Niklaus Brantschen: «Ich bin mit Freude ein alter Mensch»
Der Jesuit und Zen-Meister Niklaus Brantschen ist, was die Wissenschaft einen Super Ager nennt. Der 88-Jährige ist bis heute überaus aktiv. Er spricht übers Altwerden und erzählt, was die Schliessung des Lassalle-Hauses – das ist sein Lebenswerk – mit ihm gemacht hat.
Weitere Themen:
- Das Altwerden verläuft in Etappen. Inwiefern ist 85 eine Schwelle?
- Welches sind Brantschens wichtigste Tipps für ein gutes Alter?
- Stille ist sein Lebenselixier. Seit 1. Juli 2025 stehen im Lassalle-Haus 79 Gästezimmer leer. Gibt es auch ein Zuviel an Stille?
- Mit dem Begriff «Lebenswerk» ist Brantschen vorsichtig. Warum?
- Das Lassalle-Haus stand für gelebten interreligiösen Dialog. Was war der Kern dieses Austausches?
- «Zu sagen, ich bin 50% Christ und 50% Buddhist, ist Nonsens.» Warum?
- Vor acht Jahren ist er an einem Tumor im Magen erkrankt und musste sich den Magen entfernen lassen. Was bedeutet das im Alltag?
- Mit der Ordensfrau Pia Gyger war er mehr als 40 Jahre lang in zölibatärer Liebe verbunden. Wie konnte er ihren Tod verkraften?
- Als Niklaus Brantschen 18 war, verunglückte sein ältester Bruder tödlich. Hat dieser Unfall die Weichen seines Lebens neu gestellt?
- Wie hat sich sein Gottesbild verändert, und was kommt nach dem Tod?
Transcript
Ich habe bis ich 85 war Klettereien gemacht, so mittleren Grades, und das geht jetzt nicht mehr, also zum Beispiel Klettern. Aber über Zäune kann ich immer noch klettern, diese kleinen Narrheiten lasse ich mir nicht nehmen.
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:Sandra Leis [:Das sagt Niklaus Brantschen. Der bekannte Jesuit und Zen-Meister, ist auch mit 88 Jahren überaus aktiv, er schreibt Bücher, hält Vorträge und begleitet Menschen auf ihrem Weg. In dieser Folge von «Laut + Leis» sprechen wir übers Altwerden, über Verlust und Abschied und über das Lebenselixier Stille. Ich bin Sandra Leis und besuche Niklaus Brantschen im Lassalle-Haus oberhalb von Zug, wo er seit über 50 Jahren lebt. Pater Niklaus Brantschen, herzlich willkommen zu unserem Gespräch.
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:Niklaus Brantschen [:Danke!
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:Sandra Leis [:Man sagt, Altwerden sei nichts für Feiglinge. Stimmt das?
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:Niklaus Brantschen [:Ich bin kein Feigling, und ich werde mit Bravour, würde ich sagen, und sogar mit Freude alt. Ich bin mit Freuden ein alter Mensch.
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:Sandra Leis [:Sie sind ein sogenannter Super Ager, so nennt die Forschung Menschen im Alter über 80 Jahren, die praktisch keine kognitiven Einbußen zeigen. Wie ist es Ihnen gelungen, auch im Alter geistig und körperlich fit zu bleiben?
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:Niklaus Brantschen [:Ha! Indem ich etwas getan habe, mich bewegt habe, physisch, ich bewege mich gerne, im Haus auf den Treppen, das haben Sie beim Raufsteigen hier in diesem Raum miterlebt. Na, wir sind im Lift gefahren, aber sonst steige ich sehr gerne über die. . .
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:Sandra Leis [:Wegen meines Gepäcks haben wir den Lift genommen.
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:Niklaus Brantschen [:Ich bewege mich in der Landschaft, also Bewegung hält beweglich, das ist die eine Seite. Und das andere, ich habe so die Angewohnheit, Gedichte auswendig zu lernen. Manchmal jeden Tag ein Gedicht, das ist ein bisschen anstrengender bzw. dauert länger, bis ich es dann internalisiert habe. Aber es gibt ein schönes Wort auf französisch: apprendre par coeur, mit dem Herzen ein Gedicht aufnehmen, und dann wird es zu einem Teil von mir. Das stärkt das Gedächtnis und erfrischt meinen Geist. Und zum Schluss, was mache ich, um beweglich zu bleiben? Ich bin neugierig. Auch jetzt auf unser Gespräch, ich bin gespannt, was wir zusammen zu besprechen haben.
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:Sandra Leis [:Das ist genau die nächste Frage, die ich Ihnen stellen wollte. Welche Rolle spielen Offenheit und Neugierde, dass man eben auch im Alter fit bleiben kann?
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:Niklaus Brantschen [:In jedem Alter, in jeder Lebensphase spielt Offenheit eine Rolle. Leben heißt offen sein, heißt wagen, heißt staunen, vor allem staunen. Und das habe ich früh gelernt und aus irgendwelchen Gründen habe ich nie aufgehört, offen zu sein, zu staunen, mit wachen Sinnen durch die Welt zu gehen.
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:Sandra Leis [:Sie sind in einem traditionellen katholischen Elternhaus aufgewachsen, in Randa, das ist im Kanton Wallis, im Mattertal, haben sechs Geschwister gehabt. Wie ist es gekommen, dass Sie sich dann später für den Buddhismus interessiert haben? Das ist ja ein Zeichen von großer Neugierde, dass man sich eben auch für andere Religionen interessiert. Wie ist das gekommen, Niklaus Brantschen?
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:Niklaus Brantschen [:Ja, Sie sagen, Frau Leis, mit Recht später, das war wirklich später, ich war dann über 30 Jahre alt, zuerst habe ich die traditionelle Ausbildung gemacht als Jesuit mit Noviziat, Philosophie, Theologiestudium, dann ein paar Jahre Praktikum und dann war es im gewissen Sinn ein Zufall, also wenn es den Zufälle gibt. Ein Oberer hier in diesem Raum hat mir gesagt, es war ein Berner, ich sage es jetzt auf Berndeutsch, du könntest eigentlich zum Pater Lassalle nach Japan gehen. Also Pater Lassalle war ein Jesuit, der in Japan war, und Pater Brüchsel hat mir empfohlen, eine letzte Phase der Ausbildung bei ihm zu machen. Und er hat mich dann an einen japanischen Meister verwiesen. Und so hat es sich ergeben. Ich ging einmal und dann wieder und habe so gemerkt – ich bin nicht als frustrierter Christ oder Abendländer in den Orient aufgebrochen –, sondern ich habe gemerkt, die Welt wächst zusammen. Wir ergänzen uns. Die Sicht des Ostens ist eine andere als unsere. Wir können voneinander lernen, einander bereichern.
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:Sandra Leis [:Und Sie hatten eben auch diese Offenheit, das anzunehmen und sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
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:Niklaus Brantschen [:Oh ja, das war natürlich. . .
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:Sandra Leis [:Das ist eine wichtige Voraussetzung.
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:Niklaus Brantschen [:Das war natürlich nicht so vom Himmel gefallen. Ich hatte Interesse an spirituellen Wegen, sowieso schon von den Bergen her, von meinen Ausflügen in die Landschaft, so Schritt um Schritt, Atemzug um Atemzug. Dann in der Ausbildung habe ich bestimmte Kurse besucht. Und damals, in den 60er Jahren, 70er Jahren war das durchaus en vogue, sich auch mit anderen Traditionen auseinanderzusetzen, zum Beispiel mit Zen.
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:Sandra Leis [:Das Älterwerden, das verläuft ja in der Regel in Etappen, und bei vielen Menschen ist 85 so eine Schwelle ins hohe Alter, auch in die Gebrechlichkeit. Sie sind jetzt 88 Jahre alt. Hat sich seit Ihrem 85. Geburtstag etwas verändert in Ihrer Gesundheit?
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:Niklaus Brantschen [:Vielleicht bin ich ein Spätzünder diesbezüglich und habe erst mit 88 das Fest groß gefeiert. Das ist in Japan ein spezielles Fest, das nennt sich Beyu, also das Reisfest, ein Erntefest. Seither, seit ich 88 bin, spüre ich schon eine gewisse Müdigkeit. Ich kann mich nicht so schnell erholen, das spüre ich, wie früher, ich habe einen anderen Rhythmus. Ich lerne nicht leiser zu treten, aber kürzer. Also ich nehme nicht zwei Schritte oder drei auf der Treppe auf einmal, sondern ich nehme nur eine Stufe nach der anderen. Ich möchte meine Lebendigkeit, soweit es mir gegeben ist, bewahren. Aber zu Ihrer Frage, wann genau ist dieses Vergreisen, sage ich jetzt mal, eingetreten bei mir, wenn ich die Leute so höre, noch nicht.
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:Sandra Leis [:Ja, eben das ist eigentlich bewundernswert. Aber vielleicht gibt es doch auch Dinge, auf die Sie verzichten müssen. Gibt es etwas, was Sie heute nicht mehr machen können?
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:Niklaus Brantschen [:Grundsätzlich kann man sagen, ich bin jetzt in dem Alter, wo Sachen nicht mehr gehen, wo Sachen noch gehen und wo Sachen erst recht gehen. Nicht mehr geht zum Beispiel einen Viertausender besteigen.
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:Sandra Leis [:Sie haben ja alle Viertausender in Wallis bestiegen, habe ich gelesen.
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:Niklaus Brantschen [:Ja, und ich habe bis ich 85 war Klettereien gemacht, so mittleren Grades, und das geht jetzt nicht mehr, also zum Beispiel Klettern. Aber über Zäune kann ich immer noch klettern, diese kleinen Narrheiten lasse ich mir nicht nehmen. Was geht noch? Vieles geht noch. Noch bin ich in dieser Noch-Phase, noch kann ich dieses und jenes, aber es gibt etwas, was erst jetzt möglich ist, nämlich sich zurückzulehnen, zurückzuschauen auch.
Nicht in dem Sinn, dass ich immer sage, weißt du noch, sondern wie viel habe ich doch erlebt, wie lang ist doch mein Leben. Das Leben wird nicht weniger, sondern wird mehr, wird reicher. Also und das zu sehen, zu würdigen, zu respektieren und nicht zu jammern, das ist für mich der springende Punkt. Nicht: Wie war doch das früher und und und. Sondern ich freue mich, wenn ich junge Menschen sehe, wenn ich mit denen etwas unternehmen kann. Ich gönne denen von Herzen ihre Zukunft. Meine Zukunft ist vorbei, und in einem gewissen Sinn bin ich froh, dass ich es jetzt bald geschafft habe.
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:Sandra Leis [:Altwerden bedeutet ja auch Verlust und Abschied. Und wir sind hier im Lassalle-Haus, das ist Ihr Lebenswerk, und Ende Juni im letzten Jahr mussten hier die Tore geschlossen werden, also der Gastrobetrieb ist zu, 97 Gästezimmer stehen leer. Wie ist das für Sie, dass quasi Ihr Lebenswerk jetzt nicht mehr da ist? Wie gehen Sie damit um? Das ist, muss ja ein wirklicher Schmerz gewesen sein, den Sie da erleben mussten.
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:Niklaus Brantschen [:Es waren einige Tote, also nicht nur Schmerz, sondern wirklich Tod. Und ich habe es kürzlich so formuliert, ich war untröstlich und musste viele trösten, weil für viele Menschen das auch ein Verlust ist. Untröstlich habe ich viele getröstet, aber dann habe ich so gemerkt, mein Gott, alles ist vergänglich. Ob jetzt das ein Haus ist, ob das meine Arbeit ist, ob das mein Leben ist. Es ist ja blöd zu meinen, es müsste so weitergehen.
Und dann ist das auch, es klingt jetzt so abgeklärt, aber da steht ein langer Prozess, monatelanger Prozess dahinter, dann ist es wirklich ein Einüben in den Tod, in das Sterben, in das Zurücklassen. Dann sehe ich auf der anderen Seite, und das sagen mir viele Leute, das war so wichtig, das Haus. Und da haben so viele Menschen Nahrung bekommen und Inspiration. Und da gibt es eine Lassalle-Kontemplationsschule, die Via integralis, die weitergeht, die viele Schülerinnen und Schüler hat und Lehrer.
Und da gibt es eine Zen-Linie. Das geht alles weiter. Es ist nicht einfach verloren. Also ein brutaler Verlust, und Sie haben von Lebenswerk gesprochen. Ich würde das vorsichtig gebrauchen, aber ich habe sehr viel da investiert. So kann man sagen mein Lebenswerk, aber mein Leben ist mehr als mein Werk. Wenn ich mich total identifiziere mit dem, was ich tue, dann ist alles, was ich nicht mehr kann, ein furchtbarer Verlust. Wenn ich mich nicht identifiziere, wenn ich sage, ich habe das getan, jenes getan, ich hatte diese Rolle und jene Rolle. Aber ich bin mehr als meine Rollen, meine Aktivitäten. Das Leben ist reicher.
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:Sandra Leis [:In Ihrem neusten Buch mit dem Titel «Du bist die Welt» schreiben Sie: «Wenn ich beim Schreiben dieses Buches etwas gewonnen habe, dann ist es die Freude am Leben.» Das klingt für mich nach einem Befreiungsschlag. Ist es das?
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:Niklaus Brantschen [:Mir hat das Buch, und das lief natürlich parallel mit dem Prozess des Zu-Ende-Gehens dieser traditionsreichen Einrichtung. Parallel habe ich geschrieben, gelesen, mich so hineingelassen in die animistische Sicht, dass alles lebt, alles kreucht und fleucht und habe dann gemerkt, was immer passiert mit dem Haus, mit der Situation drum herum: Leben ist mehr, und Leben geht weiter. Und das ist das Leben in der Vielfalt, ob es jetzt das pflanzliche Leben ist, das die Grundlage allen Lebens ist, das animalische. Ich schaue so gerne Tieren in die Augen, nicht nur Hunden.
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:Sandra Leis [:Das beschreiben Sie auch im Buch.
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:Niklaus Brantschen [:Ja, also Aug in Aug mit den Viechern. Die Welt als solche und die Menschen natürlich. Also diese fast kindliche Freude am Leben habe ich tatsächlich neu gewonnen, und das gehört mit zu den Einsichten an der Arbeit dieses Buches.
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:Sandra Leis [:Hat Ihnen das auch ein Stück weit geholfen, über diesen Verlust hinwegzukommen?
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:Niklaus Brantschen [:Ich habe gelegentlich zu meinen Mitbrüdern gesagt, zum Glück habe ich das Buch, weil das absehbar war, da geht etwas zu Ende, und dann habe ich mich nicht getröstet, aber ich hatte eben diese neue Möglichkeit, mich einzubringen.
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:Sandra Leis [:Abschiede gehören zu Ihrem Leben, zum einen eben von diesem Lassalle-Haus, ein anderes Beispiel, mit 80, also vor acht Jahren, hatten Sie einen Tumor im Magen und mussten dann auch den Magen entfernen, also man muss sich das vorstellen, Sie leben heute ohne Magen, wie beeinträchtigt Sie das in Ihrem Alltag, das ist ja auch nicht ohne.
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:Niklaus Brantschen [:Beeinträchtigt mich bewusst nicht. Ich achte nicht darauf. Ich weiß, dass ich eher laktosefrei essen sollte, aber ich esse gerne alles, was mich nähert. Und vielleicht die Erfahrung, die positive Erfahrung, die ich machte. Ich hatte den Eindruck nach diesem Eingriff, wo ich 60 statt 70 Kilo hatte, dass ich beim Wandern einen Rucksack von 10 Kilo nicht tragen musste, und diese Leichtigkeit ist im gewissen Sinn geblieben. Leichter an Gewicht, mehr Beweglichkeit. Man kann ja alles von zwei Seiten sehen. Wenn ich damals, es war schon ein bewusstes, systematisches Mich-Zurückholen in das Leben.
Ich hätte auch die Hände in den Schoß legen können und sagen, so, jetzt habe ich es noch einmal geschafft, jetzt warte ich auf die nächste Operation oder auf den Tod. Das wäre ja auch möglich gewesen, dieses Faulen wie ein Apfel statt Reifen. Und ich hatte die Gnade, mich für das Leben zu entscheiden. Und habe vielleicht die schönsten acht Jahre verbracht, die intensivsten, weil ich das Leben neu geschenkt bekommen habe, das Leben, das so kostbar ist. Und jetzt, je kürzer es wird, umso kostbarer. Wenn ich viel Leben von mir habe, dann denke ich, ja, ja das kommt jetzt nicht so drauf an. Aber dieses mir noch geschenkte kurze Leben ist kostbar, weil es ist vergänglich, es ist wie bei dieser Rose hier. Die hier steht. Die ist darum so schön, weil sie verwelken kann.
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:Sandra Leis [:Jahre lang, und sie ist:
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:Niklaus Brantschen [:Nein, nicht einfach wegstecken. Das brauchte ich ein und mehr Jahre.
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:Sandra Leis [:Also doch auch, das kennen Sie.
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:Niklaus Brantschen [:Zum Verkraften. Es ist wie eine Amputation. Und das war mit ein Auslöser für diesen Tumor, der dann zur Entfernung vom Magen geführt hat. Nein, im Nachhinein kann ich so sagen, ich bin so dankbar, die Freundschaft von Pia gehabt zu haben. Ich habe ihr so viel zu verdanken. Konkret: Sie fragte immer – sie hat in Luzern gewohnt die letzten Jahre –, und wenn wir uns gesehen haben, hat sie immer gefragt, wie geht es dir? Und dann habe ich erzählt, was ich mache. Ich will nicht wissen, was du machst. Ich will wissen, wie es deiner Seele geht.
Und dann musste ich als Mann, als Jesuit, als trockener Walliser und so erzählen, wie es meiner Seele ging. Da habe ich emotionale Intelligenz gelernt. Wie geht es deiner Seele? Und so gesehen habe ich ihr viel zu verdanken. Wir haben uns auch wunderbar ergänzt, wir haben es so formuliert: Sie war mir gegeben zu meiner Inspiration und Weisung. Und ich zu ihrer Formung und zu ihrer Kraftgestaltung. Also ich habe gerne formuliert, habe ihre Texte ausformuliert. Und so haben wir uns wunderbar erglänzt. Ein brutaler, um auf Ihre Frage zurückzukommen, ein brutaler Abschied, ein Schmerz. Aber das erleben viele Menschen. Alle verlieren liebe Menschen. Und dann im Nachhinein zu sehen, wie dankbar wir sein dürfen. Im Allgemeinen, es gibt auch manchmal andere Verluste, aber wie dankbar wir sein dürfen, Menschen, die uns so viel bedeutet haben, gekannt zu haben.
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:Sandra Leis [:Haben Sie in der Zeit, als Sie sich kennengelernt haben, Pia Gyger, auch mal daran gezweifelt, ob der Weg, Jesuit zu sein, ob er richtig war, haben Sie das jemals bereut, in den Orden einzutreten, weil sie wussten. . .
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:Niklaus Brantschen [:Komischerweise nicht, das war für uns immer, das sind viele Jahre her, aber selbstverständlich für sie, sie war Ordensfrau und für mich im Orden zu bleiben. Es war nicht einfach, es war schmerzvoll, aber diese Haltung habe ich nie in Frage gestellt, ob es heute in einer anderen Situation auch so wäre oder ob ich heute diesen Schritt in den Orden noch tun würde, wo die Konstellation anders ist, weiß ich nicht, aber damals hat es gepasst. Und unsere zölibatäre Partnerschaft war für viele auch ein Beispiel, wie man miteinander auf dem Weg sein kann, sich ergänzen kann, als Frau und Mann voneinander lernen kann. Das war für viele sehr ermutigend und für uns eine Freude.
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:Sandra Leis [:Sie haben ja auch ein Buch zusammen geschrieben über dieses Thema.
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:Niklaus Brantschen [:Wir haben unsere Beziehung offen gelebt und dann in diesem Buch auch öffentlich gemacht mit dem Titel «Es geht um die Liebe», weil es grundsätzlich um Elemente der Beziehungen, der Freundschaft geht in dem Buch.
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:Sandra Leis [:Das erste Mal mit dem Tod in Berührung kamen Sie, als Sie 18 Jahre alt waren. Da verunglückte ihr ältester Bruder, er war 28 Jahre alt, und er war Bergführer wie ihr Vater. Hat dieser Tod die Weichen in Ihrem Leben anders gestellt? Sie waren ja damals auch schon 18 und sicherlich schon sehr reflektiert.
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:Niklaus Brantschen [:Das habe ich oft erzählt und auch in einem Buch beschrieben, auch im Nachhinein betrachtet eine prägende Erfahrung, man muss sich das vorstellen, es war Mitte September, ein unverschämt schöner Walliser Herbsttag, der Sarg war aufgebahrt auf dem Dorfplatz, das ganze Dorf und auch von anderen Dörfern kamen Menschen, und dann dachte ich so: Ist das jetzt alles? Ist das das Leben? Und ich habe dann später in Japan erfahren, dass manche zu Zen-Mönchen wurden durch die Erfahrung eines frühen Todes der Mutter oder des Vaters. Dieses an die Grenzen stoßen hilft uns, die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen. Und für mich war das damals eine Überlegung. Wäre das vielleicht was, in den Jesuitenorden zu gehen.
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:Sandra Leis [:Wer Ihre Bücher liest, der liest immer wieder zum Thema Stille. Das ist ein Kerngedanke, etwas, was Ihnen ganz, ganz wichtig ist. Und Sie sagen immer wieder, ohne Stille geht es nicht. Hier im Lassalle-Haus ist es jetzt sehr still. Die 79 Gästezimmer sind leer. Niklaus Brantschen, gibt es auch Momente von einem Zuviel der Stille?
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:Niklaus Brantschen [:Man kann nie zuviel Stille haben, und da ist es hilfreich zu unterscheiden zwischen Stille als Abwesenheit von Lärm, von Betrieb, von Aktivität. Das ist das, was die Stille im Haus und um das Haus herum macht. Das fängt an beim Parkplatz, da ist Stille oder eben dann in den Hallen ums Haus herum. Wenige Besucher, nur Einzelne, es ist einfach ruhig, still. Dann gibt es aber eine Stille, die mehr ist als die Abwesenheit von Lärm. Ich habe Ihnen den Meditationsraum vorhin gezeigt. Und wir sind einen Moment dagestanden. Und immer wenn ich in diesen Raum gehe, und auch das geht weiter, mit Gruppen dort sitze, empfängt mich diese kraftvolle Stille, die ist da. Es ist das, was ich die Stille hinter der Stille genannt habe. Ja, es ist, Stichwort Stille und Schönbrunn zurzeit wichtig zu unterscheiden. Eben die Stille hinter der Stille, die es da. Und persönlich gesagt, die kann mir niemand nehmen.
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:Sandra Leis [:Das Lassalle-Haus in seiner bisherigen Form steht für gelebten interreligiösen Dialog. Das ist ja auch ein Thema, das Ihnen extrem wichtig ist. Wenn Sie das auf den Punkt bringen müssen, was ist der Kern dieses Austauschs?
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:Niklaus Brantschen [:Es ist Bereicherung, es ist ein Geben, es ist ein Nehmen, es ist ein Lernen voneinander, es ist das, was ansteht. Begegnung der Kultur und der Religion passiert nicht irgendwo, sondern mitten unter uns. Es ist Reichtum. Wenn ich mich so ein bisschen zurücklehne und sehe, wie Religionen entstanden sind. Mit ihren spirituellen Wegen, und das Beste der Religion ist eben diese Tiefensicht der Dinge. Und wenn ich sehe, wie da Nuancen sind in östlichen Religionen, westlichen, dass diese Nuancen gesehen werden, gepflegt werden, zusammenkommen, das ist wunderbar. Kurz gesagt, es ist eine Bereicherung, es ein Austausch. Es ist ein Empfangen und Geben.
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:Sandra Leis [:Damit haben Sie eigentlich auch umgesetzt, was seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gilt. Das habe ich in der Vorbereitung auf unser Gespräch jetzt nochmals gelesen. Und da heisst es ganz explizit, dass jeder Christ den Auftrag hat, den Erfahrungsdialog mit anderen Religionen zu suchen und alles, was wahr und gut ist, hoch zu halten.
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:Niklaus Brantschen [:Diesen Satz habe ich damals, wie ich das Haus neu positioniert habe, öfter zitiert. Danke, dass Sie daran erinnern. Und auch einen anderen Satz, den die Jesuiten in ihrem Programm damals formuliert haben: Heute religiös sein heißt interreligiös sein. Die Großwetterlage in diesen Tagen, in diesen Zeiten ist eher ein bisschen anders. Wir sind weniger auf diese Offenheit bedacht und versuchen, das hat so eine Berechtigung meinetwegen, das Eigene zu pflegen, aus Angst, wir könnten was verlieren, aber Angst ist ein schlechter Berater. Wir müssen keine Angst haben, etwas zu verlieren.
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:Sandra Leis [:Aber wie begegnen Sie Menschen, es gibt ja auch solche, die picken sich einfach raus aus den verschiedensten Religionen und Ideen und zimmern sich quasi eine eigene Religion. Was sagen Sie zu solchen Menschen?
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:Niklaus Brantschen [:Also mit Pia Gyger, die Sie erwähnt haben, sage ich Birchermüesli.
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:Sandra Leis [:Ja, genau. Ich habe mir dieses Stichwort auch aufgeschrieben.
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:Niklaus Brantschen [:Das gibt es, und da kann man wenig dagegen tun oder sagen. Was mein Anliegen war – seriös, korrekt –, das eine zu tun, das andere nicht zu lassen, nicht so ein bisschen rumzusitzen, ein bisschen Zen machen und ein bisschen Christ zu sein, sondern wirklich ganz. So gesehen kann man mit Prozenten gar nicht antworten oder operieren. Zu sagen, ich bin 50% Christ und 50% Buddhist, das ist ein Nonsens.
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:Sandra Leis [:Was sagen Sie, was Sie dann genau sind?
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:Niklaus Brantschen [:Dann sage ich, ich bin Niklaus Brantschen und möchte es immer mehr werden. Und die verschiedenen Traditionen helfen mir dabei, aber ich bin, wenn schon, 100% Christ und wenn schon möchte ich voll buddhistische Sicht mir aneignen. Da sind Prozente einfach fehl am Platz.
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:Sandra Leis [:Wenn Sie auf Ihr Leben zurückschauen, wie hat sich Ihr Gottesbild verändert?
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:Niklaus Brantschen [:Er hat sich geweitet, geöffnet. Er hat so diese Greifbarkeit oder Vorstellbarkeit überwunden. Ja, geweitet. Ich atme ihn. Ich nehme ihn wahr. Ich bewege, wie es heißt in der Bibel, ich bewege mich in ihm. Er umfängt mich, durchdringt mich. Er leidet an dieser Welt. Und er freut sich an unsere Freude. Er freut sich mit. Das ist alles. Und wenn Sie die Stille angesprochen haben, habe ich kürzlich so eine Ahnung bekommen, wenn ich wirklich eine tiefe, kraftvolle Stille erfahre. Umfassend. Dann ist das wie ein anderes Wort für die Wirklichkeit, die wir Gott nennen. Die Stille, die alles durchdringt, umfängt, die wir nicht machen können, die da ist, die uns umfasst, hütet, in der wir eben leben und uns bewegen. Also es ist für mich dann fast eine Gleichsetzung. Stille richtig verstanden. Ein anderes Wort für die Wirklichkeit, die wir Gott nennen.
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:Sandra Leis [:Was kommt nach dem Tod?
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:Niklaus Brantschen [:Wenn ich Ihnen, Frau Leis, das sagen könnte, ich spüre gerade in dieser Nähe des Todes ein intensives Leben, wo ich ahne und hoffe, dass in dieser oder jener Form das nicht zu Ende geht.
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:Sandra Leis [:Niklaus Brantschen, vielen herzlichen Dank für dieses offene und erhellende Gespräch.
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:Niklaus Brantschen [:Danke Ihnen.
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:Sandra Leis [:n unter Polizeischutz und hat:Die Rechte sämtlicher Texte sind beim Katholischen Medienzentrum. Jede Weiterverbreitung ist honorarpflichtig. Die Speicherung in elektronischen Datenbanken ist nicht erlaubt.




