Bruder Laurentius Sauterel wird an der Ewigen Profess von Abt Vigeli Monn umarmt.
Schweiz

Bruder Laurentius: «Viele verstehen nicht, warum ich zu den Benediktinern ging»

Bruder Laurentius Sauterel (28) hat im Benediktinerkloster Disentis kürzlich seine Ewige Profess gefeiert. Der Westschweizer hat im Medizinstudium seine Berufung wahrgenommen. Wie er den Weg in die Gemeinschaft in den Bündner Bergen fand, erzählt er im Gespräch mit kath.ch.

Sabine-Claudia Nold

Bruder Laurentius, sind Sie in einer religiösen Familie aufgewachsen?

Laurentius Sauterel: Ja, den Glauben habe ich in erster Linie von meinen Grosseltern Léon und Marie-Louise empfangen. Mein Grossvater war Radiologe aus dem Kanton Freiburg und ab den 70er-Jahren Oberarzt im Spital Yverdon. Eine grosse Rolle auf meinem Glaubensweg spielten auch meine Mutter, die Barmherzigkeitsschwestern von Sainte Jeanne-Antide Thouret sowie eine gute Freundin meiner Grosseltern namens Montserrat Soler, die mir die persönliche Beziehung zu Christus beibrachte und vom Kloster Montserrat erzählte. Nicht zu vergessen Pfarrer Martial Python, der damals Pfarrer in Yverdon war und mein geistlicher Begleiter wurde. Jetzt, da ich in Freiburg (Schweiz) studiere, ist er auch Spiritual des Priesterseminars – ein Zeichen der Vorsehung!

War für Sie schon immer klar, dass Sie ins Kloster möchten?

Sauterel: Als ich mit 15 Jahren von Yverdon nach Frauenfeld wechselte, um dort die zweisprachige Matura zu absolvieren, fragte ich mich, ob der Glauben an Christus in unserer heutigen Gesellschaft, mit unseren wissenschaftlichen Kenntnissen einen Sinn hat. Einerseits überzeugte mich der Authentizität des Glaubens der schon erwähnten Vorbilder, und andererseits die Begegnung mit zwei Klassenkameraden, die ihren Glauben ernst nahmen: Benjamin Schäfer, ein Mormone, und Micha Rippert, der jetzt reformierter Pfarrer im Thurgau ist. Nach der Matura fing ich mit dem Medizinstudium an und nahm während des ersten Jahres Studium die Berufung wahr, mein Leben für die Weitergabe des Glaubens ganz hinzugeben. Ich besprach dies damals viel mit Micha, der zur selben Zeit den Ruf, Pfarrer zu werden spürte.

Bruder Laurentius Sauterel an der Ewigen Profess - hinter ihm Abt Vigeli Monn
Bruder Laurentius Sauterel an der Ewigen Profess - hinter ihm Abt Vigeli Monn

Nach dem ersten Jahr Medizinstudium, während der Prüfungsvorbereitungen, suchte ich einen Ort für die Verinnerlichung dieses für mich überwältigenden Rufes, mein Leben für Jesus hinzugeben. Auf der SBB-Netzkarte sah ich die Ortschaft Disentis/Mustér und dachte mir, Mustér tönt wie Münster, muss doch Kloster heissen. Ich rief an und Bruder Urs antwortete mit einer sehr angenehmen und freundlichen Art: «Wir finden sicher eine Lösung, Sie bei uns aufzunehmen. Sie müssen Bruder Stefan, unseren Gastbruder kontaktieren».

«Ich erzählte Bruder Stefan, was der eigentliche Grund meines Besuchs sei.»

Als ich aber Bruder Stefan erreichte, und um einen Aufenthalt für Prüfungsvorbereitungen bat, sagte er mir, es sei unmöglich, mich sofort aufzunehmen, das Haus sei völlig ausgebucht. Das stimmte auch. Ich fragte also Pfarrer Martial Python, der mir ein anderes Kloster empfahl. Er riet mir, nicht um einen Aufenthalt wegen Prüfungsvorbereitungen, sondern wegen Besinnungstagen zu bitten. Deshalb rief ich Bruder Stefan nochmals an und erzählte ihm, was der eigentliche Grund meines Besuchs sei. Er schaffte es, mich ausnahmsweise in einem Zimmer des Noviziats einzuquartieren.

Wie erlebten Sie diese ersten Wochen in Disentis?

Sauterel: Diese ersten zwei Wochen in Disentis waren vor genau zehn Jahren, anfangs August 2015. Damals bereitete ich meine Prüfungen auf der Krankenstation vor, wo ein alter und sehr eindrücklicher Mönch wohnte: Bruder Luzi Cavegn. Ihm gegenüber sass ich für alle meine Prüfungsvorbereitungen bis kurz vor seinem Tod am 1. März 2019.

Die Schwalbe fotografierte Bruder Laurentius 2015 aus Bruder Luzis Fenster.
Die Schwalbe fotografierte Bruder Laurentius 2015 aus Bruder Luzis Fenster.

Während der Vorbereitung für meine ewige Profess entdeckte ich das Bild einer Schwalbe, deren Aufnahme mir am 8. August 2015 aus Bruder Luzis Fenster gelungen war. Dieses Bild übernahm ich für die Einladungen zu meiner Ewigen Profess.

«Mein Temperament passt irgendwie nicht zu einem kontemplativen Leben.»

Weshalb haben Sie sich schlussendlich für die Benediktiner – und Disentis – entschieden?

Sauterel: Warum Disentis und die Benediktiner verstand ich erst im Nachhinein: Christus hat mich einfach immer dorthin gerufen. Viele Menschen verstehen nicht, warum ich zu den Benediktinern ging. Mein Temperament passt auf dem ersten Blick irgendwie nicht zu einem kontemplativen Leben. Aber für Gott ist nichts unmöglich, wie wir ja auch im Lukasevangelium lesen (Lk 1,37; Mk 10,27 par). Den Ruf nahm ich nie anderswo wahr, als hier in Disentis.

«Hier wurde mir ein einzigartiger Zugang zu Christus in der Heiligen Schrift erschlossen.»

Im Nachhinein verstehe ich: Warum die Benediktiner? Weil mir dank der Regel des Heiligen Benedikt seit dem Klostereintritt ein einzigartiger Zugang zu Christus in der Heiligen Schrift erschlossen wurde, besonders dank den Schwestern eines beeindruckenden Klosters aus Norddeutschland: die Abtei Mariendonk. Diese Schwestern sind an der Spitze der Forschung über die Kirchenväter. Durch sie habe ich die Kirchenväter und ihre Auslegungen der Schrift kennen- und lieben gelernt. Sie sind mir Wegweiser und Vorbilder. Mit ihnen pflege ich einen regelmässigen Kontakt und lese ihre Publikationen.

«Die Gemeinschaft vereint auf einzigartige Art und Weise die Contemplatio mit der Missio.»

Warum Disentis? Weil diese Gemeinschaft auf einzigartige Art und Weise seit Jahren die Contemplatio mit der Missio vereint. Die Contemplatio mit der Betrachtung der Heiligen Schrift und dem Singen fast aller 150 Psalmen pro Woche (manche Ausnahmen beten wir in einem zwei-Wochen Rhythmus), die Missio mit der langen Tradition unseres Klosters in der Jugendarbeit, sei es in unserer Schule, oder in der engen Verbundenheit mit den Adoray Jugendgebetsgruppen und dem Weltjugendtag Schweiz.

Bruder Laurentius Sauterel an der Ewigen Profess.
Bruder Laurentius Sauterel an der Ewigen Profess.

Wie lange leben Sie jetzt schon in Disentis?

Sauterel: Nach dem Abschluss des Medizinstudiums im Jahr 2020 trat ich am 1. Januar 2021 ein, am Hochfest der Gottesmutter Maria. Ich wählte dieses Datum, weil ich am 1. Januar 1997 getauft wurde.

«Hierhin kommen sehr viele junge Menschen für Besinnungstage oder Jugendanlässe.»

War die Trennung von Ihrer Familie und Ihren Jugendfreunden schwer?

Sauterel: Für mich nicht. Für sie schon. Vor allem für meine Grossmutter und für meine Mutter und für Frau Montserrat Soler, die ich bis dann oft in Yverdon sah. Mit Freunden hatte ich auch ausreichend Briefkontakt. Und Disentis ist sowieso ein Ort, wo sehr viele junge Menschen immer wieder für Besinnungstage oder Jugendanlässe hinkommen. Deshalb sah ich immer wieder Freunde im Kloster.

Vigeli Monn, Abt des Benediktinerklosters Disentis
Vigeli Monn, Abt des Benediktinerklosters Disentis

«Unser Abt Vigeli ist uns allen ein richtiger Vater.»

Was ist besonders schön in der Disentiser Gemeinschaft?

Sauterel:Die Brüderlichkeit: einfacher Umgang, spürbare Wertschätzung jedes einzelnen Mitbruders, unser Abt Vigeli ist uns allen ein richtiger Vater, der die Gemeinschaft gut führt und jeden einzelnen zu ermutigen weiss. Im Chorgebet, wenn eine lustige Bibelstelle vorkommt mit Bruder Gerhard, Bruder Stefan, Bruder Benedikt oder Pater Murezi leise lachen. Die langen Gespräche mit Pater Pirmin, unserem ältesten Mitbruder vor Ort. Ein witziger Moment mit Bruder Franz, Bruder Martin oder unserem Jüngsten, dem 21-Jährigen Bruder Nicola.

«Meine Autoimmunkrankheit verursacht viel Schmerzen, manchmal Verzweiflung.»

Was fällt Ihnen eher schwer im Kloster?

Sauterel:Ich leide an einer Autoimmunkrankheit, die mir 2019 diagnostiziert wurde. Sie verursacht viele Schmerzen, chronische Schlafstörungen, manchmal Verzweiflung und ist eine tägliche Herausforderung.

Möchten Sie auch Priester werden?

Sauterel: Ja, dafür studiere ich jetzt Theologie an der Universität Freiburg. Vor der Theologie habe ich noch einen Master in Neurobiologie gemacht, um als Arzt das Fach Biologie am Gymnasium Kloster Disentis unterrichten zu können.

Kloster Disentis
Kloster Disentis

Wie sehen Sie die Zukunft Ihrer Gemeinschaft?

Sauterel: Wir haben mehrere junge Mitbrüder, nach mir sind vier neue Brüder eingetreten und geblieben. Die Weitergabe des Glaubens an die jüngere Generation ist eine wichtige Aufgabe, die uns Klöstern immer mehr zukommt. Viele junge Menschen kommen mit wichtigen Fragen zu uns. Da kommen mir die Worte Jesu in den Sinn: «Die Ernte ist gross, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet deshalb den Herrn der Ernte, mehr Arbeiter auf seine Felder zu schicken (Mt 9,37; Lk 10,2).»

«Wir hoffen auf weitere Eintritte, was eine durchaus realistische Perspektive ist.»

Gibt es spezielle Schwerpunkte oder Akzente, die Sie in Ihrer Gemeinschaft setzen möchten?

Sauterel: Die setzt Christus durch uns. Wichtig ist, auf Ihn zu hören und aufmerksam zu sein, damit wir verstehen, was Er von uns verlangt. Wir hoffen auf weitere Eintritte, was eine durchaus realistische Perspektive ist, wie uns die vergangenen Jahre zeigten.

Eine Klasse am Gymnasium des Klosters Disentis, 2016.
Eine Klasse am Gymnasium des Klosters Disentis, 2016.

Neue Mitbrüder können wir als Lehrer an unserer Schule einsetzen, die wir mit grosser Leidenschaft führen, trotz der sinkenden Geburtenraten in der Region. Unser Konvent steht voll und ganz dahinter, weil diese Schule ein wichtiger Angelpunkt der Bildung und der Kultur in der Region ist. Dass Benediktiner eine Schule führen, ist ein Zeugnis dafür, dass Wissenschaft und Glaube keineswegs im Gegensatz stehen, sondern eine Harmonie bilden. Unsere Schülerinnen und Schüler kommen aus verschiedensten Regionen der Schweiz und der Welt – bis China –, aus einer Vielfalt von Kulturen und Traditionen. Diejenigen, welche mehr Interesse am christlichen Glauben haben, melden sich von selbst und zeigen, dass sie mehr erfahren möchten. Das ist eine gegenseitige Bereicherung.

«Wo wir wirklich Kräfte brauchen, ist in der Seelsorge.»

Ein anderer Ort, wo wir wirklich Kräfte brauchen, ist die Seelsorge. Zunehmend kommen Menschen zu uns, die Schicksalsschläge, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit erleben, oder einen Sinn in ihrem Leben suchen. Dafür braucht es erfahrene Mönche, wie die Mönchsväter in der Sketischen Wüste im IV. Jahrhundert, und darunter auch Priester, um unserem Pater Bruno zu helfen. So erfahren ist man aber nicht unmittelbar nach dem Theologiestudium, um als geistlicher Begleiter und Beichtvater zu wirken. Oft sieht man: Je älter und erfahrener ein Mitbruder wird, desto mehr seelsorgerische Aufgaben kommen von allein auf ihn zu. Das Geniale an einer Klostergemeinschaft ist, dass wir uns dabei sehr gut ergänzen.

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Bruder Laurentius Sauterel wird an der Ewigen Profess von Abt Vigeli Monn umarmt. | © Stefan Schwenke
14. August 2025 | 17:00
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