42 Kisten Blumen und ein bisschen Raclette
Kipa-Serie: Unbekannte Bekannte – 13 Schweizer Wallfahrtsorte (4)
Bruder Crispin, die gute Seele von Heiligkreuz
Heiligkreuz LU, 6.6.13 (Kipa) Auf 1127 Meter über Meer liegt, eingebettet in eine Unesco Biosphäre, der Wallfahrtsort Heiligkreuz. Hier liess sich Johannes von Aarwangen 1344 mit einigen Mitbrüdern nieder und baute ein Bethaus. Der Sage nach trug ein Ochse ein Partikel des Heiligen Kreuzes Christi ins Entlebuch. Seit elf Jahren wacht Bruder Crispin über diesen heiligen Ort. Er musste erst lernen, an diesem Ort glücklich einsam zu sein – und Antworten auf die Fragen des Lebens zu wissen, die seine Pilger einholen.
«Die Menschen kommen hierher, wenn sie Schwierigkeiten haben, wenn sie nicht mehr weiter wissen. In ihrer Ehe, mit den Kindern, im Beruf, im Alter. Sie haben Zweifel. Sie fragen sich: War alles recht? War alles falsch? Und ich frage sie: Was denken Sie?» Bruder Crispin lehnt sich mit gefalteten Händen in seinem Holzstuhl zurück und sieht mit einem Lächeln durch seine Brille. Nach Jahrzehnten in der Seelsorge, nach elf Jahren mutterseelenallein auf dieser Anhöhe, da ist ihm schon manches Leid begegnet, und manches Leben.
In knapp zwei Stunden muss er ins Tal hinunter, zur Familie eines 25-jährigen Mannes, der sich vor ein paar Tagen das Leben genommen hat. Vier Jahre hat er den Druck auf dem eigenen Hof ausgehalten, dann war Schluss. Tröstende Worte für Unbegreifliches finden, das gehört eben auch zu den Aufgaben von Bruder Crispin, der guten Seele von Heiligkreuz. Eine Wallfahrtskirche, ein Hotel, ein Kapuzinerhospiz, 80 Hektare Land, 90 Hektare Wald. Seine Aufgaben auf dem Papier lauten Betreuung der Pilger, Feiern der Messe, Spenden von Taufen, Eheschliessungen, Führen von Gruppen. Doch da ist diese Klingel am Eingang des grossen Holzchalets, in dem er wohnt, die erahnen lässt: So eine Aufgabe als Seelsorger eines Wallfahrtsorts, das ist nichts für Leute, die keine Zeit haben.
Ein Ochse trug das Partikel ins Entlebuch
Heiligkreuz, auf 1127 Meter über Meer, ist ein Zufluchtsort für die Entlebucher, 2004 wurde die Kirche für 1,35 Millionen Franken renoviert, das Geld war beisammen, ehe überhaupt eine Wand gestrichen war. «Das zeigt doch, dass dieses Heiligtum geschätzt wird.» Hier liess sich Johannes von Aarwangen 1344 mit einigen Mitbrüdern nieder und baute ein Bethaus. Der Sage nach trug ein Ochse ein Partikel des Heiligen Kreuzes Christi ins Entlebuch – dadurch erlangte der Ort Bekanntheit als Wallfahrtsort. Seit 1753 obliegt die Betreuung der Wallfahrt und die Seelsorge in Heiligkreuz dem Kapuzinerorden.
«Dieser Ort, das ist eine Zuflucht. Die Menschen erhoffen sich hier Antworten auf ihre Fragen. Und ich bin ihnen eine gute Seele, jemand, der sich ihrer annimmt. Manchmal wird es halb fünf, bis ich zu Mittag esse. Weil ständig einer klingelt, anruft, eine Mail schreibt. Aber so ist es nunmal, das ist meine Aufgabe. Das macht mir nichts aus.» Elf Jahre lebt er nun hier oben allein, «es braucht eine spirituelle Grundlage, das zu ertragen». Crispin musste sich an das Alleinsein gewöhnen, er, der Bauernbub aus Maria Rickenbach, acht Geschwister, zuhause ein Knecht. Als einer der einzigen Buben darf er im Mädcheninternat des dortigen Frauenklosters die Schulbank drücken, zusammen mit Buben von der Alp. Er kommt aufs Gymnasium, macht in Stans bei den Kapuzinern die Matura. «Dass ich ins Kloster wollte, Priester werden, das wusste ich schon als kleiner Bub.» 1956 tritt er ins Kloster Wesemlin in Luzern ein, es folgt das Theologie-Studium in Solothurn, Kapuziner-Hochschule, 1961 die Primiz, dann wird er nach Sursee berufen, als Bauernseelsorger. Zwanzig Jahre bleibt er dort im Amt. «Die Fragen sind die gleichen geblieben, auch dreissig Jahre später. Die Menschen wollen ohne Sorgen sein, sie suchen das grosse Glück. Und oft merken sie mit der Zeit, dass das Finanzielle nur ein Teil davon ist. Und nicht mal der wichtigste.»
Ein Raclette-Öfeli für sich allein
16.000 Hostien verteilt Bruder Crispin pro Jahr. «So ein Wallfahrtsort, das ist nicht nur etwas für alte Leute.» Und wenn denn doch irgendwann keiner mehr käme? «In den elf Jahren, in denen ich nun hier oben bin, hatte ich kein einziges Mal weniger als zwölf Leute in der Kirche. Ausser einmal vielleicht, und da hat es gestürmt und gehagelt. Sollte ich je vor weniger als zwölf Leuten predigen, schmeisse ich das hier hin.»
Jeden Morgen steht Crispin um Fünf auf, frühstückt, betet, bereitet die Messe vor. Er kocht selbst, putzt, wäscht, bügelt. Raclette mag er am liebsten, dafür hat er sich extra ein Mini-Bratöfeli gekauft. Manchmal fährt er nach Schüpfheim zum Einkaufen, mit seinem Subaru Impreza, Vierrad-Antrieb, «das brauchts hier oben im Winter». Im Sommer wollen 42 Kisten Geranien gegossen werden, der Rasen gemäht, die Fassade gewaschen. Crispin ist 78 Jahre alt. Bald müssen seine Ordensbrüder abklären, wer nach ihm kommt. Ob es überhaupt einen gibt, unter ihnen, der nachfolgen kann. «Wir sind noch 130 Kapuziner, die Hälfte von uns ist über 70 Jahre alt. Es könnte also schwierig werden.»
Wenn es dann mal soweit ist, und Bruder Crispin nicht mehr länger die gute Seele von Heiligkreuz sein kann, wird er wieder zurück ins Tal ziehen. Wohin, das weiss er noch nicht. Durch seine Stelle hier oben gehört er keiner festen Gemeinschaft mehr an – er darf frei wählen. «Das Glück ist nicht an einen Ort gebunden. Auch in Heiligkreuz ist das Glück nicht zuhause. Dieser Ort ist da, damit die Menschen, die ihn aufsuchen, sich selbst aufsuchen. Damit Fragen entstehen, die beantwortet werden können.» Und für alles andere ist Bruder Crispin da.
Separat 1:
Kapuzinerorden als Betreuer
Der Wallfahrtsort Heiligkreuz wird getragen von der Pflegschaft Heiligkreuz, einer kirchlichen Stiftung im Besitz der katholischen Kirchgemeinden des Entlebuchs. Seit 1753 obliegt die Betreuung und Seelsorge in Heiligkreuz dem Kapuzinerorden. Mittelpunkt des Orts, der sich innerhalb der Unesco Biosphäre Entlebuch befindet, ist die Wallfahrtskirche aus dem Jahr 1593, die 1753 erweitert und barockisiert und 2004 schliesslich vollständig restauriert wurde. Informationen zu den Gottesdiensten und Daten der Wallfahrtstage finden sich unter www.heiligkreuz-entlebuch.ch.
Separat 2:
Hoch gelegene Oase
Der Ort Heiligkreuz ist mit dem Postauto ab Bahnhof Entlebuch täglich innert 20 Minuten zu erreichen. Eingebettet in eine unberührte, mit dem Unesco-Siegel ausgezeichnete Landschaft, lädt der Wallfahrtsort zu kurzen oder ausgedehnten Spaziergängen über Wiesen und durch Waldstücke ein. Das Hotel Kurhaus Heiligkreuz gleich neben der Kirche bietet Zimmer und warme Küche. www.kurhaus-heiligkreuz.ch. Im Winter kann man in Heiligkreuz auch Ski fahren – ein Skilift fährt hinauf bis zum Bergrestaurant First.
Separat 3:
Kipa-Serie «Unbekannte Bekannte – 13 Schweizer Wallfahrtsorte»
Nebst Einsiedeln – dem Schweizer Wallfahrtsort schlechthin – gibt es hierzulande noch zahlreiche weitere Orte, die Pilger anziehen. In der Region kennt man sie, doch die breitere Öffentlichkeit in der Schweiz hat kaum Kenntnis von ihnen. Die Presseagentur Kipa hat einige davon besucht. Eine Kipa-Serie mit 13 Porträts von folgenden Wallfahrtsorten: Verena-Münster in Zurzach AG, Wallfahrtsort Zitail GR, Maria Dreibrunnen bei Wil SG, Pfarrei Maria Lourdes in Zürich, Immaculata-Kapelle in Quarten SG, Verenaschlucht in Solothurn, Wallfahrtsort Heiligkreuz in Entlebuch LU, Wallfahrtsort Maria Rickenbach NW, La Grotte de Sainte-Colombe bei Undervelier JU, L’Ermitage von Longeborgne VS, Notre-Dame de Fatima in Ponthaux FR und Notre-Dame de l’Epine in Berlens FR.
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(kipa/ami/sy)



