Christoph Casetti  | © zVg
Schweiz
Christoph Casetti | © zVg

Churer Bischofsvikar: «Besessenheit kann eine Realität sein»

Chur, 19.9.16 (kath.ch) Christoph Casetti, Bischofsvikar in der Diözese Chur, hat den am Freitag verstorbenen italienischen Exorzisten Gabriele Amorth gewürdigt. «Ich halte ihn für einen grossen Fachmann auf diesem Gebiet. Ich schätzte seine nüchterne Art», sagte Casetti, der Amorth nicht persönlich kannte, auf Anfrage gegenüber kath.ch. Der Bischofsvikar ist im Bistum Chur erste Ansprechperson für Menschen, die sich von Dämonen besessen fühlen.

Barbara Ludwig

Amorth, der am Freitag im Alter von 91 Jahren gestorben ist, war langjähriger Exorzist des Bistums Rom. Der Ordensmann wurde laut der Nachrichtenagentur CIC (18. September) durch zahlreiche Bücher und Interviews über Teufelsaustreibungen bekannt. Casetti sagte gegenüber kath.ch, er habe die Bücher von Amorth, in denen dessen «riesige Erfahrung» zum Ausdruck komme, als «hilfreich» empfunden. «Ich habe alle seine Bücher, sofern sie auf Deutsch übersetzt wurden, gelesen.»

Hohe Zahl von Exorzismen nicht problematisch

Er sei zwar seit zwei Jahren Mitglied der von Amorth gegründeten «Internationalen Vereinigung von Exorzisten», habe aber den Gründer nicht persönlich kennengelernt und auch nie an einer Versammlung der Vereinigung teilgenommen. Amorth leitete die Vereinigung laut CIC bis 2000. Casetti zeigte sich beeindruckt von der Art und Weise, wie der verstorbene Exorzist die Thematik «in theologischer und geschichtlicher Hinsicht» aufgearbeitet habe. Der Ordensmann sei auch an einer Zusammenarbeit mit Psychiatern interessiert gewesen, so Casetti.

Amorth hat nach eigenen Angaben zwischen 1986 und 2000 mehr als 50’000 Exorzismen vorgenommen, wie CIC meldete. Der Churer Bischofsvikar, der auch selber Heilungsgebete durchführt, hält diese hohe Zahl nicht für problematisch. Bei den Exorzismen seien nicht zwingend 50’000 Betroffene involviert gewesen. Es sei möglich, dass eine Person mehrmals den Exorzismus in Anspruch genommen habe. Und natürlich könne es sein, dass er selber im Einzelfall anders gehandelt hätte, sagte Casetti.

Imageschaden für Kirche?

Auf die Frage, welchen Einfluss die Tätigkeit von Amorth auf das Image der römisch-katholischen Kirche hatte, antwortete Casetti, das sei wahrscheinlich sehr unterschiedlich. Die offizielle katholische Kirche, und auch die orthodoxe Kirche, rechne mit der «Präsenz von Dämonen» und gehe davon aus, dass «Besessenheit eine Realität sein kann. Wer die Tätigkeit von Amorth aus dieser Perspektive betrachtet, den stört sie nicht», so Casetti. «Auch Befreite sehen das nur positiv.» Diejenigen allerdings, «die vom Teufel Abschied nehmen wollen und ihn für ein Relikt des Mittelalters halten», würden exorzistische Aktivitäten als «Scharlatanerie» einstufen und deshalb als imageschädigend betrachten.

Für Menschen, die sich von Dämonen besessen fühlen, ist Casetti seit längerem eine wichtige Adresse. Er werde oft angesprochen, weil er im Internet auffindbar sei. Seit einigen Jahren jedoch sei er im Ordinariat Ansprechperson für Betroffene. Um Mitglied der «Internationalen Vereinigung von Exorzisten» zu werden, brauche es eine «bischöfliche Beauftragung», sagte Casetti. Und er habe der Vereinigung beitreten wollen, um sich am internationalen Erfahrungsaustausch beteiligen zu können. Das Thema «Exorzismus» sei ein Bereich, der im Theologiestudium kaum behandelt werde.

Casetti betet immer wieder mit Betroffenen

Im Gespräch mit dem Betroffenen versuche er zu klären, worum es geht, ob die Person bereits in medizinischer Behandlung ist, ob allenfalls «etwas auf geistlicher Ebene» vorliegt. Jeder Fall sei ein Einzelfall. «Wenn man sieht, die Person ist krank, motiviert man sie zu einem Arztbesuch», betonte Casetti. Er arbeite auch mit Psychiatern zusammen. In der Schweiz pflegen laut Casetti Priester, Theologen, Ärzte, Psychologen und Psychiater, die sich mit dem Thema befassen, den Erfahrungsaustausch.

Manchmal delegiert Casetti Anfragen von Betroffenen an andere Priester im Bistum Chur, die dann Heilungs- und oder Befreiungsgebete durchführen können. Aber auch er selber kümmert sich um Menschen, die glauben, sie seien vom Teufel besessen. «Ich mache immer wieder Heilungs- beziehungsweise Befreiungsgebete für einzelne Menschen, zum Teil im Zusammenhang mit einer Krankensegnung oder einer Krankensalbung.» Manchmal bete er dabei den Rosenkranz, Litaneien – etwa die Litanei zum heiligen Raphael – oder Gebete um die Heilung von Emotionen.

Anfragen aus Deutschland

Wie oft er den sogenannten «Grossen Exorzismus» durchführe, für den es die Zustimmung des Bischofs braucht, wollte Casetti nicht sagen. «Ich führe keine Statistik. Es kommt immer mal wieder vor, aber nicht jeden Tag.»

Der Bischofsvikar bekommt öfters auch Anfragen aus Deutschland, «weil es dort fast keine Exorzisten gibt». Als Hauptgrund für die Zurückhaltung der deutschen Bischöfe in Sachen Exorzismus nennt Casetti den Fall «Anneliese Michel», die 1976 im Zusammenhang von Exorzismen starb.

 

Exorzismus

Unter «Exorzismus» (griechisch «exorkizein» für «Dämonen abwehren») wird ein im Namen Gottes an den Teufel gerichteter Befehl verstanden, Menschen oder Gegenstände zu verlassen, beziehungsweise sie in Ruhe zu lassen. Die Vollmacht und den Auftrag, einen Exorzismus durchzuführen, leitet die Kirche vom direkten Auftrag Jesu im Markusevangelium ab. Sein Vollzug hat trotz der imperativen Formel (»Weiche, Satan!») nichts mit Magie zu tun, sondern ist feierliches Gebet zu Gott im Namen und Auftrag Christi und der Kirche.

Man unterscheidet zwischen dem kleinen Exorzismus (etwa im Zusammenhang mit der Taufspendung, der Weihwasser- und Ölweihe) und dem grossen Exorzismus bei Besessenheit. Letzteren dürfen nur Priester erteilen, die sich durch Frömmigkeit, Klugheit und unbescholtenen Lebenswandel auszeichnen. Das Kirchenrecht fordert die besondere Erlaubnis des Bischofs für jede Anwendung des grossen Exorzismus. Die nahe Grenze zur psychischen Krankheit ist zu beachten. Der Exorzist darf keine Tätigkeit ausführen, die einem Arzt obliegt. (sys)

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