Stephan Schmid-Keiser
Schweiz

Die «Nachwuchskirche» im Rückspiegel

Die jüngste Kirchen-Statistik bestätigt: Die lange Periode von Volks- und Priesterkirche geht zu Ende. Arnd Bünker vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI) spricht vom Ende der «Nachwuchskirche». Das Verhältnis der Menschen zu ihrer Kirche hat sich über Jahrzehnte grundlegend verändert.

Stephan Schmid-Keiser

In einer zunehmend religionskritischen Gesellschaft haben die Menschen mit den Grosskirchen ihre liebe Mühe bekommen. Zwanghafte Glaubenshaltungen verlangen von ihnen absoluten Gehorsam. Bevor ihnen die eigene Glaubenskraft verlorengegangen ist, haben die Menschen ihren eigenen Weg gewählt.

Der Religionssoziologe Peter L. Berger spricht vom «Zwang zur Häresie» (1980), da in einer pluralistischen Gesellschaft alle Menschen sich in Sachen Glaube selbst entscheiden müssten.

Weg zur «vollen Mündigkeit der Person»

Schon 1950 legte Romano Guardini seinen eindrücklichen Versuch zur Orientierung über «Das Ende der Neuzeit» vor. Das neuzeitliche Weltbild war in Auflösung.

Guardini, Romano (rechts,17.2.1885 bis 1.10.1968) Katholischer Theologe und Religionsphilosoph.
Guardini, Romano (rechts,17.2.1885 bis 1.10.1968) Katholischer Theologe und Religionsphilosoph.

Die Einzelnen begannen nach «voller Mündigkeit der Person» zu suchen. Religiosität hatte «immer mehr die unmittelbare Beziehung zum konkreten Leben» verloren und für viele nur noch die Bedeutung, gewissen Kulminationspunkten des Daseins, wie Geburt, Eheschliessung und Tod, eine religiöse Weihe zu geben».

«Ohne das religiöse Element wird das Leben wie ein Motor, der kein Öl mehr hat.»

Durch die Schwächung seines «natürlichen religiösen Organs» sah der Mensch «die Welt immer mehr als profane Wirklichkeit» mit «weittragenden Konsequenzen». Laut Guardini ersetzte das «moderne Versicherungswesen» den Vorsehungsglauben. Ins Schwarze traf seine Diagnose: «Ohne das religiöse Element wird das Leben wie ein Motor, der kein Öl mehr hat.»

Vermehrte Ausübung von Gewalt

Der Kurzschluss, der sich in seinen Augen im Rückspiegel seit den 1920ern vollzogen hatte, war die vermehrte Ausübung von Gewalt, die Wirkung der radikale Verlust an «Mitte und Bindung». Bewusst stand Guardini dazu, dass im Verhältnis zu Gott das Element des Gehorsams stark hervortreten werde, «reiner Gehorsam, wissend, dass es um jenes Letzte geht, das nur durch ihn verwirklicht werden kann, … weil Gott heilig-absolut ist».

Gartenarbeit gehört zur Klosterroutine der Trappistenmönche im Atlasgebirge.
Gartenarbeit gehört zur Klosterroutine der Trappistenmönche im Atlasgebirge.

Dies einzusehen, setzte voraus, dass der Mensch «die Qualität der Gottesforderung in seinen Akt» aufnehme und zur «Mündigkeit des Urteils und Freiheit der Entscheidung» gelange. Es war diese theologische Vorgabe, die Guardini spezifisch zuspitzte. Hier sollte der religiös suchende Mensch «in der wachsenden Einsamkeit der kommenden Welt – eine Einsamkeit gerade unter den Massen und in den Organisationen – lebendige Person» bleiben.

Lebendige Person in gemeinsamer Geschichte

Dann plädierte 1955 der in den 1960ern politisch engagierte Konvertit, Trappistenmönch und Mystiker Thomas Merton, in seinem Buch «Keiner ist eine Insel» für das humane Ideal, dass alle Menschen eine gemeinsame Geschichte leben.

Er machte das vom Schriftsteller John Donne 1624 verfasste Gedicht zum Motto seiner eigenen Schrift «Kein Mensch ist eine Insel, / ganz für sich allein; / jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, / ein Teil des Ganzen. // Wenn eine Scholle ins Meer gespült wird, / wird Europa weniger, / genauso als wenn’s eine Landzunge wäre, / oder das Haus deines Freundes oder dein eigenes. // Jedermanns Tod macht mich geringer, / denn ich bin verstrickt in das Schicksal aller; // und darum verlange nie zu wissen, / wem die Stunde schlägt; / sie schlägt für dich.»

«Keiner ist eine Insel»

War Guardinis Blick auf die Vergangenheit pessimistisch gefärbt, motivierte Merton zur Gemeinschaftsbildung und betonte in der Nachkriegszeit die neue Hoffnung auf das eigene Heil und das Heil der Nächsten.

Die Christus-Statue "Cristo Rei" in Almada (Portugal). Die ausgebreiteten Arme wenden sich der portugiesischen Hauptstadt Lissabon auf der anderen Seite des Flusses Tejo zu.
Die Christus-Statue "Cristo Rei" in Almada (Portugal). Die ausgebreiteten Arme wenden sich der portugiesischen Hauptstadt Lissabon auf der anderen Seite des Flusses Tejo zu.

Wenn es auf diesem Weg gälte, Christus zu finden, könne dies keine Flucht vor uns selbst sein: «Ich kann Gott nur in mir und mich in Ihm finden, wenn ich den Mut habe, mich genauso zu sehen, wie ich bin, mit allen meinen Grenzen, und andere so zu bejahen, wie sie sind, mit all ihren Grenzen.»

«Jeder andere Mensch ist ein Stück von mir, denn ich bin Teil und Glied der Menschheit.»

Mertons Einstellung stand für die Vision einer gemeinsam bewohnten Erde: «Jeder andere Mensch ist ein Stück von mir, denn ich bin Teil und Glied der Menschheit. Jeder Christ ist ein Teil meines eigenen Leibes, denn wir sind Glieder Christi. Was ich tue, wird auch für sie, mit ihnen und durch sie getan…. jeder von uns bleibt verantwortlich für seinen Anteil am Leben des gesamten Leibes… Nichts hat Sinn, wenn wir nicht mit John Donne bekennen: ‹Keiner ist eine Insel, in sich selbst vollständig. Jeder ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Ganzen.›»

Ende der geschlossenen (Kirchen-)Gesellschaft

Mit dem «Ende der Nachwuchskirche» einher geht das Ende einer geschlossenen Gesellschaft. Vereinzelte Milieus tragen weiter am Kirchenleben mit. Neue Modelle als «Orte gelebten Glaubens» (St. Jütte) zu finden, wird zur Daumenprobe.

Statue der heiligen Monika, die ihren Sohn Augustinus zum Glauben an Christus führte.
Statue der heiligen Monika, die ihren Sohn Augustinus zum Glauben an Christus führte.

Denn auf der anderen Seite der Medaille ist ein ausdrückliches Glaubensleben definitiv zur individuellen Wahl geworden. Zwar wolle «Kirche für alle Menschen … sein – dort, wo Sinn, Gerechtigkeit und Hoffnung gefragt» seien.

Das Vertrauen in die organisierten Kirchen aber ist erschüttert und die Ausgestaltung individueller Glaubenswege erst diffus sichtbar. Nach Jahrzehnten gleichlautender Prognosen fragt sich, ob sich die Kirchen endlich auf gemeinsame Solidarität einlassen. Zum ernüchternden Bild lesen sich Kontrastworte eines vor Jahren für den öffentlichen Rundfunk tätigen Journalisten in Süddeutschland.

Die «wirksame Präsenz einer Inkognitokirche»

1964 diskutierte Hans Jürgen Schultz in der Reihe Stundenbuch (Nr. 42) seine «Gesichtspunkte für die Kirche von morgen». Die konziliare Aufbruchstimmung spiegelte sich im Titel «Konversion zur Welt».

Der Autor handelte von der «Welt ohne Religion», der «Illusion der Gottlosigkeit», von den «Christen unter Nichtchristen» und von der «Kirche in nachkirchlicher Zeit». In Theologie bewandert sprach er mit Eugen Rosenstock-Hussey von einem «Christentum inkognito».

Schultz erwartete von den Kirchen deren «Solidarität in der Multiplexität, ihr plurales Zeugnis, das sie der pluralistischen Welt» schulden. Dürftig dagegen ist die aktuell andauernde und verstärkt mangelnde Solidarität unter den christlichen Kirchen. Hätte doch diese Solidarität im gemeinsamen Menschsein ihre eigene Wirkung und nicht der Rückzug in die eigenen Kreise.

«Glaube ist merkwürdig sprachlos geworden»

Nicht zu überhören sind die Worte des Journalisten H. J. Schultz: «Der Glaube ist merkwürdig sprachlos geworden.

Altarraum der Kirche der Abtei "La Maigrauge" in Freiburg.
Altarraum der Kirche der Abtei "La Maigrauge" in Freiburg.

Oft teilt er sich eher im Schweigen als im Reden mit. Das Reden ist Gerede, ja Geschwätz geworden… Im Grund ist Kirche nichts anderes als eine Funktion der Mitteilung. Nur wenn wir unser Leben in ungetäuschter Brüderlichkeit mit unseren Mitmenschen teilen, fängt diese Mitteilung unaufhaltsam an, die wir Evangelisation nennen und die heute nicht primär als Beruf, sondern im Beruf geschieht; in der Form spontaner, unberechenbarer Repräsentationen Christi in der Unauffälligkeit und Profanität des Werktags.»

Das bedeutet für kirchliches Leben: «Aus der Unwirksamkeit ihrer offiziellen Repräsentation wird sie herausgerufen und hineingeschickt in die wirksame Präsenz einer Inkognitokirche. Sie wird überraschender, vereinzelter, unverwalteter, mobiler, gefährdeter, riskanter, unselbstverständlicher, aber dafür vielleicht umso verantwortlicher und begeisterter leben als bisher. Man kann sie nicht besser als mit dem Wort vom Salz der Erde beschreiben…»

Anzeige ↓ Anzeige ↑

Ein anderes Jesus-Wort übersetzt die Zürcher Bibel bei Matthäus 7,16: « An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Lassen sich etwa Trauben ernten von Dornen oder Feigen von Disteln?» Die heurige Traubenlese liegt zurück, die Feigen hängen da und dort noch an ihren Bäumen. Nach dem Ende der «Nachwuchskirche» wird das Säen des Wortes Gottes mehr als auch schon viel Geduld benötigen und den Willen, sich auf den Weg mit den Menschen im Alltag zu machen.

*Vom Autor jüngst im Verlag www.mosaicstones.ch erschienen sind «Zwölf Gehversuche im Beten» mit einem Nachwort von Bischof Felix Gmür, Box, 15 Postkarten in einer Box, Thun, 2025


Stephan Schmid-Keiser | © zVg
2. Oktober 2025 | 12:00
Lesezeit : ca. 5  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!