Adventskalender 2019

Liebe Leserinnen und Leser

Der Advent, die stille und besinnliche Zeit vor Weihnachten … Nicht immer ist sie so still und besinnlich. Wir laden Sie ein, mit dem Adventskalender von kath.ch jeden Tag in eine kleine Adventswelt einzutauchen. Das Besondere daran: Die Impulse werden von Tag zu Tag durch Mitarbeitende des Katholischen Medienzentrums weitergeschrieben. – Wir wissen also genauso wenig wie Sie, welche Wendungen die Geschichte nehmen wird. Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen.

Autorinnen und Autoren der Adventsgeschichte

Ueli Abt (uab)

Ueli Abt

Barbara Fleischmann (bfl)

Barbara Fleischmann

Natalie Fritz (nf)

Natalie Fritz

Barbara Ludwig (bal)

Barbara Ludwig

Monika Marti (mm)

Monika Marti

Eva Meienberg (eme)

Eva Meienberg

Beatrice Mock (bm)

Beatrice Mock

Regula Pfeifer (rp)

Regula Pfeifer

Georges Scherrer (gs)

Georges Scherrer

Martin Spilker (ms)

Martin Spilker

Sylvia Stam (sys)

Sylvia Stam
Die ganze Adventsgeschichte

1. Dezember

«Hey, was ist denn hier los? Ist ja ganz dunkel», sagte Reto, noch ganz ausser Atem. «Advent, Advent, das erste Lichtlein brennt!», rief ihm seine Partnerin Monique aus dem Wohnzimmer zu. «Was ist denn mit dir los?», fragte Reto. Nach einem ruhigen, um nicht zu sagen faulen Sonntag hatte er sich kurzfristig entschlossen, noch eine Runde joggen zu gehen. Monique wollte inzwischen das Nachtessen zubereiten. Und jetzt: Kerzenschein. Aber ziemlich Sparflamme.

«Ich dachte, wir könnten uns doch so ganz langsam auf Weihnachten einstimmen. Übrigens gibt es auch ein ganz passendes Gericht dazu», erklärte Monique. Reto war noch nicht so nach Einstimmung auf Weihnachten zumute. Der Dezember war für ihn im Gastgewerbe mit all den Weihnachtsessen von Firmen und Vereinen einer der strengsten Monate. «Ich geh’ dann mal duschen», meinte er flapsig.

Monique liess sich vom Kommentar ihres Partners nicht von ihrem Plan abringen. Dieses Jahr wollte sie im Advent eigene Schwerpunkte setzen und sich nicht nur über bunte Beleuchtung und Dauerbeschallung in Strassen und Geschäften nerven. Darum hatte sie auch ein Menu gewählt, das sich beim Schein einer einzigen Kerze bestens geniessen liess: Eine Adventssuppe.

«Puh, hat das gut getan», sagte Reto, als er aus dem Bad kam. Er drückte Monique, die gerade den Tisch fertig gedeckt hatte, einen Kuss auf den Hals. «Und das hier schaut sehr schön aus!» (ms)

Rezept Kürbis-Zimtsuppe von «Betty Bossi», für 4 Personen.

2. Dezember

«Ganz falsch! Du müsstest sagen ‹Du› siehst sehr schön aus!», meinte Monique trocken und fügte nach einer kurzen Kunstpause an: «Also zumindest in diesem Schummerlicht …, gell?!» Reto seufzte übertrieben und liess sich dann auf seinen Stuhl sinken. «Wieso bist du plötzlich so giggerig auf diesen Weihnachtskram? Hängen demnächst glitzernde Kitschengel am Fenster und wir hören uns klebrige Weihnachtslieder an und trinken dazu Glühwein aus dem Tetrapack?», fragte er seine Liebste hörbar entnervt.

Nun setzte sich auch Monique. «Meine Güte, bist du ein Weihnachtsmiesepeter! Ich habe dieses Jahr einfach Lust darauf, das ganze Programm abzuspulen», antwortete sie während sie Reto den Teller zum Schöpfen hinhielt. «Ich will den Advent so richtig erleben und dann gross Weihnachten feiern!», fügte sie in einem Ton an, der keine Widerrede duldete.

«Aber du weisst ganz genau, dass für mich diese Zeit total anstrengend ist und dann noch feiern … mit der Familie! Willst du mich für etwas bestrafen?», gab Reto resigniert zurück und tunkte etwas Brot in seine Suppe. Er holte tief Luft und fuhr fort: «Du weisst doch, wie das wird mit meiner Mannschaft. Es gibt jedes Mal Streit …» – «Dann halt eben einmal mit deiner Meinung zurück!», fuhr ihm Monique ins Wort und fügte gleich an: «Du musst ja nicht immer politisieren, wenn du weisst, was dabei rauskommt! Ist ja Weihnachten, dann geht’s auch ohne!» –»Wie bitte?», Reto schaute seine Herzensdame überrascht an und erklärte: «Wenn du die Weihnachtsgeschichte kennen würdest, wüsstest du, dass es dabei eigentlich nur um Politik geht!» (nf)

Satirischer Hörtipp zum Thema: «Der Rauschgoldengel» von Gerhard Polt.

3. Dezember

Just in diesem Moment klingelte es an der Tür. Verwundert schauten sich Monique und Reto an. Wer konnte das sein? Sonntagabend war dem trauten Paar heilig. Die Erdnüsse standen schon auf dem Beistelltisch, um während der Wiederholung des letzten Tatorts aus Luzern vernascht zu werden. «Gehst Du?» Reto machte sich auf, richtete die Kapuze seines Pullovers und lugte durch den Spion. Was war das? Kovatsch vom Parterre stand vor der Tür, eine Flasche dunklen Bocks der Marke Hopf in der Hand, in sichtlich angetrunkenem Zustand mit Blut verschmierten Kleidern. Was wollte der um Himmelswillen in diesem Zustand zu dieser Zeit?

Seit der Tscheche ins Haus gezogen war, ging es rund. Der Rasen wurde nicht mehr länger als fünf Zentimeter und hatte man beim Heimkommen mit voller Einkaufstasche den Schlüssel nicht gerade zur Hand, ging es keine zehn Sekunden und Kovatsch betätigte den Türöffner.

Nett, aber irgendwie auch etwas beängstigend, war die Aufmerksamkeit, die der neue Hausmeister seiner Mieterschaft entgegenbrachte. Und natürlich war die Einladung zu Schweinebraten und Knödel lieb gemeint. Er konnte ja nicht wissen, dass Monique und Reto streng vegetarisch kochten. Überhaupt waren die Dämpfe aus Kovatschs Küche eine echte Herausforderung.

Das Bild aber, das der selbsternannte Concierge vor der Türe abgab, war zum Fürchten. Was hatte das zu bedeuten? Zögernd drehte Reto den Schlüssel… (eme)

Für alle, die wie Monique und Reto Tatort-Fans sind oder dies noch werden wollen (allerdings zählt der vorläufig letzte Tatort aus der Schweiz nicht zu den Besten, wie man in zahlreichen Kritiken nachlesen kann): «Der Elefant im Raum»

4. Dezember

Kovatsch kam gleich auf den Punkt. Es ging um die Einladung, zu Schweinebraten und Knödel. Reto und Monique hatten damals mit ratlosen Gesichtern in den Agenden geblättert, als Kovatsch das letzte Mal geklingelt hatte. «Adventszeit, strenge Zeit», sagte er nun mit der Bierflasche in der Hand. «Wisst ihr was», fuhr Kovatsch fort und tippte Reto mit der Bierflaschenhand an die Schulter. Wir machen unser gemeinsames Essen einfach im Januar!»

«War das Blut an seinen Kleidern?», fragte Reto, als Kovatsch weg war. Monique schwieg. Sie dachte an Kovatschs Frau, die freundlich war, aber jeweils auch schnell in ihre Wohnung verschwand, wenn sie sich einmal im Treppenhaus begegneten. Wo war die überhaupt? Wenn sich Monique besann, so hatte sie die Frau seit Freitag nicht mehr gesehen.

«Vielleicht ist sie gerade mit einer Kollegin in einem Wellness-Wochenende», sagte Reto, doch er klang dabei etwas monoton. Aber plötzlich hellte sich seine Miene auf: «Ich hab’s, ich glaube, Kovatsch ist nicht nur ein Liebhaber herzhafter Hausmannskost, sondern auch eine Art Hobbyfleischer.»

Reto erzählte, dass schon einmal gesehen hatte, wie der Hausabwart eine ganze Kiste mit – pardon – Schlachtabfällen, Schwarten, Schweineköpfen, solche Sachen, in die Wohnung brachte. «Ich glaube, er dreht so manches durch den Fleischwolf und verwurstet es», sagte Reto. Monique schüttelte den Kopf. «Ich glaube nicht, dass er bei sich in der Küche Blutwurst macht.» (uab)

Schweinshaxen und die Schwäche des Fleisches in der Badewanne: «Halbe Treppe» – erheiterndes Kinodrama über die Mitte des Lebens

5. Dezember

Unterdessen hatte der Tatort begonnen. Doch an diesem Sonntagabend gelang es Monique nicht, sich auf den Krimi einzulassen. Nach fünf Minuten stand sie vom Sofa auf und sagte: «Mir ist der Sinn nicht mehr danach. Ich geh ins Bett.» Reto schaute sie kurz an, mit erhobenen Augenbrauen, dann war er wieder bei Kommissar Flückiger, den Kovatsch hatte er bereits vergessen.

Monique wälzte sich im Bett. Dieser Advent, den sie heuer ganz bewusst erleben wollte, war schon getrübt, kaum hatte er begonnen. Was war los mit der Frau des Abwarts? War es möglich, dass Kovatsch ihr etwas angetan, sie gar umgebracht hat? Ein Schauder packte sie – minutenlang. Dann fand sie: «Was bin ich für ein schreckhaftes Huhn! Vielleicht hat ja Reto recht mit seiner Metzger-Theorie.»

Allerdings – nie sah man das Ehepaar Kovatsch zusammen. Ob die sich noch liebten? Vielleicht war das Paar heillos zerstritten und der Mann schlug seine Frau regelmässig. Womöglich brauchten die beiden Hilfe. Monique beschloss, der Frage nachzugehen. Gleich morgen würde sie damit beginnen.

Auch die Kinder der Kovatschs würden von einer elterlichen Versöhnung profitieren. Monique seufzte. Der fünfjährige Knabe und das siebenjährige Mädchen hatten ihr schon immer etwas leid getan, wenn sie ihr im Treppenhaus ein scheues Grüezi entboten.

Als erstes müsste sie wohl herausfinden, wo die Frau steckte und ob sie in Gefahr war. Keine einfache Aufgabe. «Ich kann ja nicht einfach Kovatsch fragen.» Die Uhr des nahen Kirchturms schlug zwei, als Monique endlich in einen unruhigen Schlaf fiel. (bal)

Laut der Zeitschrift «Beobachter» ist häusliche Gewalt kein eigener Straftatbestand, aber auch nicht Privatsache.

6. Dezember

«Danke, Louisa, das hast du super gemacht!» Monique klopfte dem Mädchen auf die Schultern und schickte es zu den anderen Kita-Kindern in die Znüni-Runde. Sie seufzte erleichtert und flüchtete sich aufs WC, um schnell eine Zigarette zu rauchen. Das brauchte sie jetzt einfach nach diesem Morgen: Retos Affentanz (»Wo hast du meine Krawatte versorgt? Da braucht man einmal im Jahr eine Krawatte…») wegen des bevorstehenden Geschäftsessens mit Mannschaft und Sponsorenvertretern, hatte ihren besinnlichen Tageseinstieg gründlich zunichte gemacht.

Ihr Handy summte, eine Whatsapp-Nachricht von Amelie, ihrer Yoga Kollegin: «Kann heut nicht Chläusle… ist grad Total CHAOS bi mir! SRY!!!!» Chläusle? Siedendheiss fiel es Monique ein: Sie hatte die ganze Yogaklasse nach dem Training zu sich eingeladen, das Yogastudio lag gleich um die Ecke. Verd…! Dann musste sie die Einkäufe über Mittag erledigen.

Als sie die Kita verliess, war es schon dunkel. Die Mittagspause war der Schwangerschaftsübelkeit ihrer Arbeitskollegin zum Opfer gefallen, so hatte sie sich eben von Nüssli, Mandarinli und Samichlaus-Schöggeli ernährt. Und als sie jetzt vor den rotbemützten Einkaufsregalen der Migros stand, drehte sich ihr fast der Magen um.

Kurzerhand verliess sie den Laden wieder. So nicht! Sie, Monique, würde jetzt nicht noch ins Yoga stressen. Nein, sie würde jetzt in aller Ruhe einen Tee für ihre Freundinnen zubereiten – und in ihren Vorräten nach etwas Essbarem suchen.

Im Treppenhaus drangen Kochdunst und lautes Lachen aus Kovatschs Wohnung. Moniques Magen knurrte. Die Wohnungstür stand halb offen. «Frau Schefer, Frau Schefer», rief Kovatsch ihr zu, «Kommen Sie auch! Willkommen für Samichlaustag!» Monique wollte gerade höflich absagen, als ihr Blick auf eine eifrig gestikulierende Gestalt fiel. Es war Reto. (bm)

Spirituelle Bedeutung von Advent auf Yoga-Wiki.

7. Dezember

«Bitte nicht», stammelte Reto und hob abwehrend die Hände. «Ich bin Vegetarier.» Er sass am Esstisch, die Krawatte hatte er offensichtlich gelockert. Auf einem Tellervor vor ihm lag – Monique traute ihren Augen nicht und trat darum in die Wohnung.

Am Tisch sassen auch Kevin und Lena, die beiden Kinder der Kovatschs, neben ihnen ihr Vater, als Samichlaus verkleidet, und seine Frau.

«Guten Abend», stammelte Monique, den Blick gebannt auf Retos Teller gerichtet. Sie hatte sich nicht getäuscht. Da lag doch tatsächlich ein Schweinekopf! Monique wurde erneut speiübel, sie fühlte ein Würgen und …

Der Wecker riss sie aus ihren Träumen. Sie brauchte einen Moment, ehe sie realisierte, dass sie im Bett lag. Ihr Schädel brummte. Langsam richtete sie sich auf, schlug die Decke zurück, setzte sich auf den Bettrand und atmete einmal tief durch.

Bilder gingen ihr durch den Kopf: Kovatsch mit blutverschmierten Kleidern und einer Bierflasche in der Hand, Kovatsch als Samichlaus verkleidet, Reto, der seine Krawatte suchte, Reto, der mit gelockerter Krawatte am Esstisch sass, vor ihm ein Teller mit …

– Benommen schüttelte Monique den Kopf, als könnte sie so herausfinden, was Traum und was Wirklichkeit war. (sys)

Traumsymbole: Das Schwein

8. Dezember

«Wieso schellt der Wecker, ist doch Sonntag?» tönte Retos verschlafene Stimme von unter der Decke. – Oh, Sch… hatte sie doch tatsächlich vergessen, den Wecker auszuschalten! Stöhnend kuschelte sich Monique nochmal zu Reto ins Bett.

Eine ganze Woche war seit diesem albtraumhaften 1. Adventsabend vergangen, und immer noch verfolgte sie Kovatsch bis in ihre Träume … 

Sie hatten ihn die ganze Woche nicht mehr gesehen. Monique hatte aber seine Frau mit den beiden Kindern im Schlepptau beim Einkaufen getroffen. Alle drei schienen wohlauf. Die Frau genervt, Kevin in Tränen, Lena trotzig – eine gewohnte Szene um diese Jahreszeit. Es ist für alle Mütter immer, vor Weihnachten aber im Besonderen, eine Herausforderung, Kinder um die vielen marketing-strategisch günstig platzierten Süssigkeiten und Spielsachen herum zu lotsen.

Monique erlebte auch in der Kita, dass die Wünsche und Erwartungen der Kinder in diesen Tagen in den Himmel wuchsen. Da sind grössere und kleinere Dramen vorprogrammiert!

«Weisst du was, wenn wir schon wach sind, könnten wir heute doch etwas unternehmen!», sagte Monique, denn sie hatte ihren Wunsch, die Adventszeit besonders zu gestalten, noch nicht aufgegeben. «Oooch…», tönte es nicht sonderlich begeistert zurück. Aber Monique war schon aus dem Bett.

Ein Frühstück mit allem Drum und Dran – einen Zopf hatte sie gestern gekauft, dazu den feinen Honig, den sie aus ihren Herbstferien mitgebracht hatten, Eier fand sie auch im Kühlschrank, noch schnell ein paar Orangen pressen, zwei Kerzen auf den Tisch. – Das musste Reto als Grundlage doch genügen, dass ein Ausflug heute genau das Richtige war.

Eine Kollegin hatte ihr von einem ganz besonderen Museum erzählt, da soll es über 600 Krippen geben. Perfekt, um auf Weihnachten einzustimmen! «Reto, aufstehen! Das Frühstück ist bereit!», rief Monique Richtung Schlafzimmer. (bfl)

Krippenmuseum Stein am Rhein

9. Dezember

Das Advents-Frühstück war sehr gemütlich gewesen. Am Nachmittag brachen die beiden in Richtung Stein am Rhein auf. Der Weg führte sie durch die schmucke Hauptgasse mit bemalten Hausfassaden. Hier standen Buden eines Adventmarkts, es roch nach Glühwein, Knoblibrot und Raclette. Es gab auch einen Stand eines Hilfswerks mit Fairtrade-Produkten.

Das Museum mit Krippen aus aller Welt zu besuchen, erwies sich als glänzende Idee. Monique war von einem Ausstellungsstück mit Türmchen im Stil einer orthodoxen Kirche begeistert. «Das nennt man Recycling», sagte Reto vor einer Insektiziddosen-Krippe aus einem westafrikanischen Land.

Gegen Abend machten sie sich auf den Rückweg zum Bahnhof. Im neuen Ortsteil auf der anderen Seite des Flusses kamen sie am Schaufenster eines Immobilienmaklers vorbei. «Schau mal», sagte Monique und fasste Reto bei der Hand, der nun theatralisch und mit ausgestreckter freier Hand Richtung Schaufenster abdrehte wie ein Düsenjet.

Im Schaufenster hingen Plakate in A4-Grösse mit Fotos von Häusern, die man kaufen konnte. Viele lagen in der Altstadt von Stein. «Wie wärs mit dem?», fragte Monique und deutete auf ein Plakat. «Fragt sich allerdings, ob man in so einer kulturhistorisch wertvollen, aber baufälligen Bude überhaupt einen Reissnagel in die Wand drücken kann, ohne dass die Denkmalpflege an die Decke geht», sagte Reto und wandte sich zum Gehen.

Monique dachte plötzlich an ihre WG-Zeit vor Jahren zurück. Damals war sie Mitte zwanzig und hatte sich eben für eine Zweitausbildung als Kindererzieherin an einer Fachhochschule entschieden. Die Stadt-WG befand sich in einer Dreizimmerwohnung im vierten Stock in Bahnhofsnähe. Es gab einen Gasbackofen, das warme Wasser kam aus dem Durchlauferhitzer.

Die Wohnung teilte sie sich mit Roger, einem Maschinenbaustudenten, und Klaus, der sich damals mit allerlei Gelegenheitsjobs durchschlug. Nach der Ausbildung brach der Kontakt zu den Mitbewohnern ab. Vor einem Jahr, im Advent, waren sich Monique und Roger völlig zufällig wieder begegnet. (uab)

Zum Beispiel Fairtrade-Produkte: Tipps für das perfekte Geschenk

10. Dezember

Roger sah gut aus, besser als damals während den gemeinsamen WG-Jahren. Und er strahlte. «Schau mal, was für eine besondere Adventdekoration ich gefunden habe», sagte er gleich nach der Begrüssung. Er hielt einen Kunstgegenstand aus Metall in den Händen, der von Picasso inspiriert schien und doch von fern an einen Adventskranz erinnerte, mit Platz für vier Kerzen. Monique war fasziniert: «Toll», sagte sie. «Ja, findest du auch?», gab Roger zurück und meinte:  «Meine Ex-Freundin konnte mit so etwas nicht viel anfangen».

Während Monique mit Reto nach Hause spazierte, kam ihr diese Begegnung in den Sinn. Damals hatte sie ihr keine Bedeutung beigemessen. Doch jetzt, da sie seit Tagen den Wunsch nach einer stimmungsvollen Adventszeit verspürte und gleichzeitig merkte, dass ihr Freund damit nichts anfangen konnte, kam sie ins Grübeln. Ob sie wohl richtig entschieden hatte, als sie mit ihm zusammenzog? Der Gedanke beunruhigte sie. «Nur nicht das auch noch», dachte sie bei sich. «Damit vermiese ich mir selbst jegliche Adventsstimmung».

Zuhause angekommen, zündete Monique die Kerzen auf dem Küchentisch an und bereitete sich einen Yogi-Tee vor. Dann setzte sie sich in den gemütlichen Stubensessel, legte eine CD mit alter maurischer Musik ein und liess sich Tee schlürfend gedanklich in andere Welten und Zeiten entführen. Reto verzog sich leise ins gemeinsame Büro. (rp)

Maurische Musik auf Youtube

11. Dezember

Allein gelassen, das in der eigenen Wohnung, obwohl Reto doch grad nebenan war, schaute Monique zu den Kerzen rüber. Es war bereits zweiter Advent. Die eine Kerze war abgebrannt und musste ersetzt werden. In wenigen Tagen stand der dritte Advent an. Reto hatte die letzte Kerze hervorgeholt. Hatte er gesagt.

Es konnte doch nicht sein, dass sie kerzenlos auf Weihnachten zugingen! Monique wurde unruhig. Die Vorweihnachtszeit stresst! Hatte es in der Reserve noch eine Kerze – oder sogar zwei, so dass am kommenden Sonntag drei Lichter angezündet werden konnten? Nein, eben nicht.

Monique wollte sicher sein. Sie stand auf und schaute kurz bei Reto hinein. Sie fragte: «Hat es noch Kerzen.» Zurück kam: «Hat nix mehr.»

Reto kümmerte sich wieder einmal nicht um Weihnachten. Monique nervte es. Sie ging ein, zwei Mal durch den Raum und löschte dabei aus Versehen die Kerze aus, als sie ihr zu nahe trat. «Das auch noch!» Monique suchte nach Streichhölzern. Fand die Schachtel. Die war leer.

Monique ging ein zweites Mal zu Reto rüber: «Streichhölzer?» – «Sind auch alle.»

Monique sah sich genötigt auf dem Einkaufszettel zu schreiben: «Zündhölzer und Kerzen.» Und dann überlegte sie einen Moment und notierte: «Waldspaziergang! Um Reisig für den Adventskranz zu holen.» (gs)

Eine Zündholz-Kerzen-Geschichte

12. Dezember

Es war eisig kalt, als sie am Mittwochnachmittag aus dem Bus stiegen. Reto zog seinen Schal enger um den Hals und half Gregor, seinem Göttibub, mit dem Reissverschluss seiner Outdoorjacke. «Und wo müssen wir jetzt hin? Hier hat’s ja nichts», fragte der Zehnjährige nach einem ratlosen Blick auf die grau-grüne Landschaft am Waldrand oberhalb der Stadt. Reto knuffte ihn: «Du Stadtgoof! Siehst du den Wegweiser nicht? Hier lang!» Gregor knuffte zurück und sie folgten der Kiesstrasse, die in den Wald führte.

Reto war bester Laune: Er hatte sich freinehmen können und unternahm endlich mal wieder was mit Gregor! Und da Monique schniefend mit einer Erkältung zuhause lag, war daraus ein Jungs-Abenteuer geworden. Sie beide würden den ultimativen Christbaum suchen, finden und erlegen – zwei Männer in der Wildnis, jawohl. Daran würde auch das Graupelschauerwetter nichts ändern.

Endlich fanden sie ein geeignetes Tännchen, etwas abseits der Waldstrasse, am Hang wachsend. Gregor hatte es entdeckt und bereits mehrfach auf instagram und whatsapp gepostet. Reto packte die Akkusäge aus, die er extra besorgt hatte. Gregor ass aufgeregt sein Sandwich, trank sogar vom warmen Tee (den er zuhause standhaft verweigerte) und dann war es soweit: Reto reichte ihm feierlich die Säge.

Das Motorengeräusch hörten beide nicht, bis der dunkelgrüne Jeep scharf bremste und zum Stehen kam. (bm)

Holzerkurse von Codoc, der Fachstelle des Bundes für die Aus- und Weiterbildung in der Waldwirtschaft

13. Dezember

Das konnte ja nur ein Freitag der 13. sein! Reto und Gregor waren kurz davor gestanden, den ultimativen Weihnachtsbaum aus dem nahegelegenen Wald zu holen und Monique damit eine Freude zu bereiten. Stattdessen sass er nun hier auf dem Polizeiposten, um seine Personalien anzugeben.

Der Werkdienstmitarbeiter, der sie am Mittwoch kurz vor der Baumschneideaktion zur Rede gestellt hatte, war ganz in Ordnung gewesen. Aber wenn jemand ohne sein Wissen einen Baum aus dem Gemeindewald holen wollte, kannte auch er keinen Spass mehr. «Das muss ich melden», hatte er kurz gesagt und Retos Adresse und Telefonnummer verlangt. Dann waren er und Gregor ziemlich wortkarg nach Hause getrottet.

«Ich wollte meinem Göttibuben doch zeigen, was wirklich nachhaltig ist: Ein einsamer Baum, gleich bei uns um die Ecke. Der wird sowieso einmal abgezwickt. Bei uns aber hätte der ein zweites Leben bekommen!», argumentierte Reto zwei Tage später vor dem Polizisten. Der hatte ihm zuvor ganz sachlich erklärt, dass Bäume in einem öffentlich zugänglichen Wald nicht einfach so mitgenommen werden können. Immerhin musste er keine Busse zahlen.

Als er dennoch einigermassen grummelnd den Posten verliess, kam Monique um die Ecke. Sie strahlte über das ganze Gesicht und sagte: «Reto, Liebster, was macht du denn hier? – Schau mal, was ich für uns gekauft habe: einen Weihnachtsbaum! Und erst noch einen von unserer Korporation aus dem Wald gleich bei uns am Ende der Strasse!» (ms)

Frische Weihnachtsbäume kommen aus dem Schweizer Wald

14. Dezember

Reto versuchte, cool zu bleiben. Vergeblich. Er spürte, dass ihm das Blut in den Kopf stieg. «Toll, der Baum ist wunderschön», sagte er mit schwacher Stimme. Dabei war die zwei Meter hohe Tanne, die Monika neben sich hertrug, in ein Netz eingepackt – der Wuchs liess sich gar nicht beurteilen. Aber der Christbaum schien von der gleichen Sorte zu sein wie das Tännchen, das er und Gregor im Wald hatten stehen lassen müssen.

«Wenn wir erst zuhause sind, wirst du seine ganze Pracht sehen», sagte Monique voller Stolz. Dann erst sah sie den hochroten Kopf von Reto – und das Schild mit der Aufschrift «Polizeiposten». Und sie wiederholte ihre Frage von vorhin «Was machst du denn hier?» Nun mit einem misstrauischen Unterton.

«Och, reiner Zufall…» Dann rettete ihn die Auslage des Kaufhauses auf der anderen Strassenseite: rote, goldene, silberne Christbaumkugeln, sogar – ganz klassisch – Christbaumkugeln aus Porzellan, Scherenschnittsterne aus Kupfer, Silber und Gold, allerlei Getier zum Aufstecken. «Ich war grad auf dem Weg zum ‹Manor›. Hm … unser Christbaumschmuck braucht eine Auffrischung.»

Monique traute ihren Ohren nicht. «Was??!» Kam nun endlich auch bei Reto Adventsstimmung auf? Ein Glücksgefühl durchströmte sie. Roger, der attraktive Mann aus der gemeinsamen WG-Zeit, konnte ihr nun schnuppe sein.

«Ich komme gleich mit. Vielleicht finden wir auch noch Geschenke. Auch für die Familie Kovatsch. Du weisst doch, wir sind eingeladen. Überhaupt, ich finde, gerade in der Weihnachtszeit sollten wir uns auch um andere Menschen kümmern. Was meinst du?»

Reto atmet erleichtert auf. Ein kleines Problem blieb noch. «Wir können doch den Baum nicht in den ‹Manor› mitnehmen.» Monique entgegnete: «Ach was, den geben wir dort zur Aufbewahrung ab. Los, komm schon.» Sie steuerte auf den Eingang des Kaufhauses zu. (bal)

Für christliche Familien dürfte eine Weihnachtskrippe mindestens so wichtig sein wie der Schmuck des Christbaums.

15. Dezember

Wirklich adventlich war die Stimmung im «Manor» dann doch nicht gewesen: Beschallt von «Oh du fröhliche»- und «Go, tell it on the mountain»-Klängen hatten Reto und Monique sich durch die Menschenmengen gewühlt. Kerzen und Streichhölzer hatten sie zum Glück rasch gefunden. Das Angebot an Christbaumschmuck jedoch hatte sie leicht überfordert: Sie konnten sich zwischen den glitzernden Christbaumkugeln, silbernen Tannzapfen, bunt bemalten Kätzchen, Fischen, Elchen und Einhörnern für gar nichts entscheiden. Die blinkenden LED-Rentiere und Weihnachtsmänner hatten ihnen den Rest gegeben, sodass sie schliesslich unverrichteter Dinge schleunigst nach Hause gekehrt waren.

Als Monique zwei Tage später die dritte Kerze am Adventskranz anzündete, fiel ihr ein, dass sie den Baum völlig vergessen hatten. Er war wohl noch immer bei der Geschenk-Aufbewahrung beim «Manor».

Sie blickte Reto an, der sich soeben zu ihr an den Frühstückstisch setzen wollte. «Der Christbaum», sagte sie nur, und blies das Streichholz aus. Reto erstarrte einen Moment und sah Monique mit grossen Augen an. Dann brachen beide in schallendes Gelächter aus.

«Was machen wir jetzt?», wollte Reto wissen. «Nichts», sagte Monique und zuckte mit den Schultern. «Vielleicht musste das so sein. Vielleicht lässt sich Weihnachtsstimmung nicht einfach herstellen», fügte sie leise an.

Reto lief um den Tisch herum, setzte sich neben sie und legte ihr den Arm um die Schulter. Monique lächelte verstohlen. Schweigend sassen sie da und blickten in die brennenden Kerzen. (sys)

Das romantischste Adventslied aller Zeiten: «Oh come, oh come, Emmanuel» (The Piano Guys)

16. Dezember

Vergessen waren das Weihnachtsbaumdesaster und Roger… Der Moment war innig und schön. Aber wie es Momente so an sich haben, dauerte er kaum länger als ein Wimpernschlag. Dann klingelte es Sturm an der Haustür. Seufzend stand Monique auf und öffnete.

Kovatsch drängte sich in den Flur, im Schlepptau einen verschüchterten Rothaarigen, der aussah, als hätte er längere Zeit in einer ungeputzten Schuhschachtel verbracht. Zerknittert und grau im Gesicht wurde der Mann vom Hausmeister ins Wohnzimmer von Monique und Reto geschoben.

«Grüezi Herr Kovatsch. Können wir Ihnen helfen?», fragte Monique, die ob der hausmeisterlichen Übernahme ihrer Wohnung ziemlich konsterniert war. «Schau, Frau Monique. Ich bringe Weihnachtsgeschichte zu dir in Wohnung», erklärte dieser und zeigte auf den Rothaarigen. Die Angesprochene und Reto wechselten verwirrte Blicke und Reto fragte: «Herr Kovatsch, wir verstehen n…» «Ich erklären jetzt gleich», fiel ihm der Hausmeister ins Wort. «Das ist Kenneth, mein Cousin aus England. Eigentlich er heisst František, aber in Hull, wo er wohnt, niemand kann sagen das.»

Kenneth-František nickte höflich in die Richtung des Ehepaars und senkte dann sofort wieder den Blick. «Und er feiert Weihnachten bei Ihnen und Ihrer Familie…?», fragte Monique noch verwirrter. «Nein, kein Platz bei uns. Kommt noch ganze Familie aus Tschechien», erklärte Kovatsch. «Kenneth ist Fliichtling von Brexit. Ist schwierig jetzt fir Leute, wo nicht Engländer, weisch. Haben gekindigt vielen Ausländern. Er ist guter Sanitär, aber halt kein Engländer.»

«Ja, äh, und was hat das mit uns…», wollte Reto wissen. Aber Kovatsch unterbrach ihn schon wieder und führte strahlend aus: «Weisch, jetzt ist richtig Weihnachten – wie bei Geschichte von Jesuskindli. Mussten auch finden ein Wohnung, gäll! Und ihr jetzt könnt sein de Herberg-Eltern. Schön, gäll! Hat de Frau Monique sich doch gewünscht, richtige Weihnachten!» (nf.)

Das etwas andere Krippenspiel von Mr. Bean.

17. Dezember

So rasch wie er gekommen war, so rasch war Kovatsch wieder verschwunden. Zurück blieben der verschüchterter, schmutziger junger Mann, stehend im Hausflur, und ein Paar, das sich aufs Sofa fallen liess. «Das hat uns gerade noch gefehlt», grummelte Reto, strich sich über seine licht gewordenen Kopfhaare und vertiefte sich in sein Handy.

Monique hingegen schaute verzweifelt zur Decke. Was sollte denn das wieder bedeuten? Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf ihre Atmung. – Das sollte helfen, wusste sie. Langsam wurde sie ruhiger, und ihre Gedanken klärten sich auf. Vielleicht war es doch ein Zeichen? Von irgendwo her. Sie beschloss, den ungebetenen Gast aufzunehmen.

Nachdem dieser frisch geduscht in die Stube gekommen war und zu plaudern angefangen hatte, hellten sich Moniques und Retos Gesichter auf. Die feinen Witze, gewürzt mit schwarzem Humor, die der Kenneth-František von sich geben konnte, waren umwerfend. So verbrachten sie gemeinsam einen anregenden Abend, assen «Baked Potatoes» (Gebackene Kartoffeln) mit wunderbarem Gemüse und lachten über die weihnächtlichen Ungeschicke des Mr. Bean, die sie über Youtube gefunden hatten. (rp)

«Baked Potatoes» mit Raffel-Gemüse, ein Rezept von «Swissmilk».

18. Dezember

Kenneth-František erwies sich als echtes Adventsgeschenk. Nicht nur hatte er tolle Geschichten auf Lager, auch die geborstene Leitung am Montagmorgen konnte er mit Leichtigkeit reparieren. Aber das Grösste waren die Kochkünste. Am Montagabend, als Monique und Reto nach Hause kamen, war der Tisch gedeckt und aus der Küche strömte ein himmlischer Duft.

Wenig später zauberte Kenneth-František Variationen verschiedener vegetarischer Pies auf den Tisch. Das kühle Bier und der «Coleslaw»-Salat dazu waren ein Gedicht. Monique suchte auf ihrer Weihnachts-Playlist ein passendes Lied zur guten, ja man konnte es so nennen, vorweihnächtliche Stimmung. Gefunden! Das war Nostalgie pur: «Last Christmas» von «Wham!».

Schon ertönten die ersten Synthesizer-Klänge, da läutete es wieder einmal an der Tür. Reto stand zögernd auf und schwankte mit weichen Knien zur Tür, ihm schwante Gröberes. Wie erwartet stand Hausmeister Kovatsch mit einem grossen Lachen auf seinem Gesicht vor der Tür: «Ich komme fir Planung von Weihnachtsfest!»

Reto schluckte leer und bat Kovatsch herein. (eme)

Der berühmte 1980er-Jahre-Hit von George Michael und Andrew Ridgeley in schweizerdeutscher Übersetzung.

19. Dezember

Während Kovatsch in die Wohnung trat, fiel Retos Blick zufällig durch das Fenster gegenüber im Treppenhaus. Die Nacht war sternenklar, so zeichnete sich ein rasender, leuchtender Punkt deutlich vor dem Nachthimmel ab. Es ging nur einen Bruchteil einer Sekunde, da war das Ding schon vorbeigeflitzt. Reto war sich nicht sicher, ob das jetzt eine dieser Sternschnuppen gewesen war, ein Plebejer oder eine Triade, was wusste er, wie das hiess; ein Komet gar oder die internationale Raumstation ISS.

Er schloss kurz die Augen. Hatte er in den letzten Tagen schon gespürt, dass er Kovatsch eigentlich ganz in Ordnung fand, so öffnete sich Retos Herz mit einem Mal noch weiter. Ja, er spürte nun, dass er mit ihm, dessen Frau und den Kindern, dem Brexit-Flüchtling Kenneth und natürlich mit Monique gemeinsam bestimmt ein wunderbares Weihnachtsfest erleben würde. – Käme auf den Tisch, was wollte.

Reto blickte zu seiner Frau Monique, die gerade eben Kovatsch warmherzig begrüsste. Auch sie hatte in den vergangenen Tagen fast unmerklich eine innere Wandlung durchlaufen. Den gutmütigen und stets fröhlichen Hauswart, welcher ihr zunächst durch seine überaus zuvorkommende Art beinahe suspekt gewesen war, hatte sie inzwischen fest ins Herz geschlossen. 

Als sich ihr Blick mit jenem von Reto traf, verstanden sie sich ohne Worte. «Hey ja, klar doch, feiern wir Weihnachten zusammen!», sagte Reto mit einem Strahlen und lud Kovatsch zu einem Bier Marke Hopf ein. Wo konnte man feiern? Zu Hause oder sollten sie einen Raum im Quartierzentrum mieten? Wen würde Kovatsch sonst noch einladen? Und wie ging es inzwischen dem Christbaum im Manor-Gepäckdepot? Fragen über Fragen, es war höchste Zeit, sie zu besprechen.

Reto hatte gerade die Kühlschranktür geöffnet, um zwei Bier herauszunehmen, da ging in der Wohnung das Licht aus. Und auch der Kühlschrank war plötzlich dunkel und still. (uab)

Sternwarten und Planetarien der Schweiz.

20. Dezember

«Härrr Reto, was passiert mit Strom?», Kovatsch war ausser sich. Vor ein paar Sekunden hatte er übers ganze Gesicht gestrahlt und nach der Zusage für das gemeinsame Weihnachtsfest in Gedanken bereits die Einladungsliste zusammengestellt. Die Dunkelheit. Sie erinnerte ihn an eine Zeit, die er gerne vergessen hätte.

«Wer hat Zündhölzer oder ein Feuerzeug?», rief Monique laut aus dem Wohnzimmer. Dort brannten immerhin noch ein paar Kerzen. Aber viel Licht gaben die auch nicht ab. «Easy, easy», tönte es aus dem Gästezimmer. František hatte die Unruhe mitbekommen und suchte mit der Taschenlampe seines Mobiltelefons systematisch die Küche, das Badezimmer und den Flur ab.

Bald hatte er gefunden, was er suchte: Hinter der Garderobe steckte er: Der Sicherungskasten: «One, two, three – let there be… light!», rief er lachend und kippte den Schalter der elektronischen Sicherung hoch.

Dafür gab es Applaus von Monique und Reto. Kovatsch aber stand regungslos im Flur, den Blick gesenkt. Monique ging auf ihn zu und hielt ihn an den Schultern. «Kein Licht, nicht gut», sagte der mit leiser Stimme. «Wenn Otec, wenn Vater wütend, musste gehen ich in Kammer. Kein Licht. Nicht gut.»

Die Stimmung war komplett umgeschlagen. Das Licht brannte wieder. Das Bier blieb im Kühlschrank und Reto führte Kovatsch ins Wohnzimmer. «Ich mache uns einen Tee», sagte Monique.

«Mögen Sie uns erzählen, was bei Ihnen zuhause vor sich ging?», fragte Reto. Die Sache beschäftigte ihn. (ms)

Psychische Gewalt ist die häufigste Form von Gewalt in der Erziehung und geht viel weiter, als gemeinhin angenommen.

21. Dezember

«Ist schwierig… Kein Geschichte fir Weihnachten», erklärte Kovatsch sehr leise aus den Tiefen des überdimensionierten Polstersessels, in den Reto ihn mit sanfter Gewalt bugsiert hatte.

Da kam auch schon Monique und servierte einen starken Schwarztee. Als der Tee eingeschenkt war und Monique sich gesetzt hatte, kippte František jedem noch etwas aus einem Flachmann in die Tasse. Das kommentierte der Brexit-Flüchtling Kenneth-František mit einem unwiderstehlichen «This is the most powerful medicine against weakness – except love, maybe!». Dann verstaute er das silberne Fläschchen wieder in der Brusttasche seiner Fischerweste, die er Tag und Nacht trug – weshalb auch immer.

«Mein Vater, Otec…», begann Kovatsch mit stockender Stimme, «… er war grosser Pianist. Bei Prager Rundfunkorchester.» Monique und Reto schauten sich erstaunt an. «Wir lebten in scheene Wohnung, hatten Meglichkeit ins Ausland zu reisen, gute Ausbildung – aber auch grosse Angst!», erzählte der Nachbar weiter. «Wieso?», fragte Monique erstaunt. Ihr kamen all die Spionage-Thriller aus dem Kalten Krieg in den Sinn, die sie früher verschlungen hatte.

«Otec hasste es, wenn wir Kinder nicht korrekt musizierten», fuhr Kovatsch fort. «Wir ibten zuhause fir Weihnachten mit Familienorchester. Ich verstand noch keine Englisch und habe gesungen ‹Tschinken Bells ›, weil ich gedacht, es geht um Palačinky von Isabell…» Reto musste ein Schmunzeln unterdrücken. «Dann hat Otec mich zur Strafe in Kammer gesperrt… und…», brach Kovatsch ab. (nf)

Ob diese Jingle Bells-Version Otec wohl gefallen hätte? Für alle Kleinen und Grossen, die gerne schmunzeln…

22. Dezember

Noch drei Tage bis zum grossen Fest! Nachdem Monique, Reto und Kenneth-František am Abend zuvor bei bestem englischem Tee mit Schuss den Kindheitsgeschichten von Kovatsch gelauscht hatten, stand fest: Weihnachten wurde mit Kovatschs gefeiert und zwar auswärts. Zuhause feiern kam nicht in Frage. Deren Gästeliste war episch lang.

Weihnachten sollte sowieso gemeinschaftlich gefeiert werden, so der Tenor, schliesslich waren in Bethlehem die Hirten auch zahlreich zum Fest erschienen. Im Luzernischen beispielsweise lädt man darum zur offenen Weihnacht. Auch im Züribiet oder im St. Gallischen lässt sich in Gemeinschaft Weihnachten feiern. Alleine sein musste man nicht, wenn man das nicht will.

Die zündende Idee kam dann aber von Kenneth-Frantisek. In wärmeren Tagen war der Brexit-Flüchtling im Schrebergarten-Häuschen der Kovatschs untergebracht gewesen. Der Garten am Hang unterhalb des nahen Stadtwaldes, wo Reto vor gut einer Woche die besagte Tanne fällen wollte, war ein zauberhafter Ort und perfekt für ein besinnliches Weihnachtsfest. Monique weihte Kovatsch in den geschmiedeten Plan ein. «Keestliche Idee», er habe noch so viele Kürbisse, das gäbe Suppe noch für nächste Weihnacht.

Unterdessen ging Reto das Nötigste für den Haushalt einkaufen. Als Monique ihn die Treppe raufstapfen hörte, lief sie ihm mit den tollen Neuigkeiten entgegen. «Stell dir vor, Reto…» Weiter kam sie nicht. Reto stand im Treppenhaus mit Sack und … Tanne! «Er war immer noch im Manor! Die nette Dame am Kundendienst hat ihn sogar ins Wasser gestellt!», strahlte Reto. Das war eine Überraschung. Die Tanne musste natürlich mit in den Schrebergarten – im Wald –, genau so wie Kovatschs Geige, Retos Gitarre und Moniques Schwyzerörgeli.

Die Vorfreude war riesig! Da konnte nicht mehr viel schief gehen. (eme)

Machen Sie es wie Finn, feiern Sie Weihnachten nicht alleine!

23. Dezember

Sonntagmorgen, vierter Advent. Morgen war Heiligabend. Monique schaute aus dem offenen Schlafzimmerfenster und atmete die kalte Morgenluft ein. Es hatte geschneit. Nicht viel, aber immerhin 15 Zentimeter. «Hoffentlich bleibt der Schnee liegen bis Weihnachten», dachte sie, als ihr Blick über die weissen Dächer der umliegenden Häuser und die schneebedeckten Büsche im Vorgarten der Kirche fiel. Das Weihnachtsfest im Schrebergarten der Familie Kovatsch wäre umso schöner.

Am Samstag hatten sie zusammen mit Jiri – ja, sie hatten endlich Duzis gemacht mit Kovatsch – die Einzelheiten des Weihnachtsfestes festgelegt. Jiri hatte sie aufgefordert, ebenfalls Verwandte und Freunde einzuladen. Von denen hatten allerdings die meisten abgewinkt: zu spät, zu spontan und überhaupt, wozu hat man extra einen Baum gekauft.

Mit dabei sein würden aber Göttibub Gregor und seine Eltern Susanne und Max, Moniques und Retos Eltern, zwei Single-Frauen aus der Yogaklasse und Michael, Retos bester Freund, seit kurzem geschieden. 25 Personen insgesamt. Das Häuschen des Schrebergartens genügte bei weitem nicht. Also musste ein Zelt her, das würde Reto noch am Montag organisieren müssen.

«Es wird ein wunderschönes Weihnachtsfest», dachte Monique und merkte dann, dass sie langsam kalte Füsse bekam. Sie schloss das Fenster. Und stutzte: «Warum war eigentlich Jiris Frau bei der Besprechung gestern nicht dabei gewesen?» Jiri war nun x-mal bei ihnen aufgekreuzt in den letzten Wochen, man kannte seinen Cousin, hatte ihn sogar bei sich aufgenommen – nur Frau Kovatsch war nie dabei gewesen.

Höchste Zeit also, auch mit ihr näher Bekanntschaft zu machen. Am Nachmittag würde sie zu ihr gehen und übers Festmenü reden. Auch wenn bereits abgemacht war, dass sie, Reto und Kenneth-František für den vegetarischen Teil zuständig sein würden, während Jiri sich dem Schweinebraten und den Knödeln widmen würde. Noch offen war nämlich, was es zum Nachtisch geben würde. (bal)

Auch vor über fünfzig Jahren war Schnee an Weihnachten offenbar nicht die Regel. Im Film «White Christmas» (1954) zumindest geht es (unter anderem) um das Warten auf den Schnee.

24. Dezember

Ja, ja, mit ihm konnte man das ja machen, dachte Reto. «Am Heilig Abend ein Zelt kaufen, wer macht denn so was?» Reto hatte wohl ein wenig zu laut laut gedacht. Die Leute in der Outdoorabteilung des Einkaufszentrums um ihn herum schauten ihn jedenfalls komisch an. «Schon gut, schon gut», murmelte er und wandte sich an eine der Beraterinnen: «Ein Zelt, ich muss ein Zelt haben», sagte er forsch. «Ist es für alpine Touren, Hiking oder…» – «Das ist egal», unterbrach Reto. «Es muss ein Dach haben und Seitenwände und wir wollen drin stehen können.»

Mit dieser Begegnung hatte er wohl keine Weihnachtspunkte gesammelt, dachte sich Reto, als er mit dem Ganzjahres-Familienzelt aus dem Geschäft ging. Aber er konnte doch auch nichts dafür, dass sie plötzlich so viele waren. Bislang fand Heilig Abend bei ihnen immer ganz ohne Brimborium, in der Stube und nicht im Wald statt! Eigentlich war es mehr ein Familientreffen mit feinem Essen als ein Kirchenfest. Doch die letzten Tage hatten Reto auch sehr beschäftigt.

Monique und Natalia – nun war auch hier der Bann gebrochen – sassen am Küchentisch und schälten Äpfel für einen Apfelstrudel. Frau Kovatsch freute sich sehr auf das Fest. Lange Jahre war sie mit ihrem Mann allein zu Hause gewesen. Vielleicht hatten sie mit Freunden und Verwandten in der Heimat telefoniert. «Aber Weihnacht ist immer schwer für uns, es ist ein trauriger Abend», sagte Natalia. «Dabei ist der Gedanke doch so schön: Gott wird Mensch. Ein kleines Kind und doch ein König!»

Monique war ganz überrascht über die Deutschkenntnisse ihrer Nachbarin. Deren Familie hatte deutsche Wurzeln und die Sprache war ihr eine Herzensangelegenheit. Sie half Landsleuten, wo sie konnte, machte davon aber kein Aufheben. «Ich hab’ eine Idee», sagte Monique mit einem Lächeln, während Natalia den Strudelteig ordentlich auf die Tischplatte schlug. «Heute Abend erzählst du eine tschechische Weihnachtsgeschichte. Auf Tschechisch. Da werden – ausser Jiri natürlich – alle grosse Augen machen. Und dann erzählst du die gleiche Geschichte noch einmal. Auf Deutsch!»

Natalia wurde ganz verlegen. Aber als sie in das strahlende Gesicht von Monique schaute, da wusste sie: Diese Weihnachten würden bestimmt nicht traurig ausgehen. Ja, sie wusste schon genau, welche Geschichte sie draussen im Wald erzählen würde. (ms)

Jan Procházka: «David und der Weihnachtskarpfen», SZ Junge Bibliothek Band 16 (1. Kapitel). Zusammenfassung der Geschichte.