Seelsorger Christian Kelter zur WM: «Es gehört zum Wesen des Fussballs, dass er das Spiel der kleinen Leute ist»
Mexiko hat gestern im Eröffnungsspiel der Fussball-WM Südafrika mit 2:0 geschlagen. Die massenhafte Begeisterung der Fans im Aztekenstadion war riesig. Gleichzeitig gab es massenhafte Proteste von Menschen in Mexiko-City, die Angehörige durch Gewalt und Kriminalität verloren haben. Droht der Welt-Fussball seine Seele angesichts von Grosskommerz und Menschenrechtsverletzungen zu verlieren? Seelsorger Christian Kelter nimmt im Interview mit kath.ch Stellung.
Wolfgang Holz
Herr Kelter, die WM hat begonnen. Freuen Sie sich als bekennender Fussballfan auf die vielen Spiele der bislang grössten WM?
Christian Kelter*: Ich bin ein bisschen hin- und hergerissen. Grundsätzlich finde ich solche ein Turnier immer toll. Andererseits sind mir das diesmal zu viele Spiele. Ehrlich: Ich mag den Menschen in Curaçao von Herzen gönnen, dass ihre Mannschaft dabei ist. Andrerseits tendiert meine Interesse bei Spielen wie Uruguay gegen Kap Verde aber gegen Null.
Werden Sie als deutschstämmiger Seelsorger in Hünenberg sowohl für die Schweiz und für Deutschland fanen oder hat in Ihrer Fanseele nur ein Team Platz?
Kelter: Meine Devise ist: «Mein Herz ist zu klein für zwei Vereine.» Ich habe aber für mich einen guten helvetisch inspirierten Kompromiss gefunden. Im Fussball gehört mein Herz dem 1. FC Köln und national der deutschen Mannschaft. Im Eishockey dagegen schlägt es für den EV Zug und die Schweizer Nati.
Wer glauben Sie denn, wird Fussball-Weltmeister 2026?
Kelter: Vermutlich werden es die Franzosen, Spanier und Argentinien unter sich ausmachen. Aber ein Überraschungsteam fände ich auch schön. Granit Xhaka hat ja den Titel als Ziel ausgerufen. Also, hopp Schwiiz!
«Es gehört zum Wesen des Fussballs, dass er das Spiel der kleinen Leute ist.»
Im Vorfeld der WM werden wie bei der letzten WM in Katar wieder viele Stimmen laut, die über zu teure Ticketpreise, zu viele Spiele, zu wenig Nachhaltigkeit und noch viel mehr klagen. Wie sehen Sie das?
Kelter: Mir machen diese Entwicklung schon Sorgen, und sie führen auch dazu, dass meine Begeisterung längst nicht mehr so gross ist, wie früher. Es gehört zum Wesen des Fussballs, dass er das Spiel der kleinen Leute ist. Wenn die FIFA oder auch die UEFA den Gigantismus und Kommerz immer weiter übertreiben, bleibt vieles auf der Strecke, was den Fussball eigentlich ausmacht.
Droht der Weltfussball, seine Seele angesichts des globalen Kommerzes zu verlieren oder wird einfach immer wieder vergessen, dass der Profifussball eben längst ein grosses Geschäft geworden ist, das auch seine Schattenseiten zeitigt, und trotzdem, sportlich gesehen, Millionen von Menschen emotional fasziniert, weil Fussball eben Fussball ist und bleibt?
Kelter: Ich denke, es ist eine Frage der Balance. Fussballclubs sind Unternehmen. Da gibt es halt auch viele Verpflichtungen. Und deshalb muss auch Geld erwirtschaftet werden. Das alles sollte aber den Menschen dienen. Ich unterstütze deshalb gerne den lokalen Sport, etwa den FC Hünenberg. Hier geht es darum, Mädchen und Buben, Frauen und Männern ihren Lieblingssport zu ermöglichen. Das sollte das Ziel sein und bleiben.
«Wenn Fussballerinnen und Fussballer Gott bitten, dass sie ihren Job möglichst gut machen, ist das doch grossartig.»
Manche Kritiker beklagen, dass die Fussball-WM immer öfter an Gastgeber vergeben wird, die keine demokratisch-politischen Systeme haben: Russland 2018, Katar 2022, und 2034 Saudi-Arabien. Dabei waren die politischen Systeme 1970 bei der WM in Mexiko oder 1930 in Uruguay wahrscheinlich auch nicht viel demokratischer, und kaum jemand hat sich darüber aufgeregt. Wie sehen Sie das?
Kelter: Die Machtspiele, die US-Behörden etwa mit der Vergabe von Einreisevisen treiben, sind schon ätzend. Andererseits haben wahrscheinlich schon in der Antike die Mächtigen den Sport für ihre Zwecke gebraucht und missbraucht. Das ist keine Rechtfertigung aber wohl eine Erklärung. Ich finde es gut und wichtig, dass wir in dieser Hinsicht heute sensibler und kritischer hinschauen.
Für viele Fans ist Fussball wie eine Religion. Und viele Fussballer beten vor oder während des Spiels auf dem Platz und bekreuzigen sich nach Toren. Alles nur Show – oder wie religiös ist und kann Fussball sein?
Kelter: Ein Beruf ist immer auch ein Dienst an der Welt. Ich bitte Gott jeden Morgen um Kraft und Geist, damit ich meinen Job so gut wie möglich mache. Und wenn Fussballerinnen und Fussballer Gott bitten, dass sie ihren Job möglichst gut machen, ist das doch grossartig.
«Das wünsche ich mir bei uns in der Kirche ja auch immer: Dass wir aufhören, auf Ergebnishalten zu spielen. Bloss nicht verlieren, ist keine plausible Taktik, etwas zu gewinnen.»
Letzte Frage: Was ist Ihrer Meinung nach als leidenschaftlicher früherer Amateurfussballer und immer noch «Effzeh»-Fan das Besondere am Fussball, was den Sport weltweit so beliebt macht?
Kelter: Ich lerne vom Fussball nach wie vor viel. Dass es ohne Leidenschaft nicht geht im Leben. Und dass man nur als Team etwas erreicht. Das fasziniert und motiviert mich. Fussball ist dabei zugleich auch immer Ergebnissport. Ich mag den Spruch von Alfred Preissler, einem ehemaligen Spieler von Borussia Dortmund. Der sagte in wunderbarem Ruhrpott-Slang: «Grau is’ im Leben alle Theorie – aber entscheidend is’ auf’m Platz.» Das wünsche ich mir bei uns in der Kirche ja auch immer: Dass wir aufhören, auf Ergebnishalten zu spielen. Bloss nicht verlieren, ist keine plausible Taktik, etwas zu gewinnen. Wenn ich aber andersherum offensiv agiere, entfache ich Begeisterung und reisse ich Menschen mit. Dann muss ich mir, selbst wenn ich mal ein Gegentor kassiere, nichts vorwerfen.
*Christian Kelter stammt aus dem deutschen Ahrtal und ist Leiter des Pastoralraums Zug Lorze und Pfarreileiter in Hünenberg ZG.
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