Göttin Isis - zu sehen in der Kirche St. Johannes in Zug
Schweiz

Regula Grünenfelder: «Wir lassen im Göttinnenkreis eine Lücke hin zu Maria»

Die Theologin Regula Grünenfelder hat in der Taufkapelle der Kirche St. Johannes in Zug eine Ausstellung über Göttinnen initiiert. Die Beschäftigung mit der Zukunft der Kirche habe sie zu diesem Blick zurück auf frühere Religiosität geführt, sagt sie gegenüber kath.ch. Sie lädt ein, im Göttinnenkreis dem Katholisch-Sein nachzuspüren.

Regula Pfeifer

Sie haben in der Kirche St. Johannes in Zug eine Ausstellung über Göttinnen organisiert. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Regula Grünenfelder*: Die Pfarrei St. Johannes Zug ist Teil des Projektes «Mensch und Kirche 2025» von Kirchgemeinde Stadt Zug und Pastoralraum Zug-Walchwil. Wir beschäftigen uns mit der Frage der Zukunft der Kirche. Als katholische Kirche werden wir nicht nur kleiner, sondern auch anders. Die Kirchenräume der grossen Konfessionen sind so gebaut, dass die ganze Bevölkerung Platz hatte. Wir untersuchen, was mit den Menschen und Kirchenräumen geschieht, wenn die ursprüngliche Funktion wegbricht, beispielsweise im Innosuisse-Projekt Mona (Monastery landscape Switzerland) der Fachhochschule Graubünden Raumplanung und Informatik und der theologischen Hochschule Chur.

«Seit sechzig Jahren sagt die Forschung, dass Göttinnen zur jüdisch-christlich-muslimischen Tradition gehören.»

Kommen wir zu den Göttinnen…

Grünenfelder: Gleich. Die Kirchenräume der katholischen und reformierten Kirche haben eine Funktion über das Bekenntnis hinaus. Das bedeutet nun nicht, dass diese Räume für alles geöffnet werden. Es bedeutet zunächst darauf zu achten, dass sich christliche Identität in Verbundenheit statt in Abgrenzung bilden kann. Die Göttinnen in die Kirche einzuladen, sozusagen die weibliche Verwandtschaft, liegt auf der Hand. Seit sechzig Jahren sagt die Forschung, dass Göttinnen zur jüdisch-christlich-muslimischen Tradition gehören. Das zeigen wir, sorgfältig kuratiert und sensibel für die vielen Themen, die ein Besuch in der Kirche sichtbar macht.

Die Theologin Regula Grünenfelder beschäftigt sich mit Zukunft und Geschichte von Religion und Kirche
Die Theologin Regula Grünenfelder beschäftigt sich mit Zukunft und Geschichte von Religion und Kirche

Weshalb zeigen Sie diese Göttinnenfiguren in der katholischen Kirche und nicht in einem Nebenraum?

Grünenfelder: Alle Menschen, denen die Kirche wichtig ist, sehen die Herausforderungen. Die grossen Konfessionen haben echte Probleme, die durch Induividualisierung und Säkularisierung in Gang gekommen sind. Als Reaktion darauf wird überall Neues ausprobiert, verändert und transformiert – in Pfarrhäusern, Gemeindezentren. Auch die Sakralräume verdienen in diesem besonderen Umbruch ein lebendiges Interesse an Wandlung. Im Fall der Göttinnen-Ausstellung zeigen wir im Sakralraum Verwandtes und fordern inner- wie ausserkirchlich dazu heraus, das Gemeinsame zu würdigen – es ist stärker als Ängste und Tabus.

«Eine tragfähige, versöhnliche, religiöse Identität erwächst aus Beziehung und Verbundenheit und nicht aus Angst und Abgrenzung.»

Welche Botschaft möchten Sie mit dieser Göttinnen-Ausstellung vermitteln?

Grünenfelder: Eine tragfähige, versöhnliche, religiöse Identität erwächst aus Beziehung und Verbundenheit und nicht aus Angst und Abgrenzung.

Meinen Sie eine Verbundenheit der Menschheit?

Sophia und die Heilige Geistkraft - Gemälde von Ferdinand Gehr im der Kirche St. Johannes Zug
Sophia und die Heilige Geistkraft - Gemälde von Ferdinand Gehr im der Kirche St. Johannes Zug

Grünenfelder: Ich meine eine Verbundenheit unter den Menschen, die in ihrem Lebensraum Symbole für Sinn und Gemeinschaft brauchten und heute noch brauchen – und zwar in dieser unglaublich langen Geschichte von rund 40’000 Jahren. Kirchen sind die heutigen Infrastrukturen für Sinn und Gemeinschaft. Sie knüpfen an ähnliche frühere Infrastrukturen in unserem Lebensraum an. Die eigene Religiosität verliert nichts, wenn sie eine Geschichte hat. Im Gegenteil, meine Erfahrung ist, dass sie sich klärt im Miteinander. Es ist zwar einfach zu sagen, wer ich bin und was richtig ist, in Abgrenzung zu Anderem. Das kann aber gefährlich fundamentalistisch werden. Es ist viel interessanter, in einem Göttinnenkreis dem Katholisch-Sein nachzuspüren – nicht zuletzt in der Kirche St. Johannes, wo Ferdinand Gehrs Sophia und die Heilige Geistkraft die Wände hinter der Ausstellung schmücken.

«Die Idee des Dreiviertelkreises: Hier wendet niemand dem und der anderen den Rücken zu.»

Die Göttinnenfiguren sind in einem Dreiviertelkreis aufgestellt. Wenn Sie sich hineinstellen – was fühlen Sie?

Grünenfelder: Die Ausstellung wird erst am 14. August aufgebaut. Ich kann das also noch nicht wissen. Der Kuratorin Sonja Koch und mir war von Anfang an klar, dass die Ausstellung die ganze Kirche einbezieht. Die 38 kleinen Figurinen werden in der Taufkapelle einen Dreiviertelkreis bilden, der sich zum Altarraum hin öffnet. Die Idee: Hier wendet niemand dem und der anderen den Rücken zu. Zudem können Besuchende Stühle in den Kreis der Göttinnen stellen und sich zu ihnen gesellen, manche Figurinen auch in die Hand oder auf den Schoss nehmen. Zudem haben wir im Kreis eine Lücke gelassen hin zur Maria.

Weshalb die Lücke zur Muttergottes Maria hin?

Grünenfelder: Weil Maria mit dem Jesuskind auf den Knien auch dazu gehört. Diese Statue hat ein ikonografisches Vorbild: die vorchristliche Göttin Isis mit ihrem Sohn Horus. Beide Figurenkompositionen sind in der Ausstellung miteinander im Dialog, es gibt übrigens auch andere, sehr spannende Marienfiguren im offenen Kreis. A propos persönliche Kreis-Erfahrung…

Ja?

Grünenfelder: Wir werden in den zehn Ausstellungstagen permanent eine Person vor Ort haben als Gastgeberin. Ich selbst werde meinen Arbeitsplatz in die Kirche verlegen, weil mich die entstehenden Verbindungen und Gespräche zwischen Symbolen, in und unter Menschen interessieren. Nicht «von aussen», so wie eine Forscherin einen toten Schmetterling anschaut, sondern mittendrin: Wie ist es, dann da zu sein? Und wie verändert sich der Kirchenraum? Das wird mein allererster Blog werden. Innerlich hat die Ausstellung für mich übrigens letztes Wochenende schon mit einer Wallfahrt nach Ziteil GR begonnen.

Fehlt der katholischen Kirche eigentlich eine Göttin?

Grünenfelder: Nein, sie ist ja immer schon da.

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Wie meinen Sie das?

Grünenfelder: Die Antwort auf die Titel-Frage «wo ist die Göttin?» ist nicht: Hier. Vielmehr sind die Besucherinnen und Besucher eingeladen, im Kirchenraum auf die Suche zu gehen. Zum Beispiel in biblischen Texten die Göttin zu entdecken oder in der eigenen Erfahrung. Im Begleitprogramm sprechen wir unter anderem über Täterschutz, der bei Gewalt an Frauen zwar politisch und juristisch bekämpft wird, aber weiterhin immer neue Formen annimmt. Ich bin der Ansicht: Wenn weibliche Kraft keinen symbolischen Ausdruck findet, dann fehlt eine Verankerung. In der Ausstellung zeigen wir verschiedene Gottesvorstellungen und Symbolisierungen in weiblicher Gestalt, im Dreiviertelkreis auch aufeinander bezogen.

Bei der Finissage sprechen wir über weibliche Vorbilder. In TikTok-Zeiten, wo junge Frauen mit perfekten Frauenbildern konfrontiert sind, ist es vielleicht ganz gut, mal in einem Kreis zu sitzen mit einer Vielfalt an Göttinnen-Formen, die einen dünn, die anderen dick, mit Bart oder kopflos. Die 2025 verstorbene Theologin Dorothee Wilhelm sagte den wunderbaren Satz: «Wenn wir es schon nicht schaffen, uns keine Bilder zu machen, dann gelingt es uns wenigstens, uns nicht nur eines zu machen, sondern viele: keine statischen, sondern veränderbare, erfahrungs- und kontextgebundene.» Wir versuchen mit der Göttinnen-Ausstellung Bewegung in solche Vorstellungen zu bringen.»

«Unsere Göttinnen-Figurinen sind eine gefährliche und heilsame Erinnerung.»

Sie haben die Verbindung zwischen Muttergottes Maria und der Göttin Isis erwähnt. Können wir Maria in dieser Tradition fast als Göttin verstehen?

Grünenfelder: Was ist eine Göttin? Zu dieser Frage werden die Schriftstellerin Athyluxmy Sivakumar und Johanna Di Blasi vom RefLab  mit uns in einem hinduistisch-christlichen Gespräch auf die Suche gehen. Jedenfalls knüpfen ikonographisch Marienstatuen mit Kind, als Himmelsherrin oder als Drachenbändigerin unübersehbar an altorientalische Göttinnensymbolik an. Wir zitieren im Begleitheft übrigens die Alttestamenterin Silvia Schroer: Durch patriarchale Macht ist ein ganzes religiöses Erbe verdrängt worden. Unsere Göttinnen-Figurinen sind eine gefährliche und heilsame Erinnerung.

Die fränkische Madonna wird in der Göttinnen-Ausstellung in Zug zu sehen sein.
Die fränkische Madonna wird in der Göttinnen-Ausstellung in Zug zu sehen sein.

Wir beten zu Maria – was bedeutet das?

Grünenfelder: Im katholischen und orthodoxen Glauben wird Maria nicht angebetet. Sie wird um Fürsprache gebeten. Und doch hat sie göttliche Eigenschaften, beispielsweise einen Mantel, unter dem sich die ganze weite Welt bergen darf. «Die Zangen der Logik fassen sie nicht», wie das der Dichterpfarrer Kurt Marti in Bezug auf das göttliche Geheimnis gesagt hat. Die Ausstellung lädt nicht zur Götzenanbetung ein, sondern bewegt die Frage: Wie sind Menschen angewiesen auf Symbolisierung?

«Wir bewegen uns in diesem Universum und nicht in einem dogmatischen Streit.»

Ich finde eine jüdische Gottesvorstellung hilfreich. Demnach ist Gott En-Sof, unnennbares Geheimnis, vor dem alle Wörter verstummen und Bilder verblassen. Und trotzdem konkret als Schechina, anwesende, erfahrbare Gegenwart Gottes. In der Ausstellung zeigen wir die Erklär-Videos aus dem Jüdischen Museum Frankfurt «Die weibliche Seite Gottes». Wir bewegen uns in diesem Universum und nicht in einem dogmatischen Streit. Nun ja: Als Menschen sind wir halt auf Symbole, Bilder und Wörter angewiesen.

*Regula Grünenfelder ist in der katholischen Kirche St. Johannes in Zug Projektleiterin Asyl- und Kontextseelsorge und Koordinatorin Zukunft St. Johannes der Katholischen Kirche Zug-Walchwil – und Ehefrau von Gemeindeleiter Bernhard Lenfers Grünenfelder. Zudem ist sie Geschäftsleiterin FRW Interkultureller Dialog Zug.

Die Ausstellung «Wo ist die Göttin?» ist vom 15. bis 25. August in der Kirche St. Johannes in Zug zu sehen. Sie ist nachhaltig konzipiert – als Wanderausstellung. Wer sie in der eigenen Kirche zeigen möchte, meldet sich unter goettinnenraum.ch.


Göttin Isis – zu sehen in der Kirche St. Johannes in Zug
10. August 2026 | 17:00
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