«Als Christen sind wir um jeden Preis der Wahrheit verpflichtet»
Das Jerusalemer Zentrum für Befreiungstheologie Sabeel will Gerechtigkeit für Palästina
Jerusalem, 8.1.10 (Kipa) Palästinensische Befreiungstheologie – ein ungewohntes Wortpaar. Das Lateinamerika der 1960er Jahre kommt in den Sinn, Namen wie Gutierrez, Boff oder Romero, ihr Kampf für die Belange der Ausgegrenzten, von westlichen Christen bekämpft, belächelt oder bewundert. Palästinensische Befreiungstheologie? «Die Bibel wird hier viel zu oft missbraucht, deshalb brauchen wir diese andere Sicht, wir müssen die Bibel mit palästinensischen Augen lesen», sagt Nora Carmi, Mitarbeiterin von Sabeel in Jerusalem. Seit seiner Gründung 1989 kämpft das ökumenische Zentrum für Befreiungstheologie für Gerechtigkeit für Palästina.
«Viel Unrecht wird in diesem Land mit der Bibel begründet», sagt Nora Carmi. Die «Nakba» (Katastrophe), wie die Palästinenser die Gründung des Staates Israel 1948 nennen, der 6-Tage-Krieg von 1967, die andauernde Besatzung – vieles baut laut der palästinensischen Christin auf den biblischen Landversprechungen für die Israeliten auf. «Aber Gott will kein Unrecht, deshalb brauchen wir eine Theologie der Gerechtigkeit!»
Gewaltfreier Widerstand
Für Nora hat die palästinensische Befreiungstheologie viele Funktionen, in erster Linie für die einheimische christliche Gemeinschaft selbst: «Der Glaube befreit uns. Er hilft uns, keine Angst zu haben. Wir müssen aufrecht stehen und die Wahrheit sagen, auch wenn wir dafür manchmal einen hohen Preis zahlen müssen», sagt sie überzeugt. Und: «Als palästinensische Christen stehen wir in der Verantwortung. Wir müssen Widerstand leisten gegen das Unrecht, das hier geschieht, aber ohne Gewalt.»
Ein Weg, der nicht immer einfach ist, weiss Nora. «Es ist viel einfacher, mit Gewalt zu reagieren, aber gewaltfreier Widerstand ist soviel fruchtbringender. Wir müssen auf dem Weg Jesu bleiben und dürfen nicht in die Spirale der Gewalt eintreten.»
Vor allem Gerechtigkeit
Gerechtigkeit ist das zentrale Stichwort der palästinensischen Befreiungstheologie, sagt Nora. Der Mensch ist das Abbild Gottes, darin sind alle Menschen gleich, und deshalb ist das Leben heilig, erklärt sie die weiteren Grundsätze von Sabeel.
In ihrer Arbeit gehe es vor allem darum, den Menschen zu vermitteln, dass sie ein Teil der Gemeinschaft seien, an der sie aktiv teilnehmen sollen. «Damit sie die Hoffnung nicht verlieren», denn die Menschen seien derart auf «Materielles und Macht» fixiert, dass sie ihre Menschlichkeit zu verlieren drohen.
Ökumenisches Arbeiten liegt ihr als Teil der Arbeit von Sabeel am Herzen, ebenso die spirituelle Vertiefung: «Die Diskussion über Dogmen ist für uns nicht wichtig, uns geht es gemeinsam um die Anliegen der Palästinenser», sagt Nora. Neben dem regelmässigem gemeinsamem Bibelstudium für die Mitarbeiter und den wöchentlichen ökumenischen Gottesdiensten organisiert Sabeel spirituelle Angebote für die palästinensischen Christen.
Die eigenen Wurzeln finden
Im Zentrum steht auch hier «die palästinensische Sache», sagt Nora. Als Beispiel nennt sie den «Zeitgenössischen Kreuzweg», den Sabeel für junge Erwachsene ausgearbeitet hat. Die vierzehn Stationen führen zu «Stationen des Leidens der Palästinenser», zu einem Westbank-Checkpoint oder zu enteigneten Häusern. Nicht als Demonstration, wie sie betont, sondern als Liturgie mit Gebeten, «nur eben zeitgemäss».
«Wir müssen die eigenen Wurzeln finden», begründet die Palästinenserin die Verbindung von spirituellem Angebot und sozialpolitischen Engagement. Das Arbeiten in der Westbank ist für die Mitarbeiter von Sabeel aufgrund der eingeschränkten Bewegungsfreiheit nicht einfach, so gibt es etwa kein eigenes Büro im palästinensischen Autonomiegebiet.
Noch schwieriger sieht es bei den Christen im abgeriegelten Gaza-Streifen aus. «In die Westbank fahren wir so oft wie möglich, um den Kontakt zu halten», sagt Nora Carmi. «Für Gaza feiern wir Gottesdienste und hoffen, dass der Schrei nach Versöhnung und Heilung gehört wird.»
Separat 1:
1989 durch einen palästinensischen anglikanischen Pfarrer gegründet
Am Ursprung des ökumenischen Zentrums für palästinensische Befreiungstheologie «Sabeel» (arabisch für Weg, Quelle) steht der palästinensische anglikanische Pfarrer Naim Stifan Ateek. Mit seiner Dissertation «Gerechtigkeit und nur Gerechtigkeit» formulierte der ehemalige Domherr der St. Georgs-Kathedrale in Jerusalem seine «palästinensische Befreiungstheologie». Im selben Jahr, 1989, gründete er zusammen mit einem Ad-hoc-Komitee Sabeel als ökumenisches Zentrum für palästinensische Befreiungstheologie, dessen erste internationale Konferenz 1990 stattfand.
Heute arbeiten nach Angaben von Nora Carmi im Jerusalemer Sabeel-Büro sechs Vollzeitkräfte und eine Teilzeitkraft. Dazu kommen derzeit drei Freiwillige aus den Niederlanden, Schottland und den USA. Drei weitere Vollzeitkräfte arbeiten im Sabeel-Büro in Nazareth. Finanziert wird das Zentrum vor allem durch Spenden von Kirchen und kirchennahen Organisationen aus den USA und Europa, erklärt Carmi.
Schwerpunkte der lokalen Arbeit sind gemeinschaftsbildende Programme sowie je spezielle Programm für Jugendliche, Frauen und den Klerus. Dazu kommen regelmässige internationale Konferenzen. Die nächste Konferenz soll 2011 zum Thema «Empire» (Reich) stattfinden. Zweimal jährlich organisiert das Zentrum sogenannte «Zeugnis-Treffen», bei denen vor allem junge Menschen aus dem In- und Ausland zusammentreffen und zusammen lernen sollen.
Sabeel publiziert regelmässig Hefte in arabischer und englischer Sprache, darunter die Vierteljahrsschrift «Cornerstone» mit Informationen über die politische Situation in der Region und Kommentaren aus christlicher Sicht. Ausserdem meldet sich das Zentrum mit regelmässigen «Statements» in der Öffentlichkeit zu Wort.
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Separat 2:
Alternative Pilgerreise
Zwölf Tage in Israel und Palästina, mit Begegnungen palästinensischer und israelischer Gemeinschaften: Mit internationalen Konferenzen für junge Erwachsene (18-35) will Sabeel eine Alternative zu herkömmlichen Pilgerreisen bieten. Vom 21. Juli bis 1. August findet die fünfte derartige Konferenz statt, das Thema: «Aus dem Bauch des Wals. Ein palästinensisch-christlicher Schrei nach Gerechtigkeit». Auf dem Programm stehen Vorlesungen und Diskussionen, Freiwilligenarbeit und Kulturanlässe, Bibelstudium, Gottesdienste und Besuche der Heiligen Stätten. Im Vordergrund steht der Austausch einheimischer Christen mit den internationalen Gästen.
Hinweis: Anmeldung bis zum 1. Juni, Anmeldeformular und weitere Informationen unter www.sabeel.org
(kipa/ak/job)



