Sonntag, 18.08.2002, 00:00 closed

Wallfahrt mit Waffen

Vergleich zwischen islamischem Dschihad und christlichen Kreuzzügen

Nicht nur der Islam kennt die Idee des heiligen Kriegs. In den mittelalterlichen Kreuzzügen griffen auch Christen zur Waffe, um Gottes Willen durchzusetzen. Was bewegte sie zu den blutigen Wallfahrten? Lassen sich Dschihad und Kreuzzüge in denselben Topf werfen?

Am 13. Mai 1981 richtete der Türke Mehmet Ali Agca auf dem Petersplatz seine Schusswaffe gegen Papst Johannes Paul II. und verletzte ihn schwer. Er begründete sein Attentat damit, dass der Papst der «oberste Kriegsherr der Kreuzritter»«» sei. Die Begründung, so weltfremd sie auch gewesen sein mag, zeigt die Hartnäckigkeit von Feindbildern. Auch wenn die Zeit der Kreuzzüge seit acht Jahrhunderten vorbei ist, konserviert ein bestimmtes Denken eingeschliffene Feindbilder, um sie bei Bedarf hervorzuholen.

Freilich hatten die Päpste schon etwas mit den Kreuzzügen zu tun. Zum ersten eigentlichen Kreuzzug rief Papst Urban II. im Jahre 1095 in Clermont-Ferrand auf. Damit entsprach er einer Bitte des byzantinischen Kaisers Alexios Komnenos. Der Kaiser hatte eindringlich darum gebeten, die Christen im Orient von der drückenden Herrschaft der Muslime zu erlösen. Als weiteres Ziel wurde die Befreiung des Heiligen Grabes in Jerusalem angeführt.

«Gott will es!»«»

Als Urban II. (1088–1099) am vorletzten Tag des Konzils von Clermont zum Befreiungsfeldzug Jerusalems aufrief, empfing ihn tosender Beifall. Die Menschen fertigten Stoffkreuze an, um sie an ihre Schultern zu heften. Den Aufruf des Papstes deuteten sie als unmittelbaren Gottesauftrag. «Deus lo vult. – Gott will es.»«» Der päpstliche Aufruf richtete sich in erster Linie an junge, kräftige Ritter, die als Ritter Christi bezeichnet wurden. Angesprochen war aber auch die bäuerliche Bevölkerung.

Das begeisterte Echo ist auf dem Hintergrund des damaligen Bevölkerungszuwachses und der Verknappung des teilbaren Grundbesitzes zu sehen. Die Hoffnung auf Landnahme im Orient beflügelte viele Ritter. Die Motivation der Kreuzritter nährte sich deshalb aus vielen Wurzeln. Die geistlich-spirituelle, das heisst der Zugriff auf das irdische Jerusalem gewissermassen als Vorgriff auf das himmlische Jerusalem, war sicher die tiefste geistliche Motivation. Daneben gab es noch andere Beweggründe: der Wallfahrtsgedanke, die Idee des heiligen und gerechten Krieges, die Gewährung von Ablässen und der Glaube an die leitende, legitime Autorität des Papstes.

Kreuzzug als Wallfahrt

Wallfahrten ins Heilige Land sind bereits aus den frühen Jahrhunderten der Kirche überliefert. Es waren riskante Unternehmungen für die Pilger. Die wenigsten Wallfahrer erreichten ihr Ziel. Nachdem Palästina unter muslimische Herrschaft gekommen war, wurden Pilger oft behelligt. Dass den Christen der Zugang zu den heiligen Stätten verwehrt blieb, galt sowohl im spätrömischen Reich wie in Byzanz als Schmach und Demütigung.

Die Risiken der Jerusalemwallfahrt trugen dazu bei, dass sich die Gläubigen auf strapazenreiche und immer noch hochriskante Pilgerfahrten in Europa konzentrierten. Drei Wallfahrtsorte gewannen grosse Popularität: Rom, die Stadt der frühchristlichen Märtyrer, Santiago de Compostela mit dem Grab des Apostels Jakobus und der Monte Gargano in Apulien, wo der Erzengel Michael verehrt wurde. Jerusalem aber überragte alle anderen Wallfahrtsorte. Denn es erinnerte nicht nur an das bisherige Heilsgeschehen – Leben, Leiden, Sterben, Grablegung und Auferstehung Christi –, sondern wies vor allem auf die noch ausstehende Erfüllung im himmlischen Jerusalem hin. Dieser Gedanke enthielt hochexplosiven Sprengstoff. Die Begeisterung führte zu Pogromen gegen die Juden, die den Messias noch immer erwarteten und sich dem christlichen Enthusiasmus versagten.

Blutbad in Jerusalem

Es waren diese Ausbrüche unkontrollierter Gewalt, die den idealen Gedanken der Kreuzzüge entstellen sollten. Rund 90 000 Kreuzritter, darunter etwa 8 Prozent Adlige und Ritter, brachen 1096 in zwei Zügen auf. Während der erste weitgehend aufgerieben wurde, versammelte sich der zweite Zug vor Nikaia in Kleinasien und stiess von hier aus nach Jerusalem vor. Am 15. Juli 1099 erreichte er Jerusalem und richtete ein Blutbad an. Arabische und westliche Chroniken halten diese Exzesse fest.

Zusammen mit Siedlern aus dem Westen gründeten die Kreuzritter nun vier Kreuzfahrerstaaten – das Königreich Jerusalem, die Grafschaft Edessa, die Grafschaft Tripolis und das Fürstentum Antiochien. Keiner davon überdauerte das 13. Jahrhundert. 1187 fiel Jerusalem zurück an die Truppen des Sultans Saladin und konnte nie mehr wiedererobert werden. Am 3. Kreuzzug (1189–1192) beteiligten sich Friedrich I. Barbarossa, Richard Löwenherz und Philipp II. von Frankreich. Die Plünderung Konstantinopels 1204 im 4. Kreuzzug, trug nachhaltig zur Entfremdung von Lateinern und Byzantinern bei; sie hinterliess bei den Griechen ein bis heute nachwirkendes Trauma. König Ludwig IX. von Frankreich, genannt der Heilige, starb 1270 beim Kreuzzug vor Tunis. Trotz fortgesetzter Misserfolge entwickelte der Kreuzzugsgedanke bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts eine starke Anziehungskraft.

Gerechte Kriege

Wie wurden die Kreuzzüge begründet? Hinter den Unternehmungen, die trotz blutiger Exzesse als Fortführung des Pilgergedankens gedacht waren, stand die Idee des gerechten Krieges. Diese Idee ging auf den heiligen Augustinus im 5. Jahrhundert zurück und ist theoretisch durch keine bessere ersetzt worden. Die Vorstellung des gerechten Krieges besagt, dass Gewalt an sich nicht schlecht sei, sondern moralisch indifferent; ihren moralischen Charakter empfange sie aus der Absicht des Gewaltanwenders. So war Gewalt nicht nur Ausdruck der Liebe gegenüber denjenigen, zu deren Schutz sie antrat, sondern auch gegenüber denjenigen, gegen die sie sich richtete.

Unabdingbare Voraussetzung für kriegerische Gewaltanwendung war ihre Bindung an Gerechtigkeit und Rechtmässigkeit. Gerechter Anlass konnte Aggression, Bedrohung, Tyrannei oder unrechtmässige Besetzung eines Gebietes sein. Der Einzelne konnte nicht eigenmächtig Vergeltungsmassnahmen ergreifen. Er musste dazu von einer rechtmässigen Obrigkeit ermächtigt sein. Über alle Zweifel erhaben war eine Ermächtigung, wenn sie den Charakter einer göttlichen Bevollmächtigung trug. Das war bei den Kreuzzügen der Fall. Deren kennzeichnendes Merkmal lag in der Vorstellung, dass sie die Sache Christi vertraten, die der Papst als Vertreter Christi legitimiert hatte.

Wollte es Gott?

Wollte Gott das wirklich? Wir Heutigen stellen uns die Frage, warum denn so viele Kreuzzüge scheiterten, wenn es dabei doch um Gottes eigene Sache ging. Nur sehr wenige zeitgenössische Kreuzzugkritiker sahen Misserfolge jedoch als Beweis dafür, dass die Kreuzzüge nicht mit Gottes Plänen und Absichten in Einklang stünden. Nicht an den Kreuzzügen übten sie Kritik, sondern an den Kreuzfahrern. Seit 1187 wurde in päpstlichen Schreiben betont, der Erfolg der Feinde Gottes sei der Sündhaftigkeit aller Christen und dem schlechten Zustand der Kirche zuzuschreiben. Kirchenreform und Kreuzzug wurden in der Folge eng miteinander verknüpft, der Erfolg eines Kreuzzugs von der Läuterung und Einigung der Kirche abhängig gemacht.

Dem Hochmittelalter blieb auch die Vorstellung fremd, ein ungläubiger Gegner könne in einem gerechten Krieg eine gerechte Ursache geltend machen. Die Kriegsschuldfrage war rasch in grundsätzlichem Sinne gelöst: Unrecht hatte stets der aggressive Unglaube der Muslime.

Kreuzzug und Dschihad

Kreuzzüge als gerechte und heilige Kriege hatten somit eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Dschihad, dem heiligen Krieg des Islams. Die Verwandtschaft war aber nur vordergründig und stand in keinem inneren Zusammenhang. Für den Muslim bestand eine persönliche, permanente Verpflichtung zum Dschihad, d. h., er war aufgefordert, sich auf dem Wege zu Gott anzustrengen, gegebenenfalls militärisch zu kämpfen und die Waffe einzusetzen. Für den christlichen Kreuzritter dagegen war der christliche heilige Krieg ein Auftragskrieg der Papstkirche in der Stellvertreterschaft Gottes. Sein Anstifter war letztlich Gott selber; gerechtfertigter als gerechter Krieg konnte kein Krieg sein.

Im 11. Jahrhundert wuchs das Papsttum über Kirchenreform, Reformpapsttum und Investiturstreit vollends in diese Stellvertreterrolle hinein. Der im Namen Gottes geführte Krieg galt deshalb als Krieg gegen den Krieg, der den Griff zum Schwert nicht nur legitimierte, sondern auch heiligte, weil er der Friedenssicherung diente.

Die Praxis widersprach dieser Theorie. Indem die Kreuzzüge zur Massenbewegung wurden, entzogen sie sich immer mehr der Kontrolle und Steuerung. Sie wurden zur Gefahr für den Frieden und störten die Ordnung im Innern. Spektakulär artete der vierte Kreuzzug aus, der 1204 in der Plünderung der Kaiserstadt am Bosporus gipfelte. Trotz all dem war die Frage nach der Berechtigung der Kreuzzüge nie ganz verstummt, auch wenn Quellennachweise fast völlig fehlen.

Kritik von Mönchen und Minnesängern

Grundsätzliche Kritik an den Kreuzzügen liessen erst die andauernden Misserfolge und das Problem der Finanzierung der kriegerischen Unternehmungen aufkommen. Zunächst wurden strategische Fehler der Anführer kritisiert. Tiefer gehende Einwände kamen nur sehr zögerlich auf. Für viele genügte der Hinweis auf die allgemeine menschliche Sündhaftigkeit, von der auch Kirche und Kreuzfahrer nicht ausgenommen waren. Grundsätzlich in Frage gestellt wurde die Notwendigkeit der Kreuzzüge dann im 13. Jahrhundert vom kalabresischen Zisterzienserabt Joachim von Fiore und dessen Idee vom Anbruch der Ära des Heiligen Geistes. Wenn aber wirklich das Zeitalter des Heiligen Geistes angebrochen sei, in dem wahrhaft geistliche Männer Juden und Heiden mit dem Wort bekehren und sie friedlich in Christi Herde sammeln würden, dann durften nur noch friedliche Mittel gegen Heiden und Ungläubige Anwendung finden.

Auch die Minnesänger verbanden Kritik an den Kreuzzügen mit Kritik an der Kirche. «In welchem Buch der Bibel, Rom, findest du, dass man Christen töten soll?»«», fragte der Troubadour Guillem Figueira. Dominikaner und Franziskaner übernahmen zunächst eine wichtige Rolle in der Kreuzzugspropaganda. Erst allmählich regte sich in den Bettelorden grundsätzlicher Widerstand. Der englische Franziskaner Roger Bacon vertrat die Auffassung, dass die Kreuzzüge die Mission mehr behinderten als unterstützten: «Krieg gegen Sarazenen-Heiden-Tartaren ist kein wirksames Mittel. … Wer unter den Muslimen überlebt, ist wegen dieser Gewaltanwendung gegenüber dem christlichen Glauben mehr und mehr verbittert … Daher ist die Bekehrung der Sarazenen in vielen Teilen der Welt unmöglich geworden.»

Pazifistische Auffassungen gewannen an Boden, sie vermochten sich jedoch auch in den Bettelorden nicht allgemein durchzusetzen. Es hiess, wer gegen die Kreuzzüge sei, halte das Volk Israel gegen Gottes Plan vom Marsch in das gelobte Land ab.

Mit dem Fall von Akkon 1291 ging das Zeitalter der Kreuzzüge zu Ende. Es war nicht so sehr die Kreuzzugskritik, die diese Entwicklung herbeigeführt hatte, sondern die Bildung neuer Loyalitäten und eines neuen Instrumentes der Friedenssicherung. Weder nach innen noch nach aussen vermochte der Kreuzzug dauerhaften Frieden zu schaffen oder zu sichern. Er war im Gegenteil friedensgefährdend oder gar friedenszerstörend geworden. Realistischer war es, wie das der Nationalstaat des 14. Jahrhunderts anstrebte, das Anliegen der Friedenssicherung im eigenen Lande mit dem Aufbau eines Gerichtswesens durchzusetzen.

Kriege im Namen Gottes zu führen, kommt uns nach Aufklärung und Weltkriegen unverständlich vor. Aber auch nach diesen Erfahrungen sind Christen – und nicht nur sie – immer wieder der Gefahr einer Legitimation des Krieges durch Berufung auf Gottes Willen verfallen. Wie Kurt Marti es einmal formulierte: «Gott»«» wurde «zum ausgebeutetsten aller Begriffe, zur geräumten Metapher, zum Proleten der Sprache.»«»

Victor Conzemius

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