Vom Massenjubel in Paris zum betroffenen Schweigen in Lourdes
Von Paris, wo bei einer Messe 800‘000 Menschen Leo XIV. bejubelten, sind es 90 Flugminuten bis nach Lourdes, dem Pilgerstädtchen am Fuss der Pyrenäen. Zwischen beiden Orten liegen Welten. Das gilt auch für den Papst.
Ludwig Ring-Eifel
(CIC) Lourdes – das ist tiefste Provinz im äussersten Südwesten Frankreichs, Hort einer Marienverehrung und Volksfrömmigkeit aus dem 19. Jahrhundert. Und ein Ort, an dem Kranke oder Menschen mit Behinderung in Rollstühlen auf ein Wunder hoffen und wo einige tatsächlich Wunder erleben – manche körperlich, manche seelisch.
Diesen Ort am Fuss der Pyrenäen hatte sich Leo XIV. für den schwierigsten Teil seiner spektakulären Frankreichreise ausgesucht. Nach dem Jubel der Massen auf der Champs-Élysées waren nun Momente der Besinnung angesagt. Und Worte der Reue, der Busse und der Umkehr nach Skandalen, die der einst so selbstbewussten katholischen Kirche in Frankreich vor fünf Jahren den Atem raubten.
Schon der erste Besuch des Papstes an der berühmten Grotte von Lourdes am Samstagabend, wo 1858 die 14-jährige Bernadette Soubirous von einer Marienerscheinung berichtete, war von Schweigen geprägt.
Nach dem üblichen Papstjubel bei seinem Eintreffen und marianischen Gesängen wurde es mucksmäuschenstill, als er einige Minuten vor der Muttergottes-Statue niederkniete. Auch beim anschließenden Gebet, in dem er Maria um Hilfe für die Überwindung der Kriege anrief, herrschte angespanntes Schweigen.
Plage des Missbrauchs als Thema
Ähnlich ging es am Sonntag. Es war der Tag, an dem die «schmerzliche Plage des sexuellen Missbrauchs», so Leos Worte, in der katholischen Kirche ein zentrales Thema war. Es begann mit einer Schweigeminute des Papstes am Denkmal für die Missbrauchsopfer. Dann ging es weiter mit einer Ansprache an die rund 120 katholischen Bischöfe Frankreichs. Sie fand unter Ausschluss der Medien statt, und die Rede wurde vom Vatikan anders als üblich nicht vorab an die Presse verteilt.
Leo XIV. richtete ernste Worte an seine Mitbrüder. Der Papst erinnerte an die schwärzesten Stunden, die Frankreichs Bischofskonferenz nach der Veröffentlichung einer Untersuchungskommission im Jahr 2021 erlebte, die durch Hochrechnungen auf unvorstellbar hohe Opferzahlen kam.
Zugleich machte er ihnen Mut, würdigte ihren neuen Kurs, der «durch Zuhören, Suche nach Wahrheit, durch Gerechtigkeit, Vergebung, Wiedergutmachung und ein entschlossenes Engagement für eine Kultur der Prävention und des Schutzes vor diesen Verbrechen» eine Wende brachte. Er mahnte sie aber auch, «den eingeschlagenen Weg fortzusetzen und dabei grösste Wachsamkeit zu wahren».
Aufruf zur Busse
Noch härter waren die Worte, die er dann bei einer grossen Messe unter freiem Himmel wählte. Er ging nicht explizit auf die im Hintergrund stehende, an einigen Stellen von Sichtschutzplatten verhüllte Rosenkranz-Basilika ein, deren Fassade einst der mutmassliche Missbrauchstäter Marko Rupnik mit Mosaiken verziert hatte.
Stattdessen erinnerte der Papst an das Bibelzitat «Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle umkommen». Und er zitierte den Maria bei ihrer Lourdes-Erscheinung zugeschriebenen Ausruf «Busse, Busse, Busse!».
150’000 Menschen lauschten in Stille; einige der konzentriert zuhörenden Bischöfe hatten die Hände vorm Gesicht und die Augen geschlossen. Sie hörten Sätze wie diese: «Dieses Erfordernis der Bekehrung betrifft auch die Kirche selbst auf ihrem irdischen Pilgerweg. Sie muss den Mut aufbringen, diese Umkehr als Erste zu vollziehen. Um von den tiefen Wunden, der Untreue und den schmerzhaften Irrwegen, die in ihr begangen wurden, zu genesen, müssen wir uns in Demut dem reinigenden Blick des Herrn stellen.»
Am Ende verbindet der Papst die Aufforderung zur Busse mit der Aussicht auf Erlösung und sagt: «Die Aufforderung unserer Mutter, unserer Pflicht zum Gebet und zur Bekehrung nachzukommen, erfüllt uns mit grosser Hoffnung, denn sie weist uns den Weg, wie wir den Lauf der Dinge ändern können.»
Hoffnungsbotschaft des Papstes
Und er kommt auf das Leiden der nach Lourdes pilgernden Kranken zu sprechen: «Brüder und Schwestern, ihr werdet von Lourdes nicht so zurückkehren, wie ihr hier angekommen seid: Ihr werdet als Missionare der Hoffnung aufbrechen. Das ist das Wunder dieses Ortes: dass die Freude der Hoffnung gerade inmitten von Prüfung und Leid geweckt wird.»
Am Ende lässt er offen, ob das, was er für die Kranken wünscht, auch für die durch die Verbrechen ihrer Geistlichen gelähmte Kirche gilt. Nach der Messe sieht man Zehntausende jubelnde Pilger und manchen nachdenklich wirkenden Bischof vom Platz gehen. Doch einige von ihnen wirken gelöst, winken Gläubigen zu und machen Selfies.
Für Leo XIV. stand in diesem Moment noch der schwierigste Termin des Tages bevor: das Treffen mit mehreren Missbrauchsopfern zur persönlichen Aussprache an einem geheimgehaltenen Ort.
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