Der Mönch und sein Löwe
Der Einsiedler Benediktinermönch P. Damian Buck (1871 – 1940) hielt im Kloster Löwen. Er war aber weit mehr als ein exzentrischer Sammler, sondern ein Forscher und ein Pionier des Natur- und Landschaftsschutzes.
Dominik Landwehr
Im Fotoarchiv des Klosters Einsiedeln findet sich ein Foto eines Mönchs mit einem Löwen aus dem Jahr 1926. Beim weiteren Suchen stösst man sehr schnell auf eine stattliche Sammlung von Löwenbildern – Fotos, die man eigentlich in einem derartigen Archiv nicht erwarten würde.
Ein Löwe im Einsiedler Klostergarten
Das Rätsel ist schnell geklärt: Beim Mönch handelt es sich um Pater Damian Buck (1871 – 1940), ein engagierter Naturfreund und Lehrer in der Stiftschule Einsiedeln. Und der Löwe auf dem Bild ist nur eines von mehreren Tieren, die der Benediktinermönch im Klostergarten hielt. Das erste Tier erhielt er bereits 1926 vom Pater Fintan Schneider (1890-1970), der als Mönch in Tansania gearbeitet hatte.
Ein anderer Löwe kam auf einigermassen ungewöhnlichem Weg ins Kloster, wie in der Rubrik «Silvanusbrief» der Klosterzeitung St. Meinrads Raben nachzulesen ist: Pater Raphael Häne alias Silvanus berichtet von einem Gastspiel des Zirkus Sarrasani 1930 in Einsiedeln:
«Bekanntlich sind während der Ferien die Sarrasani-Indianer einmal gekommen. Pater Friedrich hat ihnen eine salbungsvolle englische Predigt deklamiert und sich nachher mit ihnen auf der Klostertreppe fotografieren lassen. Herr Sarrasani schickte zum Dank zwei Leuinnen, die natürlich der väterlichen Obhut von Pater Damian anheimfielen!»
In der Bilddatenbank findet sich auch das passende Bild dazu: Es zeigt eine Gruppe von Indianern mit Federschmuck auf der Treppe vor dem Kloster zusammen mit dem Abt Ignatius Staub OSB (1872–1947). Die Vorführung von Indianern – Indigene Völker aus den USA – war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auch in der Schweiz nicht ungewöhnlich. Es entsprach dem damaligen Zeitgeist und verschwand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Tierfreund und Zoologe
Es wäre naheliegend, die Löwengeschichte einfach als Kuriosität aus einem Kloster abzutun. Aber diese Qualifizierung greift zu kurz, denn der erwähnte Pater Damian war weit mehr als ein exzentrischer Tierfreund. Im Stiftsarchiv des Klosters Einsiedeln finden wir Hunderte von Dokumenten, die seine Tätigkeit dokumentieren.
Ein Nachruf aus dem Jahr 1940 enthält eine ausführliche Publikationsliste, angefangen mit seiner Dissertation unter dem Titel «Beiträge zur vergleichenden Anatomie des Durchflüftungssystems der Pflanzen» aus dem Jahr 1902. Zahlreiche Publikationen sind Themen der Mineralogie gewidmet, die Pferdezucht («Der Moderne Freiberger») nimmt weiten Raum ein, dann gibt es Lehrbücher zur menschlichen Anatomie und Physiologie aus seiner Feder und schliesslich Beiträge zum Thema Naturschutz.
Für Erhalt von Moorlandschaften
Immer wieder geht es um Tiere. Etwa um den Alpensteinbock oder den Bartgeier. Gerade der Naturschutz scheint dem Benediktiner wichtig gewesen zu sein. Er kämpfte, wenn nötig auch mit klaren Worten für die Erhaltung von naturbelassenen Flächen. Eine davon war der sogenannten «Frauenwinkel» auf der Halbinsel Hurden nahe der Insel Ufenau. Dort plante ein Unternehmer namens Kerschbaum Ende der 1920er Jahre des 20. Jahrhunderts eine kleine Fabrik. Am 7. September 1927 teilte Pater Damian ihm folgendes mit:
«Das Stift Einsiedeln besitzt verbriefte, unanfechtbare Rechte auf den sog. Frauenwinkel, deren Tragweite Ihnen vielleicht nicht ganz bekannt sein dürfte. Ferner wissen Sie vielleicht auch nicht, dass dieses Seegebiet samt der Insel Ufenau kantonales Schonrevier ist, und dass vom Standpunkt des Natur- und Heimatschutzes gegen Ihr geplantes Unternehmen notwendig
grösste Bedenken sich ergeben müssen.»
In der Fotosammlung des Klosters finden sich eindrückliche Bilder aus der Moorlandschaft bei Einsiedeln, die ebenfalls Pater Damian gemacht hat. Die SBB liessen das Moor 1932–1937 zur Energiegewinnung überfluten, so entstand der heutige Sihlsee. Die Erhaltung der Moorlandschaft war auch für den Mönch ein wichtiges Anliegen. Pater Damian hat jahrelang gegen das Projekt gekämpft und Artikel für die lokale Presse verfasst.
Ein Museum für die Klosterschule
Ein zentrales Lebensprojekt für ihn war der Aufbau des Naturalienkabinetts. Dabei handelt es sich um eine museal aufbereitete Sammlung von ausgestopften Tieren und Präparaten, die heute noch existiert. Sie wurden primär zu Lehrzwecken und gelten als Vorläufer der modernen, naturkundlichen Museen.
Die Stiftsschule Einsiedeln besass bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine solche Sammlung, berichtet P. Meinrad Hötzel, der das Stiftsarchiv betreut. Das Kabinett erfuhr aber durch die Arbeit von Pater Damian zwischen 1900 und 1940 wesentliche Ergänzungen. In den Unterlagen des Stiftsarchivs findet sich eine umfangreiche Korrespondenz von mehreren hundert Briefen und Mitteilungen. Demnach stand Pater Damian mit mindestens einem halben Dutzend Präparatoren in der Schweiz, Deutschland und der Tschechoslowakei in engem Kontakt, erteilte ihnen Aufträge oder beantwortete Offerten. Vögel spielten darin eine grosse Rolle.
Tiere als Klosterbewohner
Der Aufbau des Naturalienkabinetts dürfte einiges an Mitteln gekostet haben. Wer hat das Geld aufgebracht? «Der Aufbau des Naturalienkabinetts war nicht eine private Liebhaberei des Naturforschers, sondern ein Projekt des Klosters und der Schule», sagt dazu heute der Stiftsarchivar. Der Aufbau des Naturalienkabinetts ebenso wie die fotografische Dokumentation sei damals vom Abt Ignatius Staub unterstützt worden.
Pater Damian dürfte mit Abt Ignatius Staub ein enges Verhältnis gehabt haben. Eines der eindrücklichsten Dokumente aus dem Stiftsarchiv ist ein grossformatiges Fotoalbum, das Pater Damian im Jahr 1934 aus Anlass der Millenarsfeier des Klosters Einsiedeln mit rund 120 Fotos gestaltet und dem Abt gewidmet hat. Das Fotoalbum ist eine einzigartige Dokumentation des klösterlichen Lebens und enthält Porträts zahlreicher Mönche, Bilder von Pilgerfahrten, Bauprojekten des Klosters, der Pferdezucht und natürlich Fotos von Tieren, denen Pater Damian Namen gab: Der Wolf Risak (1907) an einer Hundeleine, der Adler Mars (1910) oder der Löwe Simba (1931) einmal lebend und einmal ausgestopft.
Freiraum für wissenschaftliche Forschung
Man mag über die Methoden der Tierhaltung der damaligen Zeit heute den Kopf schütteln, allerdings waren auch die zoologischen Gärten jener Zeit kaum weiter. Anders ist nicht zu erklären, dass Pater Damian mit dem Basler Zoo eine ausgedehnte und freundschaftliche Korrespondenz unterhielt.
Die Zeugnisse aus dem Kloster dokumentieren zweierlei: Das Kloster Einsiedeln bot zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Freiraum für wissenschaftliche Forschung an und ermöglichte einem begabten Mönch die Entfaltung seiner Talente. Ebenso wichtig ist aber die Erinnerungstradition des Klosters, die diese Erinnerungen nicht nur wachhält, sondern pflegt, auch wenn diese Aufgabe erhebliche Ressourcen beansprucht.
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