Maria, Josef, das Jesuskind - und Ochs und Esel
Schweiz

Angelika Strotmann: Wie Jesus auftreten wird, zeigt sich schon bei seiner Geburt

Wie Jesus verstanden wird, hat sich über die Jahrhunderte hinweg geändert. Die historische Jesusforschung lässt sich in verschiedene Phasen unterteilen. Bei der Geburt Jesu zeigt sich aber, dass dieser Messiaskönig ganz anders sein wird, sagt die Neutestamentlerin Angelika Strotmann.

Jacqueline Straub

In wenigen Tagen ist Weihnachten. Wie können die unterschiedlichen Berichte der Evangelien von der Geburt Jesu heute «gelesen» werden?

Angelika Strotmann*: Von den vier Evangelien im Neuen Testament enthalten nur zwei, das Matthäus- und das Lukasevangelium, eine Kindheitsgeschichte. Beide Kindheitsgeschichten unterscheiden sich nicht unerheblich, zum Teil widersprechen sie sich sogar.

Angelika Strotmann
Angelika Strotmann

Inwiefern?

Strotmann: So wohnen Maria und Josef im Matthäusevangelium in Bethlehem und Jesus wird zuhause geboren. Weder Hirten noch Engel kommen in der Erzählung vor, stattdessen jedoch Weise aus dem Osten. Bei Lukas wohnen die Eltern Jesu in Nazaret und machen sich wegen der römischen Volkszählung nach Bethlehem auf. Weil sie nur eine provisorische Unterkunft in einem Stall finden, wird Jesus dort geboren. Doch geht es letztlich nicht um die Unterschiede, denn es handelt sich um erzählten Glauben, erzählte Theologie aus zwei verschiedenen Perspektiven. Zugleich stehen sie in der Tradition der Geburtserzählungen grosser Männer der Geschichte, von Moses über altorientalische Könige bis hin zum römischen Kaiser.

«Sein Schicksal zeigt sich schon hier.»

Was zeigen die zwei Erzählungen?

Strotmann: Beide Erzählungen sind voll von Symbolen und betonen, dass die Bedeutung Jesu schon ganz am Anfang seines Lebens zu erkennen war. Da er in Bethlehem, der Stadt Davids, geboren wurde und aus dem Geschlecht Davids stammt, ist er ein wahrer Nachfahre dieses ersten israelitischen Königs und kann mit Recht Messias oder Christus, also Gesalbter, genannt werden. Zugleich zeigt seine Empfängnis, dass von Anfang an Gottes Geist in ihm wirkte – allerdings wird auch das von den altorientalischen Königen wie von einigen römischen Kaisern behauptet.

Doch im Unterschied zu den Herrschern der Welt, die ihre Macht mit Gewalt auf Kosten der Armen durchsetzen, zeigt sich bei der Geburt Jesu, dass dieser Messiaskönig ganz anders sein wird. Seine Zuwendung zu den Armen und Ausgegrenzten, ja, seine Solidarität mit ihnen zeigt sich schon hier (obdachlos, Futterkrippe, Hirten – Lukasevangelium), sein Schicksal, das eines Verfolgten, sowie die Solidarität mit allen Verfolgten und Flüchtlingen zeigt sich ebenfalls schon hier (Verfolgung durch Herodes, Kindermord, Flucht nach Ägypten – Matthäusevangelium).

Die Geburtsgrotte unterhalb der Geburtskirche in Bethlehem. Auf dem silbernen Stern steht: «Hier wurde von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren».
Die Geburtsgrotte unterhalb der Geburtskirche in Bethlehem. Auf dem silbernen Stern steht: «Hier wurde von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren».

Die historische Jesusforschung ist ein Kind der Aufklärung. Kritische Vernunft wurde als absoluter Massstab festgesetzt. Die jahrhundertelange Annahme einer Übereinstimmung von Erzählung und erzählter Welt in den Evangelien zerbrach dadurch. Welche entstand dadurch?

Angelika Strotmann*: Nicht mehr Jesu Göttlichkeit bzw. seine Beziehung zu Gott interessierte, sondern nur, was historisch zuverlässig vom Menschen Jesus von Nazaret auszusagen ist und welche Worte der Evangelien er wirklich gesprochen und welche Taten er wirklich vollbracht hat. Abgewertet wurden dadurch vor allem Texte in den Evangelien, die anderen Texten im Neuen Testament oder historischen Erkenntnissen widersprechen. Etwa die beiden Geburtserzählungen Jesu. Oder Texte, die mit modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen unvereinbar scheinen (etwa die Wundererzählungen, die Ostererzählungen oder die geistgewirkte Empfängnis Jesu, Erzählungen also, in denen anscheinend die Naturgesetze ausser Kraft gesetzt werden). Sie wurden jetzt nicht nur als unhistorisch, sondern auch zum Teil als irrelevant angesehen.

Bibel
Bibel

Wie sah die Entwicklung der Jesusforschung aus?

Strotmann: Die historische Jesusforschung lässt sich in mehrere Phasen unterteilen, die allerdings nicht unumstritten sind. Am breitesten akzeptiert ist die Einteilung in drei bzw. vier Phasen.

Die erste, die Old Quest, war Ende des 18. Jahrhunderts und im 19. Jahrhundert.

Strotmann:Genau. Die Old Quest war noch ganz geprägt von den geschichts-, literatur- und naturwissenschaftlichen Anfragen an die Evangelien. So versuchten die Rationalisten die Historizität der Wundererzählungen zu retten, indem sie rationale Gründe für sie annahmen. Etwa hätten die Jünger Jesu bei der Brotvermehrung Brot und Fisch in einer nahegelegenen Höhle deponiert, oder die Totenerweckungen seien Erweckungen von Scheintoten gewesen. Übrigens ist dies bis heute immer wieder zu hören. Im 19. Jahrhundert begann auch die exzessive Beschäftigung mit der Entstehung der Evangelien, deren Ziel es war, die ursprünglichen Worte und Taten Jesu freizulegen.

Eine sehr alte Teilabschrift der Bibel: das Johannesevangelium als Papyrus-Taschenbibel
Eine sehr alte Teilabschrift der Bibel: das Johannesevangelium als Papyrus-Taschenbibel

Darauf folgte eine Zwischenphase in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Strotmann: Die Zwischenphase ist geprägt von grundsätzlicher Skepsis gegenüber den Möglichkeiten historischer Jesusforschung und mündet in entsprechender Kritik der bisherigen Ansätze: Einer ihrer Protagonisten ist Albert Schweitzer, der die Naivität kritisiert, mit der die Theologen aus dem jüdisch-galiläischen Jesus des 1. Jahrhunderts einen Mann des 19. Jahrhunderts machen wollen. Dagegen betont er die Fremdartigkeit Jesu für die Moderne, etwa seine apokalyptischen Vorstellungen, insbesondere die Erwartung einer unmittelbar bevorstehenden Zeitenwende, das Kommen des Königreiches Gottes. Mit der New Quest wich die historische Skepsis der Überzeugung, dass es zwar nicht möglich ist, eine Jesusbiografie zu schreiben, dass aber ein «kritisch gesichertes Minimum echter Jesusüberlieferung» (Theißen/Merz) gefunden werden könne. Methodisch steht dafür das Unableitbarkeits- oder Differenzkriterium.

«Dieser Ansatz führte zu einem fast kontextlosen Jesus.»

Ernst Käsemann sagte einmal: «Einigermaßen sicheren Boden haben wir nur in einem einzigen Fall unter den Füssen, wenn nämlich Tradition weder aus dem Judentum abgeleitet, noch der Urchristenheit zugeschrieben werden kann». Was hatte das zur Folgen?

Strotmann: Dieser Ansatz führte zu einem fast kontextlosen Jesus, ohne Wurzeln im Judentum und ohne Bezüge zum frühen Christentum. Dagegen setzte die Third Quest nun auf das Kontextprinzip. Jesu Einzigartigkeit ist nur auf der Basis seiner jüdischen Herkunft und Identität sowie auf dem Hintergrund seiner Zeit (erste Hälfte des 1. Jahrhunderts) zu verstehen. An die Stelle des Differenzkriteriums trat daher im deutschsprachigen Raum das Plausibilitätskriterium (Gerd Theißen/Dagmar Winter), wonach historisch sein dürfte, was im Kontext des antiken Judentums plausibel ist und die Entstehung des frühen Christentums verständlich macht.

Ein KI-Jesus-Bild
Ein KI-Jesus-Bild

Seit den Nullerjahren wurde die «Erinnerung» mehr und mehr zu einer zentralen Kategorie der Jesusforschung. Aus dem historischen Jesus wird der «erinnerte» Jesus. Wie verändert das Erinnerungskonzept die Sicht auf Jesus?

Strotmann: Das Konzept stammt aus den Kultur- und Sozialwissenschaften und beschäftigt sich mit der Funktion von Erinnerung und Gedächtnis. Es hat das Bewusstsein dafür geschärft, dass vergangene Ereignisse, seien sie privater oder gesellschaftlicher Natur, nie objektiv erinnert werden, sondern immer eng mit den erinnerten Personen verbunden sind, mit ihren Möglichkeiten, ihrer Situation, ihrer kulturellen und sozialen Identität etc. Daher sind schon die Erinnerungen Konstruktion und nicht erst ihre Rezeption. Auf Jesus übertragen bedeutet das: Hinter den schon vom Glauben geprägten Erinnerungen der Schülerinnen und Schüler Jesu in der Jesusüberlieferung kann die Jesusforschung nicht zurück (James Dunn).

«Beide Ansätze betonen etwa die Kontexteinbindung Jesu.»

Schliesslich deuteten die Evangelisten und ihre Gemeinden wiederum die Jesusüberlieferung aus ihrer Perspektive, wodurch viele Unterschiede zwischen den Evangelien zu erklären sind. Dasselbe gilt nun auch für die gegenwärtige Jesusforschung. Die Rückfrage nach Jesus kann immer nur zu (Re)Konstruktionen Jesu auf der Basis der Quellen führen, weil die Forschenden niemals vollständig von ihrem eigenen Wirklichkeitsverständnis abstrahieren können (Jens Schröter). Das Konzept des «erinnerten» Jesus ist nicht grundsätzlich neu. Schon Forschende aus der Zwischenphase (z.B. Rudolf Bultmann, aber auch Albert Schweitzer) erkannten das Problem. Und das gilt auch für die meisten Vertreterinnen und Vertreter der Third Quest. Entsprechend unterscheiden sich die Jesusrekonstruktionen der «Erinnungs»forscher nicht grundsätzlich von denen der Third Quest. Beide Ansätze betonen etwa die Kontexteinbindung Jesu, seine durch und durch jüdische Identität, ohne die seine Botschaft und sein Leben nicht zu verstehen ist, aber auch sein Leben als Mensch der Antike, ohne unser heutiges naturwissenschaftlich-technisches Weltbild.

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Mit welcher «Brille» blicken Sie auf Jesus von Nazaret?

Strotmann: Ich selbst halte Jesus von Nazaret für einen frommen galiläischen Juden, der im 1. Jahrhundert als prophetisch-charismatischer Lehrer, als Exorzist und Heiler viele Menschen in seinem Land faszinierte und anzog. Er war davon überzeugt, dass in unmittelbarer Zukunft Israels Gott seine gerechte Königsherrschaft in dieser Welt durchsetzen und alles Elend und alle Not beenden würde. Seine heilvolle Botschaft richtete sich an ganz Israel, doch im Zentrum standen Arme, Ungebildete, körperlich und seelisch Kranke, Randständige. In der Weise, wie er sich ihnen zuwandte und mit ihnen Gemeinschaft pflegte, wurde die Königsherrschaft Gottes schon im Hier und Jetzt erfahrbar.

*Angelika Strotmann ist emeritierte Professorin für Neues Testament an der Universität Paderborn.


Maria, Josef, das Jesuskind – und Ochs und Esel | © zVg
21. Dezember 2025 | 12:00
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