"Rot und Schwarz": Bild zu einer Hörspielbearbeitung des gleichnamigen Romans von Stendhal.
Religion anders

Die Macht der Verführung, der Liebe und des Klerus

Ferienzeit ist Lesezeit. Zeit, sich Romanen zuzuwenden, in denen die katholische Kirche eine bedeutende Rolle spielt. «Rot und Schwarz», der 1830 erschienene Klassiker des französischen Realisten Stendhal, ist ein solches Buch. Darin schwankt die Wahrnehmung der Kirche zwischen Faszination und Kritik an der Macht des Klerus. Es ist ein Roman, in dem sogar ein Attentat in einer Kirche verübt wird.

Wolfgang Holz

«Der Bischof schritt ihnen langsam entgegen. Jetzt traten die Geistlichen zur Prozession an. Einen Augenblick lief alles durcheinander. Dann setzte sich der Zug unter Anstimmung eines Psalms in Bewegung. Der Bischof, zwischen dem Pfarrer Chélan und einem anderen älteren Geistlichen, folgte dem Klerus. Dicht hinter dem Bischof schritt Julien als Subdiakon Chélans. Der Zug ging durch die langen Gänge der Abtei, die trotz des einfallenden Sonnenscheins düster und dumpfig waren. Endlich erreichte man die Vorhalle des Kreuzgangs. Julien war tief ergriffen von der schönen Feier. Sein angesichts des jugendlichen Kirchenfürsten von neuem lodernder fantastischer Ehrgeiz und das feine vornehme Wesen des Kardinals stritten sich um sein Herz. ‘Je höher man die Stufenleiter der Gesellschaft emporsteigt, desto mehr findet man so entzückende Manieren’, sagte sich Julien.»

Sohn eines Sägemühlenbesitzers will Priester werden

Dies ist eine sakrale Szene aus dem 18. Kapitel von «Rot und Schwarz», in der aus der Sicht des Romanhelden Julien beschrieben wird, wie der französische König Karl X. in der Kleinstadt Verrières Halt macht, um der berühmten Reliquie des heiligen Clemens einen Besuch abzustatten.

Julien Sorel ist der schmächtige, ambitionierte und intelligente Sohn eines Sägemühlenbesitzers. Statt in der kinderreichen Familie mitanzupacken, liest er nur Bücher und wird von seinem Vater deshalb verachtet und geschlagen. Julien treibt vor allem die Gier nach gesellschaftlicher Geltung um. Er möchte den Mief der französischen Provinz ein für alle Male hinter sich lassen.

Zunächst träumt er von einer glänzenden militärischen Laufbahn. Doch die Napoleonischen Kriege sind vorbei, und die Gesellschaft der Restauration verschliesst den Bürgerlichen ihre Türen. Im Alter von vierzehn Jahren fasst er daher den Entschluss, Priester zu werden, da es ihm als der unter den herrschenden Bedingungen günstigste Weg erscheint, «sein Glück zu machen».

Die Macht des Lateins

Er wird vom lokalen Priester in Theologie unterrichtet und lernt die lateinische Bibel auswendig, ohne aber religiöse Gefühle zu entwickeln. Latein wird für ihn vielmehr zum Statussymbol, zur Auslöschung seiner ordinären Herkunft. Denn er kann aus seinen Lateinkenntnissen sofort Kapital schlagen.

Der Bürgermeister von Verrières, Monsieur de Rênal, wird nämlich auf seine Gelehrsamkeit aufmerksam und stellt ihn als Hauslehrer für seine beiden Kinder an. Julien beginnt eine Affäre mit Madame de Rênal, der melancholischen jungen Frau des Bürgermeisters, die sich in Julien verliebt und die er mit Kalkül erobert – zunächst eher aus Eitelkeit denn aus Begehren. Als die Liebschaft auffliegt, muss er Verrières verlassen.

Die gespielte Frömmigkeit der Bauernsöhne

Durch Vermittlung des Priesters begibt er sich in das Priesterseminar der Stadt Besançon. Stendhal zeichnet das Bild einer degenerierten Kirche: Die Priesteranwärter im Seminar in Besançon sind allesamt Bauern, die nicht der Glaube, sondern der blanke Opportunismus und die Gier nach Geld in den Kirchendienst treiben.

Cover der französischen Ausgabe des Romans "Le Rouge er le Noir" von Stendhal nach dem Gemälde von Luigi Lucioni: "Porträt von Paul Cadmus" (1928)
Cover der französischen Ausgabe des Romans "Le Rouge er le Noir" von Stendhal nach dem Gemälde von Luigi Lucioni: "Porträt von Paul Cadmus" (1928)

Frömmigkeit wird oft nur gespielt. Von manchen Bauernsöhnen wird der Glaube sogar nur vorgegaukelt, um in den Genuss eines besseren Essens zu kommen. Der Gang ins Priesterseminar ist Juliens zweiter Schritt auf der gesellschaftlichen Karriereleiter. Doch weil er als Günstling des Regens bei den anderen Priesterseminaristen aneckt und gemobbt wird, zieht er von dannen.

Das Attentat in der Kirche

Schliesslich in Paris angekommen, als neuer Sekretär des aus dem Exil zurückgekehrten Diplomaten Marquis de la Mole, verführt er dessen Tochter Mathilde, eine junge und temperamentvolle Aristokratin – nicht wegen ihres Vermögens, sondern aus Trotz, um den Stolz zu bezwingen, den er in ihren Augen zu erkennen glaubt.

Als sie schwanger wird, adelt ihn der Marquis kurzerhand und erlaubt die Heirat der beiden. Ein Brief Madame de Rênals an den Marquis bewirkt allerdings, dass Julien blossgestellt wird. Wütend schiesst er mit einem Revolver in der Kirche auf seine einstige Geliebte, die das Attentat überlebt. Er selbst wird wenig später zum Tod verurteilt.

Kirche als Sinnbild für Scheinheiligkeit

Der in Grenoble geborene Henri-Marie Beyle alias Stendhal (1783–1842), wie er sich als Romancier nannte, stand der katholischen Kirche zeitlebens äusserst kritisch gegenüber. Er verachtete den Klerus als reaktionäre Macht, die Fortschritt und persönliche Freiheit unterdrückte. In seinem Meisterwerk «Rot und Schwarz» nutzte er die Kirche als Sinnbild für die Scheinheiligkeit und den Karrierismus der französischen Restaurationszeit. Laut Honoré de Balzac, französische Schriftstellerlegende und Zeitgenosse Stendhals, fängt der Roman «den Leichengeruch einer im Sterben liegenden Gesellschaft» ein.

Gleichzeitig faszinierten Stendhal persönlich aber stets ästhetisch die Pracht und der Prunk der Kirchen – so sehr, dass sogar der Begriff Stendhal-Syndrom entstand. «Ich befand mich in einer Art Ekstase bei dem Gedanken, in Florenz und den Gräbern so vieler Grosser so nahe zu sein. Ich war in Bewunderung der erhabenen Schönheit versunken. Ich sah sie aus nächster Nähe und berührte sie fast.» So erlebte Stendhal seinen ersten Besuch in der Kirche Santa Croce.

«Himmlische Empfindungen» für sakrale Kunst

Es waren die Fresken und die Gräber des Michelangelo, Macchiavelli und Galilei, die bei dem Schriftsteller laut SRF einen tiefen Eindruck hinterliessen. 1817 schrieb er: «Ich war auf dem Punkt der Begeisterung angelangt, wo sich die himmlischen Empfindungen, wie sie die Kunst bietet, mit leidenschaftlichen Gefühlen gatten. Als ich die Kirche verliess, klopfte mir das Herz; mein Lebensquell war versiegt und ich fürchtete, umzufallen.»

Auch in seinem Roman «Rot und Schwarz» betört ihn an vielen Stellen die katholische Kirche mit ihren Ritualen. «In diesem Augenblick schlug es drei Viertel zwölf. Die grosse Glocke begann zu läuten, laut und wuchtig. Diese vollen feierlichen Klänge erschütterten Julien. Seine Gedanken vergassen die Erde. Der Duft des Weihrauchs und der Rosenblätter, von kleinen Kindern vor den Altar hingestreut, brachte ihn vollends in Verzückung. Um bei Verstand zu bleiben, hätte er nur daran zu denken brauchen, dass die Glocken von einem Dutzend armer Schlucker um einen Hundelohn in Bewegung gesetzt wurden. Stattdessen schweifte Juliens Seele, begeistert durch das mächtige Geläute, in fantastische Ferne. Auch daran dachte er nicht, dass aus einem Träumer, wie er einer war, niemals ein tüchtiger Priester, niemals ein grosser Organisator werden kann. Eine so leicht erregbare Seele taugt höchstens zum Künstler. Julien, dem Phantasten, fehlte der Blick für die reale Seite des Lebens.»

Der Bischof und die Jungfrauen

Bleibt zu erörtern, welche Bedeutungen der Roman-Titel «Rot und Schwarz» zu offerieren vermag. «Rot» steht sicherlich für die Macht der Leidenschaft, der Verführung und für die blutenden Herzen enttäuschter Liebe. Schwarz kann man interpretieren als die Farbe der Macht, insbesondere der Macht des Klerus, und des Tods. Wobei am Ende des Romans «Rot» und «Schwarz» quasi ineinanderfliessen – durch das Attentat des erzürnten Julien auf seine frühere Geliebte sowie durch seine Hinrichtung auf dem Schafott.

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Oder – um abschliessend noch einmal auf die eingangs zitierte feierliche Reliquienbesichtigung des Königs zu kommen: «An der Tür knieten vierundzwanzig junge Mädchen aus den besten Familien von Verrières. Ehe der Bischof durch die Tür schritt, kniete er mitten unter den Jungfrauen nieder. Es waren lauter hübsche Mädchen. Während er mit lauter Stimme betete, bewunderten sie seine schönen Spitzen, sein zierliches Wesen und sein jugendliches, sanftes Gesicht immer wieder von neuem. Vor dieser Szene verlor Julien den Rest seines Verstandes. In diesem Augenblick hätte er sich mit voller Überzeugung für die Inquisition geschlagen.»


«Rot und Schwarz»: Bild zu einer Hörspielbearbeitung des gleichnamigen Romans von Stendhal. | © zVg
15. Juli 2026 | 17:00
Lesezeit : ca. 5  Min.
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