Kirchenglocken

Zeitschlag, Betruf, Musikinstrument, Ärgernis, Denkmal, Forschungsobjekt   

Sie läuten das neue Jahr ein, rufen zu Gottesdienst und Gebet, schlagen die Stunden: Kirchenglocken. Für die einen läuten die Hochzeitsglocken, für andere ertönt die Totenglocke. Früher waren sie natürlich viel wichtiger, richteten sich die Menschen tatsächlich nach ihrem Schlag, warnten die Glocken vor Katastrophen und Krieg. Heute stören sie manche des Nachts, für andere sind sie wissenschaftliche Untersuchungsobjekte. Und für viele ein Stück Heimat.

Heute hat fast jeder eine Armbanduhr am Handgelenk. Den Stundenschlag der Kirchenglocken braucht man heute meist nicht mehr. Dennoch wollen die wenigsten auf Glocken verzichten – sie haben für viele einen ideellen Wert: Weil kein Geläut tönt wie das nächste, tönen Glocken für viele nach Heimat. Glocken können etwas mit Identität zu tun haben. Volkslieder besingen sie, und Radio DRS1 führt bis heute im Rahmen der Sendung «Zwischenhalt» die Tradition von Radio Beromünster weiter, das am Samstagabend den Sonntag mit «Glocken der Heimat» einläutete. Bereits vier CDs gibt es unter diesem Titel mit Aufnahmen von Geläuten aus der Schweiz.

Jede Glocke hat ihre Funktion, wird zu bestimmten Gelegenheiten geschlagen, ruft zu einer bestimmten Gebetszeit oder einem besonderen Anlass. Entsprechend tragen sie einen Namen, der oft ihrer liturgischen Funktion entspricht: Marien- oder Angelusglocke werden zum Beispiel für das Angelusläuten gebraucht. Für jedes Geläut gibt es eine Läutordnung.

Die älteste Glockengiesserei

Die Glockengiesserei Rüetschi in Aarau gilt als älteste Glockengiesserei der Schweiz. In Aarau werden seit fast 700 Jahren Glocken hergestellt. Heute ist sie eine der letzten Glockengiessereien der Schweiz.

Warum gibt es Kirchenglocken?

Nicht zuletzt sind Glocken auch Denkmäler – viele tun seit Jahrhunderten ihren Dienst, die ältesten noch in Schweizer Kirchtürmen hängenden Glocken gehen auf das 13. Jahrhundert zurück. Die meisten Geläute machen Musik – manche greifen etwa einen Akkord aus einem Choral oder einem Element der Liturgie auf. Auch ästhetisch haben viele etwas zu bieten. Sie sind mit Wappen, Giessernachweis und Bildern etwa aus der Bibel geschmückt. Und fast immer ziert sie ein Bibelvers, ein Gebet oder ein Sinnspruch, den sie bei jedem Anschlag ins Land hinaus tragen.

Heidnische Symbole

Erfunden wurden die Glocken von den Chinesen. Ursprünglich galten sie als heidnische Symbole. Die Klöster übernahmen sie trotz anfänglicher Bedenken, um pünktlich zu den Gebetszeiten zu rufen. Nicht zufällig hängt eine der ältesten Glocken der Schweiz im Chor des Doms (der ehemaligen Stiftskirche) von St. Gallen. Sie stammt aus dem 7. Jahrhundert und ist noch nicht gegossen, sondern aus genietetem Kupferblech. Von den Klöstern schafften es die Glocken schliesslich in die Pfarrkirchen. Ein prächtiges Geläut und ein ansehnlicher Kirchturm waren in den aufstrebenden Städten des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit Ausdruck von Stolz und Ansehen – und natürlich auch Reichtum. So verzichteten die Bettelorden bewusst auf grosse Türme und prächtige Geläute und begnügten sich mit Dachreitern – kleinen auf dem First sitzenden Türmchen mit einer einzelnen Glocke darin, die die Mönche und Nonnen zum Gebet rief.

Erinnerung an den Frieden

Die Geschichte von Glocken ist auch eine Geschichte von Krieg und Frieden: Über Jahrhunderte hinweg wurden sie immer wieder eingeschmolzen, um in Kriegszeiten Kanonenkugeln oder Waffen daraus zu schmieden. So gesehen mahnen viele Glocken daran, wie zerbrechlich Frieden sein kann. Sicher auch deshalb haben die Inschriften, Bibelverse und Gebete auf den Glocken sehr häufig mit dem Wunsch nach Frieden zu tun.

Glocken sind auch Objekt eines (recht jungen) Forschungszweiges. Seit einigen Jahren gibt es ein europaweites Forschungsprojekt, das zum Ziel hat, historische Glocken zu erhalten.

  • Pro Bell (EU-Forschungsprojekt zum Unterhalt und Schutz von Glocken)

In Deutschland gibt es gleich mehrere Glockenmuseen

Protest gegen Kirchenglocken

Immer wieder gib es Klagen, empfinden Anwohner die Glocken als Lärm, vor allem nachts. So weibelt die IG Stiller beziehungsweise ihr Exponent Samuel Büechi aus dem appenzellischen Trogen in der halben Schweiz für die Nachtruhe und gegen den Stundenschlag zwischen 22 und 7 Uhr – zuweilen mit einer guten Portion Polemik.

Homepages

Über Stefan Mittl, Glockenexperte und -schlichter