Peter von Sury, Abt des Klosters Mariastein
Schweiz

Abt Peter von Sury: «Gebet für den Frieden hat nichts von seiner Dringlichkeit verloren»

Morgen findet im Kloster Mariastein die Gelöbniswallfahrt statt. Den Anstoss dazu gab der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Wie Abt Peter von Sury im Interview erklärt, ist und bleibt das Gebet um den Frieden nach wie vor aktuell angesichts der kriegerischen Konflikte in Gaza und in der Ukraine.

Jacqueline Straub

Abt Peter von Sury, am morgigen Samstag findet die 85. Gelöbniswallfahrt im Kloster Mariastein statt. Was genau ist eine Gelöbniswallfahrt?

Abt Peter von Sury: Die sogenannte Gelöbniswallfahrt führt seit 1940 die Pfarreien der solothurnischen Bezirke Dorneck und Thierstein regelmässig im Herbst nach Mariastein. Den Anstoss dazu gab der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

Vordere Front der Klosterkirche Mariastein.
Vordere Front der Klosterkirche Mariastein.

Warum?

Von Sury: Einerseits wollten die Gläubigen mit ihren Seelsorgern Gott danken, dass die Schweiz vom kriegerischen Geschehen verschont blieb. Der zweite Schwerpunkt war und ist die Bitte um Frieden. In den ersten drei Jahren kamen die beiden Bezirke gesondert. Am 28. September 1943 pilgerten sie erstmals gemeinsam zum Heiligtum Unserer Lieben Frau im Stein. Der Name variierte von Jahr zu Jahr: Dekanatswallfahrt, Bezirkswallfahrt, Friedenswallfahrt, Dankwallfahrt … Der Begriff «Gelöbniswallfahrt» tauchte meines Wissens erstmals im Jahr 1954 auf. Woher und warum – das müsste eigens erforscht werden.

Und später?

Von Sury: Später wandelte sich der Name immer wieder. Inhaltlich und liturgisch veränderte sich die Feier und entwickelte sich zum jährlichen Treffpunkt der Pfarreien des Dekanats Dorneck-Thierstein. Ein Höhepunkt war das ökumenische «Christentreffen» im Jahr 1991 anlässlich der 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft. Die bekannte Nonne und Dichterin Silja Walter aus dem Kloster Fahr verfasste damals ein eigenes Mariasteiner Pilgerlied mit 13 Strophen, das noch heute gerne gesungen wird, wenn der Pilgerzug in die Basilika einzieht.

Von links: Erzbischof Martin Krebs (Nuntius), Abt Peter von Sury (Mariastein), Weihbischof Martin Gächter
Von links: Erzbischof Martin Krebs (Nuntius), Abt Peter von Sury (Mariastein), Weihbischof Martin Gächter

Damals übernahm der Dekanatsseelsorgerat die Zuständigkeit für die Vorbereitung und Durchführung der «Dekanatswallfahrt», wie sie nun hiess. Als Termin wurde der erste Samstag im September festgelegt. Zuweilen gab es noch ein einfaches Mittagessen im Restaurant, am frühen Nachmittag ein Anschlussprogramm und eine Schlussfeier in der Kirche. Die Verantwortung für die Feier wurde jeweils einer Pfarrei, einem Seelsorgeverband oder einem Pastoralraum übertragen, mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten. Seit 2018, als im Bistum Basel die Dekanate aufgelöst wurden, sah man sich gezwungen, wieder einen passenden Namen zu suchen. So kam es wieder zur «Gelöbniswallfahrt». Damit wird an den Ursprung erinnert, der im Zweiten Weltkrieg liegt.

Was erwartet die Besuchenden bei der Gelöbniswallfahrt? Und wie viele Menschen werden erwartet?

Von Sury: Ein feierlicher Einzug in die Basilika, dann eine Pilgermesse, die mitgestaltet wird von der Trachtengruppe Thierstein und dem Gospelchor Gospelfire Oberkirch. Die insgesamt 36 Personen unter der Leitung von Paul Stebler und Natalia Hofer singen die Kirchberger Singmesse. Sie werden begleitet von einem Klavier und zwei Klarinetten. Die Predigt hält die Theologin Sibylle Hardegger, Radio- und Fernsehbeauftragte der Bischofskonferenz und seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden mit dem Kloster Mariastein. Nach der Feier in der Basilika wird auf dem Kirchenvorplatz ein Apéro serviert, was zu schönen Begegnungen und geselligem Austausch führt.

Sibylle Hardegger
Sibylle Hardegger

Die Gelöbniswallfahrt wurde während des Zweiten Weltkriegs eingeführt. Das Gebet um Frieden stand dabei im Fokus. Wie schauen Sie auf die diesjährige Feier?

«Die diesjährige Feier hat einen etwas speziellen Charakter, weil noch nicht klar ist, ob die Wallfahrt im Jahr 2025 wieder stattfinden wird.»

Von Sury: Zwei Anliegen waren seit Anbeginn mit der Gelöbniswallfahrt verbunden: Dankbarkeit – damals dafür, dass die Schweiz vom Krieg verschont blieb – und Bitte um den Frieden für die kriegs- und krisengeplagten Menschen und Völker. Die diesjährige Feier hat einen etwas speziellen Charakter, weil noch nicht klar ist, ob die Wallfahrt im Jahr 2025 wieder stattfinden wird. Es braucht dazu viele idealistisch gesinnte Leute, die bereit sind, ein grosses Engagement auf sich zu nehmen. Wir hoffen sehr, dass diese Menschen nicht aussterben!

Welche «Krisenherde» stehen bei der diesjährigen Wallfahrt im Fokus? Oder wird allgemein für Frieden gebetet?

Von Sury: Ganz sicher der Nahe Osten, Israel, Gaza … aber auch die Ukraine, leben doch unmittelbar neben der Basilika seit zweieinhalb Jahren mehrere Flüchtlinge aus der Ukraine. Das Gebet für den Frieden hat nichts von seiner Dringlichkeit verloren. Auch wenn das Motto der diesjährigen Gelöbniswallfahrt «Meine Zeit liegt in deinen Händen» offen ist auch für andere Zugänge und Interpretationen.

Zerstörung total in Gaza.
Zerstörung total in Gaza.

Welchen Stellenwert hat das Gebet um Frieden in heutigen Zeiten?

Von Sury: Das Gebet um den Frieden ist und bleibt aktuell und dringend wie zu jeder Zeit. Erinnern wir uns an die siebte Seligpreisung: «Selig, die Frieden stiften. Denn sie werden Söhne Gottes genannt werden». Oder an die Friedensbitte und den Friedensgruss in der Heiligen Messe. Schliesslich bedeutet es mir viel, dass wir hier, am Wallfahrtsort Mariastein, die Muttergottes als «Königin des Friedens» anrufen dürfen.

«Gelöbnis meint ein Versprechen, eine Zusage, die eine religiöse Dimension umfasst.»

Den Begriff «Gelöbnis» verstehen heute viele nicht mehr. Sollte die Wallfahrt nicht vielmehr umbenannt werden, so dass es verständlicher für die Menschen ist? Wenn ja, haben Sie einen besseren Begriff?

Von Sury: Wie gesagt, ist nicht klar, woher die Bezeichnung «Gelöbniswallfahrt» kommt und wann und von wem und unter welchen Umständen das ›Gelöbnis’ abgelegt und was genau ›gelobt’ wurde. ›Gelöbnis’ meint ein Versprechen, eine Zusage, die eine religiöse Dimension umfasst: Ein Versprechen, eine individuelle oder kollektive Selbstverpflichtung im Angesicht Gottes, mit einem hohen Grad an Verbindlichkeit.

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Natürlich stellt sich die Frage, ob durch ein solches Gelöbnis, ein ›heiliges Versprechen’ auch spätere Generationen in die Pflicht genommen werden können. Falls die Gelöbniswallfahrt Dorneck-Thierstein weiterlebt – das hoffe ich sehr – dann wird man vermutlich einen passenderen Begriff suchen. Auch wenn das «Gelöbnis» eine Dimension des Christenlebens zum Ausdruck bringt, die zum Glauben und zur Kirche gehört.

*Das Interview wurde schriftlich geführt.


Peter von Sury, Abt des Klosters Mariastein | © Barbara Ludwig
6. September 2024 | 14:00
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