Suheil (6). Der Syrien-Krieg hat ihm alles genommen. Auch seine Sprache | © 2015 Alexandra Wey/Caritas Schweiz
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Suheil (6). Der Syrien-Krieg hat ihm alles genommen. Auch seine Sprache | © 2015 Alexandra Wey/Caritas Schweiz

Caritas: Schweiz nimmt 15'000 syrische Flüchtlinge auf und niemand merkt’s

Bern, 25.3.15 (kath.ch) Die Schweiz nimmt dieses Jahr 15›000 syrische Flüchtlinge auf und niemand merkt’s. So lautet die aktuelle Botschaft von Caritas Schweiz. Der konkrete Vorschlag heisst: jede Schweizer Gemeinde nimmt eine Flüchtlingsfamilie auf. Das Hilfswerk ist im Nahen Osten in der Soforthilfe tätig. Wegen der Gefahrenlage ist Diskretion verlangt. Immer drängender wird zudem die Notwendigkeit, die gewachsenen sozialen Spannungen zwischen Flüchtlingen und Aufnahmeland abzubauen.

Georges Scherrer

In einen Pilotprojekt will die Schweiz innerhalb von drei Jahren 500 Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen. Das löst bei vielen Leuten ein Stirnrunzeln aus. Marianne Hochuli von der Fachstelle Migrationspolitik bei Caritas Schweiz bringt es auf den Punkt: Damit tue die Schweiz so, als haben sie «keine Erfahrung mit der Aufnahme von Flüchtlingen». Den 500 geplanten Aufnahmen stellt Hochuli die 58’000 Kosovaren und 14’000 Ungarn gegenüber, welche die Schweiz vor Jahren ohne grosse Probleme aufnahm.

Abschottung der Schweiz

Caritas-Präsident Hugo Fasel drückt das Zaudern der Schweiz in anderen Worten aus. Nicht humanitäre Überlegungen und Traditionen, sondern die aktuelle inländische politische Grosswetterlage bestimmt die Gangart des Bundes in Sachen Syrienflüchtlinge. Wenn Schweizer Politiker vor den Parlamentswahlen im kommenden Herbst aus der humanitären Katastrophe im Nahen Osten Kapital zu schlagen versuchen, dann «handeln diese verantwortungslos», so Fasel.

Die Herausforderungen im Nahen Osten sind gewaltig. Vor kurzem hat der Bundesrat die Syrienhilfe von 30 Millionen auf 50 Millionen Franken aufgestockt. Das ist viel zu wenig, findet Caritas Schweiz. 100 Millionen Franken wären besser. Caritas-Präsident Fasel wies als Vergleich an einer Pressekonferenz am Mittwoch, 25. März, in Bern daraufhin, dass das internationale Caritas-Netz in den vergangenen drei Jahren für die syrischen Vertriebenen Hilfe in der Höhe von 300 Millionen Franken geleistet habe und damit einer Millionen Flüchtlingen das Überleben sicherte.

Die Hilfe erfolgt über Caritas-Stellen in Nahost und Partnerorganisationen. Fasel gibt sich diskret, wenn es um konkrete Beispiele geht. In Nahost sei die Gewaltsituation derart komplex, «dass man lieber darüber schweigt, welche Organisationen finanziell unterstützt werden. Solche Infos locken lediglich Erpresser und Entführer auf den Plan und bedrohen die konkreten Hilfsprojekte».

Soziale Stabilität gewährleisten

Neben der Soforthilfe ist Caritas vermehrt auch im Kampf gegen die wachsenden sozialen Spannungen zwischen Flüchtlingen und Bewohnern in den Gastländern aktiv. Ein Beispiel: Im Libanon stellen die Aufgenommen bereits einen Viertel der Bevölkerung dar. Das führe zu ungeheuren Spannungen auf dem Arbeitsmarkt und in der Wohnsituation. Steigende Mieten würden die zum Teil selber arme einheimische Bevölkerung erzürnen, sagte in Bern Barbara Brank, Programmverantwortliche Syrienkrise bei Caritas Schweiz. Die Hilfsgelder würden darum auch eingesetzt, um eine Stabilität auf dem Wohnungsmarkt zu erreichen.

Spitäler und weitere medizinische Einrichtungen seien in den Aufnahmeländern oft überlastet. Darum unterstützt das internationale Caritas-Netzwerk die Errichtung von zusätzlichen Kliniken. Eine weitere immense Aufgabe ist der Schutz und die Ausbildung der Jugend. Viele Eltern getrauten sich nicht mehr, in Syrien und im Irak ihre Kinder in die Schulen zu schicken, weil diese besonders gefährdet seien. In den Flüchtlingslagern würden Kinder oft als Arbeitskräfte eingesetzt, statt in die Schule gestickt zu werden. Ihre Arbeit helfe die Not lindern.

Viele Flüchtlinge seien traumatisiert. Nicht nur wegen der Schreckensbilder, die sie in ihrer Heimat sehen mussten, sondern auch wegen des Drucks im Aufnahmeland, dem sie ausgesetzt seien. Die wachsenden sozialen Spannungen führten vermehrt zu «teils offenen Anfeindungen seitens der Aufnahmebevölkerung». Die Not wachse, die Hilfsmittel halten aber nicht Schritt, konstatiert Barbara Brank.

Verzagter Bundesrat

Als Sofortmassnahme fordert Caritas Schweiz neben der Aufnahme von 15’000 Flüchtlingen und der Aufstockung der eidgenössischen Hilfe auf 100 Millionen Franken, dass sich die Schweiz wieder ihres Leaderships im humanitären Bereich bewusst wird. Die Schweiz soll bei den Ländern des Schengen-Raums eine aktive Rolle einnehmen und darauf hinwirken, dass die Aufnahmekontingente erhöht und die Lasten besser unter den europäischen Ländern verteilt werden.

Innerhalb der Schweiz müsse der Bundesrat mehr Mut aufbringen und hinstehen, wenn wie zum Beispiel bei einer öffentlichen Diskussion über ein Asylzentrum im freiburgischen Giffers Befürworter des Zentrums niedergeschrieen würden. Der Bundesrat müsse sich ein Beispiel an der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel nehmen, die öffentlich Stellung nahm und zuhanden der fremdenfeindlichen Bewegung Pegida erklärte: Das ist nicht zulässig. (gs)

Syrische Familie in Jordanien | © 2015 Alexandra Wey/Caritas Schweiz
Syrische Familie in Jordanien | © 2015 Alexandra Wey/Caritas Schweiz
Syrische Familie in Jordanien | © 2015 Alexandra Wey/Caritas Schweiz
Syrische Familie in Jordanien | © 2015 Alexandra Wey/Caritas Schweiz
Syrische Flüchtlinge im Libanon | © 2015 Sam Tarling/Caritas Schweiz
Syrische Flüchtlinge im Libanon | © 2015 Sam Tarling/Caritas Schweiz
Syrische Flüchtlinge im Libanon | © 2015 Sam Tarling/Caritas Schweiz
Syrische Flüchtlinge im Libanon | © 2015 Sam Tarling/Caritas Schweiz
Caritas Schweiz informiert in Bern über Syrien: v.l. Hugo Fasel, Marianne Hochuli, Barbara Brank | © 2015 Jacques Berset
Caritas Schweiz informiert in Bern über Syrien: v.l. Hugo Fasel, Marianne Hochuli, Barbara Brank | © 2015 Jacques Berset

Dank Syrien: Preis für menschliche Nieren gesunken

Makaber, zynisch, brutal: Mit diesen Worten lässt sich die Situation der Flüchtlinge in Nahost umschreiben. Die Zahlen sind eindrücklich. Syrien zählt acht Millionen Binnenflüchtlinge. Vier Millionen suchten in Nachbarländern Zuflucht. Die Misere ist immens. Um zu überleben würden Kinder an den Meistbietenden in der Prostitution verkauft. Verletzte Menschen würden nicht gepflegt. Ihnen würden vielmehr Organe entnommen und verkauft: Caritas-Direktor Hugo Fasel: «Mittlerweile sind es so viele, dass der Schwarzmarkt-Preis für eine Niere deutlich gesunken ist.»

Ein weiteres lukratives Marktsegment habe sich aufgetan: Die Leichen von Getöteten würden für einen «Rückgabepreis» an die Angehörigen verkauft. Fazit von Caritas Schweiz: Die wehrlose Zivilbevölkerung wird zwischen den Fronten zerrieben. Sie darf nicht allein gelassen werden, fordert darum das Hilfswerk. (gs)

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