Sonja Gemeinder: «Kirche muss ihr Tun immer wieder überprüfen»
Fehlende Gelder werden in den nächsten Jahren nicht das grösste Problem sein, sagt Sonja Gemeinder, Präsidentin der Kirchgemeinde St. Gallen. Den Ausstieg aus dem ökumenischen Verein Wirkraumkirche und die entsprechende Umschichtung von Geldern hat neue Projekte aufleben lassen.
Jacqueline Straub
Das Thema Finanzen ist in allen Landeskirchen und Bistümern spätestens seit der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie ein grosses Thema. Wie können in St. Gallen weiterhin kirchliche Projekte gestemmt werden?
Sonja Gemeinder*: Die Kirchgemeinde St. Gallen vertritt die Haltung «Köpfe vor Steine». Das heisst, der Kirchenverwaltungsrat prüft sorgfältig, welche Ressourcen für den Unterhalt und Renovationen der Liegenschaften zur Verfügung stehen. Wir sparen also so lange wie möglich nicht beim Personal.
Die katholische Kirche der Stadt St. Gallen hat auf Ende 2022 die Mitfinanzierung der Offenen Kirche St. Gallen eingestellt – zugunsten von anderen Projekten. Welche Projekte wurden seither weiter ausgebaut oder neu lanciert?
Gemeinder: Die Kirchgemeinde ist aus dem Verein Wirkraumkirche ausgetreten, die Offene Kirche ist ein Teil dieses Vereins. Die Kirchgemeinde hat sich den Austritt nicht leicht gemacht und mit den Verantwortlichen um einen anderen Weg gerungen. In Absprache mit der Pastoral wurde letztlich der Austritt aus dem Verein Wirkraumkirche beschlossen. Die Kommunikation wurde ausgebaut, was sich in einer verbesserten Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zeigt, und es wurde eine neue Stelle «mobile Ökoprojekte» geschaffen, welche zum Ziel hat, das Schöpfungsbewusstsein zu schärfen.
«Erfreulich ist auch die erhöhte Präsenz in den Medien.»
Wie kommen diese Projekte an?
Gemeinder: Dank des Ausbaus der Kommunikationsstelle können wir grosse Projekte umsetzen, wie etwa eine neue Website oder ein neues Corporate Design. Dies sind wichtige Beiträge zur Modernisierung unserer Kirchgemeinde und zur Umsetzung der Zukunftsstrategie «Pastorales Gesamtkonzept». Erfreulich ist auch die erhöhte Präsenz in den Medien. Bei den Ökoprojekten gelingt es uns, die Menschen neu anzusprechen und mit dem wichtigen Thema der Bewahrung der Schöpfung zu sensibilisieren. So haben wir eine erfolgreiche Präsenz etwa am Jahrmarkt oder am Ökomarkt. Zudem haben wir eine kompetente Fachperson, die etwa bei der ökologischen Aufwertung von Kirchenarealen mithilft.
Nehmen Sie einen Zuwachs von Menschen wahr, die diese Projekte in Anspruch nehmen?
Gemeinder: Bei den Öko-Projekten spüren wir gerade in den Pfarreien ein grosses Interesse. Zum Beispiel für den Bau eines Bienenheims oder die Pflege der Gärten konnten neue Freiwillige gewonnen werden.
Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen bei der Finanzierung und Umsetzung von diesen Projekten in den nächsten Jahren?
Gemeinder: Aus heutiger Sicht ist nicht einmal die Finanzierung die grösste Herausforderung. Nebst den schwindenden finanziellen Ressourcen wird es zunehmend schwieriger, bei einem Personalwechsel geeignete Fachpersonen zu finden.
Die Koordinatorin der Offenen Kirche St. Gallen, Annina Policante, kritisiert die katholische Kirche für den Ausstieg aus der Offenen Kirche scharf. Sie sagte: «Ich glaube nicht, dass die Zukunft der christlichen Kirchen darin liegt, sich zu konkurrenzieren.» Stimmt das?
Gemeinder: Die Gründung des Vereins Wirkraumkirche im Jahr 2014 hat einen wichtigen Anstoss zu vermehrter ökumenischer Zusammenarbeit gegeben. Die Ökumene wurde sozusagen «von oben» organisiert. Das war ein richtiger und weiser Schritt. Dieser Anstoss hat die ökumenische Zusammenarbeit in der Stadt gefördert, und es ist immer mehr ein Miteinander an der Basis gewachsen. Heute ist Ökumene an der Basis selbstverständlich. Die meisten Projekte werden in allen Pfarreien ökumenisch organisiert und angeboten (die klassische Liturgie ist da ausgenommen), auch Projekte, die «nur» durch katholische oder reformierte Mitarbeitende organisiert werden, können von allen besucht werden, die Konfessionszugehörigkeit wird nicht hinterfragt und überprüft.
Wie steht es um ökumenische Angebote im Bistum St. Gallen?
Gemeinder: Ich kann vor allem für die Stadt St. Gallen sprechen. Da klappt die ökumenische Zusammenarbeit bestens. Die Cityteams, katholisch wie reformiert, machen gemeinsame Projekte, stimmen sich ab und arbeiten situativ eng zusammen. Im Zentrum wie auch in den Quartieren gilt: Willkommen sind alle, egal welche Konfession etwas organisiert. Ganz allgemein gilt: Die Kirche heute ist in einem steten Wandel und muss ihr Tun immer wieder überprüfen. Gelegenheiten, etwas Neues oder Experimentelles zu schaffen, sollen genutzt werden. Das ist nur möglich, wenn Altes losgelassen wird, was meistens nicht leicht ist.
*Sonja Gemeinder ist Präsidentin der Kirchgemeinde St. Gallen.
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