgebaute Weihnachtskrippe ohne Schafe und Kamele.
Die Tiere auf meinem Kalender kommen in keiner dieser Geschichten vor. Auf meinem Kalender steht ein Wolf neben einem Hirsch und ein Fuchs neben einem Murmeltier und einem Igel. Da sitzt ein Bär hinter zwei Waschbären und einem Hasen und ein Dachs hebt seinen Kopf. Um den Baum kreisen drei Rotkehlchen und eine Schleiereule.
Ein Zusammenstehen
Das Bild lässt mich nicht los. Mich fasziniert das Zusammenstehen von Tieren, die sich eigentlich gegenseitig auffressen müssten. Die Tiere sitzen und stehen sehr eng beieinander: Fell an Fell und es sieht so aus, als ob sie diese Nähe suchen würden. Sie wenden der Betrachterin ihre Gesichter zu und zeigen sich von vorn: stark und verletzlich. Es irritiert mich, dass sie mir alle direkt in die Augen sehen.
Das ist anders als auf vielen Kalenderbildern, die ich kenne und auf denen die abgebildeten Tiere eher «schmückendes Beiwerk» sind. Mein Kalender zeigt jedes Tier, gross oder klein, in seiner eigenen Kraft. Jedes Mal, wenn ich das Bild betrachte, habe ich das Gefühl, das es zu mir spricht, dass diese tierische Gemeinschaft mir etwas sagen will.
Friede auf Erden
Es hört sich an wie: «Schau uns an: Hier stehen Freund und Feind zusammen. Hier gilt nicht: fressen und gefressen werden. Es geht auch anders!» Ich werde die Türchen des Kalenders weiterhin nicht öffnen, weil das Bild für mich die Botschaft der Engel «Friede auf Erden» (Lukas 2,14) in einer Deutlichkeit zeigt, der ich mich nicht entziehen will. Dieses Bild als Ganzes zu bewahren, bedeutet mir mehr als 24 Überraschungen hinter den mit Datum angeschriebenen Türchen.
Ich weiss nicht, wer sich diese Darstellung ausgedacht hat, aber es ist für mich eine Vision von der Welt, wie sie sein könnte. Das Bild hält einen Moment fest, der sagt: friedliches Zusammensein ist möglich. Das Bild wirkt auch wie ein Spiegel auf mich: Wenn ich es ansehe, fühle ich Kräfte, die mich aufrichten und die mir Mut machen, mich selbst stark und verletzlich zu zeigen.
Muster aufbrechen
Meine Augen, die das Bild betrachten, lernen neu zu sehen. Ich bin konfrontiert mit einer Realität, die alte Muster aufbricht und herkömmliche Sichtweisen hinter sich lässt. Starke und schwache Tiere, kleine und grosse Tiere, stehen alle auf einer Stufe. Die Welt im Weihnachtswald lässt sich nicht mehr einteilen in «fressen» oder «gefressen werden», in Gewinner und Verlierer.
Ich fühle mich ermutigt, zu denken: «Wenn Tiere so zusammenstehen können, müssen wir Menschen das doch auch können.» Ich frage mich: «Woran liegt es, dass wir uns so schwertun, uns mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen zu vertragen?»
Himmel und Erde verbinden
Heute, liebe Hörerinnen und Hörer, ist der dritte Advent, Weihnachten liegt in der Luft. Die Botschaft, die die Engel im Lukasevangelium den Hirten auf dem Feld verkünden, hat für mich in unserer heutigen Welt nichts von ihrer Bedeutung verloren. Sie verbindet den Himmel mit der Erde, sie verbindet oben und unten, stark und schwach und sagt: «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen». (Lukas 2,14)
Es ist mehr als das Staunen über die guten Düfte, Tannengrün und Kerzenschein, was mich in Weihnachtsstimmung versetzt.
Es ist der Gedanke, dass die Geburt des Jesuskindes mich an die Kraft der Liebe und die Möglichkeit eines gelingenden Lebens für alle erinnert, der mich froh macht.
Es ist die starke Botschaft von Zusammenstehen und Frieden, die der kleine Kalender so ungewohnt ins Bild setzt, die mich singen lässt. Amen.
*Claudia Buhlmann ist evangelisch-reformierte Pfarrerin in Münchenbuchsee-Moosseedorf
Die SRF-Radiopredigten sind eine Koproduktion des Katholischen Medienzentrums, der Reformierten Medien und SRF2 Kultur.
Zu den SRF-Radiopredigten geht es hier.
Das Archiv der Radiopredigten und weitere Informationen um die Radiopredigten finden Sie hier.
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




