Drei Schweizergardisten mit Trompeten.
Schweiz

Was der kirchliche Journalismus vom Service public lernen kann: Eine Antwort in sechs Thesen

Die Schweizer Bischofskonferenz und die Römisch-Katholische Zentralkonferenz veranstalteten vergangene Woche in Bern eine Tagung unter dem Titel «Kirche und medialer Service Public». Dabei wurde die Kommunikation der Kirche auch kritisch analysiert.

Mariano Tschuor

Der dem Gemeinwohl verpflichte Journalismus, dies meine erste These, muss unabhängig sein. Wo Journalismus sich als Sprachrohr der Kirche versteht, ist er kein Service public.

Authentizität statt Frömmigkeit

In der Schweiz ist der Service public ein Kind des 19. Jahrhunderts. Er entstand aus der Idee, dass zentrale Dienste – Post, Bahn, Schulen, Energie – allen Bürgerinnen und Bürgern zugänglich sein sollten. Verlässlich, solidarisch, bezahlbar. Diese Idee hat die Schweiz geprägt.

Der Mediale Service public, also die SRG, stammt ebenfalls aus dieser Tradition, ist jedoch längst ein eigenständiger Akteur mit eigenen Interessen, mit eigenen Dynamiken und Zwängen. Der Mediale Service public muss unabhängig, staatsfern und eben auch kirchenfern sein. Er folgt journalistischen Kriterien, nicht religiösen Interessen. Die Kirche ist für die SRG ein Player unter sehr vielen, neben Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft oder Zivilgesellschaft.

Dieser Service public, dieser Programmauftrag wird glücklicherweise nicht zentralistisch gesteuert, sondern an vielen Orten in der Schweiz von zahlreichen Menschen mit eigener Handschrift gestaltet. Deshalb gilt: Die Kirche darf vom Service public nichts erwarten. Keine Rücksicht, keine Sonderbehandlung, keinen Platzanspruch. Erwartungen an eine wohlwollende Berichterstattung sind Illusionen, die nur zur Enttäuschung führen. Wer Gehör will, muss Relevanz, Authentizität und Substanz bieten, nicht Frömmigkeit und nicht Institution.

Glaube braucht eine Sprache, die Resonanz schafft

Die Kirche ist für die Medien nur sichtbar, wenn sie Skandale produziert. In der Medienlogik entsteht Sichtbarkeit durch Konflikt. Das gilt auch für die Kirche. Erst wenn es kracht – Missbrauch, Machtfragen, Geld oder Moral –, wird berichtet. Das tägliche Wirken in Seelsorge, Bildung und Kultur, die soziale Arbeit, der gelebte Glaube bleiben meist unsichtbar.

Die Kirche muss weiter daran arbeiten, ihre Themen so zu erzählen, dass sie öffentliche Relevanz haben, ohne Skandal und ohne Provokation. Auch und gerade in den eigenen Medien. Sagen, was Sache ist? Ja. Empörung inszenieren, zuspitzen bis zur Verunglimpfung? Nein. Meine zweite These: Glaube braucht eine Sprache, die Resonanz schafft, nicht Schlagzeilen.

Polarisierung ersetzt Differenzierung

Die Medien, auch die öffentlich-rechtlichen, funktionieren nach der Logik der Zuspitzung. Aufmerksamkeit gewinnt, wer polarisiert. Komplexität verkauft sich schlecht, Kontroverse besser. Das verführt auch kirchliche Stimmen dazu, lauter, zugespitzter, populistischer zu werden, entgegen ihrer eigenen Botschaft.

Die Kirche verliert ihre Autorität, wenn sie auf dieselbe Bühne steigt, wie die Empörungsindustrie. Sie muss den Mut zur Differenzierung bewahren und ruhig bleiben, wo andere schreien. Meine These: Wer laut wird, verliert Tiefe, wer klar bleibt, gewinnt Vertrauen.

Viele Stimmen, zu wenig Profil

In der katholischen Publizistik herrscht ein Kommunikationswirrwarr. Die katholische Kirche in der Schweiz spricht mit vielen, nach meinem Dafürhalten mit zu vielen Stimmen. Bistümer, Landeskirchen, Orden, Bewegungen – jede und jeder kommuniziert für sich, oft auch von eigenen Interessen getrieben. Für aussenstehende Medienschaffende ist das oft widersprüchlich und schwer zugänglich. Zumal nur wenige Journalistinnen und Journalisten in der Schweiz ein vertieftes Fachwissen über die Kirche besitzen.

Wer im journalistischen Alltag arbeitet, verfügt meistens über ein solides Allgemeinwissen und gesunden Urteilsverstand, kaum jedoch über Kenntnisse von klerikalen Partikularismen. Medien brauchen klare Ansprechpartner, keine institutionellen Labyrinthe. Kirche verliert Relevanz und Resonanz, wenn sie sich selbst nicht koordinieren kann. Meine These: Einheit in der Kommunikation ist kein Machtanspruch. Sie ist eine Überlebensstrategie. Einheit schafft Verlass, Verlässlichkeit, Vielfalt braucht Struktur.

Glaubwürdigkeit erfordert Haltung

Professionelle Kommunikation ist Pflicht, keine Kür. Medien respektieren in der Regel professionelle Partner, keine Bittsteller. Die Kirche darf sich nicht darauf verlassen, dass Medien ihre Botschaften richtigstellen oder freundlich einordnen.

Kirche muss ihre Sprecherinnen und Sprecher medienfit machen, schnell, sachlich und glaubwürdig. Medienkompetenz ist keine Nebensache, sondern ein Teil kirchlicher Verantwortung. Wer auf Journalismus mit Empörung, Empfindlichkeit, Vorwürfen oder gar Belehrung reagiert, zeigt, dass er den Journalismus nicht versteht. Eine These: Glaubwürdigkeit ist nicht verhandelbar, sie ist kommunizierte Haltung.

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Partnerschaft auf Augenhöhe

Wie klassische Service-public-Institutionen steht auch der mediale Service public unter Druck. Seine Existenz wird politisch, wirtschaftlich und ideologisch hinterfragt, er kämpft um Legitimität, Publikum und Finanzierung.

Die Kirche sollte darin ein Schutzschild suchen. Sie hat ihren eigenen Auftrag. Sie braucht unabhängige, glaubwürdige Kommunikationskanäle, die ihre Stimme hörbar machen, ohne auf andere Institutionen angewiesen zu sein. Kluge Kooperation, ja. Partnerschaft auf Augenhöhe, ja. Abhängigkeit? Nein. Meine letzte, sechste These: Nur wer nichts erwartet, kann frei reden.


Drei Schweizergardisten mit Trompeten. | © Oliver Sittel
18. Oktober 2025 | 17:01
Lesezeit : ca. 3  Min.
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