Hildegard Aepli: «Die krasse Lebensform von Wiborada gibt Impulse für heute»
Lange Zeit blieb die St. Galler Stadtheilige Wiborada vergessen. Die Theologin Hildegard Aepli hat sie aus der Versenkung geholt. Warum und welche Hürden es zu überwinden gab, erzählt sie im Podcast «Laut + Leis».
Sandra Leis
Im Juli 2024 titelte das «St. Galler Tagblatt»: «Der letzte Versuch für ein Jubiläum». Für das Wiborada-Jubiläum 2026 war noch nichts geplant. Das ist erstaunlich, denn ohne Wiborada gäbe es die Stadt St. Gallen wahrscheinlich nicht mehr.
Im Jahr 925 hatte die Inklusin eine Vision und sah den Überfall der Ungarn voraus. Sie warnte den damaligen Abt, und so konnten Menschen, die St. Galler Klosterbibliothek und der Kirchenschatz gerettet werden. Wiborada selber wurde erschlagen, denn sie wollte die Zelle, in der sie zehn Jahre lang freiwillig eingemauert war, nicht verlassen.
Nach der Reformation vergessen
«Bis zur Reformation war das Grab der heiligen Wiborada in der Kirche St. Mangen ein gern besuchter Wallfahrtsort», sagt Hildegard Aepli. «Doch danach war Schluss, die Reformatoren haben die Heiligen-Verehrung streng unterbunden.»
Wiborada geriet in Vergessenheit. «Das ist typisch für Frauenbiografien. Nicht nur in der römisch-katholischen Kirche, sondern überhaupt in patriarchalen Gesellschaften», so Aepli. Man habe Wiboradas Geschichte als wichtiges Zeitdokument schlicht nicht beachtet.
Das wollte Aepli ändern: Vor sieben Jahren entwickelte sie erste Ideen, nahm Kontakt auf mit der Kirchgemeinde St. Gallen Zentrum, zu der die heute reformierte Kirche St. Mangen gehört, und stiess auf offene Ohren: «Die Zeit ist reif für Wiborada.» Ein 8-köpfiges ökumenisches Team, das bis heute existiert, entwickelte das Wiborada-Projekt 2021–2026.
Idee löste auch Kopfschütteln aus
Der Kerngedanke: Die Zelle der Wiborada direkt an der Kirche St. Mangen wird nachgebaut, und jedes Jahr lassen sich fünf Personen für je eine Woche in die Zelle mit zwei Fenstern einschliessen. Das eine Fenster geht in die Kirche hinein, das andere bietet die Möglichkeit für Gespräche mit Menschen, die vorbeikommen.
Diese Idee löste auch Kopfschütteln aus: Während der Corona-Zeit waren die Menschen unfreiwillig eingesperrt – weshalb sollte man das nun freiwillig tun? Oder: Eine Frau, die sich einmauern lässt, wirkt abschreckend.
Solche Einwände kann Hildegard Aepli ein Stück weit nachvollziehen: «Wiboradas krasse Lebensform ist für uns nicht nachvollziehbar. Doch wir können uns ihr annähern, und sie gibt uns wichtige Impulse für heute.»
Vorbild für Kontemplation und Aktion
Das bestätigt auch Walter Wagner, der letzte Woche für zwei Tage in der Wiborada-Zelle sass (im Jubiläumsjahr ist jeden Tag jemand in der Zelle): «Für mich ist Wiborada ein Vorbild für Kontemplation und Aktion.» Es gehe darum, die richtige Balance zu finden. «Ich brauche die Zeit der Stille und der Meditation, um meine Mitte zu finden, damit ich auch wieder nach aussen wirken kann.»
Konkret heisst das für sein Engagement in der Zelle: «Ich bin offen für Menschen, die mit persönlichen Problemen kommen oder Fragen haben zum Jubiläumsjahr. Ich möchte da sein und Zeit mit den Menschen verbringen.»
Bischof Beats anfängliche Skepsis
Während der Fastenzeit verbrachte auch Bischof Beat Grögli einen Tag in der Wiborada-Zelle. «Er steht nach anfänglicher Skepsis voll und ganz hinter dem Projekt. Bischof Beat ist ein Bekehrter», sagt Hildegard Aepli.
Was ihn zu Beginn irritiert hat, formuliert Bischof Beat so: «Mir schien das Einschliessen von Personen für eine Woche in der Wiborada-Zelle zu inszeniert. Mich störte auch, dass da von einem Da-Sein die Rede war, als ob das etwas Neues wäre und es das in der Seelsorge sonst nicht gäbe.»
Er habe seine Meinung gründlich geändert – «durch viele Gespräche und auch durch die persönliche Erfahrung in der Zelle».
Das Jubiläumsprogramm steht
Dass es mit dem Jubiläumsprogramm doch noch geklappt hat, ist insbesondere dem St. Galler Stadtrat Matthias Gabathuler zu verdanken. «Für ihn war klar, dass Wiborada gewürdigt werden muss», so Aepli.
Er habe eine Sitzung mit der Stadtpräsidentin Maria Pappa organisiert, und schliesslich seien Gelder für das Jubiläum gesprochen worden. «Im letzten Moment ist es doch noch gelungen, einen Verein zu gründen und ein Jubiläumsprogramm auf die Beine zu stellen.»
Dem ökumenischen Kernteam sei es ein grosses Anliegen gewesen, Wiborada aus dem kirchlichen Kreis herauszuholen: «Wiborada ist relevant für uns als Gesellschaft. Sie ist Teil des Weltkulturerbes hier vor Ort.»
Am 2. Mai jährt sich der Todestag von Wiborada zum 1100. Mal. Vier Inklusinnen und ein Inkluse lassen sich für je eine Woche einschliessen, und im Juni verbringt selbst die Stadtpräsidentin einen Tag in der Wiborada-Zelle.
Weitere Informationen:
zum Wiborada-Jubiläum und zum Wiborada-Projekt 2021–2026
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