Bischof Peter Bürcher (zweiter von links) kondoliert zum Tod der getöteten Journalistin Shiereen Abu Akleh.
Schweiz

Bischof Peter Bürcher trauert um getötete Journalistin: «Unverhältnismässige Gewalt der israelischen Polizei»

Bischof Peter Bürcher (76) besucht zurzeit Israel und Palästina. Er hat die Familie der getöteten katholischen Journalistin Shiereen Abu Akleh getroffen. Bürcher warnt vor einem «neuen Zyklus der Gewalt». Das israelisch-palästinensische Gebiet sei durch illegale Siedlungen zu einem löchrigen Emmentaler geworden.

Raphael Rauch

Wie geht es Ihnen? Sind Sie froh, nicht mehr Apostolischer Administrator der Diözese Chur zu sein?

Bischof Peter Bürcher*: Es geht mir gut, Gott sei Dank! Ich bin froh, dass ich als Apostolischer Administrator trotz der zweijährigen Pandemie vielen Menschen, auch Jugendlichen und Älteren, in allen Teilen der Diözese Chur dienen konnte und für diesen Dienst ein sehr persönliches Dankschreiben vom Vatikan erhalten habe. Und jetzt, als emeritierter Bischof, freue ich mich, Christen und Nichtchristen hier im Heiligen Land, das von Schwierigkeiten und Hoffnungen durchzogen ist, konkrete Hilfe leisten zu können. Besonders in diesen Tagen bin ich froh, als Vertreter der Schweizer sowie der Nordischen Bischofskonferenz an der Heilig-Land-Koordination 2022 teilnehmen zu können. Das Thema dieses Jahr lautet: «Jerusalem – Zentrum der Seele. Eine Mutter, die uns lehrt und hilft, zu wachsen.»

Trauer um die getötete Journalistin Shiereen Abu Akleh.
Trauer um die getötete Journalistin Shiereen Abu Akleh.

Welcher Moment im Heiligen Land hat Sie in den letzten Tagen am meisten berührt?

Bürcher: In den letzten Tagen war ich schockiert über die tödlichen Schüsse auf die katholische palästinensische Journalistin Shiereen Abu Akleh in Jenin. Die unverhältnismässige Gewalt der israelischen Polizei, ihr gewaltsames Eindringen in den Trauerzug bei der Beisetzung der Journalistin ist eine Verletzung internationaler Normen und des fundamentalen Rechts der freien Religionsausübung. Die Journalistin ist leider nicht das letzte Opfer der Gewalt im Heiligen Land. Seitdem ist es nämlich schon wieder geschehen.

«Die Gewalt geht weiter.»

«Wir», schreibt die Jerusalemer Kommission für Gerechtigkeit und Frieden am 16. Mai 2022, «bringen unsere Besorgnis darüber zum Ausdruck, was die Zukunft bringen wird. Die politischen Behörden, die über die Zukunft in Israel-Palästina entscheiden, sowie die Hauptverantwortlichen der internationalen Gemeinschaft scheinen nicht bereit zu sein, wahrheitsgemäss und mutig über das nachzudenken, was im Heiligen Land geschieht. Folglich können sie nicht handeln, um die Ursachen dieser Gewalt auszurotten». Offiziellen Angaben zufolge wurden in den letzten zwei Monaten 45 Palästinenser, 16 Israelis und zwei Gastarbeiter bei dem, was als «neuer Zyklus der Gewalt» bezeichnet wurde, getötet. Die Medien haben die meisten davon ignoriert. Und die Gewalt geht weiter.

Trauer um die getötete Journalistin Shiereen Abu Akleh.
Trauer um die getötete Journalistin Shiereen Abu Akleh.

Die Hisbollah hat im Libanon grossen Schaden angerichtet. Wie gross ist die Sorge Israels vor einer Eskalation?

Bürcher: Der Libanon, Syrien und Israel sind leider offiziell keine Freunde! Vor nicht allzu langer Zeit war ich im Norden Israels und konnte deutlich hören, dass in der Nähe syrische Schüsse fielen. Eines der Ziele der Hisbollah ist es, den «Feind» Israel abzulenken und zu schwächen, indem sie ihn ständig vom Norden aus bedroht. Damit ist leider schon viel gesagt.

Bischof Peter Bürcher (links) trauert um die getötete Journalistin Shiereen Abu Akleh.
Bischof Peter Bürcher (links) trauert um die getötete Journalistin Shiereen Abu Akleh.

Sie haben über den künftigen Status von Jerusalem diskutiert. Wie ist Ihre persönliche Meinung: Kann Jerusalem die Hauptstadt von zwei Staaten werden?

Bürcher: Ihre Frage war eines der Hauptziele unseres derzeitigen Treffens. Zunächst zum international anerkannten Status von Jerusalem: Wenn Jerusalem die Hauptstadt zweier Staaten, Israel und Palästina, werden sollte, müsste meiner Meinung nach zunächst der Status von Jerusalem selbst geklärt werden.

Taube des britischen Streetart-Künstlers Banksy in Israel.
Taube des britischen Streetart-Künstlers Banksy in Israel.

Der Heilige Stuhl hat wiederholt die Notwendigkeit betont, Jerusalem einen besonderen, international anerkannten Status zu verleihen, um die Achtung der drei monotheistischen Religionen zu gewährleisten, die der Stadt ihren Charakter als Heilige Stadt verleihen. Obwohl sie eine Minderheit sind in der Bevölkerung, versuchen zunehmend Christen aller Kirchen, hier nicht Mauern, sondern Brücken des Verständnisses und der Brüderlichkeit zu bauen. Wir haben sie getroffen. Wir haben mit ihnen gesprochen. Wir haben mit ihnen gebetet. Ich bin davon erbaut.

Trauer um die getötete Journalistin Shiereen Abu Akleh.
Trauer um die getötete Journalistin Shiereen Abu Akleh.

Warum ist Ihnen der international anerkannte Status wichtig?

Bürcher: Jerusalem muss der Ort bleiben, an dem sich Juden, Christen und Muslime weiterhin auf den Strassen der Heiligen Stadt begegnen, jeder mit seiner eigenen Intention und seinen Traditionen, die so einzigartig miteinander verbunden sind. Es reicht nicht aus, den historischen Charakter der Stadt durch ihre Steine zu bewahren, sondern es ist auch notwendig, das einzigartige Geflecht der Beziehungen zwischen Glaubensrichtungen, Völkern und Kulturen ohne Ausschliesslichkeit zu bewahren und zu fördern. Die Natur Jerusalems ist es, einzuschliessen, nicht auszuschliessen. Das ist sein Status im internationalen Recht, im Lichte der Resolution ES-10/19 der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom 21. Dezember 2017. Das ist auch seine prophetische Berufung und seine universelle Anziehungskraft. Und es ist auch meine persönliche Meinung zu dieser wichtigen Frage, die nicht nur für Israel und Palästina, sondern für die ganze Welt von Bedeutung ist.

Papst Franziskus betet am 26. Mai 2014 an der Klagemauer in Jerusalem.
Papst Franziskus betet am 26. Mai 2014 an der Klagemauer in Jerusalem.

Welche Meinung haben Sie zur Zwei-Staaten-Lösung?

Bürcher: Mit etwas Humor und ohne jetzt auf die grundsätzliche Frage der Zwei-Staaten-Lösung tiefer eingehen zu können, möchte ich Folgendes sagen: Ich persönlich kann nicht gut erkennen, wie dies möglich sein sollte, insbesondere in der geografischen Situation des derzeitigen israelisch-palästinensischen Territoriums. Die illegale Errichtung von Siedlungen in den von Israel besetzten Gebieten begann bereits 1967. Dieses Gebiet wurde illegal zerstückelt und wird weiterhin zerstückelt. In der Schweiz gibt es unter anderem zwei Käsesorten: den kompakten Gruyère und den löchrigen Emmentaler. Das israelisch-palästinensische Gebiet ist durch die illegalen Siedlungen zu einem löchrigen Emmentaler geworden! Wie kann man aus diesen löchrigen Gebieten nun zwei Staaten machen, vor allem, wenn man nicht in den Zustand von 1967 zurückkehren kann oder will? Ich bin schockiert zu sehen, wie Israel sich nun Grundstücke und Häuser aneignet, sogar in der Altstadt von Jerusalem, wo jetzt immer mehr israelische Flaggen wehen. Die Jerusalemer Kommission für Gerechtigkeit und Frieden schreibt: «Es muss mit unmissverständlicher Klarheit wiederholt werden: Die tiefere Ursache und der primäre Kontext der Gewalt ist die Besetzung Palästinas, die seit 55 Jahren andauert.»

«Die Schweiz brauchte mehr als 700 Jahre, um zur heutigen Eidgenossenschaft zu gelangen.»

Haben Sie eine Alternative, um den löchrigen Emmentaler zu befrieden?

Bürcher: Könnte ein völlig neues Projekt nicht beispielsweise eine Konföderation von Staaten sein: Israel, Palästina und Jordanien? Utopisch? Die Schweiz brauchte mehr als 700 Jahre, um zur heutigen Schweizerischen Eidgenossenschaft mit 26 Kantonen und Staaten zu gelangen, die ebenfalls durch eine grosse Vielfalt an Kulturen, Traditionen und Religionen gekennzeichnet sind.

Bischof Peter Bürcher (dritter von rechts) trauert um die getötete Journalistin Shiereen Abu Akleh.
Bischof Peter Bürcher (dritter von rechts) trauert um die getötete Journalistin Shiereen Abu Akleh.

Mit welcher Botschaft aus dem Heiligen Land kehren Sie in die Schweiz zurück?

Bürcher: Demnächst werde ich mit einer dreifachen Botschaft aus dem Heiligen Land in die Schweiz zurückkehren: Nothilfe, Hoffnung und Gebet für Frieden und Gerechtigkeit. Nothilfe bedeutet für mich insbesondere, die Schreie der Witwen, Waisen, trauernden Mütter und Väter sowie aller Unterdrückten, die weiterhin im Heiligen Land leben wollen, nicht zu ignorieren. Worte allein reichen nicht mehr aus. Es braucht jetzt Taten! Hier brauchen sie alle dringend unsere konkrete Hilfe!

Hoffnung bedeutet für mich insbesondere, dass die politischen Behörden in Israel wie auch in Palästina und auf der ganzen Welt den Mut haben, nach den wahren Ursachen der Gewalt zu suchen, und sich nicht aus ihrer Verantwortung stehlen. Der Krieg ist sehr hässlich! Christus ist unser Friede! Das Gebet für Frieden und Gerechtigkeit in der ganzen Welt ist aktueller denn je.

* Bischof Peter Bürcher (76) ist emeritierter Bischof von Reykjavík. Von 2019–2021 war er Apostolischer Administrator des Bistums Chur. Wegen seiner Entscheidung, Martin Kopp fristlos als Generalvikar der Urschweiz zu entlassen, sehen viele Bürchers Zeit als Apostolischer Administrator sehr kritisch. 

Peter Bürcher ist Delegierter der Schweizer und der Nordischen Bischofskonferenz bei der Heilig-Land-Koordination. Bischöfe aus Europa, Nordamerika und Südafrika besuchen einmal im Jahr Israel und Palästina. Der Besuch endet am Donnerstag, 26. Mai, in Jerusalem. Bischof Peter Bürcher antwortete schriftlich auf die Fragen von kath.ch.


Bischof Peter Bürcher (zweiter von links) kondoliert zum Tod der getöteten Journalistin Shiereen Abu Akleh. | © zVg
24. Mai 2022 | 12:00
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