Jürgen Werbick
Schweiz

Zwischen Zeitgeist und Zeit-Ungeist: Muss die Kirche Angst vor Veränderung haben?

Für den Fundamentaltheologen Jürgen Werbick ist nicht der Wandel die grösste Gefahr für die katholische Kirche, sondern die falsche Angst vor ihm. Im Gespräch warnt er vor rechten wie linken Verengungen – und plädiert für einen Glauben, der sich wandelt, ohne sein Zentrum zu verlieren.

Jacqueline Straub

Diverse Kreise in der katholischen Kirche haben Angst vor dem Zeitgeist. Ist diese Sorge berechtigt oder nur ein Ausdruck von Unsicherheit?

Jürgen Werbick*: Ich habe selbst auch Angst vor dem Zeitgeist. Vor dem Zeitgeist autoritärer und antidemokratischer Selbstbehauptungs- und Abschottungsideologien. Dieser Zeit-Ungeist zeigt sich auch in der katholischen Kirche, nicht nur in den USA oder in Polen.

«Diese Angst ist sicher Symptom einer tiefen Verunsicherung.»

Inwiefern?

Werbick: Es gibt diese unheilige Allianz nach dem Schema: Weil die extrem Rechten so entschieden gegen Abtreibung sind, sind das unsere Leute, ganz gleich, was sie sonst noch an Prioritäten auf dem Programm haben. Vor diesem «rechten» Zeit-Ungeist muss man auf der Hut sein. Es gibt in der katholischen Kirche natürlich auch die Angst vor dem «linken», dem liberalen Zeitgeist. Und diese Angst ist sicher ein Symptom einer tiefen Verunsicherung. Man fragt sich: Was bleibt noch vom Glauben, wenn wir uns tatsächlich auf die moderne Sicht von Welt, Natur, Menschsein, Leben, Schuld, Liebe einlassen – oder auf das, was viele dafür halten? Was bleibt vom Gotteswort der Bibel, wenn wir sie historisch-kritisch lesen, als Menschenzeugnis aus ferner Vergangenheit? Dieser Unsicherheit will die Theologie mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit und mit ihren Unterscheidungen beikommen. Sie ist da nicht so schwach und anpasserisch, wie viele – etwa auch der Ratzinger-Papst – ihr es vorhielten. Wenn sie sich ihres wissenschaftlichen Profils bewusst ist, wird sie als starke Gesprächspartnerin in den Diskursen unserer Zeit wahrgenommen.

Heiliger Geist vor Regenbogen-Vorhang - in Peterskapelle Luzern
Heiliger Geist vor Regenbogen-Vorhang - in Peterskapelle Luzern

Ist die grosse Gefahr für die Kirche der Zeitgeist – oder ihre Angst vor ihm?

Werbick: Angst ist ein Gefahrensignal. Und somit ist es von vornherein nichts Schlechtes.

Wann wird sie zum Übel?

Werbick: Wenn sie dazu verleitet, Gefahren zu verdrängen, Probleme zu vertuschen oder sie nicht genau genug wahrzunehmen. Präzise Gefahrenwahrnehmung macht innovativ.

Wie genau meinen Sie das?

Werbick: Wir müssen, wenn wir auf das Nicht-Verstehen unserer Zeitgenossen und unser eigenes treffen, das unverständlich Gewordene gründlicher durchdenken, so etwa was es bedeutet, dass Gott in unserer Welt und an uns handelt. Was es bedeutet, dass er zu uns spricht und dass er die Menschen erlöst.

«Die Angst, hier etwas zu verlieren, sollte produktiv werden.»

Sind wir da nicht, wie Dietrich Bonhoeffer es gesagt hat, auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen?

Werbick: Wir dürfen an einen Gott glauben, der die Menschen nicht verlorengibt. Gott bleibt ihnen vielmehr in seiner Liebe auf ewig treu. Die Angst, hier etwas zu verlieren, sollte produktiv werden und wagemutiger machen: sich auf die Anfänge des Verstehens – der Bibel, unserer Überlieferung – neu einzulassen.

Wie hat sich der «Zeitgeist» des Christlichen verändert?

Werbick: Die Überlieferung des Christlichen hat sich immer wieder neu «inkulturiert», also im Geist der jeweiligen Zeit artikuliert: im Geist des antiken Hellenismus, der dem Christentum die zentralen Begriffe der Glaubenslehre eingebracht hat, die dem heutigen Glaubensverstehen fremd vorkommen. Ein anderes Beispiel ist der Geist des frühmittelalterlichen Feudalismus, der das Verständnis von Erlösung auf sehr zeitbedingte Vorstellungen einer stellvertretend ertragenen Vergeltung programmierte. Oder auch: der Geist der Restauration, der die katholische Kirche im 19. Jahrhundert das Heil noch einmal in einer absolutistischen Kirchenmonarchie suchen liess.

«Diese Sicht ist illusionär.»

Worin sehen Sie die Herausforderungen der Kirche und der Theologie?

Werbick: Es war und ist oft schwierig, solche Zeitgeist-Imprägnierungen zu erkennen und sich dann womöglich auch von ihnen zu lösen. So sehen wir auch heute nicht so genau, an welchen Zeitgeist-Selbstverständlichkeiten wir partizipieren. Die prophetische Herausforderung der Kirche und der Theologie liegt genau darin, vor dem «Allzuselbstverständlichen» des Zeitgeistes zu warnen und Gott als den zur Sprache zu bringen, der uns mit seinem Wort über sie hinausführen will.

Wir glauben anders als unsere Glaubens-Vorfahren. Ist das ein Verlust an Substanz – oder ein Gewinn an Tiefe?

Werbick: Wir müssten zunächst einmal genauer wahrnehmen, wo und wie der christliche Glaube sich wandelt. Über lange Jahrhunderte erschien das ja in der Kirche völlig ausgeschlossen. Im Wesentlichen sollte es so gewesen sein: Der Glaube bleibt immer der Gleiche. Und die Kirche wacht streng darüber, dass sich da nichts ändert und aus dem Glaubensgut nichts wegkommt. Diese Sicht ist illusionär.

Theologische Bücher
Theologische Bücher

Aber wenn das so ist, welche Aufgabe kommt dann der Theologie zu?

Werbick: Ihre Aufgabe ist es dann, Rechenschaft darüber zu geben, warum bestimmte Glaubensvorstellungen sich als sperrig für die menschliche Vernunft erwiesen haben und ob es Möglichkeiten gibt, diese «kognitive Dissonanz» zu überwinden oder ob man sie zunächst einmal aushalten muss, weil sie der menschlichen Vernunft vielleicht doch Wichtiges zu denken gibt. Am Beispiel des christlichen Erlösungsglaubens lässt sich derzeit vielleicht am besten nachvollziehen, wie heutige Reformulierungen der überlieferten Lehre diese Lehre überhaupt erst wieder existentiell bedeutsam werden lassen. Und die wohl wichtigste «Innovation»: Die biblische Exegese hat uns ein neues und tieferes Verständnis dessen ermöglicht, was Jesus Christus verkündigte. Wir reden nicht mehr nur dogmatisch darüber, wer er war, sondern wie er den Menschen Gott sichtbar machte.

«Institutionen, die Religion verwalten, möchten es wohl gern leichter damit haben.»

Kann ein Glaube, der sich nicht wandelt, überhaupt lebendig bleiben?

Werbick: Es gibt in der Religionsgeschichte Beispiele für eine über Jahrtausende funktionierende «Konservierung» von Religion. Ob sie auch über unsere Zeit und die alles durchdringende Globalisierung der Kommunikation hinweg weiter möglich sein wird, lässt sich schwer abschätzen. Aber es ist schon klar, dass lebendige Transformationsprozesse Glaubensgemeinschaften einer dramatischen Zerreissprobe aussetzen. Der europäische, aber auch der arabische und der türkische Islam führen das ja gerade unübersehbar vor Augen. Dass die Lebendigkeit einer Religion sich in solchen Zerreissproben zeigt, das ist nicht leicht erträglich. Aber ist Lebendigkeit und Vitalität denn immer leicht erträglich und bekömmlich? Institutionen, die Religion verwalten, möchten es wohl gern leichter damit haben.

Fenster von Chartres: Christus-Darstellung in der Ausstellung "Im Namen des Bildes"
Fenster von Chartres: Christus-Darstellung in der Ausstellung "Im Namen des Bildes"

Wenn Sie den Inhalt Ihres neuen Buches «Kniefall vor dem Zeitgeist?» zuspitzen müssten: Was darf sich im Christentum ändern – und was nicht?

Werbick: Das Zentrum des biblisch-christlichen Glaubens ist ein spezifisches, in der Geschichte Israels, Jesu Christi und der Kirchen gewachsenes Gottesverständnis. Und dementsprechend eine spezifische Weise des Lebens mit Gott. Gott ruft die Menschen ins Dasein und er will ihnen sein Innerstes mitteilen. Er nimmt teil an ihrem Leben. Christlich ist Jesus Christus Gottes eigenes treues, rettendes Teilnehmen am Menschsein in Person. Der Heilige Geist ist den Menschen gegeben, damit sie an Gottes eigenem Leben teilhaben und diesem Leben in der Welt dienen. An diesem Gottesverständnis kann sich christlich nichts ändern. Es hat eine trinitarische Signatur.

«Kirche muss sich ernst nehmen als Dienerin.»

Und was darf sich ändern?

Werbick: Ändern dürfen sich Sprache, Begriff und theologische Systeme. Aber auch ethische Überzeugungen und religiöse Lebensformen, wenn in ihnen die Mitte des Christlichen nicht mehr sichtbar und spürbar wird. Glaube will von seiner Mitte her gelebt und nicht so sehr an seinen «Aussenmauern» verteidigt werden; wobei auch das vorkommen und nötig sein mag.

Anders gefragt: Was muss sich in der katholischen Kirche ändern, damit sie lebendig bleibt?

Werbick: Alles, was sie daran hindert, in der Nachfolge Christi Gottes Menschenfreundlichkeit zu leben und zu bezeugen. So müssen sich alle Strukturen verändern, die dem Missbrauch Vorschub geleistet haben und immer noch leisten. Kirche muss sich ernst nehmen als Dienerin des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, in denen Gott durch seinen Geist die Menschen anrühren und für das Leben mit ihm gewinnen will. Das ist die Mitte ihres Kirche-Seins. Alles andere ist um dieser Mitte willen da und kann und muss sich womöglich ändern – wenn es dem Dienst der Kirche eher im Weg steht.

*Jürgen Werbick ist emeritierter Professor für Fundamentaltheologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seine neueste Publikation heisst «Kniefall vor dem Zeitgeist? Wie das Christentum sich verändert» und ist im Verlag Grünewald erschienen.

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Jürgen Werbick
15. März 2026 | 17:00
Lesezeit : ca. 5  Min.
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