Rassentrennung
International

US-Bürgerrechtler Jesse Jackson mit 84 Jahren gestorben

Zweimal trat der Baptistenprediger und enge Vertraute von Martin Luther King für das Präsidentenamt an. Ohne Erfolg. Als Vermächtnis hinterlässt er die Vision einer gerechteren Gesellschaft für die Ärmsten.

Bernd Tenhage

(KNA) Am 4. April 1968 fiel auf dem Balkon des Lorraine Motels in Memphis ein Schuss, der Amerika für immer veränderte. Martin Luther King, die Ikone der US-Bürgerrechtsbewegung, brach tödlich getroffen zusammen. Unter den ersten, die zu ihm eilten, war Jesse Jackson, damals mit 26 Jahren sein jüngster Mitarbeiter in der Organisation Southern Christian Leadership Conference. Nun ist der Weggefährte, der selbst zu einer Bürgerrechts-Berühmtheit wurde, mit 84 Jahren gestorben, wie seine Familie laut US-Medien am Dienstag mitteilte.

«Fleck von Blut aus Dr. Kings Kopf»

Am Morgen nach dem Attentat stand Jackson in Chicago vor laufenden Kameras, auf seinem Pullover Blutflecken von der Nacht zuvor.

Amerikanischer Politiker und Bürgerrechtler Jesse Jackson (Aufnahmedatum und Aufnahmeort unbekannt).
Amerikanischer Politiker und Bürgerrechtler Jesse Jackson (Aufnahmedatum und Aufnahmeort unbekannt).

«Auf meiner Brust ist der Fleck von Blut aus Dr. Kings Kopf», sagte er. Eine Übertreibung, sagen Augenzeugen. In jedem Fall war es ein Moment, der Jacksons weiteres Leben prägen sollte.

Jesse Jackson erreichte nie Kings moralische Statur, aber er strebte ein Leben lang danach. «Jesse wollte Martin sein», sagte Ralph David Abernathy, einer von Kings engsten Vertrauten, einst der «New York Times». Was manchen als Anmassung erschien, war sein Versuch, eine Mission fortzusetzen, die mit Kings Tod nicht enden sollte. Denn Jackson hatte verstanden, was King gepredigt hatte: Dass der Kampf für Gerechtigkeit kein Sprint, sondern ein Marathon ist.

Die Rassentrennung prägte ihn

Geboren 1941 in Greenville, South Carolina, als uneheliches Kind einer 16-jährigen Mutter und eines verheirateten Nachbarn, kannte Jackson die Demütigung der Rassentrennung aus nächster Nähe. Als Kind fuhr er im hinteren Teil des Busses und lernte aus der Wasserfontäne für Schwarze zu trinken. Die frühen Wunden formten einen Mann, der stets klare Worte fand.

Seine Vision einer «Rainbow Coalition», einer Regenbogen-Koalition der Armen und Arbeiter aller Hautfarben, war radikal. Sie wurzelte in der Überzeugung, dass wahre Gerechtigkeit nur durch eine Allianz der Marginalisierten möglich sei.

Jackson kandidierte 1984 und 1988 zweimal für die Nominierung der Demokraten zum Präsidentschaftsbewerber. Beim zweiten Versuch holte er fast sieben Millionen Stimmen, 29 Prozent aller abgegebenen Votes in den Vorwahlen. Seine Reden auf den Parteitagen gelten heute als Klassiker amerikanischer Politik.

«Haltet die Hoffnung am Leben»

In seiner berühmten Parteitagsrede von 1988 erzählte Jackson von seiner Grossmutter. Dass sie sich keine Decke leisten konnte und deshalb aus alten Stoffresten einen Quilt nähte.

«Es waren nur Flicken, kaum gut genug, um die Schuhe abzuwischen». Daraus sei etwas «von Schönheit und Kraft und Kultur» entstanden. Jackson forderte die Demokraten auf, eine solche Decke zu nähen – aus Menschen, nicht aus Stoff. Seine Rede gipfelte in dem Crescendo «Haltet die Hoffnung am Leben». Viermal wiederholte er den Satz, der für immer mit Jackson verbunden bleibt. Es war sein Glaubensbekenntnis.

Doch ein Heiliger war er nicht. Die Kontroversen, die ihn verfolgten, entsprangen nicht nur der Kritik seiner Gegner. Seine Darstellung der Ereignisse nach Kings Ermordung, wonach er den sterbenden King in den Armen gehalten habe, widerlegten Augenzeugen. Antisemitische Äusserungen über New Yorks jüdische Bevölkerung Anfang der 1980er Jahre beschädigten seinen Ruf nachhaltig.

Uneheliches Kind mit Mitarbeiterin

2001 erfuhr die Öffentlichkeit, dass er ein uneheliches Kind mit einer Mitarbeiterin gezeugt hatte. Es waren Momente, in denen die menschliche Schwäche den moralischen Ansprüchen nicht gerecht wurde. Jackson stand jedoch zu seinen Fehlern und suchte Vergebung.

Barack Obama.
Barack Obama.

Sein politisches Vermächtnis bleibt ambivalent. Jackson gewann nie ein Wahlamt von Bedeutung. 1990 kürte ihn Washington zum unbezahlten «Statehood Senator», ein symbolischer Posten ohne echte Macht. Sein Sohn Jesse Jackson Jr. folgte ihm ins Rampenlicht, sass im Kongress und landete 2012 wegen Veruntreuung von Wahlkampfgeldern im Gefängnis.

Wegbereiter Obamas

Dennoch erkennen Experten wie Clayborne Carson von der Universität Stanford und Direktor des Martin Luther King Jr. Research and Education Institute in Jackson eine Schlüsselfigur der Bürgerrechtsbewegung: «Jesse Jackson spielte eine ebenso zentrale Rolle in seiner Ära wie King in seiner», sagte er der «New York Times». Er habe die Gewinne aus dem neuen Stimmrecht der 1960er Jahre in politische Realität übersetzt und so den Weg für die Wahl Barack Obamas als ersten schwarzen Präsidenten der USA geebnet.

2017 gab Jackson bekannt, an Parkinson zu leiden. Später korrigierten die Ärzte die Diagnose auf eine seltene neurodegenerative Erkrankung. Erst sechs Jahre später zog er sich offiziell von der Leitung der Rainbow PUSH Coalition zurück, blieb aber aktiv.

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Jesse Jackson hinterlässt seine Frau Jacqueline, die er 1962 heiratete, sechs Kinder sowie mehrere Enkelkinder. Seine Vision, dass Amerika seine Flicken zu etwas Grösserem zusammennäht, blieb zu Lebzeiten unerfüllt. Aber er hat sich nach Kräften darum bemüht.


Rassentrennung| © Keystone
22. Februar 2026 | 15:00
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