Berner Katholik kniet auf Autobahn: Warum Klima-Proteste eine spirituelle Dimension haben
Mystik und Widerstand gehören für Claus Noppeney (54) zusammen. Der Berner Katholik hat bei einer Autobahn-Blockade von «Renovate Switzerland» mitgewirkt. Er kritisiert: «Viele Kirchen in der Schweiz werden weiterhin auf Baditemperatur geheizt. Das schadet nicht nur der Orgel, sondern uns allen.»
Silvan Beer
Sie haben am 26. Oktober mit «Renovate Switzerland» eine vielbefahrene Strasse blockiert. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie auf dem Boden knieten?
Claus Noppeney*: Von hinten hörte ich, wie ein Autofahrer zu mir kam und mich etwas fragte. Nicht wütend oder aggressiv, einfach verärgert. «Die Polizei kommt bald und ich werde verhaftet», erwiderte ich. Dann kümmerte sich Dylan um den Autofahrer – er war bei der Aktion für die Kommunikation zuständig. Ich blieb auf dem Boden knien und blickte auf ein grosses Autobahnschild. Ich versuchte meinen Atem wahrzunehmen und trotz der Anspannung einfach ruhig da zu sein.
Ihre Körperhaltung sah aus wie bei einer Meditation. Speist sich Ihr Engagement aus dem Gebet, aus dem Glauben?
Noppeney: Die Art und Weise, wie ich dieses Engagement angehe, hat mit meiner Spiritualität zu tun: Wie bereite ich mich auf eine Aktion vor? Wie gehe ich in die Aktion? Doch hinter meinem Engagement steht sicher zuerst mein Wissen um die grundsätzlichen Zusammenhänge von Ökologie und Ökonomie, wie ich sie vor rund 30 Jahren in meinem Studium an der Universität St. Gallen kennengelernt habe.
«Ich trug ein starkes Parfüm vor allem für mich als Anker.»
Sie haben zu Parfümdüften geforscht. Warum haben Sie sich für Ihren Klima-Protest mit einem speziellen Duft eingesprüht?
Noppeney: Ich beschäftige mich schon länger mit Düften im Arbeits- und Organisationsalltag. Ein kleiner Hauch kann uns innerlich in eine völlig andere Situation katapultieren. Diese Qualität wollte ich nutzen. Denn auch ich hatte Angst vor der Blockade, weil ich nicht wusste, was alles passiert. Wie hoch schlagen die emotionalen Wellen? Was macht die Situation mit mir? Ich trug also ein starkes Parfüm vor allem für mich als Anker.
Hat Ihnen der Parfüm-Anker Halt gegeben?
Noppeney: Ja. Während Autos auf der Gegenspur hupend an uns vorbeifuhren und Autofahrer immer wieder auch wilde Sachen riefen, tauchte immer wieder der Duft auf.
«Der Jesuit Christian Herwartz sprach vom Gefängnis als Tabernakel.»
Hat Widerstand eine mystische Seite?
Noppeney: Der kürzlich verstorbene Jesuit Christian Herwartz hat sich regelmässig an Mahnwachen vor Gefängnissen beteiligt und dort gebetet. In einem Gespräch hat er mich verstört, als er vom Gefängnis als Tabernakel sprach: «Wir beten vor dem Gefängnis. Da wissen wir wenigstens, dass der Herr da ist.» Es dauerte eine Weile, bis mir Jesu Rede von der Wiederkunft des Menschensohnes einfiel: «Ich war imGefängnis und ihr seid zu mir gekommen».
Wie bewerten Sie den Umgang der Menschen mit der Natur?
Noppeney: Mit den Augen der Vernunft ist es unvernünftig und selbstzerstörerisch, was wir mit der Natur machen.
«Papst Franziskus liefert mit ‘Laudato si’ eine geistlich durchdrungene Synthese.»
Papst Franziskus warnt in seiner Enzyklika «Laudato si’» vor einer ökologischen Katastrophe. Was bedeutet Ihnen diese Enzyklika?
Noppeney: «Laudato si’» spricht zunächst Ergebnisse aus sehr unterschiedlichen Themen an: Biodiversität, Klima, Wasser, Armut und so weiter. Allerdings geschieht dies nicht im Sinne eines wissenschaftlichen Literaturberichts, der die neuesten Publikationen auflistet. Der Papst kuratiert die Ergebnisse aus unterschiedlichen Forschungsgebieten und legt so eine wissenschaftlich informierte, aber geistlich durchdrungene Synthese vor.
Wie meinen Sie das?
Noppeney: Gleich auf den ersten Seiten führt er die Metapher des Hauses ein: Die Erde als Haus. Und wir können sagen, dass da einfach Zoff herrscht zwischen den verschiedenen Mietparteien oder WGs in diesem Haus: Menschen, Natur, Tiere, Arme, Reiche. Als dritten Aspekt sehe ich die vielen geistlichen Anregungen. Franziskus schlägt beispielsweise vor, Umweltberichte geistlich zu lesen und zu wagen, sie «in persönliches Leiden zu verwandeln».
Tut die Kirche in der Schweiz genügend fürs Klima?
Noppeney: Viele Kirchen in der Schweiz werden weiterhin auf Baditemperatur geheizt. Das schadet nicht nur der Orgel, sondern uns allen.
Welche Forderungen haben Sie an die Kirche?
Noppeney: Im Pariser Abkommen hat sich die Schweiz 2015 verpflichtet, bis zum Jahr 2030 ihre Treibhausgasemissionen um 50 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren. Mit den beschlossenen Massnahmen ist das nicht zu schaffen. Und je länger wirksame Massnahmen hinausgeschoben werden, desto schneller ist das restliche CO2-Budget aufgebraucht.
Das heisst?
Noppeney: Der Klimanotstand ist eine politische Aufgabe. Deshalb fordert «Renovate Switzerland» den Bundesrat auf, das Thema Gebäudesanierung endlich anzupacken. Das ist ein wichtiger Schritt. An die Kirche stellt «Renovate Switzerland» keine konkrete Forderungen.
Sie haben vorletzten Sonntag in der Dreifaltigkeitskirche über Ihren Klima-Protest berichtet. Führen Sie auch weiterhin den Dialog mit der Kirche?
Noppeney: Als Institution verfügt die Kirche über einen erheblichen Gebäudebestand. Darüber wird vor allem pastoral oder finanziell gesprochen: Können wir uns das noch leisten? Angesichts des Klimanotstands sollten wir vor allem fragen: Können wir diesen Gebäudebestand noch ökologisch verantworten?
«Laudato si’» endet mit zwei Gebeten. In einem davon fällt der Satz: «Lehr uns den Wert von allen Dingen zu entdecken und voll Bewunderung zu betrachten.» Was brauchen wir, um aus der Untätigkeit zu erwachen und ins Handeln zu kommen?
Noppeney: Es beginnt mit dem Schritt in die Natur. Ich empfehle allen, sich von der Natur berühren und ansprechen lassen. So habe ich das auch in Gries erlebt, wo ich mehrfach für Kontemplationskurse war: von den äusseren Sinnen nach Innen. Dann braucht es sicherlich auch ein bisschen Mut und auch Rückhalt bei Freunden, Bekannten, Familie. Geistlich aber beginnt es mit dem Weg in die Natur.
* Der Ökonom Claus Noppeney (54) lebt mit seiner Familie in Bern. Er lehrt am «Institut Innovation and Entrepreneurship» der Berner Fachhochschule und engagiert sich privat bei «Renovate Switzerland».
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