Beat Allemand: Lichtblick im Schrecken
Mitten in die Ferien in Marseille grätscht die Nachricht vom Kriegsausbruch in Israel und Gaza. SRF-Radioprediger Beat Allemand wehrt sich gegen Gefühle der Verzweiflung und sucht Hoffnungsschimmer im Kleinen, in den Augen eines Kindes nebenan.
Wir sitzen auf einer Terrasse in Marseille, trinken einen Pastis, schweigen. Jedes ist mit sich selbst beschäftigt, mit der neuen Umgebung, den Eindrücken. Zwei Menschen, die sich gut kennen, dürfen zusammen schweigen. Sie sitzen im Schweigen wie in einem Kokon, der schützt vor der äusseren Welt. Unweit von uns sitzt ein junger Mann mit einem Kind. Das Kind spielt, der Vater streicht ihm übers Haar.
Ich hole die Tageszeitung im Bistro und nun bricht eine andere Welt auf mich ein. Entsetzt starren wir beide auf die Frontseite, auf die Nachricht, die uns an einem Oktobertag in den Ferien trifft. Auf der Titelseite von «Le Monde» sehen wir einen Mann in Uniform. Er trägt Soldatenschuhe und hält ein Kind in den Armen. Von diesem Kind sieht man nur die kurzen Beinchen und die kleinen Füsschen. Es ist noch so klein, dass jemand ihm an diesem Tag die Schuhe angezogen haben muss. Man weiss sofort, das Kind ist tot, man erkennt es am Gesicht des Mannes. Er trauert um das Kind.
Gedanken an die Tante in Israel
Wie oft lesen wir in der Zeitung von blutigen Aufständen, schrecklich, gewiss, aber man vergisst es gleich wieder, es geschieht irgendwo auf der Welt, angezettelt von irgendwelchen fremden Leuten. Verwandte, die sind uns nicht fremd. Meine Tante lebt in Israel und hält sich manchmal in einem Kibbuz an der Grenze zum Gazastreifen auf. Während wir in der Zeitung die schrecklichen Bilder sehen, muss ich die ganze Zeit an meine Tante denken. Einmal haben wir sie besucht. Wir durften bei ihr logieren. Am Freitagabend sahen wir die hübschen Kerzenlichter auf den Terrassen ihrer Nachbarn. Der Beginn des Sabbats wurde gefeiert.
Heute hat man diesen Ort zu einem Kriegsschauplatz gemacht. Viele wussten, dass so etwas passieren konnte. Jahrelang haben sie über die Möglichkeit gesprochen, jetzt aber, da die Katastrophe eingetreten ist, ist es viel schlimmer, als es sich irgendjemand jemals vorstellen konnte. Seither erreichen uns täglich neue Bilder aus Israel und dem Gazastreifen.
Ich frage mich, was für eine Welt nun dort aus den Trümmern entstehen sollte. Es darf nicht dieselbe werden, die sie war. Dort nicht und auch hier bei uns nicht. Auch unsere Welt ist ja immer noch veränderungsbedürftig, trotz der Anteilnahme, die überall eindrücklich aufbrach. Und trotz der friedensdiplomatischen Bemühungen. Aber es gab auch Hass und einseitige Parteinahme.
Gegen die Verzweiflung
Ich suche einen Weg, wie jeder ihn jetzt sucht für sich – mitten in Zeiten grosser Herausforderungen. Wir kennen doch alle die Verzweiflung, die wie ein hungriger Löwe unsere Gemüter zerfetzt. Und dann suchen wir Rettung. Obhut. Manche Menschen brauchen in Krisen schnelle Antworten, haben Meinungen, die sie entschieden verkünden. Für mich sind Krisen Orte des Zweifels, des Fragens und Suchens, Momente der Unsicherheit. Es dauert, bis ich begreife, dass ich auf Zerstörung nicht mit Verzweiflung antworten will. Denn Verzweiflung schwächt, neigt dazu, entmutigt aufzugeben.
Auf einmal sehe ich wieder das Kind, das auf der Terrasse mit seinem Vater spielt. Es tröstet mich ein wenig. Ein Gefühl, das mich wärmt. Wie wird sie sein die Welt, in der dieses Kind leben wird und alle anderen mit ihm?
Schönheit suchen
Auch und gerade jetzt gilt es, Schönheit zu suchen und zuzulassen in unserem Leben, ein Vater, der mit seinem Kind auf einer Terrasse spielt, obgleich anderswo alles zerstört wird, was lebendige Schönheit ausmacht.
Als wir am nächsten Tag durch die Stadt Marseille spazieren, fühlt sich die Sonne warm an im Gesicht. Noch ist die Luft mild und der Wind warm. Wir besuchen Kirchen, betrachten Fresken, essen Meeresfrüchte. In einem Nebengässchen fällt uns eine romanische Kirche auf. Es gibt Kirchen, die für mich eine eigentümliche Kraft ausstrahlen, in deren dunklem warmen Licht, das aus engen Rundbogenfenstern den Raum betritt, etwas fühlbar ist von Verborgenem, fast jenseitigem Glanz.
Meine Freundin macht mich auf die Wundergeschichten aufmerksam, irgendein Heiliger, der die Fischer aus stürmischen Wellen gerettet hat, weckt in mir ein mildes Lächeln. Ich denke an den Mann auf dem Zeitungsfoto, der das Kind trägt. Dass die Rettung ausgeblieben ist.
Das Erstaunen des Hiob
Ich schaue zu den Fresken. Auf einem Bild Hiob mit halbausgebreiteten Armen. Verzweifelt, aber auch mit einem starken Gottvertrauen. Was aber am deutlichsten ins Auge fällt, ist das Erstaunen: Warum muss das alles mich treffen? Warum bin ich in dieses Leben hineingeboren worden? Mir kommt der Gedanke, dass das ganze Leben in den Fresken dieser Kirche abgebildet ist. Das neugeborene Kind, der Weg der Prüfungen, die Liebe, das Glück, der Schmerz und die Erfahrung.
Aber damit endet es nicht, sondern setzt sich auf dem letzten Bild fort, wo noch eine weitere Gestalt mit ausgebreiteten Armen steht. Diese Gestalt hält im Gegensatz zu Hiob die Arme vollständig ausgebreitet, die Hände zum Licht erhoben. Eine Kreuzesgestalt, welche die Träume und den Glauben der Menschen am Leben hält.
Hoffnung jenseits der Alltagsprobleme
In Marseille mit seinen knapp einer Million Einwohnern wird man auch an die grossen, täglichen Probleme erinnert. In manchen Vierteln sind über vierzig Prozent der jungen Menschen arbeitslos; andere kommen gerade so über die Runden. In einer solchen Situation gibt es den Wunsch, dass es noch etwas anderes geben müsste. Ein Hängen zwischen Hoffnungslosigkeit und unwahrscheinlicher Aussicht. Ein Zustand, in dem viele in Marseille täglich leben.
Und Palästinenser und Israelis, die sagen, wir haben die ganze Zeit unseres Lebens auf ein freundliches Zusammenleben gewartet, jetzt sind wir alt, es soll an unseren Kindern geschehen. Ein inneres Schwanken zwischen Angst und Verlangen. Diesen Gefühlen kommen wir sehr nahe, da sind wir den Menschen in Marseille und im Nahen Osten gleich, wenn uns das, was wir möchten, entgleitet. Wenn uns das Wasser bis zum Hals steht.
Die Seele stärken
Die Aussicht, noch ein paar Tage durch die Gassen Marseilles spazieren zu können, der bescheidene, respektvolle Umgang mit Licht und Fresken romanischer Kirchen, die den jenseitigen Zauber erahnen lassen, hellt mich ein wenig auf. Und das Lächeln des Kindes, das auf der Terrasse mit seinem Vater spielt. Der Sonnenuntergang und das Nachtessen, das die Seele stärkt. Etwas das sagt, ja da bin ich, auch wenn ich mich nie finde. Etwas, das Hören und Sehen erweitert.
Liebe Hörerin, lieber Hörer, ich bin Ihnen dankbar dafür, dass Sie mir zugehört haben. Das war mir nie selbstverständlich. Jetzt verabschiede ich mich mit meiner letzten Radiopredigt und wünsche Ihnen lichtvolle Tage.
Die Radiopredigt bezieht sich auf den Bibeltext: Hiob 13,24; 17,3; 19,25-26
*Beat Allemand ist evangelisch-reformierter Pfarrer in Bern.
Die SRF-Radiopredigten sind eine Koproduktion des Katholischen Medienzentrums, der Reformierten Medien und SRF2 Kultur.
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