Jan-Andrea Bernhard, "Clom"-Mitschöpfer
Schweiz

«Clom» – Theologische und kulturelle Perspektiven des neuen ökumenischen Gesangbuchs

An Pfingsten ist in den Kirchen der Sur- und Sutselva erstmals das neue Gesangbuch clom in den Festgottesdiensten vorgestellt worden: Ein theologisches, kirchenkulturelles und sprachpolitisches Ereignis. Was mit dem Gesangbuch Gestalt angenommen hat, ist der hörbare Ausdruck gelebter Ökumene – ein Ruf (romanisch: clom), der die Gemeinden über konfessionelle Grenzen hinweg verbindet.

Sabine-Claudia Nold

Noch vor wenigen Jahren wäre ein gemeinsames Gesangbuch für reformierte und katholische Gemeinden kaum vorstellbar gewesen. Zu unterschiedlich schienen liturgische Traditionen, Frömmigkeitsstile und musikalische Prägungen. Dass «Clom« dennoch Wirklichkeit wurde, ist nicht zuletzt dem beharrlichen Engagement von Jan-Andrea Bernhard und Andri Casanova zu verdanken.

Bedarf nach einem neuen Gesangbuch

In den vergangenen Jahren stieg der Bedarf nach einem neuen Gesangbuch für beide Konfessionen. Die bestehenden Gesangbücher – Canzuns choralas (1965, reformiert) und Alleluja (1982, katholisch) – spiegelten weder die sprachliche Entwicklung noch die gegenwärtige geistliche Sensibilität wider.

Nach ersten, voneinander unabhängigen Schritten, stellte der katholische Theologe Andri Casanova (Vrin) im März 2018 eine Anfrage nach einer ökumenischen Zusammenarbeit an den reformierten Pfarrer Jan-Andrea Bernhard in Ilanz. Nach einem Jahr intensiver Prüfung war rasch klar: Das Projekt ökumenisches Gesangbuch soll umgesetzt werden.

Theologisch motivierter Schritt

Dieser Schritt war nicht nur pragmatisch, sondern auch theologisch motiviert. Denn das gemeinsame Singen gehört zu den ursprünglichsten Ausdrucksformen kirchlicher Einheit. Schon die Alte Kirche verstand den Gesang als Ort der communio, in dem die Vielfalt der Stimmen zur Einheit im Lob Gottes findet. Clom steht somit in einer langen Tradition – und führt sie zugleich weiter.

Zwischen Tradition und Gegenwart

Die Ausgangslage war anspruchsvoll: Die vorhandenen Gesangbücher – katholisch etwa 45 Jahre alt, reformiert gar 60 Jahre alt – enthielten zwar musikalisch wertvolles Liedgut, doch die Texte waren teilweise von einer Frömmigkeit geprägt, die heutigen Menschen fremd geworden ist.

Pfarrer Jan-Andrea Bernhard, Titularprofessor an der Universität Zürich
Pfarrer Jan-Andrea Bernhard, Titularprofessor an der Universität Zürich

«Diese Tradition ist keineswegs abzuwerten – doch Sprache lebt, und mit ihr verändert sich auch die Weise, wie der Glaube ausgedrückt wird.»

Besonders deutlich zeigte sich dies in einer «neu-pietistischen» Sprache, die stark auf individuelle Frömmigkeit und göttliche Hilfe fokussierte. «Diese Tradition ist keineswegs abzuwerten – doch Sprache lebt, und mit ihr verändert sich auch die Weise, wie der Glaube ausgedrückt wird», so Pfarrer Jan-Andrea Bernhard, Titularprofessor an der Universität Zürich.

Integrativer Ansatz

Die Projektverantwortlichen entschieden sich daher bewusst gegen eine blosse Revision. Stattdessen wählten sie einen integrativen Ansatz – zum einen zur Bewahrung des traditionellen, vertrauten Liedguts. Darüberhinaus sollte eine behutsame sprachliche Überarbeitung zentraler Texte gewährleistet sein ebenso wie eine Ergänzung durch moderne Lieder sowie eine gezielte Integration von Texten von Frauen – auch aus älteren Epochen.

Gerade letzteres ist bemerkenswert: In der Geschichte des Kirchengesangs waren Frauen oft unterrepräsentiert. «Clom» setzt hier ein bewusstes Zeichen, indem es ihre Stimmen sichtbar und hörbar macht. Gerade das erste Lied entstammt der Feder zweier Frauen: der Text stammt von Flurina Cavegn-Tomaschett, die Melodie von Daniela Candrian.

Die romanische Dimension

Ein besonderes Gewicht kommt der romanischen Sprache zu. Das Gesangbuch ist nicht nur liturgisches Instrument, sondern auch kulturelles Gedächtnis. Es bewahrt traditionelle romanische Lieder und schafft zugleich Raum für neue Kompositionen.

Andri Casanova, Mitschöpfer von "Clom"
Andri Casanova, Mitschöpfer von "Clom"

Dabei wurden alle Texte sorgfältig linguistisch geprüft und – wo nötig – harmonisiert, da von einem Lied oft mehrere Fassungen mit feinen, aber bedeutungsvollen Unterschieden existierten. Die Unterschiede wurden nicht einfach vereinheitlicht, sondern theologisch reflektiert und sprachlich präzisiert.

Die Einbeziehung des Sutsilvan war ein bewusstes Anliegen. Damit trägt «Clom» zur innerromanischen Verständigung bei und stärkt die sprachliche Vielfalt innerhalb der Region.

Ein langer Weg bis zur Vollendung

Was zunächst als Projekt von drei bis vier Jahren gedacht war, entwickelte sich zu einem achtjährigen Prozess. «Diese Dauer ist kein Zeichen von Verzögerung, sondern Ausdruck der Sorgfalt», betonen Casanova und Bernhard.

Rund 40 Fachpersonen waren beteiligt: Theologen, Musiker, Historiker, Linguisten, Organisten und Seelsorgende. Jedes der rund 600 Lieder durchlief mehrere Prüfphasen. Dazu zählten die Auswahl und theologische Bewertung, die musikalische Bearbeitung und Neusatz, eine sprachliche Überarbeitung, die Abklärung aller Rechte, sowie mehrfache Korrekturgänge.

Besonders aufwendig war die musikalische Seite. Für einige Lieder wurden neue Melodien komponiert oder bestehende überarbeitet und für viele Lieder wurden neue Begleitsätze geschrieben. Auch die Entscheidung, mehrstimmige Sätze konsequent beizubehalten oder neu zu schaffen, zeigt den hohen Anspruch: «Clom» ist nicht nur ein Gemeindegesangbuch, sondern auch ein Buch für musikalische Qualität.

Theologische Tiefenschärfe

Ein Gesangbuch ist immer auch ein theologisches Dokument. Es vermittelt Glaubensinhalte nicht in systematischer Form, sondern im Vollzug – im Singen. Die Arbeit an «Clom» war daher von intensiven theologischen Diskussionen geprägt. Besonders deutlich wurde dies in Fragen nach der liturgischen und thematischen Bedeutung einzelner Lieder oder nach dem vermittelten Gottesbild.

Zugleich wollten die Herausgeber die konfessionellen Eigenheiten berücksichtigen, ohne die Einheit des Gesangbuches zu verlieren. Gemeinsamkeiten stehen deshalb im Vordergrund, Unterschiede werden jedoch nicht nivelliert, sondern bewusst integriert. So finden sich auch konfessionell geprägte Lieder im Buch.

Ein eindrückliches Beispiel ist das Lied «Grosser Gott, wir loben dich», das in beiden konfessionellen Fassungen beibehalten wurde – ein klares Zeichen dafür, dass Einheit nicht Gleichförmigkeit bedeutet.

Liturgie und Struktur

Die Gliederung des Gesangbuchs folgt einer klaren theologischen Ordnung: Lob Gottes, Tageszeiten, Sonntag, Kirchenjahr, Leben, Reich Gottes. Damit wird deutlich, dass «Clom» sich nicht nur als Liedsammlung versteht, sondern als Begleiter durch das ganze Leben und den gesamten liturgischen Jahreskreis. Auch die Integration der Liturgien beider Konfessionen ermöglicht es, Gottesdienste bewusst zu gestalten und die jeweils andere Tradition kennenzulernen.

Musik als geistliche Praxis

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Unterstützung der Organistinnen und Organisten. Ihnen kommt im kirchlichen Gesang eine Schlüsselrolle zu. Begleitend zum Gesangbuch wurden zwei Bände für Organisten erarbeitet. Hierfür war der Organist Claudio Simonet massgeblich verantwortlich, der viele Begleitsätze neu geschaffen hat. Neu hat jedes Lied eine Intonation, bei festlichen Gesängen auch ein Nachspiel. Dies erleichtert nicht nur den musikalischen Dienst, sondern stellt auch eine Bereicherung dar.

Der Name als Programm

Der Name «Clom» wurde von einer reinen Frauengruppe festgelegt und ist nicht nur Name, sondern auch theologisches Programm. «Clom» – das romanische Wort für «Ruf» – meint den Ruf der Gemeinde im Gebet, den Ruf Gottes an die Menschen, aber auch den Ruf zur Einheit und den Ruf in die Zukunft. Gerade im Kontext zu Pfingsten erhält dieser Begriff eine besondere Tiefe. Ist doch Pfingsten das Fest des Geistes, der Menschen unterschiedlicher Sprachen verbindet – ein Motiv, das sich im mehrsprachigen Charakter des Gesangbuchs widerspiegelt.

Die Trägerschaften – das katholische Dekanat Sursilvan und die reformierte Fundaziun Anton Cadonau – haben bewusst in ein Werk investiert, das die nächsten Jahrzehnte prägen soll. Dabei geht es nicht nur um Liturgie, sondern auch um Identität: kirchliche Identität im ökumenischen Miteinander, kulturelle Identität in der romanischen Sprache und geistliche Identität im gemeinsamen Singen.

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Wenn an Pfingsten die ersten Töne aus «Clom» erklungen sind, dann war dies mehr als ein musikalischer Moment. Es ist ein Zeichen, dass Einheit möglich ist, ohne Vielfalt zu verlieren und dass Tradition lebendig bleibt, wenn sie sich erneuert. In einer Zeit, in der kirchliche Bindungen schwächer werden, lädt «Clom» zum gemeinsamen Singen und damit zur gemeinsamen Erfahrung von Glauben ein.


Jan-Andrea Bernhard, «Clom»-Mitschöpfer | © zVg
31. Mai 2026 | 09:00
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