Die Kühle im Grossmünster ist förmlich zu spüren.
Schweiz

Brütende Hitze draussen? Rein in die «coolen» Kirchen!

Alte Kirchen bleiben dank ihrer dicken Mauern im Sommer meist angenehm kühl. Viele Kirchen bieten «coole» Erfrischung. Auch in der Schweiz suchen Menschen Zuflucht im sakralen Schatten.

Wolfgang Holz

«Für das Fraumünster sowie für das Grossmünster in Zürich gilt in diesen Tagen gleichermassen: Gäste schätzen die Abkühlung und verweilen tendenziell auch länger im Kirchenraum», versichert Stefan Gisi, Bereichsleiter Kommunikation und Administration der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Zürich, auf Anfrage von kath.ch.  

Etwa zehn Grad darunter 

«Man kann sagen, dass bei diesen heissen Temperaturen draussen die Temperatur in den beiden Münstern etwa 10 Grad unter der Aussentemperatur liegt», sagt Gisi. Deshalb schlügen wohl etwa ein Drittel mehr Besucherinnen und Besucher als sonst den Weg in die beiden grossen Kirchen ein «und halten sich dort etwa auch ein Drittel länger auf», so der Kommunikationsleiter.

Auch das Fraumünster strahlt eine angenehme Kühle aus.
Auch das Fraumünster strahlt eine angenehme Kühle aus.

In den dicken Mauern dieser Kirchen stecke eben noch die Kühle des Winters, und die Feuchtigkeit im Stein sorge zusätzlich für eine gewisse Verdunstungskälte. Bei einer Temperaturmessung in den Kirchen vor kurzem zeigte das Thermometer zwischen 24 und 26 Grad an.

Es gibt auch etwas zu sehen

Wobei das Grossmünster und das Fraumünster selbstverständlich nicht nur Menschen durch ihre Kühle anlocken – schliesslich gibt es dort auch viel kunsthistorisch-sakral Wertvolles zu bestaunen. Die Chagall-Kirchenfenster, die Chorfenster von Augusto Giacometti und vieles mehr.

Chagalls Jakobsfenster im Zürcher Fraumünster
Chagalls Jakobsfenster im Zürcher Fraumünster

In der Tat. Wie das Amen im Gebet tauchen jedes Jahr im Sommer mit der ersten Hitzewelle mehr Menschen in Gotteshäusern auf, um sich einfach in die kühle Kirche zu setzen. Um zu beten. Oder um sich beispielsweise in einem Liegestuhl vom Alltagsstress auszuruhen.

Unter den Platanen rund um die Kirche

Auch in der Reformierten City-Kirche in Zug gibt es die Möglichkeit, über Mittag in Liegestühlen zu chillen. «So zwei bis drei Personen nehmen dieses Angebot in der Regel wahr», berichtet Hauswart Armin Niederberger gegenüber kath. Und jetzt in der Sommerhitze? «Es sind nicht mehr geworden», sagt Niederberger, weil sich die City-Kirche ebenfalls in der Sonne aufheize.

Tradition und Innovation: Zugs Pfarrer Andreas Haas vor der 1906 erbauten Jugendstilkirche, die im Schatten von alten Platanen liegt.
Tradition und Innovation: Zugs Pfarrer Andreas Haas vor der 1906 erbauten Jugendstilkirche, die im Schatten von alten Platanen liegt.

«Wir haben momentan rund 27 Grad Wärme im Kircheninnern», sagt er und lächelt. Und dennoch suchen über Mittag viele Zugerinnen und Zuger den sakralen Schatten der City-Kirche auf – nämlich im Park rund um die Kirche. Unter den weit ausladenden und Schatten spendenden Platanen. «Bis zu 40 bis 50 Personen treffen sich hier im Verlauf des Tages, um sich im Schatten zu entspannen und um zu essen», so Niederberger.

Einige liegen lieber auf die Bänke

Aber dies ist nicht überall so. Laut Sigrist Andreas Hoffmann von der Offenen Kirche St. Jakob in Zürich suchen trotz der Hitze nicht mehr Leute die Kirche auf, um die Kühle zu geniessen. «Es ist bei uns schon etwas kühler in der Kirche als draussen, aber es kommen deshalb nicht wirklich mehr Personen in den Kirchenraum – es gibt eher Personen, die sich bei uns auf die Kirchenbänke legen.»

Im Ausland wie in Österreich in der Erzdiözese Wien lädt die Kirche derweil explizit zum Besuch an den heissen Tagen ein und bietet in einigen Gotteshäusern extra Angebote wie Liegestühle, Bücher, Apps und Ausmalbilder für Kinder.

Ab 1800 wurde mit Ziegeln gebaut

Nikolaus Haselsteiner, Projektleiter Offene Kirche der Erzdiözese Wien,sagt gegenüber domradio.de: «Nicht alle Kirchen kühlen, sondern nur Altbau-Kirchen, die bis 1750 gebaut wurden. Ab 1800 begannen die Leute mit Ziegeln zu bauen, was praktisch und billig ist, aber sich wie ein Backofen aufheizt. Die guten alten Kirchen sind aus dicken Steinen gebaut und dort bleibt es drinnen lange kühl.»

Stephansdom in Wien
Stephansdom in Wien

Auch in München bieten 79 Kirchen eine kostenlose Zuflucht vor der Sommerhitze. Sie sind im Internet auf dem Geoportal der Stadt als offene Orte eingetragen, wie das Erzbistum München und Freising am Montag mitteilte. Der Katholische Männerfürsorgeverein München offeriert an starken Hitzetagen wohnungslosen Menschen mehrere Schutzmassnahmen. Spezielle Einrichtungen geben kostenfrei Trinkwasser, Sonnencreme und Sonnenschutzkappen aus.

Erholung in der Caféteria

Auch die Offene Kirche Bern bietet Obdach gegen die Hitze in der Caféteria. Wie Isabelle Schreier vom Präsenzdienst der Kirche gegenüber kath.ch versichert,  sei der Bahnhofplatz Bern sehr wetterexponiert, gerade bei Hitze und bei Kälte.

Die Caféteria in der Offenen Kirche Bern
Die Caféteria in der Offenen Kirche Bern

Das bedeute, so Schreier, dass auch die Menschen den Wetterbedingungen sehr ausgesetzt seien, und dass es im Sommer und bei Hitzeperioden auf dem Platz «sehr intensiv» zu und her gehe. «Spürbar wird Unruhe, Gereiztheit, teilweise kommt es auch zu Aggressionen.»

In der Offenen Kirche sei es dagegen oft etwas ruhiger und auch kühler», sagt Schreier. «Wir haben ganzjährig guten Besuch in der Kirche, weil den Menschen die Armut zusetzt, und es nicht viele Orte gibt, an welchen sie geschützt und in Ruhe einen Kaffee in der Caféteria geniessen können oder sich auch einfach aufhalten dürfen.»

Anzeige ↓ Anzeige ↑

Ob die Hitze tatsächlich mehr Menschen in die Kirche lockt? «Da bin ich überfragt», bekennt Isabelle Schreier. Manchmal sei jeder Tisch in der Caféteria besetzt, manchmal seien die Tische leer. «Um diese Frage genau beantworten zu können, müsste man die einfache Statistik, die wir führen, auswerten. Dazu fehlt mir aber die Zeit», so Schreier.

In Einsiedler Klosterkirche hat es 20 Grad

Am kühlsten ist es derzeit wohl in der Einsiedler Klosterkirche. «Unsere Klosterkirche hat aktuell eine Innentemperatur von angenehmen 20 Grad», berichtet Pater Philipp Steiner gegenüber kath.ch. Besucherinnen und Besucher seien deshalb positiv überrascht, wenn sie die Klosterkirche betreten.

Barocke "Coolness": Klosterkirche Einsiedeln
Barocke "Coolness": Klosterkirche Einsiedeln

«Ein stärkeres Besucheraufkommen infolge kühler Kirche können wir nicht verzeichnen, vielmehr bleiben die Leute bei Hitze eher daheim. Aber ein Besuch der Einsiedler Klosterkirche lohnt sich natürlich alleweil», so Pater Philipp. Denn die Höhenlage von Einsiedeln mit weit über 900 Meter über dem Meer, der Klosterwald und der nahe Sihlsee würden für weitere angenehme Abkühlung sorgen.


Die Kühle im Grossmünster ist förmlich zu spüren. | © Freiraum-Fotographie
3. Juli 2025 | 16:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!