Joseph Voutaz vor dem Geburtshaus von Maurice Tornay in La Rosière VS.
Schweiz

Der Selige aus dem Wallis mit dem «schlechten Charakter»

Sich jeden Tag von der Weisheit des seligen Maurice Tornay (1910-1949) inspirieren zu lassen. Dazu will Joseph Voutaz, Chorherr vom Grossen Sankt Bernhard, anregen. Er hat ein Buch über den Walliser geschrieben, der 1949 auf dem Weg zum Dalai Lama erschossen wurde.

Raphäel Zbinden, cath.ch

11. August 1949. Kurz nach der Überquerung des Choula-Passes (d.Red., in Sichuan, China) kommen vier Männer des Lama-Klosters Kamda aus dem Gebüsch und Schüsse knallen. Maurice Tornay und Doci, sein treuer Diener, brechen zusammen. Der Walliser Priester, Chorherr vom Grossen Sankt Bernhard, hätte Tibet, wo er seit 1938 als Missionar tätig war, für immer verlassen können, als er sich bedroht wusste. Er wollte jedoch unter seinen Gemeindemitgliedern bleiben. Sein Märtyrertum im Namen des Glaubens wurde 1992 anerkannt. Ein Jahr später wurde er von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.

Der aus dem Weiler La Rosière oberhalb von Orsières stammende Maurice Tornay ist der einzige Selige aus dem Wallis. Tornay hat den Pfarrer von Orsières, Joseph Voutaz, schon immer fasziniert. Er ist ebenfalls Chorherr vom Grossen Sankt Bernhard. Um dem Seligen die Ehre zu erweisen, hat Voutaz in einem kleinen Buch inspirierende Zitate seines berühmten Mitbruders gesammelt.

Maurice Tornay, Abschied von Freunden in der Schweiz, Aufnahme von 1936
Maurice Tornay, Abschied von Freunden in der Schweiz, Aufnahme von 1936

Das Buch trägt den Titel «365 jours avec le bienheureux Maurice Tornay» (zu Deutsch: 365 Tage mit dem seligen Maurice Tornay) und ist im Verlag Editions St-Augustin (St-Maurice) erschienen. Es ist eine Art Kalender mit starken Aussagen des Missionars, die hauptsächlich aus seiner umfangreichen Korrespondenz stammen. Gegenüber cath.ch erläuterte Voutaz Sinn und Zweck des Buchprojekts.

Es wurden bereits Bücher über Maurice Tornay geschrieben. Was können Sie mit diesem Buch noch erreichen?

Joseph Voutaz: «Ich komme eigentlich aus Sembrancher, einem Dorf direkt unterhalb von Orsières. Vor zehn Jahren wurde ich zum Pfarrer von Orsières ernannt. Damals habe ich mich näher mit Maurice Tornay, dem «Kind des Ortes», beschäftigt. Ich stellte fest, dass er hier zwar bekannt war, aber nicht so hoch angesehen. Vielleicht einfach deshalb, weil niemand ein Prophet im eigenen Land ist.»

«Tatsächlich hatte er vor allem den Ruf, einen schlechten Charakter zu haben.»

Tatsächlich hatte er vor allem den Ruf, einen schlechten Charakter zu haben. Ein Satz, der hier kursiert und der von denen, die ihn kannten, stammt, lautet: «Wenn er heilig sein konnte, dann kann es jeder.» Aber als ich mich mit seinen Schriften beschäftigte, wurde mir klar, dass man ihn nicht auf seinen Ruf reduzieren darf.  Ich fand es hilfreich, dass man in seinen Zitaten die ganze Kraft des Charakters und die Tiefe seiner Gedanken wiederfinden kann.

Aber warum diese Form des Kalenders?

Voutaz: Ich bin kein Bücherwurm und schreibe nicht besonders leidenschaftlich. Es war für mich eine einfache Möglichkeit, ihn besser bekannt zu machen oder einfach nur kennen zu lernen. Ich mag diesen Stil von Büchern sehr, die einem jeden Tag die Gelegenheit geben, ein Wort zu finden, das einen unterstützt, das einem hilft, weiterzumachen. Ich persönlich habe die Angewohnheit, wenn es in meinem Leben manchmal nicht so gut läuft, inspirierende Gedanken zu lesen, und die von Maurice Tornay haben mir immer sehr geholfen. Ich hoffe, dass sie den Weg der Leser erleuchten können.

«Je näher sein Ende rückt, desto dunkler wird sein Schreiben.»

Wie haben Sie die Zitate ausgewählt?

Voutaz: Es gibt eine grobe chronologische Reihenfolge, die den Ereignissen in seinem Leben entspricht. Es gibt Zeiten, in denen er lyrischer und heller ist. Je näher sein Ende rückt, desto dunkler wird sein Schreiben, man spürt, dass er sich mehr Sorgen macht. Ich habe darauf geachtet, einige Zitate mit der jeweiligen Jahreszeit in Verbindung zu bringen. Es gibt Passagen, in denen er über Weihnachten und die Ferien spricht… Ich hoffe, dass ich auch vom Heiligen Geist geleitet wurde, um die inspirierendste Auswahl zu treffen. Das Buch ist eher für Menschen gedacht, die auf homöpathische Weise lesen wie ich.

Was berührt Sie besonders an der Person von Maurice Tornay?

Voutaz: Er ist fesselnd. Er hatte tatsächlich einen schlechten Charakter, er war kein einfacher Mensch. Aber ich denke, er war vor allem ein Panzer für einen hypersensiblen Menschen. Diese Dimension findet man immer wieder in seinen Briefen. Wenn er an seine Familie schrieb, verbarg er seine Emotionen nicht und erwähnte insbesondere seine Tränen. Er ist rührend, weil er sehr menschlich ist. Er ist kein heroischer Seliger, der ein perfektes Leben führt, er hat seine Zweifel, seine Entmutigungen, aber schliesslich geht er hin, er überlässt sich Gott.

Ist er ein «Heiliger von nebenan», wie Papst Franziskus sagt?

Voutaz: Auf jeden Fall. Er ist wie wir. Nicht besser, nicht schlechter. Aber er ist selig, weil er einen Weg öffnet.

«In seinen Briefen spricht er von der Gnade Gottes und bittet im nächsten Satz darum, dass seine Familie ihm neue Unterhosen schickt.»

Ist er ein echter Walliser?

Voutaz: (lacht) Ja, zweifellos, auf jeden Fall ein Bergbewohner. Er war integer, ausdauernd und entschlossen. Er hat eine sehr bäuerliche und bodenständige Seite, die mit einer sehr starken spirituellen Dimension verbunden ist. Diese beiden Aspekte vermischen sich oft in seinen Briefen, in denen er von der Gnade Gottes spricht und im nächsten Satz darum bittet, dass seine Familie ihm neue Unterhosen schickt.

Reliquien-Prozession in Orsières

Am Sonntag, den 20. Oktober 2024, findet in der Kirche von Orsières ein Fest zum Abschluss des Jubiläumsjahres anlässlich des 75. Jahrestages des Martyriums von Maurice Tornay statt. An der Veranstaltung werden Jean-Marie Lovey, Bischof von Sitten, und Jean-Pierre Voutaz, Propst des Großen Sankt Bernhards, teilnehmen. Zum ersten Mal werden die Reliquien des Seligen in einer Prozession durch das Dorf getragen. (rz)

War er ein Symbol für die Spiritualität des Grossen Sankt Bernhards?

Voutaz: Die Chorherren hatten sicherlich eine Leidenschaft für die Berge und die Idee, dass sie ein privilegierter Ort sind, um Gott zu begegnen. Und Maurice Tornay hatte zweifellos diese Sensibilität. Die Chorherren hatten schon immer ein Charisma der Hilfe, früher ein physisches Charisma, da es darum ging, den Menschen, die den Pass überquerten, zu helfen, heute ein eher spirituelles. Maurice Tornay tat dies, als er nach Tibet reiste und sich bemühte, den Menschen dort in einem äusserst schwierigen und undankbaren Umfeld Gott näher zu bringen. Eine Mission, die in grosser Bescheidenheit und Selbstlosigkeit ausgeführt wurde.

Spricht seine Botschaft auch heute noch zu den Menschen von heute?

Voutaz: Ich bin davon überzeugt, und zwar auf mehreren Ebenen. Wir leben heute in einer Welt, die nach Sinn sucht und dem irdischen Leben viel Gewicht beimisst. Maurice Tornay spricht in seinen Briefen immer wieder vom Himmel. Er ist Teil dieser Perspektive, in der er nicht um jeden Preis überleben will und seine ganze Hoffnung auf Gott setzt. Der Herr ist in seinem Leben allgegenwärtig, und das ist auch das, was ich mit meinem Buch vermitteln möchte, ihm jeden Tag einen Platz einzuräumen.

«Wir müssen uns beeilen, andere waren in unserem Alter schon heilig.»

Aber was mich vielleicht am meisten berührt, ist dieser Begriff der Dringlichkeit. Nicht umsonst findet sich auf dem Buchumschlag eine Passage aus einem Brief an seine Schwester, in der er sagt: «Wir müssen uns beeilen, andere waren in unserem Alter schon heilig.» Da unser Leben hier auf der Erde schnell vergeht, sollten wir nicht vor uns hin vegetieren – ein Zustand, zu dem uns unsere heutige Welt leicht verleiten kann. Wir sollten nicht zögern, in den Himmel zu investieren. Maurice Tornay sagt uns: «Laufen wir für Gott, es lohnt sich zu leben, zu lieben…». (cath.ch/Adaption: bal/kath.ch)

Auf dem Weg zum Dalai Lama erschossen: Maurice Tornay

Maurice Tornay wurde 1910 in Orsières im Wallis geboren. Er wurde Mitglied der Kongregation vom Grossen Sankt Bernhard und 1938 in Hanoi in Vietnam zum Priester geweiht. Während einigen Jahren leitete er ein Knabenseminar, in dem der einheimische Priesternachwuchs ausgebildet wurde. Für kurze Zeit war der Walliser Pfarrer in Yerkalo, der einzigen Missionsstation im unabhängigen Tibet. Dort wurde er von den Lamas angefeindet und ausgewiesen.1949 schloss sich Tornay einer Karawane nach Lhasa an, um beim Dalai Lama vorzusprechen. Auf halbem Weg wurde er zur Umkehr gezwungen und mit seinem tibetanischen Diener erschossen. Papst Johannes Paul II. ernannte ihn 1992 zum Märtyrer und sprach in 1993 selig. (bal)

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Joseph Voutaz vor dem Geburtshaus von Maurice Tornay in La Rosière VS.
16. Oktober 2024 | 17:00
Lesezeit : ca. 5  Min.
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