Wirtschaft ist Care … und Migration?

Medienmitteilung: Am dritten Care-Frühstück im Rahmen der Frauensynode 2020 geht es um Care-Migration. Das vielschichtige Phänomen lässt prekäre Arbeitsbedingungen entstehen, zieht Care von den Rändern Europas ab und stellt Fragen an das Menschenbild einer Gesellschaft, die ihre Fürsorgearbeit tabuisiert, marginalisiert und trivialisiert.

Zeit für einen Perspektivenwechsel! Im Anschluss an die intensiven Debatten wird die Vernissage der Comic-Broschüre «Wirtschaft ist Care» gefeiert. Sie ist ab sofort gratis erhältlich und erläutert so lustvoll wie fundiert die Grundlagen auf dem Weg zu einem nachhaltigen Wirtschaftsverständnis.

Paprika

Am dritten Care-Frühstück mit Inhalt verköstigen Migrantinnen die begeisterten Gäste mit Leckereien aus der Heimat: bosnischen Paprikabrötchen, libanesischem Hummus und tamilische Samosas. Paprika Catering ist ein Frauenunternehmen, ein Integrations- und Teillohnprogramm für Frauen, die ihre eigene Kochkultur einbringen (www.stadt-zuerich.ch/paprika). Sie leisten an diesem Vormittag Care-Arbeit, ebenso wie die drei Referentinnen aus der Polen, der Schweiz und Deutschland.

Care-Migrant*innen: Eine neue Dienstbot*innen-Klasse

Über Care-Arbeit wird kaum gesprochen und wenig geforscht. Das hat weit reichende Folgen. So entstand in den vergangenen Jahren völlig selbstverständlich eine neue Dienstbot*innen-Klasse. Ihre Arbeit wird politisch ebenso randständig behandelt wie sie als selbstverständlich vorausgesetzt und in Anspruch genommen wird. Prof. Dr. Maria Rerrich lehrt an der Hochschule für angewandte Wissenschaft in München als Soziologin und gibt Einblick in das Phänomen der Pendelmigration: Wochen- oder Monatsweise wird der Lebensort gewechselt. Der Sozialraum spannt sich zwischen zwei Ländern auf.

«Bei der Arbeit erwischt»

Bozena Domanska, als ehemalige 24-Stunden-Betreuerin Mitbegründerin des Netzwerks Respekt@vpod berichtet aus eigener Erfahrung, was dies für Betreuerinnen bedeutet, ihre Kinder zurückzulassen, und wie gross die Angst ist, in irregulären Beschäftigungsverhältnissen «bei der Arbeit erwischt zu werden». Carmen Jud als Sprecherin des Solidritäsprojektes der FrauenKirche Zentralschweiz, berichtet von «Care-drain» und «Brain-drain» in Bosnien mit 40›000 migrierenden Menschen pro Jahr. Die Spitex Krajiska Suza betreut alte und kranke Menschen vor den Toren Europas, die keinerlei öffentliche Unterstützung erhalten. Die migrierenden Frauen und Männer fehlen nicht nur in ihren Familien, sondern ebenfalls in der Öffentlichkeit als Gestalter*innen einer sozialeren und gerechteren Zukunft.

Was geschieht mit «uns»?

Rerrich stellt auch die Frage nach dem Menschenbild in Europa, das die Fürsorgearbeit tabuisiert, geringschätzt, trivialisiert. «Dabei ist bekannt, dass es uns alle trifft: Weniger als 10% der Bevölkerung ist im Alter nicht auf Pflege angewiesen.»

Das Thema ist äusserst vielschichtig. Den drei Referentinnen gelang es, das Publikum herauszufordern, über politische Forderungen nachzudenken. Dazu gehört: Die Erforschung über Care und Migration zu fördern, Informationen und Kontrollen zu prekären Arbeitsbedingungen von Care-Migrant*innen zu verstärken und den Care*Migrantinnen ein menschenwürdiges Leben und Mitbestimmung zu ermöglichen.

In den Tabu-Bereichen von Migration und Care wird deutlich, dass es vor allem einen Perspektivenwechsel braucht, der das Zentrum des Wirtschaftens beleuchtet: Wirtschaft ist gemäss allen Lehrbüchern die planvolle Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Es gilt also, der Definition zu folgen und daraus Konsequenzen zu ziehen: Wirtschaft ist Care.

Vernissage: Comic-Broschüre «Wirtschaft ist Care» mit den Künstlerinnen

Der theoretische Basis dieser Gleichung ist in der Comic-Broschüre «Wirtschaft ist Care» lustvoll und fundiert aufbereitet. Zum Abschluss des Frühstücks stiess die geistig und kulinarisch gesättigte Frühstücksgemeinschaft mit den beiden Künstlerinnen Kati Rickenbach (Zeichnungen) und Julia Marti (Grafik) auf das druckfrische Werk an.

Die Comic-Broschüre «Wirtschaft ist Care» kann bestellt und als pdf heruntergeladen werden auf: www.frauensynode.ch/de/material. Mit einem Crowdfunding sorgt die Spurgruppe dafür, dass diese Grundinformationen gratis verteilt werden können.

Die Frauen*synode 2020 zum Thema «Wirtschaft ist Care» wird getragen von einer Spurgruppe aus dem Verein FrauenKirche Zentralschweiz und dem Verein «Wirtschaft ist Care». Denktage, Care-Frühstück mit Inhalt und Informationsmaterial wie die Comic-Broschüre «Wirtschaft ist Care» legen die Grundlagen, so dass am 5. September 2020 ein Meilenstein im Perspektivenwechsel hin zu einer Care-zentrierten Wirtschaft stattfinden wird.

Die Frauen*synode ist ein prozessorientiertes Projekt aus der Frauen*Kirchen-Bewegung der Schweiz und Europas. Die Frauensynoden vernetzen kirchliche und nichtkirchliche Frauen* und Männer* miteinander, diskutieren ein aktuelles Thema, stärken das Engagement für gutes Zusammenleben und beziehen öffentlich Stellung. Die Frauen*synode hat seit 1995 bereits in sechs verschiedenen Schweizer Städten stattgefunden. Die beiden grossen konfessionellen Frauen-Dachverbände SKF und EFS bilden die Trägerschaft zusammen mit wechselnden Projektgruppen.

Broschüre

Care-Frühstück der Frauensynode mit Vernissage der Comic-Broschüre | © zVg
FrauenKirche Zentralschweiz
11. November 2018 | 09:52