Weihbischof Alain de Raemy bei der 1. August-Messe auf dem Gotthardpass 2023.
Schweiz

Alain de Raemy auf dem Gotthard: Unter der Schweizerfahne kann man den Feind nicht mehr hassen

Am Vormittag haben sich wiederum Hunderte Gläubige aus dem Tessin zur traditionellen 1. August-Messe auf dem Gotthardpass versammelt. Weihbischof Alain de Raemy rief dazu auf, den Nationalfeiertag als Christinnen und Christen zu begehen.

Barbara Ludwig

Christinnen und Christen sollen den Nationalfeiertag als Freunde Jesu feiern, die ihre Hoffnung leben und vorleben – «eine tatkräftige Hoffnung», sagte Alain de Raemy, apostolischer Administrator des Bistums Lugano, gemäss Redetext in seiner Predigt.

«An unserer Fahne erkennen wir ja im Zeichen des Kreuzes den Sieg der Liebe über Tod und Hass», so der Weihbischof auf Deutsch. Ein «lichtvolles Kreuz», das das «blutrote Umfeld» durchleuchte, ob dies nicht die «sanfte und kraftvolle Wirkung eines liebenden Auferstandenen» sei. «Unter einer solchen Fahne, unter einem solchen Zeichen, kann man den Feind nicht mehr hassen, man kann nur noch für alle sorgen und leben», mahnte der Weihbischof. Seine Predigt war in einen italienisch-, einen französisch- und einen deutschsprachigen Teil gegliedert, den er zuletzt vortrug.

Feindesliebe

Im ersten, italienischsprachigen Teil hatte de Raemy den Kern des christlichen Glaubens erläutert und dabei aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer zitiert. Dieser Kern sei Jesu Liebe auch zu den Sündern und seinen Feinden. «Gott wartet nicht auf unsere Bekehrung, um uns zu lieben! Jesus ist nicht nur für seine Freunde gestorben, sondern auch für seine Feinde», so de Raemy.

Schweizerfahne.
Schweizerfahne.

Aus Sicht des Weihbischofs ergeben sich aus Jesu Feindesliebe auch Anforderungen an die Christen, zum Beispiel, wenn es um das Vaterland geht. «Ein Christ oder eine Christin kann für das Vaterland sterben, ja, aber als Christen werden sie das nur tun können im Bewusstsein, dass sie dazu berufen sind, auch den Feind, der sie töten will, bis zum Tod zu lieben.» Es gebe kein höheres humanitäres Ideal als die christliche Liebe, folgerte de Raemy.

Die gute Nachricht – inmitten von Krieg und Ungerechtigkeit

Im zweiten, französischsprachigen Teil seiner Homelie hatte der Westschweizer ganz auf die Gute Nachricht fokussiert. Ausgehend vom Lukas-Evangelium, wo Jesus in der Synagoge sagt, der Herr habe ihn «gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung künde und den Blinden das Augenlicht; damit ich den Zerschlagenen in Freiheit setze». Auf den ersten Blick sehe heute die Bilanz nicht gut aus, stellte de Raemy fest – angesichts von Missbrauch aller Art, Kriegen, Ungerechtigkeiten.

Und er ermunterte zu einem Perspektivenwechsel: Er rief all die Christinnen und Christen in Erinnerung, die unerkannt die gute Nachricht verkündigen, die auf Gewalt mit Geduld reagieren, auf Rache mit Dialog, auf die Provokation mit dem Angebot der Versöhnung, und mit Vergebung auf den Hass. Niemand wisse, wie viele es seien. «Aber sie existieren. Und sie geben nicht auf», sagte de Raemy. «Sie sind das Heilige Jahr, das jedes Jahr gelebt wird.»

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Weihbischof Alain de Raemy bei der 1. August-Messe auf dem Gotthardpass 2023. | © Screenshot SRF
1. August 2025 | 12:00
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