Weihnachtskrippe: Nicht nur eine Szenerie der Harmonie, sondern auch ein biblisches Symbol für Menschen ohne Obdach und Verfolgte
Schweiz

Grossmünsterpfarrer zu provokanter US-Krippe ohne heilige Familie – und zum aktuellen «Herodes» 

Diese Weihnachtskrippe macht so einige Passanten in den USA hässig:  In der Krippe vor der katholischen Kirche St. Susanna in Dedham bei Boston fehlt nämlich die heilige Familie. An ihrer Stelle hängt ein Plakat, auf dem steht: «Die Immigrationsbehörde war hier». Auch die Erzdiözese von Boston ist nicht «amused» über das sozialkritische Statement. Der Zürcher Grossmünsterpfarrer Christian Walti ordnet ein.

Wolfgang Holz

Der Zürcher Grossmünsterpfarrer Christian Walti findet die provokante Krippen-Aktion, welche die Ausschaffung von Einwanderern anprangert, «der gegenwärtigen Situation angemessen und interessant», sagt der reformierte Geistliche in einem Interview mit ref.ch, dem Newsportal der Reformierten in der Schweiz.

Studierte in New York

Walti ist ein Kenner der USA – nicht nur weil er vor einem Jahr an einem theologischen Institut in New York studierte. Er hat die sozialen Verhältnisse, so wie sich Beobachtern vor Ort präsentieren, mit eigenen Augen gesehen.

Die Kirche öffnen und alte Rituale wiederentdecken: Christian Walti während der Sonntagspredigt in der Friedenskirche Bern
Die Kirche öffnen und alte Rituale wiederentdecken: Christian Walti während der Sonntagspredigt in der Friedenskirche Bern

Der reformierte Geistliche findet die sozialkritische Krippenaktion vertretbar, weil sie eine Bedeutung von Weihnachten in den Vordergrund rückt: Es handle sich nämlich um eine Kunstaktion mit theologischem Gehalt: «Durch einen Verfremdungseffekt wird die Weihnachtsgeschichte mit der Gegenwart verknüpft.»

Zudem sei Weihnachten quasi per se üblicherweise von Konsum und Symbolen der Harmonie dominiert, sprich: von «Harmlosigkeit überlagert», dass es generell schwierig werde, die Weihnachtsbotschaft überhaupt noch den Menschen nahezubringen. Will heissen: Vom Problem der Obdachlosigkeit etwa sei die heilige Familie, so der Grossmünsterpfarrer, ja direkt betroffen. Ausserdem flüchtete die heilige Familie vor König Herodes, der alle Neugeborenen töten lassen wollte.

US-Immigrationsbehörde und Herodes

Interessant: Walti stellt eine direkte Assoziation vom historischen König Herodes zu den aktuell inhumanen Vorgehensweisen der US-Immigrationsbehörden her. Die Verhaftungen der Immigrationsbehörde ICE seien geradezu theatralisch. «Das wird von einem neuen Herodes absichtlich so inszeniert, um zu signalisieren, dass durchgegriffen wird – ein menschenunwürdiges Vorgehen», drückt es der Grossmünsterpfarrer wörtlich im Interview mit ref.ch aus.

Festung Herodium, eine von König Herodes errichtete Festungsanlage, am 12. März 2023 nahe Bethlehem (Palästinensische Gebiete).
Festung Herodium, eine von König Herodes errichtete Festungsanlage, am 12. März 2023 nahe Bethlehem (Palästinensische Gebiete).

Dass auf diese Weise das Christkind und die heilige Familie sowie die Weihnachtsbotschaft als solche von Pfarrer Josoma quasi für politische Zwecke instrumentalisiert wird, dem kann Grossmünsterpfarrer Christian Walti nicht folgen. Gott mache sich schliesslich verletzlich, in dem er in Gestalt eines Kindes auf die Welt komme – «und er wird nicht gerade willkommen geheissen. Es steht nun mal so in der Bibel.»

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Man dürfe eben nicht alles an Weihnachtsbotschaft verdrängen, was nicht unbedingt in die warme Stube passe, so der Zürcher Grossmünsterpfarrer. Schliesslich demonstriere das Beispiel von Maria und Josef und dem Jesuskind in der Krippe, dass es sich um verfolgte und verletzliche Menschen handle. «Durch das Aufbrechen der harmlosen Oberfläche kann die heutige Bedeutung von Weihnachten neu sichtbar werden», so Walti im ref.ch-Interview.


Weihnachtskrippe: Nicht nur eine Szenerie der Harmonie, sondern auch ein biblisches Symbol für Menschen ohne Obdach und Verfolgte | © kath.ch
15. Dezember 2025 | 16:00
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