Theologe und Männerexperte Daniel Ammann: «Es gibt immer weniger Vorbilder für den Priesterberuf»
Bei der Petrusbruderschaft und den Piusbrüdern boomen Priesterweihen – während es in der offiziellen römisch-katholischen Kirche immer weniger Neupriester gibt. Warum üben konservativ-traditionelle Kirchenmilieus so eine Faszination auf junge Männer aus? Theologe und Männerexperte Daniel Ammann versucht, diese Frage im Interview mit kath.ch zu klären.
Wolfgang Holz
Herr Ammann, wie erklären Sie sich, dass noch so viele junge Männer bei der Petrusbruderschaft und den Piusbrüdern Priester werden wollen während der Priestermangel in der offiziellen römisch-katholischen Kirche immer krasser wird?
Daniel Ammann*: Es handelt sich bei diesen Bruderschaften um Sondergesellschaften, die in ihrem Selbstverständnis quasi noch in den 1950-er Jahren leben. So manche der Priesterseminaristen stammen aus kinderreichen Familien, in denen es nicht unüblich ist, dass ein Sohn Priester wird. Sie leben in sehr abgeschotteten Gruppierungen, und die Berufung zum Priester gilt in ihrer Welt als sehr wichtig.
«Das Thema Sexualität figuriert für diese Priesterseminaristen unter der Rubrik Verführung und Tabu – sowieso vor der Ehe.»
Aber diese Priesterseminaristen leben doch nicht nur in einer abgeschotteten Welt. Sie lesen doch auch Zeitungen und konsumieren Medien – und bemerken nicht zuletzt vielleicht auch einmal, wie eine schöne junge Frau vor ihnen die Strasse überquert.
Ammann: Das ist sicher richtig. Aber das Thema Sexualität figuriert für diese Priesterseminaristen unter der Rubrik Verführung und Tabu – sowieso vor der Ehe. Das wird diesen Priesterkandidaten immer wieder eingetrichtert bei Exerzitien. Es ist eine Form von Gehirnwäsche. Das beginnt schon in den Jugendgruppen. Ich hatte im Gymnasium einen Klassenkameraden, der später Leiter des Priesterseminars der Piusbrüder in Deutschland war und mir entsprechende Einblicke in diese katholischen Welten vermittelt hat. Gleichzeitig werden die Priesterkandidaten in diesen Gemeinschaften auch sicher sehr gefördert. Zudem ist für diese Bruderschaften der missionarische Drive eine grosse Motivation.
«Heutzutage werden Priester relativiert.»
Glauben Sie, dass der Priesterberuf in einem eher katholisch-traditionellen, konservativen Umfeld attraktiver als Beruf erscheint als in einer reformorientierten Kirche mit vielen Neuerungen und Relativierungen?
Ammann: Sicher. Das Selbstverständnis der traditionellen Priesterrolle ist die, dass sie sich als Stellvertreter Christi sehen, und in der Nachfolge der Apostel und es deswegen nur Männer sein können, die nicht verheiratet sind, weil Jesus angeblich nicht verheiratet war. Heutzutage werden Priester relativiert. Priester sind nicht mehr hochwürdige Personen und im Gefüge einer Dorfgemeinschaft gehören sie auch nicht mehr zu den klassisch wichtigsten Figuren in einem Dorf wie vor vielleicht noch 70 Jahren. Es gibt auch kaum noch Priester. Im luzernischen Dagmersellen beispielsweise gibt es bei Gottesdiensten oft keine Priester mehr, Kommunionfeiern werden oft von Theologinnen und Theologen gestaltet. Auch bei Beerdigungen sind kaum mehr Priester zugegen. Und dann hat der Beruf des Priesters natürlich auch unter den Folgen des Missbrauchs gelitten.
«Die Rekrutierungsprozesse im Rahmen dieser Präventionsmassnahmen sind aber sehr professionell ausgearbeitet und wollen vor allem Transparenz schaffen.»
Apropos: Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass beispielsweise solche neuen Eignungstests für künftige Priester zur Prävention gegen Missbrauch in der katholischen Kirche potentielle Kandidaten eher abschreckt und diese das Image des Priesterberufs beschädigt sehen? Schliesslich müssen andere Berufsgruppen wie in der Schule oder im Sportverein, wo es leider auch zu Missbrauchsfällen kommt, keinen derartigen seelischen Striptease durchführen, um angestellt werden zu können.
Ammann: Vielleicht können solche Prozesse ein Motiv sein, dass es weniger Priesteramtskandidaten gibt. Fakt ist, dass es immer weniger Vorbilder gibt für den Priesterberuf. Und solche Befragungen zeitigen wohl einen gewissen Stress für Priesteramtskandidaten. Die Rekrutierungsprozesse im Rahmen dieser Präventionsmassnahmen sind aber sehr professionell ausgearbeitet und wollen vor allem Transparenz schaffen. In einem Priesterseminar in Peru habe ich erfahren, wie alle Seminaristen sich gegenseitig über ihr Leben erzählt haben. Dabei kamen auch Fragen zur Sexualität auf den Tisch. Allerdings fanden diese Gespräche in einem abgeschirmten Vertrauensrahmen statt.
«Bedeutsam erscheint heute unter jungen Männern die Frage: Was ist Männlichkeit?»
Denken Sie, dass traditionelle Männerbilder in konservativen Kreisen auf junge Männer besonders faszinierend sein können in Zeiten von Genderideologie und «wokism»?
Ammann: Unter Umständen, ja. Es gibt verschiedene Gruppierungen, in denen junge Männer ihre Sozialisierung heutzutage erleben. In Fussballklubs, als Fans, in Musikgruppen oder Vereinen. Dann gibt es linke Gruppierungen, die sehr sichtbar sind, die sich um Themen wie Frauenstreiks, Gender und «wokism» kümmern. Bedeutsam erscheint heute unter jungen Männern die Frage: Was ist Männlichkeit? Was macht richtige Männer aus?
Und was macht richtige Männlichkeit aus?
Ammann: Es gibt dazu kein Küchenrezept. Insbesondere in den sozialen Medien wird eine toxische Männlichkeit verbreitet. Darunter figurieren klassische Werte wie Beruf, Karriere, Auto, ein perfekter Body, aber auch Frauen abwertende Ansichten. Internationale Politiker wie Trump und Putin verkörpern geradezu idealtypisch negative Auswüchse von falsch verstandener Männlichkeit, die auch in Gewalt münden. Eine gross angelegte Studie des Jacobs Center for Productive Youth Development der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit männer.ch zeigt, wie verbreitet restriktiv-dominante Vorstellungen von Männlichkeit sind.
«Die Gruppe der 18- bis 24-jährigen Männer erreicht die höchsten Werte bei Einstellungen, die einem restriktiv-dominanten Männlichkeitsbild zuzuordnen sind.»
Was zeigt diese Studie besonders?
Ammann: In einer repräsentativen Stichprobe von über 6000 Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren wurden schweizweit ihre Männlichkeits- und geschlechtsbezogenen Einstellungen und deren Zusammenhang mit Ansichten zu Familie, Partnerschaft, Sexualität und Gewalterfahrungen befragt. Es ist das erste Mal, dass solche Daten für die Schweiz vorliegen und wissenschaftlich ausgewertet werden. Grundsätzlich zeigt sich: Die Gruppe der 18- bis 24-jährigen Männer erreicht die höchsten Werte bei Einstellungen, die einem restriktiv-dominanten Männlichkeitsbild zuzuordnen sind, und die Hälfte von ihnen ist besorgt darüber, dass «richtige Männer immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.» Zentral für die Studie ist dabei die Bestimmung des sogenannten «Faktor M».
«Faktor M steht für eine Haltung, die «echte Männlichkeit» bedroht sieht».
«Faktor M»?
Ammann: Die Forschenden bezeichnen damit ein umfassendes Einstellungsmuster, das unterschiedliche restriktive Auffassungen von Männlichkeit und
Geschlechterbeziehungen bündelt. «Faktor M steht für eine Haltung, die «echte Männlichkeit» bedroht sieht, verbunden mit männlichen Überlegenheitsansprüchen, Gewaltbereitschaft, Frauenfeindlichkeit, der Verachtung sexueller Minderheiten und der Ablehnung von Gleichstellung». Insgesamt werden 20 Prozent der befragten Männer und 7 Prozent der Frauen zur Gruppe mit hohen Faktor M- Werten gezählt. Sie gelten als besonders anfällig für problematisches oder gewalttätiges Verhalten. In der Deutschschweiz ist der Faktor M stärker ausgeprägt als in der West- und italienischsprachigen Schweiz. In Agglomerations- und ländlichen Gemeinden tritt er häufiger auf als in Kernstädten. Bildung und Herkunft prägen den Faktor M. Und: Männer, deren Väter ausserhalb der Schweiz in patriarchalen Strukturen geboren wurden, haben höhere Faktor-M-Werte.
«Es ist wichtig, dass Männer in Beziehung zu sich selbst stehen, sich von Gott geliebt und akzeptiert fühlen und bereit sind, auf andere Menschen zuzugehen.»
Interessant. Zurück zur katholischen Kirche und zu den Männern in der katholischen Kirche. Welche Eigenschaften vereinigt denn – würden Sie sagen – der moderne katholische Mann idealtypischerweise in sich aus Ihrer Sicht?
Ammann: Katholisch und reformiert würde ich sagen. Es ist wichtig, dass Männer in Beziehung zu sich selbst stehen, sich von Gott geliebt und akzeptiert fühlen und bereit sind, auf andere Menschen zuzugehen. Wer glaubt, sein Leben allein fristen zu müssen, den frisst das System auf. Sie müssen Zeit finden für sich selbst und für Freunde und über ihre Berufsarbeit hinaus in ihrer Freizeit beispielsweise lesen, spazierengehen, entspannen. Das fördert auch die Selbstreflexion, wie Männer heute ihr Mannsein gestalten und Raum schaffen für neue Formen von Männlichkeiten.
*Daniel Ammann-Neider (Jahrgang 1961) ist katholischer Theologe, Co-Leiter der Fachgruppe «Männerarbeit in kirchlichen Kontexten» von männer.ch
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




