US-Vizepräsident J.D. Vance.
International

Der amerikanische Katholizismus zwischen Donald Trump und Papst Leo XIV.

In den USA hat sich der Katholizismus zu einer politisch bedeutsamen Kraft entwickelt. Anlass zur Freude? Oder muss man sich Sorgen machen?

Francesco Pagagni

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind protestantisch geprägt. Katholiken kamen später, vor allem aus Irland, Italien, Polen. Sie bildeten im 19. Jahrhundert die weisse Arbeiterschicht und trafen auf Vorbehalte, die sich bis zu feindseliger Ablehnung steigerten. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg gelang vielen der Aufstieg in die Mittelschicht. Präsident Eisenhowers Ausspruch: «Es ist mir egal, welche Religion ein Amerikaner hat, Hauptsache er hat eine» markiert die Wende in der allgemeinen Wahrnehmung.

Dabei bildete der Antikommunismus die grosse Klammer, welche konfessionelle Gegensätze in den Hintergrund treten liess. Den gesellschaftlichen Aufstieg ermöglichten nicht zuletzt katholische Bildungsinstitutionen, die bis heute einen ausgezeichneten Ruf geniessen. Sie spannten jene Netzwerke, ohne die in den USA nichts geht.

Entfremdung von der Demokratischen Partei

Politisch stimmten die amerikanischen Katholiken für die Demokraten, die lange die Partei der Arbeiter waren. Doch in den 1970er Jahren ändert sich das: Die Demokraten werden nach und nach zur Partei der Akademikerinnen und Akademiker.

Joe Biden, 2016 im Vatikan.
Joe Biden, 2016 im Vatikan.

Minderheitenrechte werden zentral, während die klassischen Themen einer Arbeiterpartei in den Hintergrund treten. In den 1990er Jahren macht der demokratische Präsident Clinton faktisch eine neoliberale Wirtschaftspolitik und merkt nicht, wie sehr er damit die traditionelle Parteibasis schädigt. Präsident Obama führt diese Politik weiter: Globalisierung scheint alternativlos zu sein.

Die Abtreibungsfrage

Die Abtreibungsfrage – überhaupt bioethische Fragen – spielen in den USA politisch eine grosse Rolle. Donald Trump hat das instinktsicher erkannt und konnte so die Stimmen vieler Christen unterschiedlicher Denomination für sich gewinnen.

Ein mit künstlicher Intelligenz erzeugtes Foto zeigt den US-Präsidenten Donald Trump als Papst.
Ein mit künstlicher Intelligenz erzeugtes Foto zeigt den US-Präsidenten Donald Trump als Papst.

Zuletzt sind aber unter seinen christlichen Anhängern Zweifel aufgekommen: Er hat sich nämlich kürzlich positiv über In-vitro Fertilisation geäussert, was den Verdacht nährt, er würde eugenische Positionen vertreten und einer Optimierung des Menschen das Wort reden. Dies beunruhigt Katholikinnen und Katholiken, weil es gegen das christliche Menschenbild und die Lehre der Kirche verstösst.

Der U.S.-Katholizismus ist attraktiv

Im Kabinett Trump sind rund ein Drittel der Mitglieder katholisch, während die Katholiken etwa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Auch in den beiden Parlamentskammern sowie am Obersten Gericht sind Katholiken übervertreten. Woher kommt diese starke Präsenz? Bevorzugt Trump Katholiken? Die Erklärung ist anderswo zu suchen: Der U.S.-Katholizismus hat eine ausgesprochen intellektuelle Seite.

Die University of Notre Dame in Indiana wie auch die anderen katholischen Universitäten pflegen die katholische Soziallehre und die Neuscholastik  – Traditionen, die die Gemeinschaft betonen und deswegen über das katholische Milieu hinaus für Konservative besonders attraktiv sind. Tatsächlich gibt es viele Konvertiten, die gerade aufgrund dieses geistigen Angebots zur katholischen Kirche finden.

Der bekannteste ist Vizepräsident J.D. Vance, der befreundet ist mit einem der Wortführer der Liberalismuskritik, Patrick Deneen. Er hat just in Notre Dame einen Lehrstuhl für Politologie inne. Mit «Why Liberalism failed» (2018) und «Toward a Postliberal Future» (2023) hat Deneen einflussreiche Bücher geschrieben.

Latinos werden bedeutender

Früher machten Nachkommen von europäischen Einwanderern den U.S.-Katholizismus aus, jetzt spielen innerhalb dieser Konfession Migrantinnen und Migranten aus Lateinamerika eine immer wichtigere Rolle. Die Annahme, diese würden sich automatisch den Demokraten zuwenden, hat sich als falsch erwiesen. Denn diese Bevölkerungsgruppe ist empfänglich für Appelle an Familienwerte und ist mehrheitlich gegen Abtreibung eingestellt.

Zudem sind Latinos mit U.S.-Staatsbürgerschaft nur bedingt solidarisch mit jenen, die heute neu ins Land kommen. Neben migrationsfeindlichen Positionen gibt es jedoch auch migrationsfreundliche, auch unter den Bischöfen.

Kein einheitlicher Block

Der amerikanische Katholizismus ist kein homogener Block. Aber der Eindruck stimmt: Der rechtskonservative Flügel ist dort viel gewichtiger als in unseren Breitengraden. Und diese Leute üben mit Denkfabriken wie die Heritage Foundation Einfluss auf die Regierung aus.

Papst Leo XIV. - bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz am 4. Juni 2025 im Vatikan.
Papst Leo XIV. - bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz am 4. Juni 2025 im Vatikan.

Dennoch sind nicht alle Konservativen von Donald Trump überzeugt: Neben begeisterten Anhängern gibt es die sogenannten «Never Trumper», die im amtierenden Präsidenten mit seinem Narzissmus, seiner Grobheit und seiner Verachtung des Rechts all das erkennen, was sie verabscheuen. Leo XIV weiss als Amerikaner um diese komplexe Situation.  Als Papst steht er über den Parteien, muss aber seine Stimme erheben, wenn gegen das Evangelium gehandelt wird. Und das hat er schon als Kardinal getan.

Gegenseitiges Interesse

Die U.S.-Katholiken sind auch aus einem ganz anderen Grund wichtig: Sie sind traditionell grosse Spender der Weltkirche, aber unter Papst Franziskus ist das Spendenaufkommen markant zurückgegangen. Die Vatikanfinanzen sind in Schieflage, Beiträge aus den USA werden dringend benötigt. Papst Leo wird versuchen, das Vertrauen zurückzugewinnen, sodass grosse Laienorganisationen wie die Knights of Columbus ihr Portemonnaie wieder öffnen.

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Das Interesse ist gegenseitig: Bei der Amtseinführung des neuen Papstes waren sowohl J.D. Vance als auch Marco Rubio, der U.S.-Aussenminister zugegen – beide praktizierende Katholiken und beide Anwärter auf das politische Erbe Trumps. Es ist anzunehmen, dass Katholizismus in den USA auch in Zukunft politisch bedeutsam sein wird.


US-Vizepräsident J.D. Vance. | © Leslie E. Kossoff/OSV News/KNA
10. August 2025 | 15:00
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