Brot, Bäcker, Brauchtum: Warum der Heiligen Agatha die Brüste abgeschnitten wurden
Heute ist Agatha-Tag. Der Heiligen Agatha wurden die Brüste abgeschnitten. Für Maler war das die Chance, freizügige Motive zu malen. Die Heilige Agatha ist Patronin der Bäcker. Der Pfarreiverantwortliche Nicu Mada kam in Ibach SZ zum Segen in die Backstube.
Vera Rüttimann
Der Duft ist unwiderstehlich. Bei «Beck Roman» in Ibach duftet es nach frisch gebackenem Brot. Die Frauen und Männer, die hier Teig ausrollen, kneten und zu Agatha-Ringlis formen, sind in Eile. Schnell noch den Eiaufstrich drauf – und ab in den Ofen.
Roman Lüönd, Inhaber der Bäckerei-Kette, wartet auf Nicu Mada. Der Pfarreiverantwortliche der Kirchgemeinde Schwyz spendet hier jedes Jahr den Agatha-Segen.
Er tritt in die Bäckerei – und alle legen eine Pause ein. Nicu Mada spricht von Ermutigung, Kraft und Hoffnung. Das Weissbrotgebäck in Ringform, das aus gesegnetem Mehl hergestellt wird, sei mehr als nur ein Gebäck.
Ein fester Termin
Mittendrin steht Roman Lüönd. «Für uns ist es jedes Jahr ein spezieller Moment, wenn der Seelsorger kommt, um unser Brot und unser Geschäft zu segnen», sagt er. Das empfinde auch seine Familie so, die im Betrieb mitarbeite. Zu Nicu Mada habe er einen guten Draht, die Kirche liege gleich um die Ecke.
Roman Lüönd ist mit dem Agatha-Segen aufgewachsen – wie viele in der Gegend hier. «Seit ich denken kann, hängt bei uns im Elternhaus stets ein Agatha-Ringli.»
Er freut sich, dass auch junge Leute eine Tüte mit gesegneten Agatha-Broten kaufen. «Diese Tradition lebt bei uns fort.»
Jedes Jahr berichte auch die Lokalpresse über diesen Brauch und seine Geschichte. «Auch deshalb geht er nicht vergessen», freut sich der Bäcker.
Eine wichtige Tradition
Nicu Mada steuert in Ibach die Gotthardstrase 87 an. Hier befindet sich die Bäckerei Schwegler. Sie blickt auf eine fast 65-jährige Tradition zurück. Der Seelsorger begrüsst Markus Schwegler, der seit 2004 Inhaber der Backstube ist.
Das ältere Ehepaar Antoinette und Hansruedi Schwegler stehen an der Theke und begrüssen den Seelsorger. Sie arbeiten noch immer mit im Geschäft.
Begleitung im Alltag
Seit zwei Uhr morgens steht die Belegschaft in der Bäckerei und schwitzt für die Agatha-Ringli. Erst um Mittag ist alles fertig ausgelegt auf den Blechen. «2500 Agatha-Ringli warten auf Kundschaft», freut sich Markus Schwegler. «Der Agatha-Tag ist ein wichtiger Tag für das Geschäft.»
Dabei gehe es ihm weniger ums Verkaufen. «Der Agatha-Tag bedeutet uns auch als Brauch viel», sagt der 51-Jährige, der sich als religiös bezeichnet. «Es ist etwas da, was uns auf unserem Weg begleitet.» Schon Markus Schweglers Eltern pflegten den Agatha-Brotsegen in der Bäckerei. Tradition verpflichtet.
Sogar für die Kühe
Immer wieder kommen auch Bauern in die Bäckerei. «Sie verfüttern die Ringli auch an ihr Vieh», weiss Markus Schwegler. In den Ställen legen sie die Brote zum Schutz- und Heilmittel für das Vieh aus. In Ecken gestreute Krumen sollen vor Feuer bewahren. Im Stall hängt meist das Agatha-Brot: «Auch in unserem Hauseingang hängt es», sagt Markus Schwegler.
Die Segnung des Agatha-Brotes sei in der Innerschweiz noch sehr verankert. Wichtig ist Markus Schwegler, «dass das Agatha-Brot nur am 5. Februar verkauft wird». Er spielt auf den Dreikönigskuchen an, der schon lange vor dem 6. Januar im Regal liege. Ein solcher Brauch dürfe sich nicht «verzetteln».
Nicu Mada ist seit zehn Jahren Seelsorger in der Pfarrei Ibach. Zuvor kannte der gebürtige Rumäne den Agatha-Brauch nicht. Auch in Würzburg, wo er Theologie studiert hatte, habe der Bauch eine andere Färbung. Dort sei nämlich der Heilige Florian der Patron für die Feuerwehr. «Erst in der Schweiz habe ich das Agatha-Brauchtum kennen gelernt», sagt er.
Die wunderbare Brotvermehrung
Und noch ein Novum erlebte er hier: «In Bayern machen die Segnungen meist nur die Priester und die Diakone. Dass ich segnen darf, war für mich toll.» Allein deshalb schätze er die jährlichen Agatha-Segen bei den Bäckern. Sie seien für ihn wie «Hausbesuche», so vertraut sei der Umgang mit ihnen.
Brot ist für den Seelsorger eines der wichtigsten Motive in der Bibel und im Glaubensleben der Menschen. Nicu Mada nennt als Beispiele: die wundersame Brotvermehrung oder das Gebet «Vater unser» und dort die Bitte ums tägliche Brot.
«Das Brotteilen hat in der Kirche und besonders in der Eucharistie eine grosse Bedeutung», sagt Nicu Mada. Der Agatha-Brotsegen rufe in Erinnerung, dass wir jeden Tag Brot essen könnten. «Das führt zu einem Gefühl der Dankbarkeit.»
Sicherheit durch Rituale und Bräuche
Über die Brotsegnung am Agatha-Tag sagt Nicu Mada: «Die Leute suchen in diesen unsicheren Zeiten solche Rituale und Bräuche, die ihnen jetzt Halt geben.» Dieser Segen sei keine Zauberei und ersetze die Medizin nicht. Das gesegnete Brot erhält für Nicu Mada durch den Segen jedoch eine Art «geistliche Impfung» für Körper und Seele.
Eine Dimension von Agatha ist übrigens nicht mehr so wichtig: die erotische. Im Porno-Zeitalter brauchen Katholiken keine Heilige mehr, um nackte Brüste zu sehen. Früher war das freilich anders: Der Statthalter von Sizilien, Quintinianus, wollte die geweihte Jungfrau Agatha heiraten.
Doch diese widersetzte sich ihm. Daraufhin wurden ihr die Brüste abgeschnitten. Künstler hatten selbst in prüden Zeiten so die Möglichkeit, weibliche Erotik zu zeigen – und Busen mit erotischen Brustwarzen zu malen.
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