Abt Urban Federer und Pfarrer Christoph Sigrist nach einem ökumenischen Gottesdienst in Zürich | © Regula Pfeifer
Schweiz
Abt Urban Federer und Pfarrer Christoph Sigrist nach einem ökumenischen Gottesdienst in Zürich | © Regula Pfeifer

Ökumene der Freundschaft: Abt Urban zu Gast in der Zwingli-Kirche

Zürich, 17.1.16 (kath.ch) Im Grossmünster Zürich fanden sich Pfarrer Christoph Sigrist und Abt Urban Federer zu einem ökumenischen Gottesdienst im Sinn einer gelebten Freundschaft. Anlass dafür war die Gebetswoche für die Einheit der Christen, welche in der Schweiz durch die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen durchgeführt wird. Im Grossmünster wirkte im 16. Jahrhundert der für die Deutschweiz prägende Reformator Huldrych Zwingli.

Regula Pfeifer

«Herzlich willkommen auch in deiner Kirche, denn du bist als Abt von Einsiedeln auch Ehrenbürger von Zürich», hiess der Pfarrer Christoph Sigrist seinen Gast, Urban Federer, im voll besetzten Grossmünsters willkommen. Sigrist hatte Federer zum Gottesdienst vom 17. Januar geladen aufgrund der am 18. Januar beginnenden Gebetswoche für die Einheit der Christen. Es war das erste Mal, dass Abt Urban im Grossmünster auftrat. Sigrist forderte das Gottesdienst-Publikum auf, das erste Lied so laut zu singen, dass es auch das Kloster Einsiedeln höre.

Nach ersten lockeren Sprüchen ging der Gottesdienst eine Weile seinen gewohnt feierlichen Gang, mit Gebet, Bittwort und Schriftlesung, unterbrochen vom Gesang des Collegium Vocale Grossmünster und den gemeinsam gesungenen Liedern aus dem reformierten Kirchengesangsbuch.

Der Predigtdialog zwischen dem reformierten und dem katholischen Geistlichen knüpfte an den anfänglichen Willkommensgruss an. Er bewies in seiner persönlich gehaltenen Art, was Abt Urban im Vorfeld gemeint hatte mit: «Ökumene ist nicht zuerst eine Theorie, sondern gelebte Freundschaft.»

Sigrist legte die Hand auf die Zürcher Froschauer Bibel, die auf dem zum Abendmahlstisch umfunktionierten Taufbecken lag. Er wolle die Geschichte der Brüder Jakobus und Johannes zur Diskussion stellen, die ihren Vater verliessen, um Jünger Jesu zu werden. «Auch du hast die Familie verlassen und dich entschieden, ins Kloster einzutreten. War das ähnlich für dich?», fragte Sigrist.

«Es war gleich und doch anders», antwortete Abt Urban. «Jesus rief die Brüder und sie gingen hin. Das heisst aber nicht, dass sie glaubten», erklärte er. Auch bei ihm hatte der Entscheid, die Klosterschule Einsiedeln zu besuchen, erst andere Gründe, etwa die Möglichkeit, in der Nähe Skifahren zu können, wie Federer schmunzelnd zugab. Erst als er dort war, wurde ihm irgendwann klar, dass er im Kloster bleiben wollte. Da war er um die 20 Jahre alt.

Die Worte der Väter

Sein Vater habe ihn damals auf andere Möglichkeiten hingewiesen, glücklich zu werden, so Federer. Doch als der Vater merkte, dass da nichts zu machen war, liess er ihn mit den unvergessenen Worten in die Freiheit: «Du musst glücklich werden. Geh und tue, was du tun musst».

«Und wie kannst du deine Geschichte in die Bibelgeschichte einbauen?», fragte Federer seinen Gastgeber. «Ich wollte schon als Fünfjähriger Pfarrer werden», antwortete Sigrist. Er habe damals einen schwarzen Hut vor dem Küchenfenster vorbeigehen sehen, den er auch gerne gehabt hätte. Seine Mutter habe erklärt, dass das der Pfarrer gewesen sei. «Deshalb wurde ich Pfarrer», meinte Sigrist und erntete Lacher. Der Ruf sei später ernsthaft geworden, fügte Sigrist hinzu und berichtete über ein Kindheitserlebnis. Er hatte einen Obdachlosen wegen dessen Hässlichkeit ausgelacht – und wurde vom Vater zurechtgewiesen. Dieser Mann sei genauso schön wie er selbst in den Augen Gottes, habe er ihm gesagt. Mit seiner Behinderung – der Vater hinkte – habe er das beste Werkzeug, um das zu verstehen, gab der Vater dem Sohn mit. Noch heute ist der Grossmünsterpfarrer überzeugt: «Meine Zerbrechlichkeit ist das Werkzeug, mit dem ich meine Berufung am besten leben kann.»

Ein Orgelspiel setzte ein, die beiden Geistlichen hörten andächtig und gesenkten Kopfes zu. «Wie sieht denn bei dir die Nachfolge Jesu konkret aus?», wollte Sigrist danach wissen. «Meine Berufung zum Mönchtum heisst: Ich suche Gott.» Federer verwies auf das mehrmals täglich stattfindende Gebet in der Gemeinschaft. Als Abt habe er aber eine andere Funktion. «Abt» komme von «Abba» und das heisst Vater, sagte Federer. «Ich versuche, der Gemeinschaft voranzugehen mit Worten und vor allem mit Taten.» Dies, obwohl einige Mönche älter seien als er. Und als Priester wolle er den Pilgern das Wort des Heils zusprechen.

Das Bild und das Wesentliche

Ein Alltag in der Bruderschaft sei sicher wohltuend, sagte Sigrist. Er als Pfarrer hingegen sei allein – aber natürlich in Gemeinschaft mit den Gläubigen, relativierte Sigrist. «Ich versuche wie Don Camillo immer mit Gott zu leben», zog der Grossmünsterpfarrer ein literarisches Vorbild hinzu. Dann zeigte er ins Kirchenschiff. «Zwingli war überzeugt, dass alles Dekorative ablenkt von Gott und liess alles entfernen» Für Sigrist ein richtiger Entscheid. «In diesem leeren Raum passiert etwas Wichtiges: Die Reduktion auf das Wesentliche». Der reformierte Pfarrer plädierte darum für eine neue Kultur des Verzichts.

«Wir brauchen das Bild, um zum Wesentlichen zu kommen», zitierte Abt Urban hingegen einen vorreformatorischen Mystiker. Seine Entgegnung umfasste er aber gleich mit versöhnenden Worten. Der heutige Gottesdienst zeige: «Ökumene muss über die freundschaftliche Begegnung kommen.» Wer die Kirchengeschichte kenne, könne der heutigen Begegnung die gebührende Bedeutung zumessen.

Freundschaft über Konfessionen hinweg

«Ja, unsere Freundschaft ist da», bestätigte Sigrist. «Du gibst mir Kraft, anderen Mut für diesen Weg zu machen», erklärte er und schloss die Predigt. «Verkündigung ist uns allen, nicht nur dem Abt von Einsiedeln und mir, aufgetragen, Amen.»

Nach dem gemeinsamen «Unser Vater» – als gemeinsames Zeugnis der Konfessionen – dankte Sigrist seinem Gast für seine Freundschaft und sein «Zeugnis der Ökumene» und übergab ihm einen signierten Dachziegel vom Grossmünster. Er müsse nicht meinen, dass das Dach der Kirche nun durchlasse, witzelte Sigrist. «Ich bin froh, dass das kein Symbol für einen Dachschaden bei uns ist», gab Urban Federer unter Lachern zurück. Den Segen zum Schluss des Gottesdienstes gab der Abt den Anwesenden. (rp)

Das reformierte Grossmünster Zürich | © Regula Pfeifer
Das reformierte Grossmünster Zürich | © Regula Pfeifer
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