Medienspiegel

Fürsten als Klosterräuber

Säkularisation

Das Jahr 1803 markiert einen tiefen Einschnitt in der Geschichte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der damaligen Bezeichnung Deutschlands. Vor 200 Jahren wurden beinahe alle Klöster, Stifte und geistlichen Territorien säkularisiert, d. h. enteignet und in weltliche Herrschaften überführt. Wie kam es dazu?

Begehrliche Fürsten

Die Ursachen der Säkularisation liegen in der Französischen Revolution. Napoleon, der starke Mann, der das Chaos der Revolution beendet und zu weltmännischen Höhenflügen angehoben hatte, setzte Kaiser Franz I. massiv unter Druck. Im Frieden von Lunéville 1801 zwang er das Römische Reich Deutscher Nation zu Abtretungen der Länder des linken Rheinufers an Frankreich. Sollten die Deutschen mit diesen Gebietsverlusten selber fertig werden. Darauf beschlossen die deutschen Stände, sich durch Einzug der geistlichen Ländereien und Güter schadlos zu halten. Im so genannten Reichsdeputationshauptschluss vom 27. April 1803 hoben ihre Vertreter die geistlichen Reichsstände auf. Beidseits des Rheines gingen die drei geistlichen Kurfürstentümer Mainz, Trier und Köln sowie 18 Reichsbistümer und etwa 300 Abteien, Stifte und Klöster unter. Die Landesherrschaft dieser geistlichen Reichsfürstentümer wurde den benachbarten weltlichen Fürsten zugesprochen. Insbesondere Preussen, Baden, Württemberg und Bayern waren Nutzniesser. Es gab keine Entschädigung, sondern handelte sich um eine direkte Machtergreifung.

Alte Klöster – neue Herren

Die Klosterbauten wurden zu Fürstensitzen, Kasernen, Verwahrungshäusern, Anstalten für Geisteskranke, Fabriken usw. umfunktioniert. Die kostbaren Handschriften, liturgischen Geräte und Kunstwerke gingen an die neuen Herren über. Einiges wurde verschleudert, anderes erhielt eine neue Zweckbestimmung. Besonders die neugebackenen Könige von Württemberg und Bayern zeigten sich raffgierig bis zur Geschmacklosigkeit. Für einen Stapel Silberteller des Königs von Württemberg wurden Monstranzen und Messkelche eingeschmolzen. Klosterbibliotheken und Handschriften bilden bis heute den Grundstock der Bayerischen Staatsbibliothek in München und des Württembergischen Landesmuseums in Stuttgart.

Ausstellung in Bad Schussenried
In einer umfassenden Ausstellung im ehemaligen Prämonstratenserkloster Schussenried erinnert Baden-Württemberg an die Säkularisation. Über 800 Objekte wurden zusammengetragen. Sie werfen ein Licht auf das Schicksal der geistlichen Besitztümer in der letzten Phase ihrer Existenz. In einem gewissen Sinn ist die Ausstellung auch eine Wiedergutmachung des Rufs der Klöster zur Zeit des Barock und des Rokoko. Dabei bietet sich die Gelegenheit, die Hintergründe der Klosteraufhebung auszuleuchten. Mit weit verbreiteten Vorurteilen wird aufgeräumt. Im Vergleich zum Einzug der Kirchengüter in der Französischen Revolution ging es in Oberschwaben geordnet zu. Klöster und Mönchtum waren aber auch hier in den Sog aufgeklärter Kritik geraten. Mönche seien Schmarotzer der Gesellschaft, schädliche Hummeln, kastrierte Scheusale, so stellten Aufklärer das Mönchstum an den Pranger. Kupferstiche und Pamphlete gaben das Mönchsleben der Lächerlichkeit preis. Ganz im Sinne der Zeit verbreitete der Königsberger Philosoph Immanuel Kant 1797 die Auffassung vom «angemassten Eigentum der Kirche». Diese Formel bildete die geistesgeschichtliche Rechtfertigung für Säkularisationen und Klosteraufhebungen. Die Mönche wurden mit Pensionen abgefunden und konnten in der Pfarreiseelsorge Verwendung finden. Weniger gut erging es den Nonnen. Falls sie keine Pension erhielten, mussten sie in ihre Familien zurückkehren.

Klöster – Brutstätten von Banausen?

Nach gut 200 Jahren hat sich der Pulverdampf verzogen. Es zeigt sich, dass die damaligen Klöster keineswegs Brutstätten von Kulturbanausen und Schmarotzern waren. Gewiss gab es auch das. Aber aufs Ganze gesehen hatten viele Klöster die Herausforderungen der Zeit aufgegriffen. Besonders im ökonomisch-praktischen Bereich verschlossen sie sich den Neuerungen nicht. Viele Klöster waren wirtschaftlich gut geführt und standen keineswegs am Rande des Bankrotts. Einige mögen sich mit grossartigen Neubauten übernommen und Probleme mit ihrer Schuldenlast bekommen haben. Aber auch wo das zutraf, gaben sie den grossen Architekten und Malern des süddeutschen Barocks eine einmalige Chance. Ihre Bauten und Kunstwerke erfreuen das Auge der Nachwelt bis heute. Die Mönche waren auch keineswegs die Leuteschinder, als die eine feindselige Propaganda sie verleumdete. Zwar führten die Äbte ein patriarchalisches Regiment. Es widersprach dem Zeitgeist des aufkommenden mündigen Bürgergeistes. Aber sie waren dem Bauern- und Bürgerstand verbunden. So verbrannten einige Äbte 1803 die Schuldscheine der Bauern, damit sie nicht in die Hände der neuen Herren fielen.

Verloren gegangene Lebensqualität

Klöster als Arbeitgeber grossen Stils, Pfleger einer in der Landschaft angesiedelten Kunst, Förderer vor allem der Musik: Es fehlt nicht an zeitgenössischen Klagen, dass die Klöster allzu grosszügig «Subjekte» aufnähmen, die nur zum Musizieren, ohne echte Berufung, die Mönchskutte überstreiften. Alles in allem gab es eine grosse Lebensqualität in den geistlichen Herrschaften, die der strenge Absolutismus der weltlichen Fürsten meist nicht hervorbrachte. Sprichwörtlich wurde der Ausdruck: «Unter dem Krummstab ist gut leben.» Allerdings zeigten sich auch Zeichen der Ursprungsvergessenheit und der Verweltlichung. Deutlich sind diese erkennbar auf den mit Edelsteinen besetzten Prunkkreuzen der Äbte oder auf den prachtvollen Messgewändern, die in ihrer farbenfrohen weltlichen Heiterkeit keinen Bezug zu christlicher Symbolik erkennen liessen. Trotzdem haben sich inzwischen die Massstäbe der Beurteilung der Säkularisation geändert. Der preussisch-nationalen Auffassung, der Untergang der Klöster sei eine Notwendigkeit gewesen, wird heute widersprochen.

Phoenix aus der Asche

Die forschen Fortschrittler wie auch die über die Beraubung der Kirche wimmernden Unglückspropheten bekamen Unrecht. Klöster und Kongregationen erlebten im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Aufschwung, wie sie ihn zu Glanzzeiten des «Ancien Régime» nicht gekannt hatten. Papst Pius VII. war gut beraten, die damaligen Säkularisationen, sowohl die brutale der Französischen Revolution wie auch die weniger gewalttätige von 1803 in Deutschland, zu akzeptieren und keine Rückerstattung zu fordern. Heute sind es vor allem die Kunstfreunde, welche die negativen Folgen der Säkularisation am stärksten beklagen.

Victor Conzemius


Sonderfall Schweiz

Was war das Schicksal der Klöster in der Schweiz? 1798 hob die Helvetische Republik die Klöster in der Schweiz auf und zog ihr Vermögen ein. Fünf Jahre später machte Napoleon die Klosteraufhebung rückgängig. Ausgerechnet einige Tage nachdem er seine Zustimmung zu den Enteignungen in Deutschland gegeben hatte. Es geschah aus reiner politischer Berechnung, um die katholische Schweiz zu besänftigen. Der Kaiser brauchte freie Wege über die Alpenpässe nach Italien. Den unruhigen Innerschweizern, die im Jahre 1798 einen Verzweiflungskampf gegen die einmarschierenden Franzosen geführt hatten, wollte er keinen Vorwand zu neuen Aufständen liefern. Der schweizerische Bundesvertrag von 1815 gewährleistete daher in Artikel 12 den «Fortbestand der Klöster und Kapitel» und die Sicherheit ihres Eigentums. Damit war die Klosterfrage jedoch nicht vom Tisch. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden in der Schweiz über 70 Klöster aufgehoben, einige wenige mit grösserem Landbesitz wie St. Urban, die Rheinau und Mariastein. Die Gegenwehr auf katholischer Seite führte zu Verbitterung und Polarisierung. So bildete die Klosteraufhebung eine schwere Belastung für das Verhältnis der Konfessionen zueinander.
vc


Die Ausstellung «Alte Klöster – neue Herren» findet vom 12. April bis zum 5. Oktober 2003 in Bad Schussenried, Neues Kloster, statt. Ein Katalog in 3 Bänden kann für 30 Euro in der Ausstellung erstanden werden (im Buchhandel 48 Euro). Am 12. Juli 2003 veranstalten die vielfältigen Orden, Kongregationen und Gemeinschaften in Baden-Württemberg in der Klosterkirche St. Magnus einen Tag der Orden. Über eintausend Schwestern und Patres werden dazu erwartet.

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Quelle: Sonntag
6. Juli 2003 | 00:00