«An der Jugendsynode gab es keine Bienenkönigin»

Rom, 2.11.18 (kath.ch) Zentral ging es an der Jugendsynode um die Frage, wie das Verhältnis zwischen der kirchlichen Hierarchie und der Jugend verbessert werden kann. Das sagt der Schweizer Redaktor und Nachrichtensprecher bei Radio Vatikan, Mario Galgano, gegenüber kath.ch. Alle anderen Themen wie die Rolle der Frau in der Kirche reihten sich hinter dieser Grundsatzfrage ein. Galgano arbeitet seit 2006 beim deutschsprachigen Programm von Radio Vatikan.

Georges Scherrer

Beim vatikanischen Radio fliessen viele Fäden zusammen. Als Mitarbeiter haben Sie die Jugendsynode quasi hautnah miterlebt. War Radio Vatikan während der Synode ein Bienenhaus?

Mario Galgano: Die ganze Jugendsynode war ein Bienenstock. Wir waren ein Teil davon. Es war sehr viel los. Es gab viele Gespräche und sehr viel Bewegung – im übertragenen Sinn und auch wortwörtlich genommen. Nicht nur wir Journalisten mussten immer wieder von einem Ort zum nächsten laufen, sondern auch die Synodenteilnehmer selber. In dem Bienenhaus gab es aber keine Bienenkönigin, sondern vor allem viele Bienenherren, also die Synodenväter, die für Betrieb sorgten. Für uns waren die Auditoren, die 36 Jugendlichen, jedoch ebenso wichtig wie die Bischöfe.

Bei Radio Vatikan arbeiten Leute aus sehr vielen Ländern. Haben Sie in den Gesprächen mit Ihren Kollegen und Kolleginnen Mentalitätsunterschiede bezüglich der Erwartungen an die Synode festgestellt, etwa was die Themen Missbrauch, Rolle der Frau in der Kirche oder Sexualität betrifft?

Galgano: Ja absolut. Das ist eigentlich immer so. Nicht nur bei der Synode. Wir erleben hier im Vatikan die verschiedenen Stimmungen und Einstellungen der Weltkirche zu allen möglichen Themen. Bei der Synode kam das bei einzelnen Themen stark zum Vorschein – aber auch, wie über die einzelnen Themen gesprochen wurde. In Nordeuropa denkt man anders über die Themen Sexualität und Moral als in Südeuropa. Das gilt auch für die Rolle der Frau in der Kirche.

Deutschsprachige Bischöfe diskutieren in Rom mit Vertretern von Jugendverbänden | © BDKJ Bundesstelle

Es gibt, weltweit gesehen, vor allem ein West-Ost-Gefälle. In Westeuropa und Nordamerika wird über die drei genannten Themen gesprochen. Wie die Einstellung dazu ist, konservativ oder liberal, ist eine andere Frage. Aber die Themen werden angegangen.

In Asien, Afrika und Lateinamerika gibt es zum Teil bei moralischen Themen, der Sexualität und der Rolle der Frauen schon einen anderen Ansatz. So fragt man sich dort oft, ob man über diese Fragen überhaupt reden soll.

Ein Beispiel: Der deutschen Sprachgruppe war es ein Anliegen, über das Thema Homosexualität zu sprechen. Wie wichtig war dieses Thema für die Synodenteilnehmer aus Afrika und Asien?

Galgano: Für diese ist es kein Thema. Sie weisen auf den Katechismus hin. Dort ist alles geregelt. Punkt! Im Bereich Sexualität sind ihnen andere Aspekte wichtiger. Die afrikanischen Vertreter möchten da viel lieber über die Polygamie sprechen. In Afrika ist das ein Thema, in Europa nicht.

«In Afrika ist Polygamie ein Thema.»

Schon bei den Bischofssynoden im Vatikan zu Ehe (2014) und Familie (2015) brachten die Vertreter Afrikas dieses Thema auf den Tisch. Konkret wurde gefragt: Was mache ich als Bischof, wenn ein Muslim zum Katholizismus konvertiert und er hat vier Frauen? Bezüglich der Jugend stellt sich die Frage: Was geschieht mit einem Jugendlichen, der in einer solchen Familie aufwächst und der zum Katholizismus konvertieren will oder zum Katholizismus Fragen hat?

War die Polygamie ein wichtiges Thema an der Synode?

Galgano: Nein, das nicht. Nur ganz am Rand.

Was waren die Punkte, die an der Synode am meisten zu reden gegeben haben?

Galgano: Es waren weniger die heissen Eisen, die man in der Schweiz kennt, also etwa die Homosexualität oder das Frauenpriestertum. Im Zentrum stand vielmehr die Grundsatzfrage: Wie soll denn die Kirche, wie sollen Bischöfe, ältere Männer, die junge Menschen begleiten? Und zwar konkret und nicht einfach nur mit schönen Worten. An der Synode hat man schnell gemerkt, dass eine tolle Jugendpastoral nicht genügt, die auf dem Papier schön klingt. Die Pastoral muss konkret umgesetzt werden.

«Schade, dass das Thema Ehesakrament als Berufung kaum thematisiert wurde.»

Viele Jugendliche wünschen sich eine aktive Kirche, aktive Bischöfe und Kardinäle und dies bis hin zum Papst. Auch er soll aktiv auf die Jugend zugehen. Alle anderen Fragen reihten sich hinter diesem Hauptthema ein. Oder anders gesagt. Was bringt es, über Homosexualität oder das Frauenpriestertum zu reden, wenn man keinen Zugang zu einem Bischof hat.

Papst Franziskus umarmt Jugendliche während des Festes der Begegnung an der Jugendsynode. | © KNA

Gab es an der Synode Themen, die zu kurz kamen?

Galgano: Aus meiner persönlichen Sicht fand ich es schade, dass das Thema Ehesakrament als Berufung kaum thematisiert wurde. Gerade im Bereich Berufung ist die Ehe für junge Leute eine grosse Herausforderung. Man kann auf die bereits erwähnte Ehe- und Familiensynoden verweisen. An der Jugendsynode hätte die Bedeutung dieser Berufung aber stärker angesprochen werden können. Und zwar nicht nur in der Dimension der Sexualität, sondern als Element im persönlichen Werdegang.

Sind Sie zufrieden mit den Resultaten der Synode?

Galgano: Ich bin insofern zufrieden, weil von Anfang an klar war, dass es nicht eine Synode mit einem Einheitsthema war. Es ging um die Methode. Der Weg war Ziel und Zweck der ganzen Übung. Es ging für einmal darum, dass die Kirche nichts sagt, sondern ganz einfach zuhört. Das habe ich bemerkenswert gefunden.

«Der Weg war Ziel und Zweck der ganzen Übung.»

Vom Vatikan, der Zentrale der katholischen Kirche, ist man sich gewohnt, dass er sagt, wo es lang geht, das ist erlaubt, jenes nicht. Die Bischöfe und Kardinäle haben sich nun für einmal hingesetzt und drei Wochen lang zugehört.

Mario Galgano im Büro | © Sylvia Stam

In der Schule gibt es verschiedene Unterrichtsformen. Im Frontalunterricht gibt die Lehrperson Schülerinnen und Schülern vor, was sie zu lernen haben. Heute werden in der Schule auch verschiedene Modelle für eine bessere Partizipation der jungen Menschen angewandt. Hat die Kirche diesen Wandel mitgemacht?

Galgano: Das ist ein gutes Bild. Die Lehrer, also die Kardinäle und Bischöfe, waren für einmal sogar die Schüler. Sie konnten erfahren, was brennt den Jugendlichen und denjenigen, die auch mit Jugendlichen zu tun haben, unter den Fingern und was liegt ihnen am Herzen.

Ungewohnt war an der Synode, dass die jungen Teilnehmer ihre Meinung zu einem Beitrag eines Kardinals oder Bischofs lautstark direkt kundtun konnten. Wie kam es dazu?

Galgano: Dies entsprach dem Wunsch von Papst Franziskus. Er ging mehrmals auf die Jugendlichen zu und forderte sie auf, lautstark zu applaudieren, wenn ihnen ein Beitrag gefiel, oder im gegenteiligen Fall zu schweigen. Von dieser Möglichkeit haben die 36 Jugendlichen im Synodensaal kräftig Gebrauch gemacht. Es war natürlich für einen Bischof oder Kardinal sehr unangenehm, wenn sein Beitrag mit Schweigen bedacht wurde.

Gottes Mühlen mahlen langsam. Wie lange wird es dauern, bis die ersten Resultate der Synode in der Praxis umgesetzt werden?

Galgano: Eine schwierige Frage. Auch weil es sich nicht um eine Synode handelte, die konkrete Vorschläge formulierte, welche eins zu eins übernommen werden können. Es geht nun vielmehr darum, die Methode des Zuhörens, welche an der Synode angewandt wurde, auf die lokale Ebene hinunter zu brechen. Also auch darum, dass die Priester, wo es überhaupt noch Priester gibt, und Laienseelsorgende auf die Jugendlichen hören und nicht einfach selber entscheiden, welche Jugendpastoral die richtige ist.

Methode des Zuhörens auf die lokale Ebene hinunterbrechen

Es geht also nicht darum, einfach auf Jungwacht und Blauring zu setzen, sondern auch darum, durch das Zuhören Wege zu suchen und zu finden, auf welchen der Kontakt zu Jugendlichen erstellt werden kann, die der Kirche fern sind. Das wäre das grösste Resultat dieser Synode. Und das ist auch das, was der Papst eigentlich wünscht.

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