Zwischen Western-Mythos, Religion und weiblicher Selbstermächtigung
In der Paulus Akademie wurden im Rahmen einer interdisziplinären Tagung Fragen nach Religion, Gender und Gewalt im Western-Mythos diskutiert. Anhand verschiedener Filme wurde untersucht, welche neuen Formen von Gemeinschaft und Ethik daraus hervorgehen.
Sarah Stutte
Unter dem Titel «Ich, Du und dazwischen das Gelobte Land – Religion, Gender und Western» versammelte sich vor kurzem eine internationale Fachgemeinschaft in der Paulus Akademie, um ein Filmgenre neu zu befragen, das lange als Inbegriff klassischer Männlichkeitsnarrative galt.
Western als kultureller Resonanzraum
Die Tagung, organisiert von der Internationalen Forschungsgruppe Film und Theologie in Zusammenarbeit mit der Paulus Akademie, nahm den Western als kulturellen Resonanzraum in den Blick und untersuchte, wie sich darin religiöse Motive, Geschlechterordnungen und Vorstellungen von Identität verschränken. Die Filme wurden jeweils gemeinsam gesichtet und anschliessend in Referaten sowie im Plenum intensiv diskutiert.
Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass klassische Western klare moralische und religiöse Ordnungen inszenieren: Schuld und Sühne, Gerechtigkeit und Erlösung, meist verkörpert durch männliche Heldenfiguren. Zeitgenössische Filme wie «True Grit» (2010), «Strange Way of Life» (2023), «Western» (2017) oder «Women Talking» (2022) zeigen hingegen eine zunehmende Irritation dieser Ordnung. Sie verschieben Perspektiven und öffnen Räume für Ambivalenz und Diversität.
Gehen oder bleiben
Gerade Letzterer stand zu Beginn der Tagung im Zentrum. Der Film zeigt Frauen einer isolierten Mennonitengemeinde in Bolivien, die von ihren Männern und Brüdern jahrelang heimlich missbraucht werden. Nachdem die Täter vorübergehend entfernt wurden, müssen die Frauen entscheiden, ob sie bleiben und vergeben, kämpfen oder die Gemeinschaft verlassen.
Der Theologe Charles Martig zeigte, dass der Film einen eigenständigen Kommunikationsraum eröffnet: Acht Frauen versammeln sich in einer Scheune, um über Gewalt, Schuld und Zukunft zu beraten. In dieser bewusst schlicht gehaltenen Inszenierung entsteht ein Raum, der – angelehnt an Überlegungen des deutschen Philosophen Jürgen Habermas – als Versuch eines herrschaftsfreien Diskurses gelesen werden kann. Trotz fehlender formaler Bildung entwickeln die Frauen eine bemerkenswerte Fähigkeit zur ethischen und theologischen Reflexion.
Gespräch steht im Zentrum
Daria Pezzoli-Olgiati, Religions- und Medienwissenschaftlerin mit Schwerpunkt auf visueller Kultur, erweiterte diese Perspektive, indem sie Gender als «wanderndes Konzept» beschrieb, das historisch eng mit religiösen Ordnungen verbunden ist. Religion erscheine im Film ambivalent: Sie legitimiere Gewalt, werde hier jedoch zugleich zur Ressource für Widerstand, Sinnbildung und Selbstermächtigung. Sprache, Erzählen und Zuhören werden dabei zu zentralen Praktiken, durch die die Frauen ihre Situation deuten und sich als handelnde Subjekte neu entwerfen.
Die Religions-, Film- und Kulturwissenschaftlerin Marie-Therese Mäder las den Film als bewusste Umkehrung des Western-Mythos. Während klassische Western Expansion, Eroberung und männliche Gewalt inszenieren, werde hier ein kollektiver, reflexiver Raum sichtbar, in dem Gemeinschaft neu verhandelt wird. Nicht das Duell, sondern das Gespräch steht im Zentrum. Damit verschieben sich grundlegende Logiken von Macht, Geschlecht und Zeitlichkeit.
Christliche Bildtraditionen
Natalie Fritz, die im Bereich Theologie und Ethik mit Schwerpunkt auf sozialen und kulturellen Praxisformen arbeitet, hob insbesondere die Dimension von Care hervor. Die Frauen entwickeln eine Ethik der Fürsorge, die sich in Zuhören, gegenseitigem Trösten und körperlicher wie emotionaler Unterstützung zeigt. Diese Praktiken sind nicht bloss emotional, sondern konstitutiv für eine neue soziale und moralische Ordnung.
Auch auf der ästhetischen Ebene wird Religion sichtbar: visuelle Anspielungen auf christliche Bildtraditionen, etwa das «Ecce Homo»-Motiv («Siehe, der Mensch»), mit dem im Johannesevangelium der gegeisselte und verhöhnte Christus dem Volk vorgeführt wird, verbinden das Leiden der Frauen mit der Figur des leidenden Christus. Martig sprach in diesem Zusammenhang von «weiblichen Christussen» – eine Deutung, die Körper, Gewalt und Erlösungsdenken neu einordnet.
Neue Gemeinschaftsformen möglich?
In der anschliessenden Plenumsdiskussion wurden diese Perspektiven weitergeführt und kritisch befragt. Diskutiert wurde insbesondere die Rolle der männlichen und queeren Figuren, die als Übergangsfiguren zwischen Geschlechtern, Rollen und Zukunftsentwürfen gelesen wurden. Während einige Beiträge sie als Ermöglichungsfiguren einer neuen Gemeinschaft deuteten, wurde zugleich auf ihre eigene Prekarität und Verletzlichkeit hingewiesen.
Weitere Beiträge betonten, dass der Film keine einfache Utopie entwirft, sondern ein Spannungsfeld zwischen Gewalt, Erziehung, Verantwortung und Zukunft offenlegt. Besonders die Frage nach intergenerationellen Beziehungen und der möglichen Transformation von Männlichkeit wurde intensiv diskutiert. Ebenso wurde gefragt, ob der Film eine neue Form von Gemeinschaft denkt, die über binäre Geschlechterlogiken hinausgeht, ohne die Spuren von Gewalt zu tilgen.
Weit mehr ist als ein historisches Genre
Insgesamt zeigte die Tagung, dass der Western weit mehr ist als ein historisches Genre. Er erweist sich als Resonanzraum für gegenwärtige Fragen nach Religion, Gender und Gewalt. Die Diskussionen machten deutlich, dass filmische Erzählungen nicht nur bestehende Ordnungen reflektieren, sondern auch aktuelle Problematiken sichtbar machen – etwa den Einbezug von Frauen in kirchliche Entscheidungsräume oder den Umgang mit der Missbrauchsgeschichte. Der Western wird so zum überraschenden Spiegel: Er zeigt, wie Machtverhältnisse erzählt werden – und wie sie sich verändern lassen.
Zb verlinken mit: https://www.kath.ch/newsd/pastor-zum-oscar-gewinner-women-talking-der-film-hat-mich-erschuettert/
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