Kirchen und Freiwillige setzen im Kanton Bern Zeichen der Solidarität
Flüchtlingstag Schlecht integrierte Menschen aus anderen Ländern, die länger hier leben, brauchen ebenso Hilfe wie neu eingereiste.
Per Ende April lebten im Kanton Bern 17’108 Personen, die sich im Asylprozess befinden. Unterkünfte für sie zu finden, ist schwierig. Das zeigen die jüngsten Diskussionen in Kandersteg. Dort soll eine Kollektivunterkunft mit 200 Betten für Geflüchtete eingerichtet werden. Gemeindepräsident René Maeder spricht von «Asylghettos», die Gemeinde will sich auf dem Rechtsweg wehren. Eine Interessengemeinschaft, die sich gegen die Unterkunft stellt, hat mehr als 800 Mitglieder – bei 1200 Dorfbewohnerinnen und -bewohnern.
Ein ähnliches Ansinnen – gleich grosse Unterkunft in gut halb so grossem Dorf – stiess vor drei Jahren in Heiligenschwendi auf heftigen Widerstand. Die Gemeinde hofft, dass das Thema vom Tisch ist, weil die fragliche Liegenschaft zu einem Wohnund Geschäftshaus umgebaut werden soll.
In der Kollektivunterkunft in Steffisburg, die ursprünglich für 160 Personen geplant war, leben höchstens 100 Menschen. Und dies wohl nur noch bis Ende Jahr. «Der Gemeinderat Steffisburg geht davon aus, dass die Unterkunft – wie 2022 kommuniziert – nach vier Jahren geschlossen wird», sagt Gemeindepräsident Reto Jakob (SVP).
Sind Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, im Kanton Bern nur bedingt willkommen?
Anlässe im ganzen Kanton Bern
Einen anderen Weg geht die Kirchgemeinde Steffisburg. Andrea Fankhauser, seit 2024 Sozialdiakonin in Steffisburg, setzt auf Begegnung. Es ist eine jener Kirchgemeinden, die am kommenden Wochenende im Rahmen des nationalen Flüchtlingstags neben einem Gottesdienst zum Thema weitere Anlässe organisieren.
Unter anderem in Biel, Bern, Münsingen und Thun werden am Wochenende vom 20. und 21. Juni Gottesdienste, Ausstellungen, Gedenkfeiern und Feste stattfinden, bei denen Themen wie Ankunft und Migration im Fokus stehen.
Andrea Fankhauser möchte mit einem Fest unter dem Motto «Menschlich bleiben – Geflüchtete schützen» neben dem Gottesdienst vom 21. Juni schon am Nachmittag des 20. Juni bei der Kirche Glockenthal noch einen Schritt weitergehen: «Wenn Geflüchtete die Kollektivunterkunft verlassen können, weil sie zumindest provisorisch einen positiven Aufenthaltsentscheid erhalten, fangen für viele die Herausforderungen erst an», sagt sie. «Behördengänge, Schule, Beruf, Wohnungssuche: Das ist für Menschen, die nicht oder nur schlecht Deutsch sprechen und sich hier nicht auskennen, enorm anspruchsvoll.»
In Steffisburg sind zahlreiche Player engagiert
Man könnte auch sagen: Wer keine Hilfe bekommt, ist verloren. Deshalb setzt Fankhauser zusammen mit einem Team von Freiwilligen darauf, «Begegnungen zu schaffen», wie sie sagt. Nicht nur am kommenden Samstag, sondern das ganze Jahr hindurch. «Es gibt Angebote für erwachsene Einzelpersonen oder Familien, etwa Tandems zwischen Menschen aus der Schweiz und Zugewanderten.»
Wie wertvoll solche Engagements aus der Zivilgesellschaft sein können, zeigt das Beispiel von Riggisberg: Die Gemeinde mit 2500 Einwohnerinnen und Einwohnern nahm vor mehr als zehn Jahren 150 Geflüchtete auf – 30 von ihnen wohnen heute noch im Dorf.
Der Ansatz, «zusammen etwas zu bewegen», steht für das Team, welches in Steffisburg das Fest zum Flüchtlingstag organisiert, im Vordergrund. «Wir haben Männer aus der Kollektivunterkunft, die uns beim Aufund Abbau helfen», sagt Andrea Fankhauser, «Essen aus aller Welt und Spiel und Unterhaltung für alle Nationen.»
Gleichzeitig betont Andrea Fankhauser, dass das Engagement für Zugewanderte nicht allein Sache der reformierten Kirchgemeinde Steffisburg sei. «Die Einwohnergemeinde, Freikirchen, Asyl Berner Oberland, UND Generationentandem und wir arbeiten eng zusammen und stimmen Aktivitäten aufeinander ab», sagt die Sozialdiakonin. «Weil alle diese Player wertvolle Angebote haben – von Deutschkursen bis zu Essenstafeln, wo Menschen mit wenig Einkommen günstig zu Nahrungsmitteln kommen.» Marco Zysset
Infos: www.fluechtlingshilfe.ch/ fluechtlingstag.



