Theresa Theis
Schweiz

Theresa Theis: «Charisma wird gesehen, solange es das System stützt»

Charismenorientierung gilt als Leitbild kirchlicher Erneuerung. Doch in der Praxis bleibt sie oft wirkungslos. Will eine Transformation gelingen, braucht es einen «kontrollierten Kontrollverlust» – und die Verschiebung von Macht und Verantwortung, sagt die Theologin Theresa Theis.

Jacqueline Straub

Wird Charisma heute schon genügend in der Kirche gesehen und genutzt?

Theresa Theis*: Charismenorientierung wird in kirchlichen Grundlagentexten und Strategiepapieren zwar als Leitbild angeführt, bleibt strukturell aber überwiegend folgenlos.

Woran liegt das?

Theis: Das Hauptproblem liegt meiner Meinung nach in einer funktionalen Vereinnahmung: Charismen werden meist nur dort gesucht, wo sie Lücken im bestehenden System füllen können – etwa als ehrenamtliche «Lückenbüsser» für vordefinierte Aufgaben. In der aktuellen Praxis wird Charismenorientierung oft zur Überlebensstrategie für veraltete Strukturen und bleibt deshalb oft folgenlos, weil bestehende Hierarchien nicht angetastet werden. Doch: Solange die Letztentscheidung beim Amt bleibt, wirkt die Rede von Charismen wie eine blosse symbolische Einbindung, die keine strukturelle Kraft entfaltet. Charisma wird heute also gesehen, wenn es das Bestehende stützt, aber oft ignoriert, wenn es echte Transformationen einfordert.

«Ohne diese strukturelle Öffnung bleibt die Rede von Charismen ein wirkungsloses Schlagwort.»

Was benötigt ein wirkliche Transformation?

Theis: Wirkliche Transformation braucht den «kontrollierten Kontrollverlust»: Ein Modell, in dem Kompetenz konsequent vor Hierarchie geht. Erst wenn die externe Lösungsenergie der Menschen tatsächlich Zugriff auf strategische Pläne und Budgets erhält, bricht die Kirche ihre Selbstbezüglichkeit auf. Ohne diese strukturelle Öffnung bleibt die Rede von Charismen ein wirkungsloses Schlagwort.

Welche strukturellen Veränderungen wären notwendig, damit Charismenorientierung mehr ist als ein pastorales Schlagwort?

Theis: Entscheidend ist eine Abkehr von der Kopplung von Amt und Entscheidungsmacht. Eine echte Charismenorientierung setzt voraus, dass Macht dort konzentriert wird, wo die entsprechende Kompetenz – das Charisma – liegt. Das erfordert den Aufbau von agilen Projektstrukturen, in denen Teams temporär und themenbezogen Leitungsverantwortung übernehmen. Charismen werden so als «externe Lösungsenergie» begreifbar, die nicht nur innerhalb der Kirche gesucht, sondern aktiv aus der Lebenswelt der Gläubigen «importiert» werden. Zugleich braucht es eine radikale Reform der Ressourcenverwaltung mit partizipativen Budgetmodellen, die echte Eigenverantwortung ermöglichen – sowie eine Experimentierkultur, die Fehler als notwendige Lernschritte versteht.

Philippa Rath: «Die Menschen suchen nach Hoffnungszeichen.»
Philippa Rath: «Die Menschen suchen nach Hoffnungszeichen.»

Sie plädieren für ein stärkeres Innovationsmanagement in der Kirche. Was fehlt aktuell konkret an Kompetenzen oder Strukturen?

Theis: Kirchliche Innovation scheitert oft an einer Selbstbezüglichkeit, die Impulse von aussen ignoriert. Echte Transformation begreift die Kirche als offenes, lernendes System. Im Zentrum steht Ko-Kreation: Charismen werden als «inspirierte Kompetenzen» ernst genommen, um Lösungen direkt aus und mit der Lebenswelt der Menschen zu entwickeln. Indem die Grenze zwischen Anbieter und Nutzerinnen verschwimmt, wird Kirche zu einer gemeinsamen Gestaltungskraft.

Sie betonen in Ihrer Publikation «Charisma als externer Lösungsenergie» die Bedeutung von Partizipation. Wie verändert sich Kirche, wenn Gläubige tatsächlich stärker an Entscheidungsprozessen beteiligt werden?

Theis: Der Handlungsschwerpunkt der Kirche verschiebt sich: Die Gläubigen sind nicht länger passive Empfänger geistlicher Dienstleistungen, sondern eigenverantwortliche Akteurinnen, die die Organisation von innen heraus mitgestalten. Entscheidungsmacht wird konsequent dezentralisiert und dorthin verlagert, wo das christliche Leben in seiner konkreten Lebenswelt stattfindet. Diese Öffnung ermöglicht erst den entscheidenden Zufluss von externer Lösungsenergie. Partizipation wird so zum Kanal für einen Kompetenztransfer aus der Berufs- und Lebenswelt der Menschen. Fachwissen – etwa aus den Bereichen Strategieentwicklung, digitale Transformation oder Moderation – fliesst direkt in die Steuerung kirchlicher Prozesse ein – und ermöglicht es, Probleme deutlich effizienter zu lösen.

«Als erstes raus aus der eigenen Blase zu gehen.»

Welche Rolle spielen «unzufriedene» Kirchenmitglieder oder Aussenstehende für Innovationsprozesse in der Kirche?

Theis: Sie sind unverzichtbare Sensoren für die Wirklichkeit und verhindern, dass die Organisation nur um sich selbst kreist. Unzufriedene könnte so für die Kirche als Frühwarnsystem fungieren, deren Kritik jene Bruchstellen markiert, an denen das kirchliche Handeln den Kontakt zur Lebenswelt verloren hat. Wenn Kirche lernt, diese externe Lösungsenergie gezielt in ko-kreative Prozesse einzubinden, wandelt sich Kritik in konstruktive Gestaltungskraft.

Was wären erste konkrete Schritte für eine Pfarrei oder Diözese, die Ihre Ansätze praktisch umsetzen möchte?

Theis: Als erstes raus aus der eigenen Blase zu gehen und einen «Aussen-Check» machen: Wer fehlt an unseren Tischen und wessen Kritik überhören wir? Diese oft unbequeme Sicht von aussen ist oftmals ein wichtiger Wachmacher und Impulsgeber. Innovation beginnt dort, wo wir die Aussenperspektive nicht länger ausblenden, sondern als notwendigen Korrektiv für unsere eigene Relevanz begreifen.

Weltsynode im Vatikan: Papst Franziskus und Synodeteilnehmende bei Beratungen, 14. Oktober 2024.
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Und zweitens?

Theis: Machen statt nur Besprechen. Weg von starren Gremien, hin zu flexiblen Teams, in denen fachliche Kompetenz (etwa aus der IT oder Marketing) mehr zählen als die formale Kirchenbindung. Damit die Einbindung von Fachpersonen keine blosse Formsache bleibt, brauchen sie eigenes Budget und echte Entscheidungsfreiheit. Und drittens: Vom Bestimmen zum Ermöglichen. Leitung muss den Übergang von der hierarchischen Steuerung zur strategischen Moderation vollziehen. Es geht darum, geschützte Experimentierräume zu schaffen und Ressourcen so bereitzustellen, dass Innovation nicht an Bürokratie scheitert.

Mit Blick auf den synodalen Prozess der Weltkirche: Sind wir genügend schnell unterwegs?

Theis: Der synodale Prozess ist ein «globales Lernprojekt», das Zeit braucht. Die Phase des Zuhörens hat eine neue Offenheit geschaffen, doch nun geht es um Umsetzung. Für lokale Kirchen in akuten Relevanzkrisen, die nach Experimentierräumen suchen, wird das zum Innovationshindernis, da notwendige Reformen in zahlreichen Rückkoppelungsschleifen zu verpuffen drohen.

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Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen wirkt auf diese Weise wie eine Blockade für die externe Lösungsenergie.

Theis: Ja. Die Weltkirche müsste daher den Mut zur Subsidiarität aufbringen und unterschiedliche Geschwindigkeiten zulassen. Nur wenn lokale Aufbrüche die Freiheit erhalten, Strukturen eigenständig zu etablieren und anzupassen, bleibt die Kirche vor Ort anschlussfähig und verliert nicht ihre wertvollste Ressource – die Gestaltungskraft ihrer Mitglieder.

* Dr. Theresa Theis ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. Ihre Dissertation «Charisma als externe Lösungsenergie. Das Open-Innovation-Paradigma in einer charismenorientierten Pastoral» ist im Echter Verlag erschienen.


Theresa Theis | © KHSB/Bolliot
19. April 2026 | 12:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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